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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Hand
Eingestellt am 02. 09. 2004 19:49


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kira
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2001

Werke: 3
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Die TĂŒr des Kinderzimmers ist leicht geöffnet, so dass ein schwacher Lichtschein seinen Weg in das Dunkel findet. Su blinzelt schlĂ€frig. Aus der KĂŒche kann sie das vertraute Rauschen der SpĂŒlmaschine vernehmen, in der sich das Geschirr vom Abendbrot befindet. Su dreht sich zur Wand, zieht dabei die Decke behaglich um ihre Schultern und umarmt ihren StoffbĂ€ren. Aus dem Wohnzimmer hört sie ihren Vater lachen.

Die Fingerspitzen, die in diesem Moment zwischen dem Bett und der Wand auftauchen, leuchten schwach in einem grĂ€ulichen Weiß. Langsam gleiten sie am Rand der Matratze entlang und verursachen winzige Dellen, als sie daran Halt suchen. Behutsam schieben sie sich weiter voran, bis die ganze Hand, schmal und scheinbar leblos, auf dem Laken liegt.
Su starrt die Hand mit weitaufgerissenen Augen an. Diese Hand darf dort nicht liegen, nicht hier, jetzt, auf ihrem Bett. Sie presst die Augenlider zusammen und hĂ€lt den Atem an, als sie sie langsam wieder öffnet. Die Hand hat sich nicht bewegt. Aus weiter Ferne hört Su das Murmeln der SpĂŒlmaschine. Sie wird jetzt aufstehen, beschließt sie. Sie wird aufstehen und zu Mama und Papa in das Wohnzimmer gehen. Sie wird ihnen sagen, dass sie schlecht getrĂ€umt hat. Diese schlaffe Hand, die dort in der NĂ€he ihrer Beine liegt, ist ein Traum. Ein böser Traum, ein scheußlicher Traum, und sie wird jetzt aufstehen und aus dem Kinderzimmer schleichen, vorsichtig, ganz vorsichtig...

Die Hand Ă€ndert leicht ihre Haltung. Su’s Gedankenstrom reißt ab, bestĂŒrzt sieht sie, wie die Hand tastend ĂŒber das Laken gleitet. Ihre Fingerkuppen berĂŒhren das Federbett, unter dem sich Su’s nackte Beine verkrampfen. Mit kalten HĂ€nden umklammert Su ihre Decke, die sichere Decke, die ihren Körper vor dieser Hand verbirgt, ihn versteckt, ihn beschĂŒtzt. Sanft bewegt sich die Hand an der Decke entlang, die Fingerspitzen ertasten die Falten, befĂŒhlen den weichen Baumwollstoff.

Su hört wieder ihren Vater lachen. Sein Lachen klingt vertraut und normal. Er befindet sich in der normalen Welt, in der wahren Welt. In seiner Welt kriechen keine HÀnde langsam auf sein Gesicht zu, HÀnde die es gar nicht gibt.

Als die Hand eine schnelle, ruckartige Bewegung macht, reißt Su mit einem erstickten GerĂ€usch die Decke hoch. Ihre schweißnassen Finger krallen sie fest um ihren Kopf, gleichzeitig versucht sie, mit Beinen und Fußzehen jede LĂŒcke, jeden Spalt zu verschließen; nichts, nichts darf frei liegen, nichts unter der Decke hervorschauen.

Su’s Herz schlĂ€gt schnell, ihr Atem geht flach. Sie lauscht. Nichts ist mehr zu hören, gar nichts. Nur ihr eigener Atem, der sich heiß um ihr Gesicht schmiegt. Su spĂŒrt, dass sie gleich weinen wird. Gleich wird sie weinen, oder schreien, ja, das ist besser, sie wird schreien, ihre Mama wird kommen und der Traum wird aufhören, dieser furchtbare Traum und die furchtbare, grauenvolle Hand wird dann nicht mehr da sein, weil es sie nĂ€mlich nicht gibt, nicht geben kann...

