Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5685
Themen:   98460
Momentan online:
197 Gäste und 4 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Hinrichtung
Eingestellt am 01. 08. 2019 09:59


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
CPMan
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2014

Werke: 74
Kommentare: 209
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um CPMan eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

„Ich habe einundzwanzig Freiwillige“, erklĂ€rte GefĂ€ngnisdirektor Avrahami stolz.
Die zwei Staatsvertreter nickten anerkennend.
„Sind auch europĂ€ische Juden darunter?“, fragte sogleich der eine, ein untersetzter, eher beleibter Mann mit fast schwarzen, aber lichten Haaren.
Uri Avrahami dachte kurz nach.
„Ich denke schon, wieso?“
„Wir sollten es nicht von einem europĂ€ischen Juden machen lassen.“
„Warum nicht?“, fragte Avrahami sogleich. „Glauben Sie ernsthaft, dass die es nicht abwarten können und ihn vorher zur Strecke bringen?“
„Ich weiß“, warf der zweite Staatsbeamte, ein kleiner, drahtiger Typ, ein. „Es ist unwahrscheinlich, aber eben nicht auszuschließen. Außerdem soll der Eindruck einer rachsĂŒchtigen Justiz vermieden werden. Also, haben sie nicht-europĂ€ische Juden in ihrer Einheit?“
„NatĂŒrlich. Sechs oder sieben sogar, ich mĂŒsste nur mal gucken. Der Einzige, der sich nicht freiwillig gemeldet hat, wĂ€re zum Beispiel so einer: Schalom Nagar, erst vierundzwanzig Jahre alt, kam mit fĂŒnfzehn aus dem Jemen hierher.“
Die Augen der beiden Staatsvertreter leuchteten auf.
„Den nehmen wir. Der passt. Jung und leicht beeinflussbar, hoffe ich?“
„Nun“, erwiderte Avrahami. „Er ist sicher nicht der Hellste. Aber was ist mit den Freiwilligen?“
Es entstand eine kurze Pause. Dann hatte der kleine, drahtige Typ eine Eingebung.
„Wir losen aus“, sagte er. „Aber alle zweiundzwanzig MĂ€nner kommen in die Lostrommel. Auch ihr kleiner Jemenit. Sorgen Sie dafĂŒr, dass das Los auf ihn fĂ€llt.“
Avrahami nickte. Er verstand sich in dieser Sache als ausfĂŒhrende Gewalt, es oblag ihm nicht, Recht zu sprechen.

*

Beim langen Fall wird die LĂ€nge des Seils anhand von KörpergrĂ¶ĂŸe und Gewicht so bestimmt, dass es dem Delinquenten das Genick bricht, er aber nicht enthauptet wird. Beim kurzen Fall, wenn zum Beispiel der Hocker, auf dem der Verurteilte steht, weggezogen wird, tritt nach zehn bis dreißig Sekunden die Bewusstlosigkeit ein. In diesen Sekunden aber nimmt der Verurteilte alles wahr, fĂŒhlt den Schmerz, erkennt die Umstehenden, lĂ€uft rot an, stĂ¶ĂŸt GerĂ€usche aus, zappelt und kĂ€mpft. Erst danach wird durch die Kompression der arteriellen GefĂ€ĂŸe das Hirn nicht mehr durchblutet und die Wahrnehmung lĂ€sst nach. Der Sauerstoffmangel fĂŒhrt in drei bis fĂŒnf Minuten zu irreversiblen SchĂ€den, letztendlich, wenn alles glatt lĂ€uft, zum Tod.
Beim Standardfall betrĂ€gt die Fallhöhe zwischen 1,20 und 1,80 Meter. Hier steht der Verurteilte gewöhnlich auf einer FalltĂŒr, die mittels eines Hebels vom Henker geöffnet wird.

Alle diese Methoden nutzen das Körpergewicht des Todeskandidaten. So entsteht der Eindruck, der ErhĂ€ngte habe sich durch sein eigenes Gewicht getötet, nicht durch den von fremder Hand ausgelösten Fall. Der Tod am Galgen unterscheidet sich im Anblick nicht groß vom Suizid.
Man stelle sich alle Hinrichtungen einmal wie folgt vor: Der Henker umschließt mit seinen beiden, im Idealfall großen, krĂ€ftigen Pranken den Hals des Verurteilten und drĂŒckt mit aller Kraft zu. TĂ€ter und Opfer stehen sich Auge in Auge gegenĂŒber. Anders als beim ErhĂ€ngen tritt der Tod durch Ersticken und nicht durch das Abschneiden der Blutzufuhr ein, aber der Effekt ist derselbe: Man stirbt.

