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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Die Herzensgründe der Solipsistin
Eingestellt am 10. 11. 2005 19:52


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sohalt
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US-Amerikanischen Sitcoms zufolge basteln alle US-amerikanischen Kinder einmal in ihrem Leben ein Sonnensystem aus Zahnstochern und Styroporkugeln (oder wahlweise eine Lavaersatz speienden Vulkan), spielen in einer Schultheateraufführung den Romeo (bzw. die Julia), und werden von ihren Eltern fälschlich des Suchtmittelbesitzes bezichtigt (dabei waren's immer nur die Zigaretten vom Mitschüler). Außerdem hat pro US-amerikanischer Sitcom-Familie immer mindestens ein Kind einmal in seinem Leben einen imaginären Freund.

Die Chemielehrerin meines Bruders hatte als Kind eigenen Erzählungen zufolge einen imaginären Overhead-Projektor. Auf dem legte sie dann imaginäre Folien auf und gab ziemlich realen, weil akustisch deutlich vernehmbaren Unterricht. Akustisch so deutlich vernehmbar tatsächlich, dass irgendwann die besorgte Mutter den Kopf zur Tür hinein steckte und fragte: "Mit wem redest du denn?". Nach dem Abgang der Mutter wird die kleine Chemielehrerin-in-Spe sich wieder zur Klasse gewandet und – so stelle ich mir das vor - verschmitzt gelächelt haben. "Als ob ich mit mir selbst reden würde! Lächerlich, nicht?" Denn sie hatte natürlich auch imaginäre Schüler.

Meine Mutter und ihre Freundin hatten als Kinder imaginäre Verehrer. Die hießen Johnny und Jimmy und sahen aus wie Rock Hudson und Gary Grant und waren in schwarz-weiß.

Mein Vater hatte als Kind einen imaginären Traktor.

Und mein Bruder hat jetzt noch haufenweise imaginäre Bands. Die benennt er dann zum Beispiel nach Sushi-Gerichten. Allein, sämtliche Auftritte scheitern daran, dass er selbst kein Instrument spielt und nicht besonders gut singt. Das hindert ihn natürlich nicht am Entwerfen von Band-Logos und Artwork für die CD-Booklet-Gestaltung. (Mein Bruder liebt die Musik, kann aber tragischerweise nur zeichnen.)

Ist das nicht alles ganz furchtbar liebenswürdig-skurril? Also ich find schon.

Ich will auch liebenswürdig-skurril sein, verdammt!

Aber ich, ich hatte nie was Imaginäres. Wenn ich mit mir selbst rede – und das kommt schon mal vor, ab und an – dann rede ich wirklich mit mir selbst. Nicht, dass da in meinem Hirn nicht genug Imagination wäre! Oh nein! Also gut, vielleicht nicht überbordend viel, aber auch nicht gerade wenig – zumindest nicht weniger als im Hirn des durchschnittlichen Sitcom-Kindes. Bloß, ich kann nicht hinein, in meine Traumwelt, ich kann mich nie dazu in Beziehung setzen. Wenn ich mir also in meinem Hirn einen imaginären Freund zusammenbastle und dann zaghaft anklopfe, um ihn dort zu besuchen, was wird passieren? Wir werden uns in glühender Mittagshitze auf einer staubigen Straße gegenüber stehen, und er (obwohl ich ihn eigentlich mittelalterlich angelegt hätte, die treulose Tomate, von wegen ritterlich und so) wird in bester Western-Manier mit zu bösen Schlitzen verengten Augen und rauer Stimme sagen: Hier ist nicht genug Platz für uns beide.

Ich kommen nun mal in meinen Tagträumen selbst nicht vor. Und in meinen Sexphantasien übrigens auch nicht. Das sollte mir ernsthaft zu denken geben. (Nicht mal in seinen eigenen Sexphantasien vorkommen – autsch.) Das ist doch kein Zustand! Manchmal fühle ich mich bei solchen Gelegenheiten wie ein Kind in der Doppeltür. Früher gab es so was in den alten Häusern, den besonders vornehmen natürlich nur, da waren die Wände so dick, dass man für einen Durchgang zwei Türen brauchte und dazwischen hatte ein Kind Platz. Das wurde dort dann auch mitunter hineingestellt und eingesperrt, kurz vor einem größeren gesellschaftlichen Auftritt der ganzen Familie zum Beispiel, wenn das Kind schon geschneuzt und gekampelt war und sich nicht noch in letzter Minute schmutzig machen sollte. Hat mir meine Mutter mal erzählt. (Ihr tiefes Bedauern über das Aus-der-Mode-Kommen solcher architektonischen Raffinessen war dabei unüberhörbar.) Meine Tür ist allerdings schon ziemlich modern, die ist nämlich aus Glas.

Hab ich also zumindest eine imaginäre Tür? Schön wär's. Tatsächlich ist das mit der Tür nur eine arg konstruierte Metapher zur Erbauung der Leser und übrigens nicht meinem übergroßen Einfühlungsvermögen geschuldet, sondern einem simplen Analogie-Schluss.

Immerhin, vielleicht habe ich einen imaginären Gott. Wobei, das ist natürlich eine wackelige Sache, den erstens hab ich den ja gar nicht so richtig, und zweitens gibt’s den womöglich wirklich und wenn ich beim jüngsten Gericht dann draufkomm, was dann? Schöner Verhau.

Und dabei will ich doch nur einen imaginären Freund.

