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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Die Hoffnung in der Evolution
Eingestellt am 08. 11. 2009 12:44


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Herbert Schmelz
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DIE HOFFNUNG IN DER EVOLUTION

EINE POLEMIK

Das weit verbreitete Missverständnis, die Menschengattung nur im Zusammenhang mit Selektion, Mutation und Anpassung zu sehen, führt zu einer pessimistischen Sicht des Evolutionsgeschehens. Die Bedürfnisse und Werke der Menschen werden ausgeblendet oder vorschnell abgehakt. Gerade die Bedürfnisse wie auch die Methoden ihrer Befriedigung und Versagung gelten als natürlich gegeben. Ideen, Gefühle, erzeugte Objekte sehen aus wie eine undurchsichtige Laune der Natur. Findet das Streben nach Glück, Freiheit, Frieden überhaupt einen konkreten Sinn? Sind Aggression, Krieg, Vernichtung nur Erfüllungsgehilfen der Evolution?

Solche Fragen zielen auf den lebensnotwendigen Gebrauch der Vernunft. Aber ebenso kann die Möglichkeit einer nihilistischen Religion in uns erwogen werden. Eine solche Religion würde moralisches Empfinden von der Art einer Sklavenmoral hervorrufen. Nach dieser Konzeption der Natur ist das menschliche Wesen bloßes Objekt und Werkzeug mysteriöser Gesetzmäßigkeiten. Selbst der andere Mensch ist für den Menschen nur ein instrumentalisierbares, manipulierbares Wesen.

Dagegen kann die Menschengattung und deren Individuen maßvoll optimistisch betrachtet werden. Die kritische Vernunft sorgt für den klaren Blick auf zerstörerische, lebensfeindliche Kräfte. Aus dieser Sicht ist der homo sapiens kein starres Resultat der Naturentwicklung, vielleicht ihre wichtigste Kraft. Die assoziierten Menschen suchen diese Vermutung durch ihr praktisches Handeln zu beweisen. Dies gilt ihnen als eigen verantwortlich und sie stützen es auf einen kombinierten körperlichen, seelischen, kognitiven Apparat – längst nicht voll erforscht.

DER ERNIEDRIGTE SCHĂ–PFER DER KULTUR


Charles R. Darwin (1809 – 1882) nahm als bekennender Humanist gegen Erniedrigung und Instrumentalisierung der menschlichen Kreatur Stellung:
„Häufig wird versucht, die Sklaverei zu beschönigen, indem man die Lage der Sklaven mit der unserer ärmeren Landsleute vergleicht: Wenn das Elend unserer Armen nicht durch die Gesetze der Natur, sondern durch unsere Gewohnheiten verursacht wird, ist unsere Sünde groß; wie sich das jedoch auf die Sklaverei bezieht, vermag ich nicht zu erkennen; ebenso könnte man den Gebrauch der Daumenschrauben in einem Land verteidigen, indem man zeigt, dass die Menschen in einem anderen an einer schlimmen Krankheit leiden. Diejenigen, die dem Sklavenhalter mit Nachsicht begegnen und dem Sklaven mit kaltem Herzen, scheinen sich nie in die Lage Letzterer zu versetzen – welch freudlose Aussicht, und ohne jede Hoffnung auf Veränderung! Man male sich den Fall aus, der einen stets bedroht, dass einem Frau und kleine Kinder – jene Objekte, welche die Natur selbst den Sklaven drängt, sein Eigen zu nennen- entrissen und wie Tiere an den nächst besten Bieter verkauft werden! Und diese Taten werden von Menschen begangen und beschönigt, die vorgeben, ihren Nächsten wie sich selbst zu lieben, die an Gott glauben und beten, dass sein Wille auf Erden geschehe! Es bringt das Blut in Wallung und lässt doch das Herz erheben, dass wir Engländer und unsere amerikanischen Abkömmlinge mit ihrem prahlerischen Freiheitsgeschrei dessen schuldig waren und sind:…° (1)

