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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Gruftentrenner
Eingestellt am 11. 12. 2008 18:38


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Raniero
Textablader
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Die Gruftentrenner

„Das kommt mir nicht in Frage!“, drohte Marion Rischka ihrem Ehemann, „du hast wohl ‚nen Knall.“
Beleidigt zog sich Georg Rischka zurĂŒck.
„Dann eben nicht!“
Grund fĂŒr die Auseinandersetzung der Eheleute war der doch recht ungewöhnliche und sehr vorsichtig geĂ€ußerte Wunsch Georgs, sich, falls es einmal soweit sei, nicht auf traditionelle Weise beerdigen zu lassen.

Georg war bestimmt kein Mensch mit exzentrischen Ideen, sondern einer von der Sorte, wie sie unter der Bezeichnung Otto Normalverbraucher fungieren, mit geregeltem Berufs- wie auch Geschlechtsleben, und wie UnzĂ€hlige seiner Zeitgenossen frönte er einem fĂŒr die Region, in der er wohnte, absolut normal zu nennenden Hobby, dem Fußball.
Gegen dieses Hobby hatte seine Frau auch nichts einzuwenden, wenn man von der Tatsache absieht, dass sie es nicht immer billigte, dass er grundsĂ€tzlich nur mit Pyjamas in den Vereinsfarben seiner Mannschaft das eheliche Bett aufsuchte, doch das jedoch, was ihrem Georg seit kurzem im Kopf herum spukte, ging ihr, wie man landlĂ€ufig sagt, regelrecht ĂŒber die Hutschnur.
Georgs außergewöhnlicher Wunsch fußte auf einem eben solch außergewöhnlichen
Einfall, einer originellen, fast genialen Idee, wie viele fanden, die allerdings nicht bei allen auf ungeteilte Gegenliebe stieß.
Im Vorstand seines eigenen Fußballvereins war sie entstanden, diese Idee, und zuerst auf einer eilig einberufenen Geheimsitzung allen eingetragenen Mitgliedern, zu denen Georg seit Jahr und Tag zĂ€hlte, vorgestellt worden.
Man erwÀge, so dieser durchaus ernst gemeinte Vorschlag, in unmittelbarer NÀhe zum heimischen Stadion einen Friedhof einzurichten, eine speziell den eigenen Fans vorbehaltene letzte RuhestÀtte.
Auf diese Weise hĂ€tten die Fans auch nach ihrem Tod das VergnĂŒgen, aus gebĂŒhrender Entfernung am Spielgeschehen teilzunehmen, zumindest akustisch.
Ein VergnĂŒgen, welches unter anderem bei einem Torschrei der eigenen Mannschaft ĂŒber alle Maßen gesteigert wĂŒrde, genau das richtige Mittel, zur Vorbereitung der Seele in den Fussballhimmel.

Als dieser Vorschlag nach der geheimen Sitzung publik wurde, ĂŒber lokale wie auch ĂŒberregionale Medien, gab es sehr unterschiedliche Reaktionen.
WĂ€hrend die AnhĂ€nger des Vereins im ganzen Lande dies sofort begeistert aufnahmen und sich spontan die ersten GrabstĂ€tten reservieren ließen, hatten die Gegner dieses kuriosen Einfalls nur Hohn und Spott dafĂŒr ĂŒbrig.

Ein solcher Vorschlag könne nur verrĂŒckten Gehirnen entstammen, von psychisch kranken Personen, die nichts als Fußball und abermals Fußball im Kopf hĂ€tten und sich nicht scheuten, Familien sogar nach dem Tode auseinander zu reißen und Ehegruften zu trennen.
Reporter eines Boulevardblattes von nationaler GrĂ¶ĂŸe, immer und ĂŒberall dabei, nahmen genau diese Kritik spontan zum Anlass, eine passende Schlagzeile, wie sie fanden, zu kreieren und sie bezeichneten die BefĂŒrworter des Fan-Friedhofs pauschal als Gruftentrenner vom FC 
 04

