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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Heimkehr (aus Schreibwerkstatt)
Eingestellt am 13. 09. 2001 11:42


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Willi Corsten
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Die Heimkehr
von Willi Corsten

Jan-Hein steigt aus dem Zug, wuchtet den derben Seesack auf die Schulter und stampft hinaus in das wirbelnde Schneetreiben. Der kleine Haltepunkt der Reichsbahn liegt tief in der LĂŒneburger Heide und die nĂ€chsten Höfe sind weit von ihm entfernt. Jan-Hein schaut sich nach einem Fuhrwerk um. Doch heute, am letzten Tag vor dem Weihnachtsfest, ist die Straße verlassen und menschenleer. So muss er den weiten Weg wohl laufen, den bitteren Weg zum Elternhaus hin.
Im FrĂŒhjahr war der junge Mann zornig fortgegangen von daheim. Er wollte Fried Hansens Tochter heiraten, die Anne vom Nachbarhof, aber sein Vater billigte die Heirat nicht. Ein unseliger Streit schwelte seit Jahren zwischen den starrsinnigen Heidebauern, den auch die Entfernung zwischen ihren Anwesen nicht zu mildern vermochte.
Jan Hein fuhr nach Hamburg und heuerte in Altona auf einem SeelenverkĂ€ufer an. Er umrundete mit dem Rostkahn die halbe Welt, schrieb keinen Brief an die Eltern und schickte keinen Gruß an die Braut. Doch vergessen konnte er die Liebste nicht, vergessen auch nicht die Mutter und den strengen alten Vater. Und als er zurĂŒck kam nach Altona, musterte er ab von dem Schiff und fuhr wieder heim zu dem Ort, wo einst seine Wiege stand.
Jan-Hein hat die HĂ€lfte des Weges geschafft. Das Schneetreiben ist toller noch geworden, der Wind fast zum Orkan erwacht. AllmĂ€hlich fĂ€llt die DĂ€mmerung ein in das weite Land und verwandelt die hohen Birken in taumelnde Spukgestalten. Wacholder und GinsterbĂŒsche sind geisterhaft schwankende Irrwische und stören mit trunkenem Tanz die Ruhe der Toten im Moor. Das Heidekraut greift mit Teufelskrallen nach dem Schnee und tĂŒrmt ihn zu hohen WĂ€llen und Hexenbuckeln auf.
MĂŒhsam kĂ€mpft Jan-Hein sich voran, erreicht endlich den Hof. Am Wegrand duckt sich gespensterhaft der alte Heuschuppen, in dem Heu und Stroh fĂŒr den langen Winter lagern. Achtlos will der Mann daran vorbei, als er von dort die dumpfe Stimme des Vaters zu hören glaubt: „Jan-Hein, Jan-Hein, komm nĂ€her."
Zaudernd hĂ€lt er ein in seinem Schritt und lauscht. Und wieder hört er die seltsam-dumpfe Stimme: „Jan-Hein, Jan-Hein, komm nĂ€her!"
Erregt eilt der Sohn zum Schuppen, tritt ein und blickt sich suchend um. Dann stockt sein Atem, denn im Stroh kauert eine hochschwangere Frau und weint. Seine Braut.
„Anne, du", stammelt der Mann und schaut entsetzt auf den Strick, den die Frau in der Hand hĂ€lt. Dann beugt er sich nieder, streicht sanft das Haar aus ihrem Gesicht und flĂŒstert: „Alles wird gut, Anne. Dass ein Kind unterwegs war, hab' ich nicht gewusst. Verzeih mir, wenn du kannst, ich bitt’ dich sehr darum."
Die Frau zittert am ganzen Körper und sagt: „Ich war verzweifelt und allein. Alle haben mich verachtet wegen dem Kind, machten mir das Leben unendlich schwer. Und da wollte ich...hier...wo wir uns so oft getroffen. ...Doch sterben ist wahrlich nicht einfach."
ErschĂŒttert trĂ€gt Jan-Hein die Braut hinĂŒber zum Haus, pocht ungeduldig ans Fenster und ruft: „Mach' auf Mutter, mach‘ auf und lass uns herein."
Zögernd geht die schwere EichentĂŒre auf. Erstaunen, Freude und BestĂŒrzung verĂ€ndern in rascher Folge das verhĂ€rmte Gesicht der Frau. Dann richtet sich die Alte auf, ist nur noch helfende BeschĂŒtzerin, klug und umsichtig in vor Urzeiten erworbener MĂŒtterlichkeit. „Spute dich Sohn, schaffe TĂŒcher und Wasser herbei, deine Liebste wird bald schon Mutter sein."
Nur wenig spÀter kommt in dieser Heiligen Nacht ein MÀdchen zur Welt und bringt mit dem ersten Schrei neues Leben in das uralte Haus.
Als Anne versorgt ist und endlich schlĂ€ft, erinnert sich Jan-Hein wieder an die Rufe des Vaters. Er steht auf von der Ofenbank und will hinaus auf den Hof, doch die Mutter weist ihn sanft zurĂŒck und sagt mit zitternder Stimme: „Bleib, mein Junge, dein Platz ist hier bei Frau und Kind."
„Ich will mich zuerst mit Vater aussöhnen. Was macht der alte Herr so lange da draußen? Warum lĂ€sst er uns hier warten."
Da fĂŒhrt die Mutter den Sohn behutsam ans Fenster und deutet stumm auf das Kreuz, das hinter dem Haus steht und nur wenig noch aus dem tiefen Schnee hervor schaut. „Friede sei mit seiner Seele", flĂŒstert sie leise und schaut besorgt zu der schlafenden Frau. „Vater ist tot, ein halbes Jahr schon. Jan-Hein, er hat dir lĂ€ngst verziehen."
Und ĂŒber der dunklen Heide reißt die Wolkendecke auf und ein einsamer Stern leuchtet herab vom nĂ€chtlichen Himmel.

