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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Die Hansenbauerseppkirche
Eingestellt am 02. 10. 2017 16:11


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Wakolbinger
Wird mal Schriftsteller
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Wenn man von Wien Richtung Klagenfurt fĂ€hrt und kurz nach Leoben die Autobahn verlĂ€sst, kommt man durch eine Reihe Dörfer und Orte, die alle eine ganz eigene Geschichte haben. UngefĂ€hr 30 Kilometer weg von der Autobahn gibt es neben der Mur ein kleines Dorf, das an sich nicht besonders aussieht. Ein paar BauernhĂ€user, eine Neubausiedlung und am Marktplatz ein Wirtshaus und eine Kirche, die Hansenbauerseppkirche. NatĂŒrlich heißt sie nicht offiziell so, sie wird wahrscheinlich katholische Pfarrkirche Xy heißen. Doch im Dorf wird sie von allen nur Hansenbauerseppkirche genannt.
Der Name kommt von einem großen Bauernhaus, das noch immer mitten am Marktplatz steht, dem Hansenbauerhaus. Zwar werden dort schon lange keine KĂŒhe und HĂŒhner mehr gehalten, doch die imposante Fassade und die großen StallgebĂ€ude zeigen, dass hier einmal ein große Familie gewohnt hatte.
Die alten Bauernfamilien waren zu der Zeit noch richtige Clans mit festen patriarchalen Strukturen. Der Bauer hatte das Sagen und Großeltern, Frau und Kinder, Tanten und Onkeln, Nichten und Neffen gehorchten dem meist gestrengen Hausherren. Und gestreng war er, der erste Hansenbauer, von dem das Haus spĂ€ter den Namen erbte.

Arbeitsdisziplin und Sparsamkeit waren seine obersten Regeln. „Wer nichts arbeiten will, der mag auch nichts essen“, hörte man ihn oft sagen, und sobald die Kinder groß genug waren, um zu arbeiten, bekamen sie ihre Aufgaben zugewiesen.
Doch nicht jeder ist fĂŒr ein derartiges Leben geeignet. Es gab einen Neffen am Hof, der aus einem verarmten Zweig der Familie kam. Die Schwester des Hansenbauers hatte schlecht geheiratet, wie man sagte. Nicht lange nach der Hochzeit begann ihr Mann zu trinken und hörte nicht mehr auf. Und im Rausch wurde er oft wĂŒtend. So wĂŒtend, dass er seine Wut an seiner Frau und an dem kleinen Sepp auslassen musste. Bis letztlich die Schwester des Hansenbauers den Sohn wegschickte. Sie selbst blieb allerdings. „Er mag seine Fehler haben, aber ich muss aufpassen auf ihn“, sagte sie immer ĂŒber ihren Mann. Und sie blieb bei ihm, ließ sich verprĂŒgeln und anschreien. Mit stoischer Ruhe ertrug sie es. Als es letztendlich so kam, wie es kommen musste und der Mann verstarb, wollte sie aber nichts mehr mit den Menschen zu tun haben. Sie hatte alles an Liebe und FĂŒrsorge aufgebraucht, fĂŒr die anderen war nichts mehr ĂŒbrig. So ging sie ins Kloster wĂ€hrend ihr Sohn, der Sepp, am Hansenbauerhof aufwuchs.
Und auch wenn der Sepp körperlich wuchs und wuchs, so machte es den Anschein, als wĂŒrde sein Geist nicht ganz mitwachsen, ein bisschen nachhinken. Erst mit drei Jahren konnte er richtig reden, und auch da konnte er lange einem GesprĂ€ch noch nicht folgen. Nur einfach Sachen, direkt an ihn gerichtet verstanden er. Als er mit sechs Jahren mit den anderen Kindern in die Schule gehen sollte, sagte der Hansenbauer, dass es sowieso nichts bringe, und der Bub daheim bleiben soll.
„FĂŒrs Heben und Tragen taugt er, aber zum Lesen und Schreiben hat ihn der Herrgott nicht gemacht.“

