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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Geschichte von Nepomuk, Korrektur
Eingestellt am 27. 09. 2001 00:39


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Stefan Seifert
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Sep 2001

Werke: 25
Kommentare: 16
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Nepomuk

Eine Geschichte von Stefan Seifert


Die große Vogelmutter blickte nachdenklich in das Nest. Nur ein Ei lag noch darin.
Sie konnte das Junge durch die dĂŒnne Schale hindurch sehen. Es war schon viel zu groß. Seine Zeit war lĂ€ngst gekommen.
„Du mußt jetzt hinaus,“ sagte sie. „Du kannst hier nicht mehr bleiben.“
„Bitte laß mich noch,“ sagte das Junge.
„Aber du kannst hier nicht leben,“ sagte die Mutter.
„Dann will ich eben nicht leben,“ erwiderte das Junge trotzig.
„Du mußt,“ beharrte die Mutter
„Ich will lieber hier bei dir bleiben. Warum muß ich denn hinaus?“
„Es ist nun einmal so vorgesehen. Ich habe mir das nicht ausgedacht.“
Das Junge seufzte. „Nur noch ein bißchen.“
Die Mutter wurde Ă€rgerlich. „Nein, nein. Schluß jetzt.“
Sie begann, mit dem Schnabel die Schale aufzupicken.
„Au, das tut weh,“ jammerte das Junge.
„Ach, hab dich nicht so,“ sagte die Mutter. Sie zog das Junge, das sich strĂ€ubte, mit dem Schnabel aus dem Nest.
„Ich werde dich besuchen,“ sagte sie dann ernst. „Einmal, bevor du heimkehrst.“
„Ach, wenn es doch nur schon so weit wĂ€re,“ seufzte das Junge.

Es war eine schwere Geburt. Das Kind wollte nicht herauskommen und am Ende mußten sie es mit der Zange herausziehen. Die Male am Kopf, dort wo die Zange zugepackt hatte, sollten ihm sein Leben lang bleiben. Es war ein Junge und die Mutter nannte ihn Nepomuk, nach dem Schutzpatron Böhmens, ihres verlorenen Heimatlandes.
Nepomuks erste bedeutendere Kindheitserinnerung war die an einen herrlichen Sommertag. Er lag mit der großen, dicken Frau, die er Mama nannte, auf einer Wiese. Sie hatten unter sich eine weiche Decke und die Mama hatte einen Schirm aufgespannt. In einem Korb befanden sich eine große Trinkflasche und Brote. Die Sonne schien, die Bienen summten, Schmetterlinge flatterten umher. Nepomuk blĂ€tterte still in einem Bilderbuch und die Mama schlief ein. Nach einer Weile wurde es Nepomuk zu langweilig. Er stand auf und lief ĂŒber die Wiese, dann einen Hang hinunter zum Fluß. Der Fluß glitzerte im Sonnenschein und rauschte einladend. Nepomuk jauchzte und tauchte eine Hand ins Wasser. Dabei verlor er das Gleichgewicht und fiel hinein. Die Strömung trieb ihn sofort davon. Das gefiel ihm. Er drehte sich auf den RĂŒcken und sah in den Himmel, der blau war, mit weißen Wolken. Die Sonne blendete und er mußte die Augen ein wenig zusammenkneifen. Bald trieb er ruhig in der Mitte des Flusses dahin.
Er hatte keine Angst. Es war, als ob ihn unsichtbare HĂ€nde hielten. Er hörte inmitten des PlĂ€tscherns der Wellen wispernde und flĂŒsternde Stimmen. Kleine Wesen waren um ihn. Sie sprachen mit zarten Stimmchen ĂŒber ihn und seiner Mutter, nicht die dicke Frau, sondern die Vogelmutter.
Nepomuk lag auf dem RĂŒcken und breitete die Arme aus. Er war völlig zufrieden. Links und rechts zogen die Ufer vorbei, eine BrĂŒcke kam in Sicht. Auf der BrĂŒcke waren Menschen, einige sahen hinunter und zeigten auf ihn. Nepomuk lĂ€chelte. Dann hörte er ein Klatschen, ein Mann kam auf ihn zu geschwommen und packte ihn ungeschickt am Arm. Es tat weh. Nepomuk schluckte Wasser. Er begann zu schreien. Der Mann ließ nicht los, er zerrte Nepomuk mit sich. Der schluckte immer mehr Wasser und glaubte, ertrinken zu mĂŒssen. Was machte der Mann nur mit ihm, wollte er ihn umbringen? Er wurde aus dem Wasser gehoben, man legte ihn auf den Bauch und schlug ihn auf den RĂŒcken. Nepomuk verstand nicht, warum diese Mensch das taten, er erbrach Wasser und begann zu weinen.