Darwins Schriften bilden bis heute eine Schatztruhe, aus der die geistige Auseinandersetzung wertvolle Anregungen leihen kann. Seine Studien zum ‚Ausdruck der Gemütsbewegungen bei den Menschen und den Tieren’ beleuchten beispielsweise die Liebe. Er zählt die Gemütserregung der Liebe vor der Psychoanalyse zu einer der stärksten Aktivitäten der menschlichen Seele. Das von der Natur verfügte Bedürfnis nach Vereinigung wird durch seelische Kräfte geformt, bereichert, fortentwickelt. Daraus kann sich seit unseren ‚Urerzeugern’ eine subtile und reichhaltige Kulturgeschichte der Liebe entwickeln. Umfassend dokumentiert ist, dass die Liebe einen Differenzierungsprozess der Bedürfnisse und Gemütsbewegungen bewirkt hat, ohne ihren ursprünglichen Naturzweck zu vernachlässigen. Dagegen darf straflos nicht verstoßen werden. Psychische Erkrankung und organisierter Massenwahn sind warnende Beispiele. Wir wissen also schon länger, dass Zuneigung, Sympathie, zärtliche und Vergnügen bereitende Empfindungen in dieser Kulturgeschichte zur Sprache kommen. Ihre Wirkungen in Gesellschaft und Politik sind weitgehend bekannt.

Die Natur ist Urheber der Liebe nur in Verbindung mit der Seelentätigkeit. Dürfen wir aber deswegen annehmen, dass Küssen direkt auf das Muster der Natur zurückgeht? Das sei eindeutig nicht der Fall, sagt Darwin. Er urteilt: Küssen ist zweifellos als Zeichen lustvoller Annäherung, als Sympathiebeweis und Gewohnheit eine Form der Liebe neben anderen Varianten – also in nicht wenigen Gebieten der Erde gänzlich unbekannt, weil dort die kulturelle Ausprägung der Liebe einen anderen Verlauf genommen hat. Diese Entwicklungsbesonderheit ändert nichts an der großen, bereichernden Kraft des Lebens, die wir Liebe nennen.

Meine Polemik ist positiv zu wenden. Denn der schwächer wirkende Naturzwang eröffnet die Möglichkeit einer freieren Entwicklung. Diese beinhaltet den Großversuch einer ‚Moralisierung der Natur’, der immer wieder Rückschläge erleidet. Das wirft die Frage nach kollektiver Lernfähigkeit auf, die nur durch eine bessere Praxis bewiesen werden kann. Die ‚Moralisierung der Natur’, das wusste Charles Darwin schon, erlaubt und verzeiht nicht die falsche Sicherheit, mit der das Versprechen einer geradlinigen humanen Entwicklung oft genug garantiert und gebrochen wurde. So hat die bürgerliche Gesellschaft in ihrer frühen Kindheit der Sklaverei ihren unversöhnlichen Kampf angesagt , die große Idee der Menschenwürde und der Menschenrechte in den Köpfen und der Gesellschaft verankert – bekanntlich nicht immer ohne Blutvergießen. Und wenn sich die Opfer der heutigen Sklaverei und Menschenrechtsverstöße nur schwer zählen lassen, so bleibt unsre Hoffnung auf grundsätzliche Veränderung doch bestehen. Wir gehen davon aus, dass in der modernen Welt der Schoß fruchtbar ist für Gefährdungen ebenso wie für Verbesserungen des menschlichen Daseins.

DIE ZUKUNFT DER MENSCHLICHEN NATUR

Jürgen Habermas reflektiert an dieser Bruchstelle eines Perspektivenwechsels die ‚Zukunft der menschlichen Natur’. Fortschritte der Genforschung und Bio-Technologie erzwingen die Auseinandersetzung mit Fragen der menschlichen Natur und Identität. Angesichts errichteter Tabuschranken und gesetzlicher Verbote des technischen Eingreifens in die Keimbahn , des Klonens von menschlichen Organismen, der Präimplantationsdiagnostik (PID), der verbrauchenden Embryonenforschung zeigt uns zunächst die Erfahrung, dass alle Versuche, den technischen und wissenschaftlichen Fortschritt aufzuhalten, vergeblich unternommen wurden. Dann aber auch, dass interessierte, rückwärts gewandte Ideologien am Werk sind und es ebenso nicht vermochten, den Reiz des Versprechens auf Produktivitätsfortschritte und Wohlstand, die Aussicht auf mehr individuelle Freiheit und Gesundheit auszulöschen.

Habermas spricht von einer ‚fragwürdigen Resakralisierung’ der menschlichen Natur und von einem ‚dumpfen antimodernistischen Widerstand’. Dennoch sieht er die Gefahr der ‚Selbstinstrumentalisierung’ und mahnt zu ‚Vorsicht’ und ‚Enthaltsamkeit’, wo Freiheit, Menschenwürde und Gleichheit durch die moderne Wissenschaft und Technik bedroht sein könnten. Als wir im Verlauf unsrer Geschichte unser Leben und das politische Gemeinwesen auf ‚Prämissen der Vernunftmoral und der Menschenrechte umgestellt’ haben, weil wir auf diese Weise ein ‚menschenwürdiges Dasein über weltanschauliche Differenzen hinweg’ für realisierbar hielten, wurden damit die Maßstäbe für Urteilsbildung und für den affektiven Widerstand gegen eine befürchtete Veränderung der Gattungsidentität geschmiedet.

