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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Insel der Dawoda
Eingestellt am 09. 03. 2013 23:25


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Rainer Lieser
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Die Insel der Dawoda

Der StammesĂ€lteste hockte im Gras und sah den Jungen an seiner Seite nicht an. Die Augen des Alten blickten tief in den Wald. Die paar Spinnen, die er gegessen hatte lagen ihm schwer im Magen. Er fĂŒhlte sich alt und schwach, weil er alt und schwach war. Die Erinnerung an den heldenhaften HĂ€uptling verblasste inzwischen selbst vor seinen eigenen Augen. Die Frage, ob es besser gewesen wĂ€re einen Nachfolger heranzuziehen, ging ihm immer öfter durch den Kopf. Doch es hatte nie einen gegeben, dem er diese Rolle hĂ€tte anvertrauen wollen. Alle möglichen AnwĂ€rter waren einzig auf den eigenen Vorteil bedacht gewesen. Keinem war etwas an dem Gemeinwohl gelegen. Keiner hatte einen Blick fĂŒr die Zukunft. Diesen Emporkömlingen hatte er sein Volk nicht anvertrauen wollen. Nicht anvertrauen können. Also war er der einzige HĂ€uptling der Dawoda geblieben. StammesgrĂŒnder, StammeshĂ€uptling und heute auch noch StammesĂ€ltester. Wobei der Titel des StammesĂ€ltesten der einzige war, den er sich nicht hatte erkĂ€mpfen und verteidigen mĂŒssen. Vielleicht war ihm dieser Titel deshalb so verhasst. War er am Ende selbst schuld daran, wie alles gekommen war?

Mit einem krĂ€ftigen Atemzug verwarf er die störenden Gedanken. Es galt eine Aufgabe zu erfĂŒllen. Eine Rolle zu spielen. SEINE heutige Rolle. Die Rolle, die es ihm fĂŒr ein paar wenige Stunden halbwegs ertrĂ€glich machte, der StammesĂ€lteste zu sein. Er musste nur noch etwas Kraft sammeln. Im nĂ€chsten Jahr wĂŒrde er an diesem Tag ein paar FrĂŒchte mitnehmen. Die dĂŒnnen Spinnen allein reichten offensichtlich nicht mehr aus, um seinen Körper mit der notwendigen Energie zu versorgen.

Der Kleine, dessen Name Anatol lautete, wartete angespannt auf das, was kommen wĂŒrde. Irgendwann musste schließlich irgendetwas geschehen. Alle Erwachsenen hatten ihm immer wieder erzĂ€hlt, dass dies einer der wichtigsten Tage in seinem gesamten Leben sein werde. Etwas mehr sollte der StammesĂ€lteste da schon tun, als einfach nur ins GrĂŒne zu starren.
Der Junge dachte kurz an FrĂ€ulein Gonzales. Sollte sie am Ende recht behalten – und das alles nichts weiter als Humbug sein, wie sie all den SchĂŒlern stets aufs Neue einzureden versuchte.
Aber da waren auch noch seine Eltern. FĂŒr sie wog das Wort des StammesĂ€ltesten hundertfach mehr, als das Wort eines anderen Stammesmitgliedes – und tausendfach mehr als das Wort von FrĂ€ulein Gonzales.
Anatol war absolut sicher, irgendetwas besonderes wĂŒrde heute noch geschehen.
Langsam erhob sich der rechte Arm des alten HĂ€uptlings und wies mit dem Zeigerfinger in die Luft. Der Junge sah ganz genau hin. Nun also ging es los.

»Was hörst Du, junger Dawotnik?« fragte der Alte, die Augen immer noch in die Ferne gerichtet.
Der Kleine sah den Mann verunsichert an. »Ich höre die GerĂ€usche der BĂ€ume, raschelndes Laub, zwitschernde Vögel, krabbelnde KĂ€fer  «
»Das ist gut« unterbrach der StammesÀlteste. »Doch hörst Du sonst nichts? Es gibt da noch vieles mehr.«
»Mehr? Was meint Ihr damit? NatĂŒrlich ist da noch Euere Stimme.«

Der StammesĂ€lteste lĂ€chelte kurz und stand anschließend mĂŒhsam auf. Seine Knochen bereiteten ihm schon seit langem große Schmerzen. Doch so schlimm wie heute, waren sie noch nie gewesen. Er musste inne halten. Die Anstrengung war zu groß. Wie er das Alter hasste. Dann schaffte er es schließlich doch, zu dem nur wenige Fuß entfernten Baumstamm zu gelangen. Dort lagen zwei Kokosnussschalen. Der StammesĂ€lteste nahm sie in die Hand. Dabei erkannte der Junge, dass die HĂ€lften ĂŒber einen dĂŒnnen Faden miteinander verbunden waren.