Dann erinnerte er sich an eine andere dicke Frau, nicht seine Mama. Er war in einem Kindergarten, in einem schönen, alten GebĂ€ude. Es roch nach Essen, poliertem Holz und Bohnerwachs. Die Frau hatte ein gutes, liebes Gesicht und Nepomuk hielt sich gern in ihrer NĂ€he auf. Er war ein stilles, angenehmes Kind. Meist sah er sich BilderbĂŒcher an oder spielte fĂŒr sich, wĂ€hrend die anderen Kinder herumtobten und lĂ€rmten.
Es gab eine große Ritterburg mit Plastikrittern und Indianern. Nepomuk hielt einen schönen Ritter mit silberner RĂŒstung in der Hand und ließ ihn um die Burg reiten. Ein großer dicker Junge sah das. Ohne ein Wort zu sagen nahm er ihm den Ritter weg und stellte ihn zu seiner Armee. Der Junge war stĂ€rker und grĂ¶ĂŸer als Nepomuk und die meisten der Kinder, er nahm immer anderen das Spielzeug weg oder schubste sie zu Boden. Die KindergĂ€rtnerinnen sagten dann nur: „Seid friedlich, hört auf, euch zu zanken“, aber sie Ă€nderten nichts an der grundsĂ€tzlichen Situation.
Nachdem der Junge Nepomuk den Ritter weggenommen hatte, blickte er noch einmal herausfordernd zu ihm hin, wie, um sich seiner Macht zu versichern. Nepomuk erwiderte den Blick. Er sah den Jungen ruhig und eindringlich an. Der Junge begann, sich unwohl zu fĂŒhlen und brachte ihm den Ritter wieder zurĂŒck. Dann brachte er ihm noch mehr Ritter, auch die Indianer, seine ganze Armee. Als Nepomuk nicht aufhörte, ihn anzublicken, lief er weinend davon. Nepomuk brauchte ihn in Zukunft nur anzusehen, und der Junge tat, was er wollte.
Nepomuk spĂŒrte zum ersten Mal, daß er ĂŒber Macht verfĂŒgte, die nichts mit körperlicher StĂ€rke oder anderen herkömmlichen Machtmitteln zu tun hatte. Es war eine Macht, die aus seinem Inneren kam. Aber er wandte sie nicht willkĂŒrlich an, vielmehr ergab sie sich wie von alleine aus gewissen Situationen heraus. Wenn ihn zum Beispiel jemand schlagen wollte, genĂŒgte ein Blick, und der andere, ob Kind oder Erwachsener, ließ von seinem Vorhaben ab. Erwachsene behandelten ihn respektvoll, nicht so wie andere Kinder. Manche begegneten ihm mit Wohlwollen, andere mit Scheu oder mit Mißtrauen. Sogar seine Mutter empfand zuweilen eine an Furcht grenzende Scheu vor ihm. Sie wollte dieses Kind gerne lieben, aber sie fand keinen richtigen Zugang zu ihm. Es blieb ihr letztlich immer ein RĂ€tsel. Das machte sie unglĂŒcklich. Nepomuk spĂŒrte das und sie tat ihm leid. Aber er konnte es nicht Ă€ndern.
Er hatte sich das nicht ausgedacht.
Nepomuk spĂŒrte, daß unter der sichtbaren OberflĂ€che der Dinge geheime Wesen und MĂ€chte ihr eigenes Leben fĂŒhrten. Sie beeinflußten auch das Leben der Menschen. Sie konnten Dinge verstecken oder in Unordnung bringen, UnfĂ€lle herbeifĂŒhren oder Krankheiten einflĂ¶ĂŸen. Sie konnten auch Menschen in die Irre leiten und ihnen Fallen stellen. So erging es auch Nepomuk. Er hatte zunĂ€chst geglaubt, daß ihm die geheimen Wesen wohlgesonnen waren, wie die, die ihn auf dem Wasser getragen hatten. Doch er mußte erfahren, daß das nicht so war.