Diese Maßstäbe stehen uns für eine Legitimitätsprüfung zur Verfügung. Es ist also neben der Rücksichtnahme auf die geplanten Risiken, welche die autonome Lebensplanung der Individuen und großer Teile der Menschengattung bedrohen können, durchaus die Hoffnung lebendig , ja auch die Überzeugung des Autors dieser Polemik herauszustellen, dass der Mensch als vorläufiges Resultat der Evolution nunmehr in der Lage ist, ein besseres Leben zu erschaffen.(2)

WACHSENDER KONSUM VIRTUELLER WIRKLICHKEIT

Wolfgang Bergmann und Gerald Hüther untersuchten die ‚Computersucht’ und ihre Hintergründe. Es geht mir an dieser Stelle nur darum, eine Vorstellung davon zu gewinnen, weshalb das Gehirn von Natur aus nicht so ist wie es sich den wissenschaftlichen Verfahren in einem bestimmten Zeitpunkt darbietet. Denn nach Erkenntnissen der Hirnforschung wird unser neuronales Steuerungszentrum erst durch die Art und Weise seiner Benutzung in seine natürliche Funktionsweise eingesetzt. Mit welchen wahrscheinlichen Folgen für Fähigkeiten und Verhalten der heranwachsenden Generationen ist aufgrund wachsenden Konsums von Bildschirmwirklichkeit zu rechnen? Bild gebende Verfahren der Hirnforschung haben brauchbare Erkenntnisse zu Tage gefördert.

Kontinuierliche und intensive Nutzung der ‚Bildschirmmedien’ Internet, Spiele, TV bilden im Gehirn ein neuronales Verschaltungsnetz heraus. Dies erlaubt dem Subjekt, an eigentümlichen Erlebnis- und Kommunikationswelten teilzunehmen. Beim PC-Spiel werden die neuronalen Netze in schnellen Reaktionen geübt. Bei der TV-Nutzung wird eher eine passiv duldende, autoritäre Grundeinstellung geübt. Grob gesagt, sind in diesen dynamischen, scheinbar sich selbst generierenden ‚Welten’ die Grenzen von Raum, Zeit und Körperlichkeit in hohem Maße aufgelöst.

Ein wirkliches Begreifen, was in stundenlanger, täglich wiederholter Selbstvergessenheit der Wahrnehmung angeboten wird, ist nur mit großer Anstrengung aus der Distanz möglich. Der erste springende Punkt ist daher, dass die betroffene Person (Kind, Jugendlicher, Erwachsener) Erfahrungen und Anforderungen in der virtuellen Welt vergleichen und bewerten muss mit denen der wirklichen Welt. In dieser lebt sie ja, wenn und solange Bildschirmereignisse nicht ihre Aufmerksamkeit fesseln. Am Verschaltungsnetz oder dem ‚kognitiven Apparat’, wie die Hirnforscher die Sache nennen, arbeiten aber beide Wirklichkeiten und hinterlassen ihre Spuren.

Bezüglich der Herausbildung des Selbstbewusstseins (ICH) spielen frühe Lernprozesse eine wichtige Rolle. Zum Beispiel die Bildung der Fähigkeiten, aufrecht zu gehen, zu sprechen, zu verstehen, zu kommunizieren, an veränderte Zustände sich zu gewöhnen, in Zusammenhängen und Kausalitäten zu denken, Kulturtechniken in sich aufzunehmen und sinnvoll anzuwenden, die Tatsache der Gemeinschaft in Rechnung zu stellen und jeden anderen Menschen aus kulturellen Erfordernissen als im Kern gleiches Wesen anzuerkennen.

Von Natur aus hat hier die virtuelle Welt des Computers und Bildschirms schlechte Karten, denn sie kann den Lernprozess der Erarbeitung eines angemessenen Selbstbewusstseins, eines regulierenden Ichs nur als abgeschwächte Ersatzveranstaltung zulassen und menschliche Bedürfnisse nur fiktiv, scheinbar befriedigen. Aber im Verhältnis zu den vielen Erschwernissen in der realen Welt wird überwiegend die fiktive Bedürfnisbefriedigung als einfacher, leichter, lustvoller empfunden. Dies ist der zweite springende Punkt.