Mit zitternden Fingern stĂŒlpte der Alte die HĂ€lften ĂŒber die Ohren von Anatol. »Die Laute des Waldes und auch meine Stimme sollten nun deutlich leiser in Deinen Ohren klingen. Ist das so, junger Dawotnik?«
»Ja, so ist es« antwortete Anatol ehrfĂŒrchtig. Zum ersten Mal in seinem Leben trug er nun DIE Kokosnussschalen. Es gab keinen Zweifel mehr. Das war nun wirklich der wichtigste Tag in seinem gesamten Leben.
»Nun da die störenden GerĂ€usche weniger geworden sind, solltest Du ganz schwach eine Dir bisher unbekannte Stimme vernehmen. Vielleicht auch nur etwas, dass sich wie ein Summen in weiter Ferne anhört. Achte darauf. Das ist sehr wichtig. Hörst Du etwas, junger Dawotnik?« fragte der StammesĂ€lteste und drehte seinen Kopf zu dem Jungen, so das er ihm tief in die Augen blicken konnte. Diesen Teil mochte der alte Mann am liebsten. In diesem Augenblick verlor das Alter jeden Schrecken fĂŒr ihn. In diesem Augenblick war er wieder der junge, krĂ€ftige HĂ€uptling, der seinen Schutzbefohlenen den Weg aus der Verdammnis weist. Die Schmerzen waren weg. Seine Blicke drangen tief in das Innere des Jungen, dem der Schweiß auf die Stirn trat, so sehr strengte er sich an, um die neue Stimme oder zumindest ein zaghaftes Summen wahr zu nehmen. Ihm war bewusst, dass der Alte ihm die Kokosnussschalen wieder wegnehmen wĂŒrde, wenn er nicht die Antwort erhielt, auf die er wartete – und das durfte unter keinen UmstĂ€nden geschehen. Niemals! Anatol wollte nicht noch ein weiteres Jahr in der Schule vergeuden mĂŒssen. Schon gar nicht, als einer, der die PrĂŒfung nicht bestanden hatte. Was aber sollte er tun. Er konnte den StammesĂ€ltesten doch nicht anlĂŒgen. Eine LĂŒge wĂŒrde der doch sofort erkennen.

Der Alte sah, wie Anatol Höllenqualen durchlitt und genau so musste das auch sein. Gierig ergriff er eine Spinne, die ĂŒber den Boden krabbelte und schluckte sie schmatzend hinunter. Der Junge sah es. Sein Herz raste nun noch schneller. Die Ohren horchten nun noch tiefer. Er musste jetzt etwas sagen. Er schloss die Augen. Da durchfuhr es ihn, wie ein Blitzschlag. »Ich höre etwas. Es ist sehr leise. Aber es ist da. Was ist das?«

Der alte HĂ€uptling berĂŒhrte mit dem Zeigerfinger der rechten Hand zĂ€rtlich die Stirn des Jungen. »Das ist die Stimme Deines Inneren. Du bist nun kein Kind mehr. In Zukunft wird es Deine oberste Pflicht sein, diese Stimme in Deinem Kopf lauter werden zu lassen, auf das Du besser auf sie hören kannst. Das ist die heilige Aufgabe eines jeden Erwachsenen unseres Stammes. Du bist jetzt kein junger Dawotnik mehr, sondern ein erwachsener Dawoda. Du hast die PrĂŒfung bestanden. Gehe!«

Nachdem Anatol fort war, griff sich der Alte eine weitere Spinne und verspeiste sie. Ihm fiel auf, dass einige der Spinnen wĂŒrziger als andere schmeckten. Das war in den vergangenen Jahren nicht so gewesen, soweit er sich erinnern konnte. Auch gab es diesmal so viele Spinnen wie noch nie. Oder sollte das Alter seine Sinne derart trĂŒgen. Er setzte sich wieder in das Gras. Richtete den Blick tief in den Wald.