Einmal war er auf dem Weg zur Schule und fiel dabei in eine Art Tagtraum. Er trĂ€umte von Rittern, Burgen und einem heiligen Gral, den es zu finden galt, von schönen Frauen auf hohen Zinnen und von ritterlichen KĂ€mpfen. Plötzlich bemerkte er, daß er in eine falsche Richtung gegangen war und sich im Wald befand. Um ihn herum waren BĂ€ume und BĂŒsche, es raschelte und knisterte und kicherte. Er begann zu laufen, um wieder aus dem Wald herauszukommen. Dabei stolperte er ĂŒber eine Baumwurzel. Er hĂ€tte schwören können, daß sie einen Augenblick zuvor noch nicht dagewesen war. Als er auf dem Boden lag, plumpste plötzlich etwas Schweres auf seinen RĂŒcken, drĂŒckte ihn zu Boden und nahm ihm den Atem. Er hörte es böse lachen und grunzen und das Gewicht wurde immer schwerer. Etwas schnĂŒrte seine Kehle zusammen, er spĂŒrte verzweifelt, daß er gleich ersticken wĂŒrde. Er konnte sich nicht bewegen, das Gewicht auf seinem RĂŒcken war zu schwer und nahm immer mehr zu. Ein ĂŒbler Gestank breitete sich aus. Da hörte er Hundegebell. Es kam nĂ€her. Plötzlich ließ das Gewicht nach und rutschte von seinem RĂŒcken. Nepomuk sah etwas Braunes, Gedrungenes, seitwĂ€rts ins Unterholz verschwinden. Er blieb liegen und rang immer noch nach Luft. Der Hund stĂŒrzte dem braunen Wesen nach. Dann fĂŒhlte sich Nepomuk von jemandem emporgehoben. Es war der Förster, der ihn in das nahegelegene Forsthaus brachte. Er sagte spĂ€ter, Nepomuk wĂ€re von einem Wildschwein zu Boden gestoßen worden, doch Nepomuk wußte es besser. Es war eines der jenseitigen Geschöpfe gewesen, wahrscheinlich ein Troll. Nepomuk mußte kĂŒnftig besser auf der Hut sein.
Zu seinem zehnten Geburtstag bekam Nepomuk eine Geige geschenkt und sollte Unterricht nehmen. Seine Mutter hatte eine gute Bekannte, eine Musiklehrerin. Sie war eine sanfte, freundliche Frau. Der Alltag in der Schule muß fĂŒr sie ein Martyrium gewesen sein, da die Kinder sie mit der ihnen eigenen Grausamkeit gnadenlos quĂ€lten. Dieses Martyrium konnte sie nicht öffentlich machen, sie mußte es im Stillen erdulden, denn daß Lehrer von ihren SchĂŒlern gepeinigt wurden, paßte nicht in die allgemein verbreiteten Vorstellungen. Nepomuks Mutter hatte ihn bei dieser Frau privat fĂŒr Geigenstunden angemeldet und einmal in der Woche ging er nachmittags in ihre Wohnung zum Unterricht. Sie gab sich mit ihm redliche MĂŒhe und seine Mutter erhielt immer wohlwollende Berichte ĂŒber seine Fortschritte, aber in Wahrheit verspĂŒrte er wenig Freude dabei. Dennoch fĂŒhlte er sich wohl in der großen Wohnung mit dem Parkettfußboden, den hohen Fenstern mit den bis auf den Boden reichenden VorhĂ€ngen, dem schwarzen KonzertflĂŒgel und der sanften Frau. Eines Abends verabschiedete er sich von ihr, indem er sich fĂŒr ihre BemĂŒhungen bedankte, da sie sich ja nun nicht wiedersehen wĂŒrden. Sie sah ihn befremdet an und telephonierte offenbar sofort mit seiner Mutter, denn als er zu Hause ankam, stellte die ihn zur Rede und fragte, was er mit dieser merkwĂŒrdigen Bemerkung gemeint habe. Seine Unterricht war doch noch lange nicht abgeschlossen. Mit der ihm eigenen Zerstreutheit hatte er die Sache aber schon lĂ€ngst vergessen und wußte nichts zu antworten. Die Mutter schĂŒttelte besorgt den Kopf ĂŒber den seltsamen Jungen. Sie wußte nicht, wie sie mit ihm umgehen sollte, zumal sie mit Nepomuk alleine lebte. Nepomuks Vater, ein unauffĂ€lliger Buchhalter, war frĂŒh verstorben.