Das Resultat ist natürlich ein aufgeblähtes, fiktives und schwaches Ich, das beim Kontakt mit der Wirklichkeit der Gesellschaft stark verunsichert ist. Bekannt sind in diesem Zuge die überdurchschnittlich geminderten Schulerfolge, die Übergewichtigkeit und Krankheitsneigung, das reduzierte Sprachverhalten der Bildschirm-Kids und ihre risikobereite Moral, der realen Gesellschaft eins auszuwischen.(3)

Diese Veränderungen in den neuronalen Netzwerken des Gehirns mit den entsprechenden Verhaltensfolgen müssen genauso beachtet und zweckmäßig bearbeitet werden wie die Tatsache, dass Rechner und Bildschirm unverzichtbare Arbeits- und Lerninstrumente sind, deren angemessener Gebrauch Erleichterung und die Möglichkeit einer Ausweitung von Freiheitsspielräumen verschafft. Alles Aufgaben des global operierenden Kulturunternehmens.

TROTZ ALLEDEM - HOFFNUNGSELEMENT KULTURLEBEN

Evolution ist gleichzeitiger Entwicklungsprozess der gegebenen stofflichen Naturstrukturen und der vom Menschen geformten Tatsachen. So sind die Extremitäten und andere Körperorgane die ersten naturhaften Arbeitsinstrumente. Die modernste Maschine stellt eine ungeheure Potenzierung der natürlichen und naturnahen Instrumente dar. Gefahren und Risiken sind ernsthaft nicht zu leugnen.

Aber der Ausdruck kulturelle Evolution bezeichnet einen überwiegend fruchtbaren Entwicklungsabschnitt in der Geschichte der Menschengattung. Das Problem der 'Moralisierung der Natur' musste durch harte Arbeit erst erkannt, dann verankert werden. Demgemäß sind die moralischen und sozialen Standards Leistungen der kulturellen Evolution. Hinter die zurückzufallen, war stets eine Katastrophe. Heute kann und darf die Gesellschaft nicht mehr auf unerforschliche Ratschlüsse verpflichtet werden. Auch Vertreter der Religion bezeugen der Evolution inzwischen ihren Respekt, indem sie offen von ihrer 'segensreichen' Qualität sprechen.

Die entscheidende politische Frage aber bleibt: Geschehen die unvermeidlichen Eingriffe in die natürlichen Grundlagen unsres Lebens auf dem Wege demokratischer Konsensbildung oder als Willkürmaßnahmen bestimmter bornierter Interessen? Können wir uns demgemäß als gleiche und autonom handelnde menschliche Lebewesen gegenübertreten? Die Geschichte ist reizvoll genug und nicht an einem langweiligen Ende angelangt. Denn ob die vor unseren Augen sich abspielende Vergeistigung hirnloser Materie mit einer Verdummung geistiger Potenzen der Menschengattung einhergeht, liegt heute mehr denn je in der Hand der Menschen selbst.

Die Evolution des Menschen sei beendet, meint nur die Einsicht in ihren relativen Charakter. In dieser Hinsicht ist der Schwerpunkt aller Bemühungen, herauszufinden, wie die kulturelle Evolution als differenzierende Kraft gegenüber und in der allgemeinen Naturentwicklung sich verhält. Da die Kultur aber auch zu unangemessener Unterdrückung menschlicher Bedürfnisse fähig ist, muss mit unliebsamen Aggressionsakten gerechnet werden. Grenzen der natürlichen Evolution liegen mit den Problemen des Klimas, des Energievorrats, des Alterns, der Bildung, der Organisation der Arbeit u.s.w. offen zu Tage –keineswegs jedoch in dem harmlosen Sinne, dass sie ihre Kinder entlässt (wohin?). Die Kinder selbst gestalten hoffentlich ihre Zukunft als bessere Menschheitszukunft und nicht im gedankenlosen Wahn auf rosige Zeiten.


(1)CHARLES DARWIN Die Fahrt der Beagle
Mit einer Einleitung von Daniel Kehlmann
(2)JĂśRGEN HABERMAS Die Zukunft der menschlichen Natur.
Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik?
(3)WOLFGANG BERGMANN/GERALD HĂśTHER ComputersĂĽchtige
Kinder im Sog der modernen Medien

__________________
Ernst H.Stiebeling,EHS

Version vom 08. 11. 2009 12:44
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jon
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Es fällt mir schwer, Ihre Texte zu lesen, selbst wenn ich mir deutlich mehr Zeit nehme, als zum Überfliegen nötig ist. Beim "Kulturpreis" dachte ich noch, es läge am Thema, aber da mir das auch hier passiert, liegt es wohl doch eher an Ihrem Schreibstil. Er klingt recht traditionell-akademisch, steckt voller Sätze, die man studieren muss, statt sie einfach nur lesen zu können. Dazu noch der sehr sparsame Einsatz von Absätzen … Gerade nach sehr dicht gepackten Sätzen und Satzgruppen würden Absätze dem Leser eine Art Pause einräumen, in der das Gelesene verarbeitet und verstanden werden kann.