Nur wÀre der Blick auf die Todesstrafe wohl ein anderer.


*

Schalom befand sich in der Zelle des Gefangenen. Dieser saß am Schreibtisch und schrieb. Hinter der vergitterten MetalltĂŒr stand ein anderer WĂ€rter und beobachtete Schalom und den Gefangenen. Aber auch dieser WĂ€rter wurde von einem weiteren Aufseher beobachtet. Die Entscheider wollten keinen Fehler machen und trauten niemandem. Der Gefangene sollte davon abgehalten werden, sich selbst umzubringen, gleichzeitig fĂŒrchtete man aber auch, dass er von einem der WĂ€rter umgebracht werden könne. Erst, wenn der HĂ€ftling erhĂ€ngt worden war, wĂŒrde es Ruhe geben.

Plötzlich kam ein weiterer WÀchter zu Schalom und dem Gefangenen in die Zelle. Schalom schaute fragend zu ihm hoch. Der Gefangene reagierte gar nicht.
„Du sollst zum Chef“, sagte der Kollege.
Schalom nickte und stand auf. Er ĂŒberließ dem Kollegen seinen Platz und ging zum BĂŒro des Direktors.

Als die Aufforderung kam, ging Schalom in das BĂŒro hinein, salutierte und machte Meldung. Direktor Avrahami sah nur kurz zu seinem Mitarbeiter auf, dann wandte er sich weder den Unterlagen vor sich auf dem Schreibtisch zu.
„Setzen Sie sich“.
Schalom tat wie ihm geheißen. UngefĂ€hr vier Minuten verharrte er schweigend auf dem Stuhl, wĂ€hrend der GefĂ€ngnisdirektor irgendwelche BlĂ€tter durchforstete und hier und da mit einem Kugelschreiber Paraphen setzte. Schließlich sah er zu ihm auf.
„Das Los ist auf Sie gefallen“, sagte er lakonisch.
Schalom wurde plötzlich ganz heiß. Die Hitze stieg ihm zu Kopf, er fĂŒhlte, dass er rot anlief. Er umklammerte den Sitz mit seinen HĂ€nden und drĂŒckte sein ganzes Gewicht in den Stuhl hinein. Außerstande, etwas zu sagen, nickte er bloß verhalten.
„Alles Weitere erfahren Sie zu gegebener Zeit“.
Wieder brachte Schalom nur ein Nicken zustande.
„Das wĂ€re alles. ZurĂŒck auf ihren Posten“.
Langsam erhob sich Schalom vom Sitz und ging auf die TĂŒr zu. Als er diese fast erreicht hatte, rĂ€usperte sich der GefĂ€ngnisdirektor nochmal.
„Eine Frage hĂ€tte ich noch“.
Schalom drehte sich noch einmal um.
„Ja!?“, krĂ€chzte er.
„Sie haben sich nicht freiwillig gemeldet. Wieso nicht?“
„Ich dachte..“, begann Schalom zögerlich. „Ich meinte, es stĂŒnde mir nicht zu. Ich finde, dass es jemand machen sollte, der selbst im Lager war oder Verwandte verloren hat.“
Avrahami schaute Schalom prĂŒfend an. Eine Sekunde lang schien er versucht, etwas zu erwidern. Stattdessen aber kam nur ein Nicken, das einer Aufforderung zum Gehen gleichkam.

Schalom verließ das BĂŒro und kehrte in die Zelle zurĂŒck um seinen Kollegen wieder abzulösen. Als er die Zelle betrat, konnte er nicht anders, als zum Gefangenen zu schauen. Er betrachtete dessen ausdrucksloses Gesicht mit der leicht schiefen Nase, der dunklen Hornbrille, der hohen Stirn und dem schĂŒtteren Haar. ICH werde es machen, dachte Schalom. ICH werde IHN hĂ€ngen.