Gruftentrenner, mit genau demselben Schimpfwort belegte auch Georgs Frau ihren Ehemann, hatte er ihr doch ernsthaft vorgeschlagen, die gemeinsam reservierte Gruft auf dem stÀdtischen Hauptfriedhof dereinst allein aufzusuchen.
„Das fehlt noch“, fauchte sie aufgebracht, „es reicht mir, dass ich dich schon zu Lebzeiten mit deinem Fußball teilen muss, „und dann noch nach dem Tod! Du spinnst wohl. Außerdem haben wir die Gruft bereits schon weitgehend abbezahlt, und ich freue ich mich schon darauf, aber alleine ziehe ich da nicht ein. Entweder du gehst mit mir zusammen da rein, oder!“
„Oder?“ fragte Georg vorsichtig, die Hoffnung auf ein Einzelgrab in StadionnĂ€he noch nicht aufgebend.
„Dann nimm ich mir 'nen anderen mit ins Grab, damit du klar siehst.“
Das wiederum stieß Georg sauer auf.
Nicht unbedingt aus Eifersucht, da hatte er in dieser Hinsicht keine BefĂŒrchtungen mehr, sondern aus Prinzip. Es war schließlich ihre gemeinsame Gruft, und da hatte kein anderer was drin zu suchen, auch wenn er selbst sein Wohnrecht dort nicht wahrnahm; außerdem hatte er, wenn sie auch dazuverdiente, den Hauptanteil der Kosten getragen.
„Damit bin ich aber nicht einverstanden, Marion“, begehrte er auf.
Seine bessere HĂ€lfte setzte noch einen drauf.
„Und deine Asche, die lass ich in alle vier Winde streuen, wenn du vor mir gehst.“
Georg, den Fußballfan, ĂŒberlief es heiß und kalt.
'Das wĂ€re ja furchtbar' dachte er, 'aus und vorbei mit dem Torschrei, mit dem seligen GefĂŒhl, den Abend nach dem Lebensabend in unmittelbarer NĂ€he zu seinem Verein zu verbringen, und dazu noch 'nen Wildfremden in der Gruft, bei seiner Marion, um Gottes Willen! Vielleicht hat sie das schon testamentarisch hinterlegt, fĂ€hig wĂ€re sie dazu.'
Georg und Marion Rischka hatten keine Kinder, daher war seine Sorge in dieser Hinsicht vielleicht nicht unbegrĂŒndet.

Es kam anders, aber ob es sich fĂŒr Georg vorteilhaft erwies, sei dahingestellt.
Seine Frau Marion segnete das Zeitliche vor ihm, und so hatte Georg nun volle Handlungsfreiheit.
Nachdem er seine bessere HĂ€lfte in der gemeinsamen Gruft untergebracht hatte, machte Georg sich unverzĂŒglich daran, ein sehr schönes StĂŒck Erde auf dem Friedhof seines Fußballvereins zu reservieren, in Steinwurfweite von der HaupttribĂŒne, und er freute sich auf die Zukunft wie ein Kind auf Weihnachten und Ostern zugleich.
Mit der Zeit aber wurde er etwas nachdenklicher.


„Ruhe in ewigem Frieden“, hörte Georg den Pfarrer sagen, bei seiner eigenen Beisetzung, und er dachte: 'Wenn der wĂŒsste!'
Ruhe wĂŒrde er bestimmt nicht finden, in absehbarer Zeit. Erstens, weil sein Verein sich seit Wochen auf absoluter Talfahrt befand; schon zu Lebzeiten hatte er in der letzten Zeit in der letzten Zeit deswegen kaum eine Nacht durch geschlafen, und zum Zweiten hatte er genug damit zu tun, aufzupassen, dass Marions Drohung nicht letzten Endes doch noch wahr gemacht wurde, indem ihr ein anderer nachtrĂ€glich dazugelegt wĂŒrde, in die gemeinsame Gruft.

Am liebsten wÀre er gar nicht erst gestorben


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