Am nĂ€chsten Tag erschien die Musiklehrerin nicht zum Unterricht in der Schule und am Nachmittag erhielt Nepomuks Mutter einen Anruf, der sie erbleichen ließ. Die sanfte Frau war in der Nacht an einer Magenblutung gestorben. Ihr Tod kam fĂŒr alle völlig unerwartet, denn niemand hatte Ă€ußere Zeichen einer Krankheit an ihr bemerkt. Nur daß sie immer sehr ruhig und in sich gekehrt gewesen war. Nepomuk aber wurde seiner Mutter immer unheimlicher.
Was Nepomuk ĂŒber alles liebte, waren BĂŒcher. Schon frĂŒhzeitig hatte er sich in der öffentlichen Bibliothek angemeldet. Man konnte dort jede Woche zwei BĂŒcher ausleihen, und das tat Nepomuk regelmĂ€ĂŸig. Es waren die schönsten Augenblicke in seinem Leben, wenn er mit zwei möglichst dicken BĂ€nden in seiner Tasche nach Hause ging und wußte, daß nun wieder viele Stunden vor ihm lagen, die er an entfernten Orten, in anderen Zeiten und mit anderen Menschen verbringen wĂŒrde, in abenteuerlichen und romantischen Geschichten, die so ganz anders waren, als das, was er tĂ€glich in der Wirklichkeit zwischen tristem Schulalltag und öder HĂ€uslichkeit erleben mußte. Er liebte die BĂŒcher von Walter Scott, Charles Dickens, Robert Louis Stevenson und ganz besonders Edgar Allan Poe. Dessen Geschichten las er, als hĂ€tte er sie selbst erlebt und wĂŒrde sich jetzt im Nachhinein noch einmal an sie erinnern. Als er Poes Buch „Heureka“ gelesen hatte, seinen „Versuch ĂŒber das geistige und materielle Weltall“, schien es ihm, als habe er nun alle RĂ€tsel des Seins gelöst.
Nepomuk spĂŒrte, trostbedĂŒrftig wie er war, daß es eine umfassende geistige Welt gab, von deren Existenz die Menschen, die ihn umgaben, kaum etwas wußten. Diese geistige Welt, fĂŒr die die Grenzen von Zeit und Raum nicht existierten, gab dem menschlichen Leben erst einen Sinn und eine Rechtfertigung. Nepomuk wußte nun, daß er nicht alleine war, daß er einer unsichtbaren Gemeinschaft angehörte, wenn er auch in seinem materiellen Leben ein EinzelgĂ€nger zu sein schien, ein stiller, ungeschickter Junge, der in den Tag hinein trĂ€umte.
Dann fand er zu Hause im BĂŒcherschrank ein altes Buch ĂŒber Astronomie, das offenbar seinem Vater gehört hatte. Es war mit vielen Tafeln und Abbildungen versehen. Bald war er gefesselt von all diesen Spiralnebeln und Galaxien, Monden und Asteroiden, weißen Zwergen und roten Riesen und den unglaublichen Dimensionen, wo Entfernungen in Millionen von Lichtjahren gemessen wurden. Die Sterne, die man heute am Himmel sah, existierten in Wirklichkeit vor Jahrmillionen. So lange dauerte es, bis ihr Licht unser Auge erreichte. Dieses ganze Universum strebte mit enormer Geschwindigkeit auseinander und genauso war es ihm voraussichtlich beschieden, wieder in sich zusammenzustĂŒrzen. Doch all diese riesigen, von explodierenden, glĂŒhenden oder eisigen Massen erfĂŒllten RĂ€ume waren eigentlich leer. Kein Gott wohnte dort, keine Geister, freundliche oder unfreundliche, trieben ihr Wesen. Waren die Menschen mit ihrem vergleichsweise winzigen Planeten alleine in den unermeßlichen Weiten des Universums? Nepomuk konnte das nicht glauben. Es mußte vielmehr so sein, wie im irdischen Alltagsleben. Wenn man sich ausschließlich an die sichtbare Wirklichkeit hielt, sah man nur die nichtssagende OberflĂ€che der Dinge. Das Eigentliche war unsichtbar, das geistige Universum, dem sich Nepomuk mit seinem innersten Wesen so sehr verbunden fĂŒhlte.
Nepomuk hatte ein Zimmer hoch oben unter dem Dach, wo er völlig ungestört war. Dort las er immer bis tief in die Nacht hinein. FrĂŒhmorgens hatte seine Mutter Schwierigkeiten, ihn aus dem Bett zu bekommen.