*

Im Jahre 1905 veröffentlichte der rumĂ€nische Arzt und Forensiker Nicolae Minovici eine Studie ĂŒber das ErhĂ€ngen. Untersucht wurden dabei 136 Suizide. Monovici kategorisierte die Toten nach Alter und Geschlecht, er fragte nach den GrĂŒnden fĂŒr den Selbstmord, er schaute, welche Verletzungen sie hatten und interessierte sich fĂŒr die Knoten der jeweiligen Schlingen. Nur das GefĂŒhl, das beim ErhĂ€ngen entsteht, konnte er nicht erforschen. Und so entschied er, sich selbst zu erhĂ€ngen.

Er und sein Team begannen zunĂ€chst mit einfachen ‚Übungen’: Sie drĂŒckten sich gegenseitig mit dem Zeigefinger auf die Halsschlagader, bis ihnen schwarz vor Augen wurde. Als NĂ€chstes unterbrachen sie die gesamte Blutzufuhr fĂŒr den Kopf, indem sie eine unvollstĂ€ndige HĂ€ngung simulierten. Da sie aber nicht mit dem gesamten Körpergewicht in der Schlinge hingen, war Minovici nicht zufrieden. Das Gesicht wurde zwar rot, lief dann blau an, die Sicht war verschwommen und in den Ohren begann es zu pfeifen, aber es wurde nur mit Bruchteilen des Körpergewichtes an der Schlinge gezogen. Minovicis Ziel aber war das richtige ErhĂ€ngen mit einer Schlinge, die sich zusammenzieht. Sein Ehrgeiz dafĂŒr war groß genug.

Die Studie enthĂ€lt ein Foto von Minovicis Hals, das die Verletzungen zeigt: Frakturen von Kehlkopf und Zungenbein und verschiedene BlutergĂŒsse. Minovici berichtet, dass er nach dem letzten Experiment einen Monat lang Schmerzen gehabt habe.

Durch seine Studie fand man heraus, dass die Lage der Schlinge am Hals entscheidend ist und dass die meisten ErhÀngten nicht ersticken, sondern durch die unterbrochene Blutzufuhr ins Gehirn sterben.


*

Schalom setzte seinen Dienst fort. Viermal drei Stunden pro Tag bewachte er den Insassen, im Anschluss hatte er jeweils 48 Stunden frei. Er sah den Gefangenen beim Lesen, beim Schreiben, er schaute ihm beim Schlafen zu. Der HĂ€ftling war immer höflich und distanziert, er schaute Schalom so gut wie nie an und wenn doch, dann weil er um etwas bat. Aber Schalom war fĂŒr ihn nur einer von mehreren Bewachern, ein persönliches VerhĂ€ltnis kam nicht zustande.

Manchmal beobachtete Schalom das Gesicht des Todgeweihten. Er suchte das Grauen, die Herzlosigkeit, er suchte das Böse in diesem Mann. Er fand es nicht. Er sah keine Schuld, keinen Hass, keine Furcht im Gesicht dieses Mannes. Er entdeckte kein einziges GefĂŒhl im Antlitz dieses Mannes und wohl auch deswegen fĂŒhlte er selbst nichts. Sie waren nichts weiter als zwei MĂ€nner in einem schmucklosen Raum, die einzige Verbindung zwischen ihnen war die Zellenluft.
Wenn es etwas zu essen gab, lag es an Schalom, das Gericht vorzukosten. Die Mahlzeit wurde immer in Schalen mit verriegeltem Deckel geliefert, die Schalom vorsichtig öffnete. Von jeder Speise kostete zuerst Schalom, dann erst der Gefangene. Man war also bereit, Schaloms Tod durch Vergiftung in Kauf zu nehmen, um das Leben des großen Verbrechers zu schĂŒtzen. Aber auch dieses Leben wurde nur geschĂŒtzt, um es zum festgelegten Zeitpunkt töten zu können.

