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Leselupe.de > Erzählungen
Die Heimreise
Eingestellt am 17. 06. 2003 21:50


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Mortimer
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Registriert: Jan 2003

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Die Heimreise

Erste Abendk√ľhle begleitete die heraufziehende Dunkelheit und mit der Hitze wich auch die Anspannung aus den Gesichtern der Menschen. Er sa√ü auf seinem Balkon und trank einen Schluck Wasser. Aus den Stra√üencafes drangen ged√§mpfte Stimmen und der Wind trieb ihm den s√ľ√ülichen Geruch der Brasilzigaretten in die Nase. Er starrte auf die Ameisen mit ihren menschlichen Gesichtern herab und durchsuchte sein Herz nach Reue, doch es war leer und vertrocknet. Diese Wesen umgeben von ihren Kokons aus Selbstzufriedenheit waren ihm v√∂llig fremd geworden!

Er freute sich auf seine Heimreise. Soviel hatte er seinen Eltern zu erz√§hlen, und sein Vater w√ľrde stolz auf ihn sein. "Wenn er mal gro√ü ist, soll er Arzt werden. Genau wie du!", hatte sein alter Herr immer zu seinem Onkel Fahred gesagt und zu seinem 4. Geburtstag hatte ihm Onkel Fahred sein altes Stethoskop geschenkt. Erst hatte er es f√ľr ein Amulett gehalten und wollte es sich um den Hals h√§ngen bis ihm Onkel Fahred mit ehrfurchtsvoller Stimme seine Verwendung erkl√§rte. Schon damals wusste er, dass er mit der Annahme des Geschenkes einen Vertrag unterschrieben hatte, der ihn verpflichtete in die Fu√üstapfen seines Onkels zu treten.

W√§hrend des gesamten Medizinstudiums schm√ľckte es die T√ľr seiner kleinen Studentenwohnung, bis sie eines Tages schwerbewaffnet eindrangen und alles verw√ľsteten. Flugbl√§tter hatten sie gesucht. Dabei hatten sie die Tapeten von den W√§nden gerissen und ein Soldat hatte das Bild seiner Eltern mit der R√ľckseite nach vorn an die Eingangst√ľr geklebt. Mit Spucke. "Wir kriegen dich du Hurensohn!", hatten sie mit krakeliger Handschrift darauf geschrieben und als er die Reste seines Zimmer betrat fiel ihm sofort auf, dass sie das Stethoskop mitgenommen hatten.

Eine Frau mit ihrer kleinen Tochter, die wie ein Derwisch um sie herumtanzte, weckte pl√∂tzlich sein Interesse. Er lehnte sich √ľber den Balkon, um sie besser erkennen zu k√∂nnen. Sein Herz machte einen Satz. Auf einmal versp√ľrte er den Drang nach unten zu rennen und das M√§dchen in die Arme zu nehmen. Doch es konnte nicht seine Schwester sein. Sie w√§re l√§ngst 21 und eine erwachsene Frau. F√ľr einen Moment hatte er wirklich geglaubt sie tanze unten vor seinem Balkon. Er sah ihre strahlenden Augen. Ihr L√§cheln, mit dem sie die Sonne in jedes Haus getragen hat.Auch kurz nach Ausbruch der Unruhen hatte sie ihnen t√§glich etwas zu Essen in ihr Versteck geschmuggelt. "Tut mir leid, heute wieder keinen Champagner!", hatte sie die Jungs immer begr√ľ√üt und sie haben sie jedes Mal in den Arm genommen und ihr versprochen, sie bald aus dieser H√∂lle herauszubringen. Sie wussten, dass es eine L√ľge war. Doch sie schenkte ihnen jeden Tag ein St√ľck Lebensfreude. Das Wertvollste, was sie in diesem unehrbitterlichen Krieg besa√üen. Daher hatten sie sich nicht getraut, ihr die Wahrheit zu sagen. Doch als sie eines Tages nicht mehr wieder kam, sch√§mten sie sich daf√ľr.

Er musste sich jetzt auf den Weg machen. Bald w√ľrde er alles hinter sich lassen. Er f√ľhlte eine innerliche Ruhe, die sich nebelartig in ihm ausbreitete und ihn f√ľr einen kurzen Moment daran denken lie√ü, sich auf seine Matratze zu legen und zu schlafen. Doch er durfte keine Zeit verlieren. Um 21:15 Uhr fuhr der letzte Bus. Nr. 320. Er hatte sich diese Zahl herausgesucht, weil sie damit stets zu Onkel Fahred gefahren sind. Auch an dem besonderen Tag.

Er stand mittlerweile an der Busstation und beobachtete die beiden Soldaten, die ihn aufgrund seines Arztabzeichens nicht weiter beachteten. Als sie ihm die Lizenz entzogen haben, hatten sie vergessen alle Signalbinden zur√ľckzufordern. Der Bus hatte 17 Minuten Versp√§tung. Das war nichts Besonderes. Die Soldaten durchsuchten einen Studenten und eine verschleierte Frau mit einem Kind. Er musterte sie argw√∂hnisch, sie schien um die 20 zu sein. Ihn winkten sie durch. Anders als an dem besonderen Tag.

Er war gerade 19 geworden und hatte sein 2. Semester hinter sich. Sein Vater wollte mit ihm zu seinem Onkel fahren. Es sollte eine gro√üe Feier werden. Ein ganz besonderer Tag. Die Unruhen hatten gerade begonnen und es wurden viele Menschen verd√§chtigt, Terroristen Unterschlupf zu gew√§hren oder sie in anderer Form zu unterst√ľtzen. Doch sein Vater hatte f√ľr diese Leute nichts √ľbrig. Sie s√§ten die Gewalt, die die Unschuldigen ernteten. Das waren seine Worte.