In einer sternklaren Sommernacht öffnete er die Dachluke und stieg hinaus aufs Dach. Er setzte sich auf einen Vorsprung unterhalb des Schornsteins, lehnte sich mit dem RĂŒcken gegen die DachschrĂ€ge und blickte zum Sternenhimmel empor. Er erkannte sofort das Bild des JĂ€gers Orion mit den markanten drei GĂŒrtelsternen. Dann sah er das Band der Milchstraße, das aus Millionen oder Milliarden von Sternen bestand. Und das war nur ein Bruchteil des Universums. Was ist es, fragte er sich, was dieses unvorstellbare All zusammenhĂ€lt, was verbindet ihn selber mit all diesen Galaxien und Sternenhaufen? Er wußte, daß es eine Antwort darauf gab. Sie war ganz einfach und er war ihr ganz nah. Er mußte nur ruhig werden. Alle Stimmen in sich zum Schweigen bringen. Alles vergessen, auch das, was er gelesen hatte.
Und eines Nachts, auf dem Dach, hörte er es. Es war ein ganz feiner, hoher Ton. Er kam nicht plötzlich, sondern er war schon immer da gewesen. Nur konnte ihn Nepomuk jetzt erst wahrnehmen. Nachdem alle Stimmen, all dieses Getöse, alle diese Worte in ihm verstummt waren. Es war ein Ton wie von einer Glasharfe. Er war nicht einförmig. Vielmehr war es, als ob zahllose Melodien, alle in einer unglaublich hohen Tonlage, miteinander korrespondieren wĂŒrden, sich dabei zu einer gemeinsamen Symphonie vereinigend. Es war die Stimme des Kosmos. Das Weltall war kein lebloser Sternenhaufen. Nur wir, wir hatten uns ihm entfremdet.
In der nĂ€chsten Nacht stieg Nepomuk wieder auf das Dach hinaus. Diesmal nahm er seine Geige mit. Er setzte sich auf seinen Platz unterhalb des Schornsteins und legte die Geige neben sich. Dann lehnte er sich gegen die DachschrĂ€ge und blickte zu dem funkelnden Sternenhimmel empor. Bald war es ihm, als kĂ€men die Sterne zu ihm herab und er wĂŒrde eintauchen in den unendlichen Kosmos. Jetzt hörte er auch den hohen Ton wieder, die Sternensypmphonie. Behutsam griff er nach seiner Geige, legte sie an und nahm den Bogen. Er versuchte, den hohen Ton, den er im Ohr hatte, zu treffen. Nepomuk wĂŒnschte jetzt, er hĂ€tte sich beim Geigenunterricht bei der sanften Musiklehrerin mehr MĂŒhe gegeben. Er strich den Ton an und lauschte auf den Sternenklang. Dann strich er noch einmal behutsam mit seinem Bogen ĂŒber die e-Saite. Wieder lauschte er, und nach und nach nahm er teil an der Sternensymphonie, als hĂ€tte er nun seinen Platz im kosmischen Orchester gefunden.
Er musizierte voller GlĂŒck und stiller Freude. Plötzlich bemerkte er, daß er nicht mehr alleine war auf dem Dach. Neben ihm saß ein großer Vogel.
„Mutter?“ fragte Nepomuk zögernd und setzte die Geige ab.
Der Vogel saß stumm da. Nach einer Weile hörte Nepomuk eine vertraute Stimme.
„Es ist noch sehr frĂŒh. Aber wenn du willst, kannst du jetzt heimkommen.“
Dann breitete der Vogel seine FlĂŒgel aus und flog davon.
„Mutter!“ rief Nepomuk.
Er machte eine spontane Bewegung in Richtung des Vogels. Dabei verlagerte er sein Gewicht auf seinen rechten Fuß, der auf dem glatten Dachziegel abrutschte. Nepomuk suchte Halt an anderen Dachziegeln, doch konnte er die gleitende AbwĂ€rtsbewegung nicht mehr aufhalten. Das letzte, was er sah, waren die GĂŒrtelsterne des JĂ€gers Orion.

„Er war ein lieber Junge,“ sagte seine Mutter schluchzend bei der Beerdigung. „Ich hĂ€tte mir wirklich kein besseres Kind wĂŒnschen können. Aber er war so still und verschlossen. Man wußte nie, was in ihm vorging. Immer passierten ihm irgendwelche merkwĂŒrdigen Dinge. Er hĂ€tte einen Schutzengel gebraucht.“

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Stefan Seifert

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