*

Im Internet finden sich einige Videos, die zeigen, wie Saddam Hussein gehĂ€ngt wird. Man sieht einen alten, bĂ€rtigen und gebrochen wirkenden Mann. Er trĂ€gt einen schwarzen Mantel, seine HĂ€nde sind hinter dem RĂŒcken zusammengebunden. Er wird von mehreren, meist beleibten MĂ€nnern umringt und dirigiert. Die MĂ€nner sind alle in Zivil gekleidet, sie tragen Lederjacken und schwarze Sturmhauben, die Augen- und Mundpartie sind frei. Sie wirken in ihrer Aufmachung nicht wie die Beamten eines Staatsapparates, sondern wie die Handlanger eines Mafiapaten.
Auch der Raum hat wenig Staatstragendes. Fensterlos, komplett zubetoniert, im Hintergrund erkennt man eine Art TreppengelĂ€nder, im Vordergrund schwenkt die Kamera nur fĂŒr einen kurzen Moment auf den eigentlichen Galgen, der dreckig und abgenutzt wirkt. Einer der Henker legt dem ehemaligen StaatsprĂ€sidenten und Premierminister ein schwarzes Tuch um den Hals, anschließend fĂŒhrt er ihn mit einem Kollegen zur FalltĂŒr. Gemeinsam legen die beiden MĂ€nner die Schlinge um den Hals des Diktators. Dieser wirkt ungewöhnlich passiv, fast schon einsichtig.
Der eigentliche Akt des HĂ€ngens wird nicht gezeigt. Man fragt sich: Warum? Sollte dem ehemaligen Tyrannen im Moment der Erniedrigung ein letzter Rest an WĂŒrde gewĂ€hrt werden? FĂŒrchtete man, die Bilder seines Todes wĂŒrden zu grausam? Wollte man eventuell den Jubel und das Klatschen der Henker nicht zeigen?

Letztendlich spielt es keine Rolle. Dieses Video, Àhnlich wie das Video von der Hinrichtung Ceausescus und seiner Frau, sind von einer Schlichtheit und BanalitÀt, dass man wohl kaum von einer Sternstunde der Menschheit sprechen kann.

*

Es kam der eigentliche Tag. Es war gegen neun Uhr am Abend im GefĂ€ngnis von Ramle bei Tel Aviv. Schalom hatte den ganzen Tag nichts essen können. Wie im Fieber hatte er Wasser getrunken, stĂ€ndig Schweißperlen auf der Stirn, hoffend, dass alles bald vorĂŒber sei.
Als der deutsche Pfarrer zur TĂŒr herein kam und in die Zelle des HĂ€ftlings gefĂŒhrt wurde, war es fĂŒr Schalom das Signal, sich fertig zu machen. Er ging in den Vorbereitungsraum und holte die Flasche Wein, die der Gefangene sich gewĂŒnscht hatte. Nichts zu essen, aber ein guter Rotwein sollte es sein. Ein anderer WĂ€rter kam, nahm Schalom die Flasche ab, fĂŒllte den Wein in ein Glas und brachte es dem HĂ€ftling. Danach betrat Schalom mit dem GefĂ€ngnisdirektor den Raum mit dem Galgen. Die erste und letzte Hinrichtung in der Geschichte Israels stand bevor, und hier, in diesem schmucklosen Raum, wĂŒrde sie stattfinden. Und er, Schalom, der 24-jĂ€hrige Jemenit, wĂŒrde sie durchfĂŒhren.

Er sah sich den Galgen an. Sie hatten ihn nach Vorgaben aus einem englischen Buch gebaut. Peinlich genau hatten sie auf jedes Detail geachtet. Von der FalltĂŒr bis zur Schlinge, alles sah so aus wie auf den Bildern und Fotos in dem Buch. Doch die Perfektion im Detail konnte nicht darĂŒber hinweg tĂ€uschen: sie waren Dilettanten, Amateure. Sie hatten keine Ahnung, wie man jemanden hinrichtete.

Es kam der HĂ€ftling. Er wurde von zwei WĂ€rtern hereingefĂŒhrt, einer an jeder Seite. Hinter ihnen der Pfarrer, mit steinerner Miene. Der Gefangene wirkte gefasst, nahezu gelöst, es war nicht klar, ob es am Wein lag. Schalom machte einen Schritt nach vorne, hob die Augenbinde hoch, doch der Gefangene wehrte ab.
„Nicht nötig“, sagte er klar und deutlich.
Schalom versuchte, sein Entsetzen darĂŒber zu unterdrĂŒcken. Er hatte Angst vor den Augen des HĂ€ftlings, panische Angst. Er fĂŒrchtete, dass der letzte Blick des HĂ€ftlings ihn bis ins Mark durchdringen und dort haften bleiben wĂŒrde. Er hatte sich vorher Mut gemacht, er hatte sich gedacht, dass alles einfacher werden wĂŒrde, sobald der Gefangene die Augenbinde trug. Und nun lehnte er sie ab, mit klarer Stimme und einem kalten Blick.