So kam es, dass der Sepp am Hof blieb. Er kehrte und trug, und ohne Widerworte und Murren befolgte er jeden Befehl. So weit er ihn verstand. Der Körper wurde stĂ€rker und grĂ¶ĂŸer, im Alter von fĂŒnfzehn Jahren ĂŒberragte er den Hansenbauern um eine HauptlĂ€nge, und ĂŒber seine KrĂ€fte sagte man, dass er genauso stark sei wie ein Ochse, aber auch nur genauso viel verstehe. Aber wie so oft bei Menschen die von außen einen groben, starken Eindruck machten, war sein Wesen so still und sanft, wie man es sich nur vorstellen kann. Die selben HĂ€nde, die Felsen und BaumstĂŒmpfe aus dem Boden rissen, konnten im nĂ€chsten Moment so weich sein wie Federn. Wenn eins der kleinen Kinder nicht schlafen konnte oder Schmerzen hatte, gab man es dem Sepp. Und sobald das schreiende Kind in seinen HĂ€nden war, beruhigte es sich, schlief ein.
Seine Oma, die Mutter vom Hansenbauern, von der man sagte, die sei nicht mehr ganz richtig, sagte dann immer, dass der Sepp beim Wiegen die Engerln singen hört. Und wenn man Kinder zu dieser Melodie wiegt, dann wird alles Schlechte vertrieben. Wie die meisten Sachen, die von der Oma kamen, wurde auch dies nicht allzu ernst genommen. Doch es stimmte, die Kinder waren ganz selten krank, keins starb am Kindesbett, was zu dieser Zeit höchst seltsam war. Und wenn sie dann zu gehen und zu sprechen anfingen, waren sie viel lebendiger, lustiger, aufgeweckter als andere Kinder. Offiziell wurde zwar davon ausgegangen, dass das Essen einfach besser war am Hansenbauerhof und im Winter besser geheizt wird, aber sobald was mit einem Baby war, wurde der Sepp gerufen.
So wurden die Kinder recht anhĂ€nglich, oftmals liefen sie dem Sepp bis zum Acker nach und halfen ihm, wo sie konnten. Und wenn der Sepp mal nichts zu tun hatte, kannte er keine grĂ¶ĂŸere Freude, als den Kindern im Hof beim Spielen zuzusehen. NatĂŒrlich setzen sie ihm dann auch ab und an recht zu. Aber der Sepp wurde nie wĂŒtend, wenn es ihm zu wild wurde, dann ging er wieder an die Arbeit, aber ein paar Stunden spĂ€ter stand er wieder neben den Kindern.
Und so ging es ohne große VerĂ€nderungen, bis er das zwanzigste Lebensjahr erreichte. Und in diesem Sommer kam Besuch auf den Hansenbauerhof, eine andere Schwester des Bauers, die, die eine gute Partie gemacht hatte. Sie hatte einen angehenden Lehrer geheiratet, der sich als sehr intelligent und politisch begabt herausgestellte. Zu intelligent und politisch begabt fĂŒrs Land, und so zogen sie bald nach Wien, wo er ein Hochschulamt ergriff. Und weil der Sommer fĂŒr Frau und Kind recht lang sein kann, vor allem wenn der Herr Professor bis ĂŒber beide Ohren in universitĂ€ren Verpflichtungen steckt, entschlossen sich die Frauen der Familie zu einem Landurlaub. Die Schwester des Hansenbauern fand sich schnell wieder ein in das Hofleben, und schon am zweiten Tag hatte sie die Kontrolle ĂŒber die KĂŒche ĂŒbernommen.

Die Tochter, Rosa, tat sich nicht so leicht. Zwar war sie bereits sechzehn Jahre, aber so zart, so fein war sie, dass sie mit ihren blonden Harren, den blitzend blauen Augen, die so offen fĂŒr die Welt waren und dem schlanken, fast burschenhaften Körper mehr wie eine Fee als ein MĂ€dchen wirkte. Die robusteren Bauernkinder wollten sie zwar anfĂ€nglich in ihre Spiele einbringen, doch Rosa schreckte vor dem LĂ€rm, dem Schmutz, vor der Rohheit der Spiele zurĂŒck. Viel lieber saß sie alleine in der Sonne, las, oder genoss einfach mit geschlossenen Augen die warme Sommerluft, die GerĂŒche von Heu, Blumen und Wald. Die Hofkinder gaben recht bald auf damit, sie irgendwie zum Spielen zu ĂŒberreden. Und es machte den Eindruck, als wĂ€re ihr das auch ganz recht.
Nur der Sepp konnte sich nicht abwenden. Nicht dass er sie angesprochen hĂ€tte, auf diese Idee wĂ€re er niemals gekommen. Aber immer öfter verbrachte er seine freie Zeit nicht im Hof mit den Bauernkindern, sondern strich durch die Wiesen um den Bauernhof. Und sobald er Rosa irgendwo sitzen sah, blieb er stehen und betrachtete sie von der Weite. Nur wenige Sekunden gönnte er sich, bevor er wieder verschwand. Niemand sonst merkte etwas davon, da halt der Sepp nun der Sepp war. Dass er auch ein Mensch ist, der GefĂŒhle hat, wĂ€re niemand auf dem Hof in den Sinn gekommen. Und Sepp wusste nicht, was und warum er fĂŒhlte, niemand hatte ihm jemals erklĂ€rt, dass es so etwas wie Liebe gibt. Doch dies störte ihn nicht, er genoss einfach die innere WĂ€rme, welche seine unschuldige Liebe zu Rosa in ihm entfachte.