Anatol schickte den nĂ€chsten Jungen zu dem StammesĂ€ltesten. Anschließend hĂŒpfte der frisch gebackene Dawoda ĂŒberglĂŒcklich zurĂŒck in sein Dorf.
Mit spöttischem Blick lief er am Unterrichtsraum der zweiten Klasse vorbei. FrĂ€ulein Gonzales sprach wohl gerade ĂŒber die Grundlagen der Kernphysik, wie Anatol aus den Grafiken an den WĂ€nden schloß. Die beiden sahen sich fĂŒr einen kurzen Moment unmittelbar ins Gesicht. Da streckte er ihr die Zunge raus. Niemals wieder wĂŒrde er sich ihre dummen Worte anhören mĂŒssen. Die Worte einer Frau, die keine Kokosnussschalen auf den Ohren trug und nicht nur in der Nuklearbiologie eine absolute Null war. Wie so eine Frau hier Unterricht halten durfte, hatte Anatol nie verstanden.

FrĂ€ulein Gonzales spĂŒrte einen tiefen Schmerz in der Brust. Wieder hatte sie einen jungen Menschen an den alten Glauben verloren. Wieder zweifelte sie daran, ob es richtig gewesen war auf die Insel zu kommen. Einst hatte sie geglaubt hier VerĂ€nderungen durchsetzen zu können. Doch das Gesicht des jungen Anatol bewies gerade das Gegenteil. Sie durfte zwar die Kinder in den ersten 9 Lebensjahren unterrichten und ihnen von dem Leben in den großen StĂ€dten erzĂ€hlen, doch tatsĂ€chlich bewirkt, hatte sie damit bislang nichts. Keines der Kinder war von dem Stamm weggegangen, um den Menschen dort draussen bei der BewĂ€ltigung ihrer Probleme zu helfen.
Sie sah in die Gesichter der Kinder in dem Unterrichtsraum. Wenn sie doch nur EINES der Kinder davon ĂŒberzeugen könnte, hier weg zu gehen. Dieses eine schon wĂŒrde ausreichen, um die drohende Verelendung des grĂ¶ĂŸten Teils der menschlichen Rasse zu verhindern. Dessen war FrĂ€ulein Gonzales sicher. Sie drĂŒckte einen Knopf. Die Fenster verdunkelten sich. Knallbunte Videos wurden abgespielt. Aus den Lautsprechern an den WĂ€nden drangen Unmengen von Stimmen und GerĂ€uschen in die Ohren der Kinder.

Der StammesĂ€lteste wusste, dass FrĂ€ulein Gonzales auch an diesem Tag unbewusst fĂŒr ihn das Feld bestellte. In dem zwanghaften Wahn, ihm die Kinder entfremden zu mĂŒssen, trieb sie sie ihm regelrecht in die Arme.
Vor einigen Jahren hatten ein paar Stammesmitglieder begonnen, seine Entscheidungen in Frage zu stellen. Es war angeregt worden, zukĂŒnftig verstĂ€rkt Kontakt mit der Welt außerhalb der Insel aufzunehmen. Mit einer Welt von der man durch Besucher erfahren hatte. Der alte HĂ€uptling beschloss daraufhin eine Schule einzurichten, in welcher die Kinder der Dawoda von dieser fernen Welt mehr erfahren sollten. Man bat einen Besucher nach einem möglichen Lehrer oder einer Lehrerin Ausschau zu halten. Aus einer langen Reihe von Kandidaten war schließlich FrĂ€ulein Gonzales ausgewĂ€hlt worden.

NatĂŒrlich lag dem alten HĂ€uptling absolut nichts daran, den Kontakt zu der Welt da draussen auszuweiten. Ganz im Gegenteil. Er hoffte, dass die Kinder durch den Unterricht von FrĂ€ulein Gonzales das Interesse an dieser fernen Welt verlieren wĂŒrden. Und mit jedem Jungen, der ihn mit zwei KokosnusshĂ€lften auf dem Kopf verließ, sah er sich diesem Ziel einen großen Schritt nĂ€her. Bald wĂŒrden die Dawoda ihren alten Frieden wieder finden und die Welt da draussen mit Verachtung und Ignoranz strafen, ganz so wie sie es verdient hatte. Dazu benötigte der alte HĂ€uptling nur noch ein bisschen mehr Zeit. Nur ein paar Lebensjahre mehr noch.

Was der StammesĂ€lteste nicht wusste: heute morgen waren von FrĂ€ulein Gonzales ein paar ganz besondere Spinnen im Wald ausgesetzt worden. Spinnen, denen sie eine fĂŒr Menschen hochgiftige Substanz aufgesprĂŒht hatte.

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