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Die Go-TV-Chance
Eingestellt am 19. 04. 2005 22:45


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sohalt
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Ein Blick, ein Wort: Go-TV-Chance!

Während ich fasziniert die Ausbreitung eines Tintenfleckes auf Löschpapier beobachte, führt mein Bruder mit Radiergummi und Spitzer ein Mini-Drama auf. Eigentlich sollten wir gerade beide lernen, mein Bruder und ich, ich für die Uni, er für die Matura. Eigentlich. Go-TV-Chance?, fragt mein Bruder.

Go-TV-Chance, sage ich. Wir schlagen schwungvoll die Bücher zu, schmeißen uns auf meine Couch vulgo Bett und schalten Go-TV ein. Das erste Video ist das Toleranzvideo, das darf noch schlecht sein. Vom zweiten hängt dann alles ab: Ist es gut, schauen wir weiter, so lange bis wieder 2 schlechte hintereinander kommen. Ist es schlecht, wird sofort abgeschaltet. Beinhart. Das ist der Pakt.

Die Go-TV-Chance ist also die Chance, die wir Go-TV geben, uns die Zeit zu stehlen. Als eigentlich die Chance, die wir uns selbst geben, unsere Zeit auf potentiell amüsantere Weise totzuschlagen als mit Tintenfleckbeobachtung und Schreibutensilientheatralik. Denn es gibt Zeiten im Leben eines jeden, behaupte ich jetzt kühn, da will man einfach verzweifelt fernsehn, und zwar durchaus nicht etwa deswegen, weil man ernsthaft glaubt, da liefe etwas, das man unbedingt sehen müsse. Es ist dies das Fernsehbedürfnis, der schlichte Wunsch, sein Gehirn vor der Mattscheibe zu parken, und es zählt zweifellos zu niederen Bedürfnissen, in einer Reihe mit Nasenbohren und Klatschen. Nun: wer es nie empfand, der werfe den ersten Stein.

Was aber ist nun zu tun, wenn man trotz allem nicht so tief sinken will, vor einer Gerichtsshow zu landen? Für diesen Fall gibt es das Musikfernsehen. Das wahre, gute und schöne natürlich, nicht das was heutzutage großteils unter diesem Namen läuft. Nein, das Musikfernsehen, das ich meine, ist jenes, dass seine Prinzipien noch nicht verraten hat. Denn das wichtigste Prinzip des Musikfernsehens ist das Prinzip Hoffnung. Die Hoffnung nämlich, dass das nächste Video aber dann wieder ein gutes ist. Und egal, wie oft sie enttäuscht werden mag, egal wie grausam sie enttäuscht werden mag, aus Trümmern und Ruinen, zwischen Autos und Ärschen steigt sie jedes Mal nach 3 Minuten empor, wie der Phönix aus der Asche und es ist dieses Wissen um ihre ewige Wiedergeburt im Drei-Minuten-Takt, das das Herz des Fernsehbedürftigen erquickt.

Früher war die Go-TV-Chance mal die MTV- und VIVA-Chance. Aber MTVIVA hat das Prinzip Hoffnung verraten. Statt Video-Clips zu zeigen, rechnet man uns vor, wie viele Chiwawas Paris Hilton mit ihren Geld in einen Jumbo stopfen kann und serviert uns penetrante Kuppel-Shows, die einzig in egalitärer Hinsicht zu befürworten sind, das sie nun endlich auch schönen Menschen die Gelegenheit bieten, sich in aller Öffentlichkeit demütigen zu lassen.
All diese neuen Shows haben ein klare Botschaft: Die nächsten 30 Minuten werden mit Schrott gefüllt sein. Darin ist nicht mehr zu rütteln. Du brauchst gar nicht mehr vorbeizappen.

Das ist allerdings auch genau der Zweck, der damit verfolgt wird: Besser, als die Tauben auf die Dach, also jene, die vielleicht früher bei entsprechender Stimmungslage gelegentlich hängen blieben, sind die Spatzen in der Hand, die sich tatsächlich als Zielgruppe für Schrott zusammenfassen lassen, und es muss sie geben, diese Zielgruppe, so wenig ich es mir auch vorstellen will. Diese komische weißen Vögel, die Zappenden können sie nicht brauchen, die Fernsehsender, die ziehen keine Werbespots an Land. Und wer wird sich denn das Geld der Klingeltonanbieter entgehen lassen? Jamba killed the video star.