Bis zur Woche, an der die RĂŒckfahrt nach Wien geplant war. Niemand wusste genau, was an diesem Pfingsttag gesehen war. Der Feiertag begann so wie immer, die Arbeit ruhte, die Familien besuchten die Kirche, Mittagessen fand fĂŒr das ganze Dorf im Wirtshaus statt. Und als dann der Abend dĂ€mmerte, fand man sich wieder in der Gaststube ein und es wurde getrunken und gefeiert.
Einige sagten, dass der Karl, der Bub vom Wirt, der Rosa heimlich ein paar Schnaps gegeben hatte und sie dann auf den Heuboden mitgenommen hatte. Einige Andere, dass sie einen Streit zwischen ihrer Mutter und dem Hansenbauer mitangesehen hatte. Und einige Wenige sagten, unter vorgehaltener Hand, dass sich der Hansenbauer an seiner Nichte vergangen hatte.
Gewiss ist aber, dass die Schwester des Hansenbauers und Rosa am nĂ€chsten Tag ĂŒberstĂŒrzt abreisten, ohne sich bei irgendwem zu verabschieden. Und was auch immer vorgefallen war, am Hof des Hansenbauers wurde nicht darĂŒber geredet. Bereits am nĂ€chsten Tag war es so, als wĂ€re die Schwester nie zu Besuch gewesen.
Dem Sepp sagte niemand etwas, es hielt auch niemand fĂŒr nötig. Außerdem wusste auch niemand, dass er, wenn er durch die Wiesen ging, nach Rosa suchte. Und sie nicht fand. Das Einzige, was sie bemerkten, war, dass er zu summen anfing, wenn er die neugeborene Tochter des Hansenbauers wiegte. Weil es aber genauso funktionierte wie es die letzten zehn Jahre, und das MĂ€dchen auch anfĂ€nglich brav und ruhig war, kĂŒmmerte sich niemand darum. Nur der Oma fiel es auf.
„Der Sepp, der hört die Engerl nicht mehr singen. Der singt mit den Engerln. Und das ist nichts fĂŒr einen Menschen. Ein Mensch kann nicht mit den Engerln singen und dann erwarten, dass ihm nichts passiert.“ So redete sie, auch wenn ihr niemand zuhörte. Und wenn sie zur Morgenmesse ging, allein inzwischen, ihr Mann war gestorben, dann betete sie zum Herrgott, dass der Sepp doch aufhöre, mit den Engerln zu singen. Doch der Herrgott hörte nicht auf sie.
Sepp sprach nun ĂŒberhaupt nicht mehr mit den restlichen Menschen am Hof, den Kindern sah er nicht mehr beim Spielen zu. Stumpfsinnig verrichtete er seine Arbeit, und mit matten, ausdruckslosen Augen stand er da, wenn ihn jemand anredete. Kein Wort erwiderte er. Nur wenn er das kleine MĂ€dchen in den HĂ€nden hatte, sah man ab und an ein Blitzen in seinen Augen, wenn er gar zu wild summte. Und das MĂ€dchen brauche ihn immer öfter. Tag und Nacht hörte man sie immer wieder schreien, dann die schweren Schritte vom Sepp und dann sein Summen, bis sich das Kind wieder beruhigte.
Und auch wenn ab und zu jemand bemerkte, dass es dem Kind nicht so gut ging, wie es eigentlich sein sollte, hatte niemand so richtig Zeit, etwas zu machen. Die starke körperliche Arbeit, welche die Erntezeit mit sich bringt, nahm die gesamte Familie zu sehr in den Anspruch.
Und so hörte es auch anfĂ€nglich niemand, als Sepp nicht mehr nur summte, sondern allmĂ€hlich fĂŒr das MĂ€dchen zu singen anfing. Nur die Kinder bekamen es mit. Doch sie konnten nicht verstehen, was der Sepp da sang, Wörter, die sie nicht kannten, in auf- und abschwellenden Melodien. Zuerst nur in den Nachtstunden, dann auch allmĂ€hlich am Tage konnte man am Hansenbauerhof den seltsamen Singsang hören, mit dem Sepp das Kind beruhigte. Die Oma wurde nun unruhiger denn je, versuchte mit dem Hansenbauern zu reden, der sie aber sofort unterbrach, sobald sie auch nur den Mund aufmachte und von Engeln zu sprechen begann. Auch sonst schien ihr niemand zuzuhören, das einzige was sie machen konnte, war in der Kirche zu beten. Laut betete sie dafĂŒr, dass der Herrgott seine Engerl zurĂŒckrufen solle, dass sie den Sepp lassen sollen. Auch der Pfarrer hörte nicht auf sie, der hatte fĂŒr den Gedanken, dass der Sepp von Engeln besucht werden sollte, nichts ĂŒbrig. Wenn es im Ort ein Wunder oder eine Erscheinung geben sollte, dann wĂŒrde das doch ihm passieren. Er war ein Pfarrer, er war ein richtiger GlĂ€ubiger. Und das wĂŒrde doch Gott berĂŒcksichtigen und nicht genau einem ZurĂŒckgeblieben wie Sepp erscheinen, der ja nicht mal ein echter Mensch ist.
Dass die Runden, die Sepp mit dem Kind ging, immer weiter wurden, bemerkte im Haus niemand. Auch dass er kaum noch arbeitete, sondern nur noch fĂŒr das MĂ€dchen da war, schien selbstverstĂ€ndlich sein, hatte doch sonst niemand Zeit fĂŒr sie. Und als die Oma mal versuchte, Sepp daran zu hindern, das Kind zu nehmen, verbannte sie der Hansenbauer persönlich auf ihre Stube, das Kind sei ruhig wenn, es beim Sepp ist und darauf kommt es an.