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flammarion
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ja,

die geschichte gefiel mir von anfang an. jetzt trau ich mich kaum, dir meine verbesserungsvorschlĂ€ge nochmal zu unterbreiten, aber es sind mir noch zwei dinge aufgefallen: ". . . wuchtet den Seesack ĂŒber die Schulter . . ." was hĂ€ltst du von "auf" statt "ĂŒber"? und ich glaube nicht, daß an eienm einsamen heidebahnhof mehr als eine straße leergefegt sein kann. die anderen sachen sind vielleicht nicht so gravierend, aber daß du die weiblichkeit am ende nicht durch mĂŒtterlichkeit ersetzt hast . . . weiblich ist so vieles, besagte person aber handelt eindeutig mĂŒtterlich, fĂŒrsorglich. weiblichkeit wird doch gewöhnlich in erster linie als eitelkeit, putzsucht und becircen eingestuft. nun denn. man liest sich
__________________
Old Icke

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Willi Corsten
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Liebe oldicke,
vielen Dank fĂŒr deine Aufmerksamkeit.
Das „auf“ und „Straße“ wird verbessert. Die MĂŒtterlichkeit setze ich auch ein, obwohl kurz darunter Mutter steht. Ich hatte die Stelle vorher nicht geĂ€ndert, weil das von dir vorgeschlagene „gebĂ€ren“ nicht in die fast ‘unschuldige‘ AtmosphĂ€re der 30er Jahre passte.
Es grĂŒĂŸt dich ganz lieb
Willi
PS. wie gefÀllt dir denn Nasrin und Nero? (Schreibwerkstatt)

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flammarion
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ja,

da hast du völlig recht. weißt du, daß es in den 30ern spielt, war mir beim ersten lesen gar nicht aufgefallen, beim zweiten auch nicht. mit deiner freundlichen erlaubnis zeig ich die geschichte mal in "meinem" theater rum. bin gespannt, on da einer schnallt, wann das spielt. ganz lieb grĂŒĂŸt
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Old Icke

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Willi Corsten
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Hallo oldicke,
natĂŒrlich darfst du den Text deinen Kollegen im Theater zeigen, das freut mich sogar sehr. Bin gespannt, ob sie die 30er entdecken.
Übrigens: Du erinnerst dich doch an meine Geschichte „Die neuen Schuhe“, die vor wenigen Wochen in der LL stand. Sie wurde heute vom Ketteler Verlag in dem Weihnachtsbuch ‘Feuerzeichen‘ abgedruckt.
Liebe GrĂŒĂŸe
Willi

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flammarion
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ja,

ich erinnere mich. gratuliere! frech wie ich bin, hab ich die geschichte getern abend schon herumgezeigt. alle fanden sie sehr gut, aber einen bezug zu den 30ern hat niemand gefunden. aber alle fanden gut, daß es eine zeitlose geschichte ist. ich denke schon von anfang an, daß es besser ist, die 30er zu vergessen bei der geschichte. ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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