Das ganze Musikfernsehen ist also von den Klingeltonanbietern besetzt. Das ganze Musikfernsehn? Nein! Ein kleiner Sender leistet dem Eindringling erbittert Widerstand.

Und das ist eben Go-TV. Keine Klingeltöne, keine Kuppel/Ekel/Freak-oder Sonstwas-Shows. Keine Top 100 Hollywood nose jobs. – News, Charts, “Hosted by” und aus. Achja, und Videos. Viele, viele Musikvideos. Britney und Christina nach Mando Diao und NIN, Kraut und Rüben, so wie es sich gehört. Mag auch ein Viertel davon Mist sein, an schlechteren Tagen die Hälfte, an wirklich schlechten vielleicht 90% – nach 3 Minuten sind sie vorbei. Und das nächste Video kommt bestimmt.

Go-TV kann den FernsehbedĂĽrftigen das Prinzip Hoffnung zurĂĽckgeben. Bleib wie du bist, Go-TV!

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jon
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Obwohl es mir ein bisschen zu lang scheint, könnte ich nicht sagen, WO die „Länge“ steckt. Vielleicht ist es ja auch gar nicht zu lang – ich war beim Lesen an keiner Stelle versucht, zu überspringen. "Süffig" ist es auf jeden Fall.

Möglicherweise kommt der "zu lang"-Eindruck bei mir dadurch zu Stande, dass der "das ist der Punkt!"-Effekt zu spät (bzw. gar nicht) kommt. Es beginnt mit "Lieber TV als Langeweile" (NICHT: „Musik-TV {oder gar Go TV} ist besser als Langeweile"), geht weiter bei "TV-Sucht ist normal" (NICHT: „Go TV ist sehenswert"), wandert zu "Musik-TV ist ja sooo schlecht geworden" bzw. “Werbung kills TV" und führt dann zu "Go TV ist gut". Das klingt wie eine Gedankenkette, die dem Autor so durch den Kopf rieselt, statt nach „DAS wollte ich mal gesagt haben". Das aber ist – m.E. – ein wesentliches Element journalistischer Texte.

Der mit Abstand beste Satz im ganzen Text: „Jamba killed the video star". DAS als Überschrift würde von vornherein einen "Das wollte ich mal gesagt haben"-Akzent setzen. Oder?

Zusammenfassung: Ich hab's mit großem Vergnügen gelesen, empfehle auch nicht, den Text zu überarbeiten (Tippfehler ausgenommen), sondern "nur", beim nächsten journalistischen Kurz(!)-Text von vornherein mehr "auf den Punkt zu kommen".
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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sohalt
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Hmm, das mit der Aussage ist schwierig, denn die ist eigentlich gar nicht "Go-TV ist sehenswert." Die Qualität von GO-TV, die ich meine, liegt ja nicht so sehr im Gezeigten, sondern mehr in der Art des Zeigens. Mag sein, dass sich die Go-TV-Perlen nach wie vor auch auf MTVIVA gelegentlich finden ließen. Allerdings weiß man dort eben im Gegensatz zu Go-TV, dass das die nächste halbe Stunde lang sicher nicht der Fall sein wird, wenn so eine blöde Show rennt. Go-TV liefert einfache bessere Ausreden zum Hängen-Bleiben, ist besser zum Selbst-Betrügen.

Aber warum will man das überhaupt? - Zu diesen Zweck die lange und breite Einleitung, die den Begriff Fernsehbedürftigkeit klären soll. - Den ich übrigens trotz allem schon ganz gerne nicht mit "Fernsehsucht" verwechselt hätte. (Wir sind alle mal anlehnungsbedürftig, aber deswegen durchaus nicht anlehnungssüchtig). Fernsehen ist nämlich nicht besser als Langweile, sondern bloß besser, als das was man eigentlich tun müsste.

Aber all diese Ausführungen sollen natürlich bloß darüber hinwegtäuschen, dass du mich ertappt hast.

Das Ganze hätte nämlich eigentlich eine Glosse über dieses Phänomen "alles interessanter, als das, was grad notwendig wär" werden sollen, bis mir mitten drin aufgefallen ist, dass das Thema doch schon ein bisschen abgegriffen ist und ich es deshalb in ein Loblied auf Go-TV umgewandelt habe.

Insofern also tatsächlich null Plan.

Das nächste mal wieder mehr roter Faden, versprochen.

lg
sohalt

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