Bis eines Tages der Sepp am Morgen weg war. Und mit ihm das MĂ€dchen.
Sofort wurde ganze Dorf in Bewegung gesetzt, alle, die gehen konnten, durchsuchten jedes Haus, jeden Stall, die WĂ€lder und Wiesen. Der Hansenbauer selbst lief schreiend durch das Haus, drohte dem Sepp, dass er ihn umbringen wird, wenn er nicht sofort eine Tochter wieder bekommt. Seine Frau hingegen lag im Bett, schreiend und weinen. Das restliche Dorf suchte in alle Richtungen, durchkĂ€mmten den Wald, die Äcker. Letztendlich standen sie aber an, am Ufer der Mur. Hier konnten sie nicht weiter. Und hier haben auch der Sepp und das MĂ€dchen nicht weiter gekonnt. Und langsam setzte sich die Erkenntnis durch, dass der Sepp in die Mur gegangen war und das MĂ€dchen mitgenommen hatte. Als sie das am Hansenbauerhof erzĂ€hlten, konnte man im ganzen Dorf den Schrei der HansenbĂ€urin hören. Danach herrschte Stille.
Der Hansenbauer dankte den Leuten fĂŒr ihre Hilfe, bot ihnen was zu trinken und zu essen an, und als er sie alle bewirtet hatte, stand er auf, ging hinaus und begann sein ganz normales Tagwerk. Seine Frau blieb liegen.
Nur die Oma sprach noch, mit dem Pfarrer, mit den Bauern, mit jeden, der ihr zuhörte.
„Der Sepp“, sagte sie, „der Sepp ist zu den Engerln gegangen. Und das MĂ€dl hat er mitgenommen, damit auch sie Engerln singen hören kann.“
Und als sie dann in die Kirche ist, um fĂŒr den Sepp und das MĂ€dchen zu beten, war sie nicht mehr alleine, die MĂŒtter und GroßmĂŒtter des Dorfes waren bei ihr und beteten fĂŒr sie.
In diesem Jahr wurde aus der Kirche die Hansenbauerseppkirche. Und das ist sie geblieben bis heute

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