Die Finger der Hand verursachen ein scharfes, reißendes GerĂ€usch, als sie sich durch die Laken wĂŒhlen, an dem Federbett zerren, Su erreichen wollen; Su, und ihre weiche Haut, ihre weiche, nackte und schutzlose Haut. Su schluchzt auf, ein trockenes, wĂŒrgendes GerĂ€usch, das niemand hört, auch nicht Su selbst. Als die Decke ĂŒber ihr Gesicht gleitet, wirft sie sich zurĂŒck, windet sich zum Rand des Bettes. Ein kurzes, schnappendes GerĂ€usch, Finger die ins Leere greifen. Su reißt weit die Augen auf, sucht mit ihren Blicken die Hand. Die Finger wispern ĂŒber das Laken, forschen nach Su, flĂŒstern sich zu, was sie erfĂŒhlen.

Dann schließen sie sich um das knubbelige Bein des BĂ€ren. Die Hand zieht sich zurĂŒck, wie ein monströses Tier mit seiner Beute zwischen den Krallen. Die Beine des BĂ€ren verschwinden, der kugelige Bauch wird von der Matratze nach oben gedrĂŒckt, dann ist da nur noch sein Kopf, der dicke, große Kopf, der sich ruckartig bewegt. Seine schwarzen Glasaugen erwidern Su’s entsetzten Blick. Su hört das helle Reißen der GarnfĂ€den, die BĂ€renschnauze reckt sich nach oben, dann ertrinkt er zwischen Wand und Matratze.

Im Zimmer ist es ganz still. Die SpĂŒlmaschine lĂ€sst glucksend das Wasser ab. Su lauscht in das DĂ€mmerlicht hinein, lauscht auf GerĂ€usche unter ihrem Bett, ein Schaben, ein Kratzen. Doch nichts ist zu hören, nur das beruhigende Rauschen des Wassers.

Die Sekunden vergehen und Su starrt gebannt auf die Stelle, an der sie den Kopf des BĂ€ren zuletzt gesehen hat. Sie weint nicht, sie atmet kaum. Sie hĂ€lt die Decke fest gegen ihre Brust gedrĂŒckt. Ein Traum. Ein böser Traum. Sie wird jetzt aufstehen. Sie wird zu ihren Eltern laufen und sich trösten lassen. Gleich wird sie ihre bloßen FĂŒĂŸe von der Decke befreien und sie auf den Boden setzen. Es gibt keine Hand hinter dem Bett, unter dem Bett.

Die Hand schießt hinter der Matratze hervor und Su wirft sich schreiend zurĂŒck. Sie spĂŒrt, wie sie den Halt verliert und mitsamt der Decke auf den Boden stĂŒrzt. Blind rappelt sie sich auf und stolpert auf den Lichtschein zu, der durch die TĂŒr fĂ€llt. Sie schreit, kreischt und schreit, als der Lichtstrahl sich verbreitert und ihre Mutter in das Zimmer tritt. Sie hört deren entgeisterten Ausruf, sieht ihren Vater durch den Flur eilen und wirft sich, immer noch schreiend, ihren Eltern entgegen.

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BeAngeled
???
Registriert: Aug 2004

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Verdammt spannend und wirklich gut geschrieben :)

Je nÀher man dem Ende kommt, umso schneller liest man - aber mir fehlt ein "richtiges" Ende, vielelicht eine ErklÀrung oder ein klÀrendes Detail, damit sich der Leser selbst ein Ende basteln kann ... oder gibt's eine Fortsetzung?

LG, BA
__________________
Well do you ever get the feeling,
that the story’s too damn real and in the present tense? (J. T.)

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kira
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2001

Werke: 3
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Hallo BeAngeled,

nein, eine Fortsetzung ist nicht geplant.
Ich hatte das Ende ursprĂŒnglich eindeutiger dargestellt, aber meiner Meinung nach verlor der Text dadurch eher.
Der Leser sinkt ein wenig in sich zusammen und denkt: "Ach so, na dann", bzw. "Ah, olle Horror-Story" oder so, und mir war es plötzlich lieber, er denkt: "Und? Und? Was jetzt?" (ich gehe unbescheiden davon aus, dass der Leser nicht einfach gelangweilt wegklickt).

Einen schönen Sonntagabend wĂŒnscht Dir

Kira

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