Schalom fĂŒhrte den Gefangenen zum Galgen, legte ihm vorsichtig die Schlinge um den Hals. Er trat einen Schritt zurĂŒck, ebenso die beiden WĂ€rter und der Pfarrer. Der GefĂ€ngnisdirektor kam herein und verlas noch einmal das Urteil. Schließlich fragte er den HĂ€ftling nach letzten Worten. Der Gefangene rĂ€usperte sich.
„Es lebe Deutschland, Argentinien und Österreich“, begann er. Er schaute zuerst Schalom in die Augen, dann den anderen MĂ€nnern.
„Meine Herren, schon bald werden wir uns wiedersehen.“

Schalom fĂŒhlte einen Schlag in der Herzgegend.

Die beiden WĂ€rter, der Pfarrer und der GefĂ€ngnisdirektor verließen den Raum und gingen in den angrenzenden Zuschauerraum, von dem aus man die Hinrichtung durch ein Fenster beobachten konnte.

Schalom ging zum Tisch mit dem Knopf und schob den Vorhang vor. Er zitterte, als er den Knopf drĂŒckte.

Schalom hörte die FalltĂŒr. Er hörte einen letzten Atemstoß.

Dann spĂŒrte er nichts mehr und ihm wurde schwarz vor Augen.




Version vom 01. 08. 2019 09:59

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ThomasStefan
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

Werke: 20
Kommentare: 81
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um ThomasStefan eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo!
Danke fĂŒr deinen interessanten Text und den Mut, dieses Thema anzufassen. Es hat mich an einen eigenen Text ĂŒber Hinrichtungen erinnert, den ich (bisher) nicht veröffentlicht habe.
NatĂŒrlich ist bei mir sofort der Name Eichmann prĂ€sent. Es lohnt, darĂŒber nachzuforschen und erneut zu lesen.

ZunÀchst einige textliche Anmerkungen:
Im dritten Abschnitt hast du in drei SĂ€tzen nacheinander „saß“ benutzt. Das wĂŒrde ich verbessern. Zum Schluß verwendest du mehrfach nacheinander „dann“, auch das finde ich unschön. Kleinigkeiten.

In deinem Text wechselst du zwischen der Geschichte des Henkers Schalom und sachlichen EinschĂŒben ĂŒber Erkenntnisse und Forschungen zum Vorgang des ErhĂ€ngens. SpĂ€ter ziehst du Videos ĂŒber die Hinrichtungen von Saddam und den Ceausescus zum Vergleich heran. Du hast dich dazu hinreißen lassen, diesen Sachabschnitten eine Wertung durch deinen ErzĂ€hler hinzufĂŒgen zu lassen:
„Nur wĂ€re der Blick auf die Todesstrafe wohl ein anderer“
„
dass man wohl kaum von einer Sternstunde der Menschheit sprechen kann
“
Diese Urteile wĂŒrde ich dem Leser ĂŒberlassen. Andererseits beschreibst du ganz richtig die ihn hin und her reißenden Emotionen von Schalom, da passt es.
Fast alle wĂŒnschten dem TĂ€ter den Tod, aber einer musste letztlich Hand an diesen legen, und man hat den Eindruck, als wenn das Böse ihn in diesem Moment beschmutzt hĂ€tte. Schalom hat wohl lange Zeit unter einem Trauma gelitten.
Nochmals Dank und beste GrĂŒĂŸe! Tom

Bearbeiten/Löschen    


MicM
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jan 2019

Werke: 15
Kommentare: 84
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um MicM eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo CPMan,

Ich finde ich diesen Text – leider! (weil ich viele deiner ErzĂ€hlungen sehr mag) – nicht gut. Und zwar vor allem deswegen, weil der Text u.a. die historische Person Eichmann „instrumentalisiert“.

Ich vermute mal, dass du auch den Ingeborg Bachmann Preis verfolgt hast und möglicherweise die kontroverse Diskussion zu dem Text von Martin Beyer kennst. Er hat einen Text u.a. ĂŒber die Hinrichtung der Mitglieder der weißen Rose aus der Perspektive eines naiven Henkersgehilfen verfasst. Kritisiert wurde er insbesondere dafĂŒr, dass er die weiße Rose nur als „Staffage„ benutzt, um seinem Text Kraft zu verleihen.