Eine typische Passage, die ich förmlich vom Podium in die Symposiumszuhörerschaft klingen höre, ist:

quote:
Meine Polemik gegen ein oberflächlich nachlässiges Auffassen der Evolution stützt sich auf die Darwinsche Einsicht, dass jede Erniedrigung menschlicher Wesen vor allem Ergebnis eines Machwerks ist, welches unter Bedingungen des kulturellen , zivilisatorischen Fortschritts durch abnehmende Bindungen an Naturzwänge wirkt. Aus der Möglichkeit eines freieren, weniger unmittelbar der Natur verhafteten Akteurs und Autors seiner Geschichte kann somit das in Gesellschaft lebende menschliche Naturwesen eine optimistische Grundstimmung erzeugen.

Sicher: Die Sätze sind nicht falsch, nicht (zu) verschachtelt (nur Ketten, was im Prinzip ja leichter lesbar ist; man wird nur so schnell "atemlos" dabei) und auch Fremdworte sind nicht das Problem. Vielleicht sind es zu lange Sinneinheiten (“welches unter Bedingungen des kulturellen , zivilisatorischen Fortschritts durch abnehmende Bindungen an Naturzwänge wirkt.“) – das fordert viel Konzentration. Das kann kann man einmal machen, aber sätzelang schlaucht das ganz schön.

Wenn ich genauer duchgehe, finde ich einige Dinge, die in Schreibschulen als "Bäh-Stil" verdammt werden.
Für den "akademischen Stil" typisches Beispiel: Üppige Attribut-Beigaben. Sie sollen für Präzision sorgen (was ja nicht verkehrt is), aber wenn man nahezu jedes Substantiv (oder sogar Verb) präzisiert, muss der Leser sich so konzentrieren, ja die ganz exakte Bedeutung im Kopf zu behalten, dass es echt anstregend wird. Es entstehen lauter "Kernsätze" – das zehrt.
Oder Substantivitis: Die bekannten Rückschläge in der Geschichte sind auf diesem Hintergrund in keinem Falle zu ignorieren statt „Man darf deshalb die Rückschläge nicht ignorieren".

Nun sind Faustregeln keine Gesetze, sie sind manchmal auch etwas zu simpel, und Schreibschulen meinen in der Regel belletristische Texte. Trotzdem schadet es meist nicht, auch "gehaltvolle Texte" etwas "lockerer" zu machen; ein akademischer Text darf durchaus leicht lesbar sein (um nicht zu sagen: Spaß machen). Akademiker wissen das sicher zu schätzen, von "Normal-Lesern" ganz schweigen.

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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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Herbert Schmelz
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Die Hoffnung in der Evolution

Liebe jon,
ich hatte vage im Gedächtnis, dass ich mich für Ihre treffende, konstruktive Kritik an meinem Schreibstil bedankt und Besserung versprochen habe. Im Zusammenhang mit meiner Polemik zu einem bestimmten Verständnis der Evolution, das Kultur, Moral, Politik, Bedürfnise... einfach ausklammert, habe ich das wohl versäumt. Mir liegt tatsächlich daran, leichter lesbare Texte zu produzieren. Würde mir das allmählich gelingen, würden ja nicht so leicht die beabsichtigten Effekte und Impulse für den Leser verloren gehen. Mir ist also schon klar, das ich beim Schreiben auch Verantwortung übernehme.
Nach zahlreichen Veränderungen des Textes Die Hoffnung in der Evolution möchte ich allerdings daran schreibstilmäßig nicht mehr feilen. Wenn die Absicht deutlich wird, dass die naturwissenschaftliche Sicht auf den Evolutionsprozess nicht
hinreicht, um Entwicklungen der Menscheitsgeschichte auch mit einem Schuss Optimismus zu verstehen, dann war's das für's Erste. Das Thema kulturelle Evolution und vor allem die Moralisierung der Natur wird mich in verschiedenen Zusammenhängen und aus unterschiedlichen Anlässen weiter beschäftigen - hoffentlich stets an einen lesbareren Schreibstil denkend. Mit freundlichem Gruß Herbert Schmelz
__________________
Ernst H.Stiebeling,EHS

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