Vielleicht sollte ich also erstmal klein anfangen. Ich könnte zum Beispiel diesen unschuldigen, kleinen Radiergummi da hernehmen, den ich von meinem eigenen hart erarbeiteten Geld erstanden habe (das heißt, vermutlich eher von der monatlichen elterlichen finanziellen Zuwendung, aber rein theoretisch wär sich der durchaus auch mit meinem Ferialjobverdienst ausgegangen, knapp aber doch) und der zu mir also in einem einigermaßen eindeutigen Besitzverhältnis steht, den ich daher "Mein Schatz!" hissend gollummäßig liebkosen könnte, ohne öffentlich Anstoß zu erregen. (Befremden natürlich schon, Abscheu und Ekel vielleicht, aber ich denke hier bei "Anstoß" eher in Richtung "Besitzstörungsklage"). Ja. Den habe ich. Ich, ich, ich. Habe den. Soweit so gut.

"Ich" passt. "Habe" passt. Mit "Imaginär" haperts noch ein bisschen.

Ich könnte also meinen lieben, kleinen Radiergummi nehmen und mir überlegen, dass der in echt gar nicht echt ist. Voilá, und schon habe ich etwas Imaginäres. Und das geht natürlich, weil, ob etwas wirklich existiert oder nicht, das weiß man ja in letzter, ganz letzter, allerletzter Konsequenz nie. So ganz genau. Ich denke, also bin ich, das steht ja mal fest. Aber sonst schon nicht viel. Der Radiergummi zum Beispiel, denkt der? Na eben. Mit Denken kann ich ja leider nun mal nur mich selbst beweisen und den Rest denk ich mir vielleicht einfach nur aus, wer weiß? (Ihr jedenfalls nicht, denn euch gibt's dann gar nicht.) Schwupps, schon ist alles um mich herum imaginär - wenn schon, denn schon - und ich bin quasi die Königin der imaginären Entitäten! Nie mehr Neid-und Minderwertigkeitskomplexe wegen mangelnder Imaginationsgabe! Super Trick, nicht?

Bloß, da muss man dann schon ziemlich lang ziemlich deppert hin-und-her denken, bis man sich das glaubt.

Wobei, das hat mich ja noch nie gehindert.



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Henry Lehmann
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Voll positiver Erwartung hab ich auf den Text geklickt. Wow, sohalt hat wieder was Neues eingestellt.

Und wie immer: ein netter Plauderton, so gekonnt rübergebracht, dass die Person, die da schreibt, vor meinem inneren Auge erscheint.

Doch nach ungefähr der Hälfte des Textes passiert was immer passiert, wenn Frauen unermüdlich auf mich einreden. Meine Gedanken schweifen ab, ich werde unkonzentriert und schließlich genervt. Am Ende sucht man nur noch den Knopf zum Ausschalten.

Ich glaube diesmal ist es einfach nicht mein Thema. Worum ging es jetzt eigentlich nochmal?

Nichts für ungut, ich bin trotzdem ein großer Fan!

Henry



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sohalt
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Hachja, ich weiß, ich hätte wohl mal lieber deinen Tip mit den Literaturessays beherzigen sollen..

Aber man will sich ja nicht auf ein Genre festlegen lassen.

Übrigens, Männer können auch ganz schön schwafeln! Ich bin merkwürdigerweise bei Männern auch viel schneller gelangweilt als bei Frauen, und zwar ganz unabhängig von besprochenen Thema. Das wär auch mal interessant, warum da die Toleranzgrenze beim eigenen Geschlecht höher ist.
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jon
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„… warum da die Toleranzgrenze beim eigenen Geschlecht höher ist.“
Ist sie das?
Ich war zwar erst bei "Hab ich also zumindest eine imaginäre Tür?" so gelangweilt, dass ich es merkte (, was bei dem an sich unterhaltsamen Schreibstil durchaus logisch ist) und hoffte est beim Radiergummi auf ein baldiges Ende – letzteres aber vor allem deshalb, weil ich hoffte, da käme irgendwie noch was.
Nicht dass der Schluss (und da besonders der letzte Satz) nicht doch der Sache eine "Richtung" geben würde, aber die lautet doch nur "manchmal denkt man eben so an Sachen herum" –  und das stimmt zwar, bringt (mir) aber ohne einen Schritt weiter in die Tiefe (bei der Erkenntniss, dass du in deinen Phantasien nicht vorkommst, schöpfte ich schon Hoffnung darauf – komme ich in meinen Phantasien vor, obwohl ich eine andere bin?) nicht viel.
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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jon
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Nachtrag

Weil ich niiiiiie im Leben zugeben würde, nicht zu wissen, was ein „Solipsist“ ist ( ) und sowieso gern neue Worte nachschlage, habe ich mal gegoogelt und verstehe nun, wie der Text zustande kam (oder gekommen sein könnte) und warum er so "unentschlossen" bleiben muss.
"Geben" tut er – wie diese ganze Solipsisten-Sache, die zwar zum Dranrumdenken ganz nett ansonsten aber irgendwie unerheblich für den (oder nur meinen?, oder gibt's ger keinen anderen?) Alltag ist – mir trotzdem nicht viel. Außer, dass ich jetzt weiß, dass es ein Fachwort für diese Idee "alles nur im Kopf!" gibt. Ist aber auch schon was…
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sohalt
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höhere Toleranz für das eigenen Geschlecht.

Ach, ich beziehe mich ja nur auf alltägliche Gesprächssituationen.

Was Texte betrifft bin ich natürlich beim eigenen Geschlecht genauso gnadenlos in der Beurteilung wie beim anderen.

Aber dass man da immer gnadenlos zu sein hat, versteht sich ja von selbst.

Also danke euch beiden für die Aufrichtigkeit.

lg
sohalt
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