Die Gastst√§tte seines Onkels wurde 2 Tage vorher vom Milit√§r geschlossen. Die Regierung f√ľrchtete in Onkel Fahreds Restaurant w√ľrden politische Versammlungen abgehalten werden. Sie konnten gerade noch rechtzeitig eine alte Industriehalle mieten. Doch die Verpflegung bereitete ihnen Kopfzerbrechen. Nur noch 2 Tage Zeit und das Stra√üennetz bestand zum gr√∂√üten Teil aus Sperren. Um dort durchzukommen, h√§tten Sie die H√§lfte Ihrer Lebensmittel an die Soldaten ‚Äěspenden‚Äú m√ľssen. Daher hatte seine Mutter sich bereit erkl√§rt, das Meiste aus eigenen Zutaten am h√§uslichen Herd zuzubereiten. Sie wollte sp√§ter nachkommen.

Der Bus mit der Nr. 315 hatte an diesem besonderen Tag nur 5 Minuten Versp√§tung. Sein Vater und er hatten gerade die Kontrolle passiert als sich seine Mutter rennend dem Bus n√§herte. In der Hand schwenkte sie einen schwarzen Rucksack. Sie rief seinem Vater zu, er solle das Fleisch noch mitnehmen, sonst m√ľsse sie nachher mit einer Kamelkarawane nachkommen. Die Soldaten konnten Sie nicht verstehen und starrten sie an. Als sie sah, dass sich die T√ľr schloss warf sie den Rucksack durch den enger werdenden Spalt in das Fahrzeug. Kurz darauf fiel der Schuss. Sie war sofort tot, stellte der Arzt sp√§ter fest.

Als sein Vater und er aus dem Bus st√ľrzten hielten sie die Soldaten zur√ľck. Der Rangh√∂here der beiden beugte sich √ľber seine Mutter und √∂ffnete ihr das Kleid. Anscheinend wollte er nachsehen, ob sie einen Sprengstoffg√ľrtel trug. Sein Vater riss sich los und warf sich auf den Offizier. Sein Kamerad holte aus und schlug seinen Vater von hinten mit dem Gewehr zu Boden. Er starb sp√§ter im Krankenhaus an den schweren Kopfverletzungen.

Jetzt sa√ü er im Bus mit der selben Nummer. Er begann leise zu beten. Dann wartete er. Der Bus erreichte die belebte Einkaufspassage. Die Versp√§tung betrug mittlerweile 24 Minuten. Er dachte an seine Eltern. Im Augenwinkel bemerkte er, dass ihn die verschleierte Frau mit dem Kind anstarrte. Als sie den Schleier anhob, erkannte er das Gesicht. Doch sein Daumen hatte den Z√ľndmechanismus schon ausgel√∂st. Auch heute w√ľrde es keinen Champagner geben!

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majissa
Autor mit eigener TV-Show
Registriert: Jan 2002

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Hallo Mortimer,

eine spannende Geschichte mit einem guten Einstieg und einem schockierenden Ende. Wenn ich es richtig verstanden habe, erkennt der Protagonist im Bus seine Schwester, hat aber schon den Z√ľndmechanismus ausgel√∂st? Somit w√§ren ja dann nahezu alle Familienmitglieder ausgel√∂scht. Das ist makaber, aber durchaus gut gemacht.
Ja, es hat mir gefallen, die Überraschung war nicht vorhersehbar und bis auf einige Kleinigkeiten, die mir noch auffielen, habe ich nichts zu bemängeln.

‚ÄěGenau wie du!‚Äú, hatte sein alter Herr immer zu seinem Onkel Fahred gesagt und zu seinem 4. Geburtstag hatte ihm Onkel Fahred sein altes Stethoskop geschenkt.‚Äú

In obigem Satz findet sich zuviel ‚Äěsein‚Äú.

Im dritten Absatz und stellenweise im √ľbrigen Text √ľbertreibst du es mit ‚Äěhatte‚Äú.

Der Lobgesang auf die Schwester ist eine Spur zu √ľbertrieben. Da w√ľrde ich k√ľrzen.

‚ÄěDas Wertvollste, was sie in diesem unehrbitterlichen Krieg besa√üen.‚Äú

Du meinst sicher ‚Äěunerbittlich‚Äú.

‚ÄěDie Gastst√§tte seines Onkels wurde 2 Tage vorher vom Milit√§r geschlossen.‚Äú

2 Tage vor genau welchem Ereignis wurde die Gastst√§tte geschlossen? Vor dem besonderen Tag? Im √ľbrigen erw√§hnst du ihn recht h√§ufig. Zu h√§ufig. Beim ersten Mal erzeugt das noch Neugier, aber beim dritten Mal beginnt es, zu nerven.

Vom Ausdruck her fällt der zweite Teil schwächer aus als der erste. Da könntest du noch dran feilen.

Liebe Gr√ľ√üe
Majissa

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Mortimer
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Registriert: Jan 2003

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Liebe Majissa,

vielen Dank f√ľr deinen Beitrag! Mit deiner Vermutung bez√ľglich des Ausgangs der Story liegst du genau richtig.

Ich hab die Geschichte ab der Mitte relativ z√ľgig zu Ende geschrieben, daher wahrscheinlich die M√§ngel im Ausdruck. Wenn ich Zeit hab, werde ich eine √ľberarbeitete Fassung ins Netz stellen.

Liebe Gr√ľsse
Mortimer

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