Ähnlich problematisch finde ich deinen Text. WĂŒrde man die ganzen historischen Namen (Saddam Hussein, Ceausescu) und den indirekt angesprochenen Eichmannprozess durch die Herren A, B und C ersetzen, bliebe ein nur mĂ€ĂŸig interessanter Text ĂŒber das ErhĂ€ngen als Tötungsform. D.h. der Text „profitiert“ von der Nennung dieser Namen. Gleichzeitig erfolgt aber keinerlei Auseinandersetzung mit diesen Namen, ihren Taten oder der historischen Relevanz. Zum Ende des Textes wird ein Eichmann-Zitat in aus meiner Sicht nahezu heroischer Weise aufgegriffen. Das halte ich fĂŒr sehr, sehr problematisch. Ich kann darin auch leider keinen diskursiven Ansatz erkennen.

Du hast in deinem Kommentar geschrieben, dass du auch den „Henker als Opfer“ darstellen wolltest. Das ist sicherlich ein zulĂ€ssiges und interessantes Motiv. DafĂŒr ist es allerdings nicht nötig, dass der Hingerichtete die historische Person Eichmann ist. Gerade das finde ich sehr problematisch.

Auf bald,
MicM

Bearbeiten/Löschen    


Arno Abendschön
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2010

Werke: 311
Kommentare: 1363
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Arno Abendschön eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Lieber CPMan,

in der Tat ist allgemein die belletristische Verwurstung von historischen Ereignissen recht problematisch - ob auch in deinem Text, dazu spĂ€ter mehr. Ich erinnere ich an einen langen erzĂ€hlenden Text eines von mir wegen seines großen Talents sehr geschĂ€tzten Autors. Da gab es nach langer furioser OuvertĂŒre, die ich bewundernswert fand, einen im Kessel von Stalingrad spielenden Mittelteil. Und hier ließ der Autor seiner Sprachartistik, seiner Phantasie die ZĂŒgel schießen und heraus kam etwas, das sich wie literarischer Tarantino las: geistreich bis zur Witzigkeit und fĂŒr mich dem realen Geschehen ganz unangemessen. Ich will damit sagen: Nimmt der Autor deutlichen Bezug auf eine historische dĂŒstere Episode, steht er sogleich in der Gefahr, diese gerade durch sein eigenes Können in den Schatten zu stellen, sie damit zu verfĂ€lschen und, was das Schlimmste ist, sie in ihrer tragischen WĂŒrde zu beschĂ€digen. Das uns als authentisch Überlieferte von außerordentlicher Bedeutung wie z.B. die Schlacht von Stalingrad oder der Eichmann-Prozess und die Hinrichtung des Verurteilten erfordert, wenn man respektvoll und nicht instrumentalisierend damit umgehen will, Behutsamkeit und NĂ€he zu den Quellen.

Bei deinem Text habe ich nun den Eindruck, dass diese Kriterien durchaus berĂŒcksichtigt sind. Ich sah seinerzeit eine Reihe von Verhandlungssequenzen des Eichmann-Prozesses im Fernsehen und, ja, der Eichmann auf dem Bildschirm und der im Text hier haben dieselbe Ausstrahlung, dasselbe Auftreten. Die Quellen bezĂŒglich des jungen Vollstreckers kann und will ich jetzt nicht nĂ€her prĂŒfen. Ich verlasse mich insofern darauf, dass nichts willkĂŒrlich AusschmĂŒckendes in den Text hineingeraten ist. Nur eine Frage in diesem Zusammenhang: Ist auch die Sache mit der verfĂ€lschten Losentscheidung authentisch?

Ich teile MicMs Auffassung nicht, wonach der Israel-und-Eichmann-Bezug fĂŒr das Thema " Der Verurteilte und sein Henker" entbehrlich sei. Gerade die von dir dargestellten Details verstĂ€rken die Dramatik des Stoffs (einzige Exekution ĂŒberhaupt, Zusammensetzung des Wachpersonals).

Wenn ich ĂŒberhaupt etwas kritisch sehe, dann ist es das quantitative VerhĂ€ltnis der allgemein belehrenden EinschĂŒbe zur Haupthandlung. Jene ersteren finde ich zwar an sich durchaus akzeptabel, sie dĂŒrften aber keinesfalls noch lĂ€nger sein. Persönlich hĂ€tte ich sie knapper gehalten.

Freundliche GrĂŒĂŸe
Arno Abendschön

Bearbeiten/Löschen    


5 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung