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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Insel des Grauens
Eingestellt am 16. 04. 2011 17:27


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Verboholiker
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Apr 2011

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Die Insel des Grauens (Robinsonade)

Sand – Kapitel I

Ich tauchte im Meer umher wie ein Fisch. Nach einigen Minuten öffnete ich versuchend den Mund und die Nase. Meine Lungen fĂŒllten sich nach einem mutigen Zug. Aber es schmerzte nicht. Salz.
Eine kleine Frau schwebte im trĂŒben GewĂ€sser vor mir.
Ich wollte sprechen.
Ich blickte sie an. Sie hatte schwarzes, strömendes Haar. Ihr Gesicht war sehr bleich; sie war kein Kind der Sonne. Sie schaute zu mir hinĂŒber mit großen, schwarzen Augen, machte Gesten, die ich als Einladung in die tieferen GewĂ€sser interpretierte.

Ich war etwas unbeholfen, versuchte ihr zu signalisieren, dass ich kein guter Schwimmer sei.

Die Meerjungfrau fasste mich mit zarter Hand, zog mich in die Tiefe. Je tiefer wir tauchten, desto heller wurde es. Keine Sonne war jemals an diesem Ort, aber es war ihre Schönheit, die Schönheit der Meerjungfrau, welche die Tiefen erleuchtete. Sie sagte “Selbst der Mond leuchtet uns hier“. Und es war so, wie sie es sagte. Durch die See klang ihre Stimme dumpf, aber voller Liebe. Ich vertraute ihr in den Tiefen. Das Licht des Vollmondes war bei uns, wĂ€hrend wir Hand in Hand in die Tiefe schwammen. „Und nun“, sagte sie durch das tiefe Wasser, „zeige ich dir meinen Garten!“.
Luft, Druck, Luftdruck, Unmöglichkeit – meine physikalischen Lasten wurden zu liebenden, zu stimulierenden Freuden. Mein Trommelfell platzte effektvoll, meine AugĂ€pfel wurden blutrot. Jedoch- ja, ich konnte ich klarer sehen. Der Schmerz war groß. Das alles verlor an Bedeutung, als ich in den Garten sah. Er tat sich vor mir auf; ich war eingeladen.
Vorsichtig – die Meerjungfrau hielt mich bei der Hand - tastete ich mich vor. Wie ein Kartograf, wie ein blinder Forscher, der von Elfenhand gezogen, den roten KorallenhĂŒgel der kleinen Meerjungfrau ausgiebig erkundete, nahm ich jeden Quadratzentimeter auf. Mein Hand hielt sie die ganze Zeit. Ich wollte sprechen, meine Stimme klang wie durch Sand und Ozean gesprochen, und ich sprach:„Wasser und Blut“, schloss die Augen, atmete tief ein.
Mein Musikwunsch in der Trauerhalle wurde berĂŒcksichtigt.
Mein Sarg stand geschlossen vor den Trauernden. Sie knieten vor mir und weinten. Manche fassten den Sarg an, schauten dabei hoch in die kreisrunde Kuppel der Kapelle. Die meisten trauerten ordentlich, also ohne große Showeinlagen. Einige hĂ€mmerten auf meinem Sarg herum, sie schrien. MitgefĂŒhl konnte ich nur begrenzt empfinden. Denn mein Sarg war so leer wie die Predigt des Geistlichen, der verzweifelt versuchte, mein Leben in wenige, scheinbar ertrĂ€gliche Worte zu fassen. Sogar die Glocken lĂ€uteten am Ende fĂŒr mich. Sechs MĂ€nner trugen meinen Sarg zum Loch. Eine TrĂ€ne fĂŒr das Loch.
Schon seit Wochen bin ich es. Gestorben, meine ich.
Vielleicht feierten sie irgendwo mein BegrĂ€bnis ohne Leichnam, vielleicht begruben sie meine Knochen, verscharrten sie im Strand. Ich weiß es nicht. Mein Name ist R. Ich war verheiratet mit einer dĂ€mlichen Kuh, habe mit ihr zwei nervige Söhne gezeugt, und dieselben zu noch nervigeren Kerlen herangezĂŒchtet. Meine Frau, wenn sie denn ab und zu nĂŒchtern war, schwor mir ihre Liebe stets im Dunst des Schnapses, vergaß jedoch jeden Morgen danach, dass sie mich ĂŒberhaupt irgendwann geheiratet, geschweige denn je geliebt hatte.
Wenn meine Frau, verhĂŒllt von TrĂ€nen ihr Gesicht, schwarz wallend ihr Kleid, wĂ€hrend sie die Schippe ergreift, kurz gekĂŒnstelt bedĂ€chtig innehĂ€lt, um dann eine ordentliche Ladung Dreck aus dem am rechten Rand des Grabes befindlichen Reservoirs an Erde zu nehmen, um sie mir auf meine zwei Meter unter ihren FĂŒĂŸen befindliche lachende Fresse fallen zu lassen, gegrinst hĂ€tte, wĂ€re ich wahrscheinlich aus meinem Loch gestiegen und hĂ€tte sie vor Opa, Oma, Onkel, Tante und allen weiteren verlogenen Teilnehmern meiner Beerdigung geschĂ€ndet. Wenn ich wirklich gestorben wĂ€re, natĂŒrlich.

Dreck und Erde, sie wĂŒrden unsere Ehe mehr als pointiert karikieren. Aber ich lebe noch. Irgendwie..
Mit ordentlichen Kopfschmerzen lief ich am Strand umher, fiel alle paar Meter in den Sand, erhob mich, um noch weiter zu rennen. Meine Schuhe waren nicht mit mir mit gekommen, scheiße, weshalb meine nackten Sohlen auf die kleinen Brocken Gestein und auf die am Strand unzĂ€hlig vorhandenen Muscheln traten. Nach meinem Aufwachen fĂŒhlte ich mich wie in Watte gepackt; der Strand, die Brandung, sie waren wie strafende Geister, wie Hirngespinste meiner Ratio. Ich schlug, nach einiger Zeit des Rennens, hin, umarmte den Sand des Strandes, grub meine tauben HĂ€nde in ihn hinein, schlief ein. Es war der beste Trip, den ich je hatte. Und er fĂŒhlte sich verdammt realistisch an.
Das Leben ist doch wie ein verdammt langer, farbenreicher, horrormĂ€ĂŸiger Trip. Mit Kopfschmerzen, aber voller Erinnerungen erwacht man. Kopfschmerzen hatte ich am zweiten Tag, aber keine

Ich erwachte wieder auf dem Strand. Meine FĂŒĂŸe schmerzten, Ich setzte mich hin in den Schneidersitz, nahm meinen rechten Fuß, bog die Sohle um, sodass ich sie mir ansehen
Zart ebbt die Brandung auf meinem Strand ab; in der Dunkelheit höre ich nur ein leichtes Rauschen. Die Sterne und den Mond sehe ich nicht. Alles ist dunkel auf der Insel, kein Licht könnte hier je herrschen. Tiere höre ich nicht, denn sie sind in der Nacht von der Erde verschwunden.
Steine werden gemeißelt, Berge geformt. Alles bringt der Morgen auf meiner Insel.
Wenn ich den Sand und die Steine fĂŒhle, wird mir klar, dass niemals der Mondenschein auf diese Gebilde gefallen ist. Die NĂ€chte werden dunkel. Es ist nicht unsere Welt, in der ich mich befinde. Alles wird blind in der Nacht, sie ist allein zum Schlafen gedacht. Das erkannte ich schnell. In der Dunkelheit legte ich mich in den warmen Sand des Strandes und schlief schnell ein.


Mein erster Traum.
Eine kleine Kapelle. Mondschein von außen. Fenster gotisch bunt, BĂ€nke in einfachem, grauen Holz gehalten. Ich war ziemlich betrunken, torkelte durch die Gasse der KirchenbĂ€nke, nahm in der vordersten Reihe Platz. Kein Mensch war zu dieser Tageszeit in der Kapelle. Ein paar Kerzen brannten links. Ich schaute auf den Altar, der mit Lichtern von der Decke illuminiert war. Ich fĂŒhlte mich schlecht. Mit meiner Ehe lief es nicht gut, deswegen hatte ich dieses Gotteshaus aufgesucht. Bullshit, dachte ich mir. Ich hatte niemals an Gott geglaubt, glaube es heute auch nicht. „Es ist ein Traum, da könnten Gebete helfen.“.
Ich betete einige Zeit in der ersten Reihe. Nichts passierte.
An der rechten Seite bemerkte ich eine Beichtkanzel der Katholiken. Ich erhob mich und ging hinĂŒber. Wie eine scharf umrissene Box erschien es mir in meinem Traum. Eine TĂŒr war fĂŒr mich offen. Ich zog den purpurnen Vorhang beiseite und setzte mich auf den Beichtstuhl. Einige Zeit musste ich warten. Das Fenster, das die Box des SĂŒnders von der Box des Priesters trennte, war vergittert. Ich ĂŒberlegte mir, ob auch meine Taten hinter Gittern gehörten. Es herrschte eine gewaltige Stille. Ich wartete einige Zeit.
Der Vorhang auf der gegenĂŒberliegenden Seite des Beichtstuhls wurde langsam zurĂŒckgezogen, jemand setzte sich hinein. Plötzlich regte sich etwas hinter dem vergitterten Fenster, ein Schatten zeigte sich, lugte durch das Fenster direkt in meine Augen. Ich wich zurĂŒck, verbarg mein Gesicht in Scham, verharrte. Keine Reaktion. Ich wartete noch einige Minuten in einer grotesken Stellung des Erwartens. Der Schatten hinter dem Fenster schaute stets auf mich. Ich schnitt meine Worte scharf in das Dunkel, denn ich wollte eine Antwort: „Hörst Du mir zu?“, fragte ich fordernd. Keine Antwort. „Warum sitze ich hier?“ fragte ich wohl wissend, nicht gehört zu werden. Der Schatten zeigte keine Reaktion. In mir kochte es langsam, ich wollte wissen, warum ich auf dem Stuhl saß. Ich erhob meine Faust, schnellte gegen das Fenster, zerbrach es direkt. Ich stand auf, blickte hindurch. Ich sah die Augen und das Gesicht eines fremden Mannes. In seine Mine spiegelte sich Dunkelheit. Ich sah in meine eigenen Augen. Es war ein Spiegel. Meine Brust schnĂŒrte sich zu, ein Dorn stach in mein Herz, ich japste nach Luft. Und ich wachte auf.


Und ich grub mich in den warmen Sand. Das warme Herz einer Mutter war ganz nah.
Die leise Brandung war mein Wiegenlied, so sachte, so flĂŒsternd. Ich konnte schlafen.

Und ich hatte einen Traum.




Kurz schlief ich in den DĂŒnen weg.
Und das Meerwasser lief in meinen Mund, es schmeckte wie eine ferne, lÀngst vergessene Freundin.
Oben steht sie, ich hatte sie aus der Ferne bereits gesehen.
Einen schweren Schild aus Stein hielt sie
Breitbeinig stand sie vor mir, den mannshohen Schild schĂŒtzend vor sich haltend.
Gesetze:

TĂŒrkisblau war der Himmel. Nur einen sachten Ton tiefer war die Farbe des Meeres. Nur wenn ich genau schaute, konnte ich am Horizont Himmel und Ozean unterscheiden. Der flĂŒchtige Blick in die Weite zeigte mir ein blaues Rauschen, hypnotisierend und erregend zugleich. Donnernd schlugen unzĂ€hlige Wogen auf den Stein meiner KĂŒste,



Keine Gestirne (nachts).
SĂŒĂŸwasserfluss 500 Meter landeinwĂ€rts.
Durst hatte ich nach ein paar Stunden in der Sonne. Sie brannte mir den letzten Tropfen Wasser aus sÀmtlichen Poren weg. Das Meerwasser, wie ich es aus diversen Filmen kannte, konnte ich nicht saufen. Als Salzleiche wollte ich auf diesem Strand nicht enden.
Mein halb vertrockneter Finger zeigte letztlich auf den kleinen Fluss, der einen halben Tagesmarsch im Inland gelegen war.




Beeren zur ErnĂ€hrung (schmecken sĂŒĂŸ)
Ich habe mich tatsÀchlich ein paar hundert Meter durch das Gehölz geschlagen, weg von meinem Strand. Den Sand, so lieb er mir auch war, konnte ich nicht essen.
Sie werden es vielleicht nicht verstehen, aber der Hunger, er war nach zwei Tagen auf der Insel mein PrÀsident, er forderte seinen Tribut. Das Meer bot sich als Nahrungsquelle an, jedoch fehlte mir die FÀhigkeit, leichte Fische in flachem GewÀsser zu jagen.


Kapitel II

Also suchte ich Alternativen. Es waren gefĂ€hrliche rote Beeren, die meine Aufmerksamkeit im grĂŒnen Allerlei erweckten. Ich kostete sie heldenmutig, verbrachte eine Nacht lang am Strand, um meinen Todesengel zu erwarten. Jedoch, an einem Morgen recht lebensfroh erwachend, konnte ich nicht lĂ€nger abstreiten, dass die Beeren, die ich mir einverleibt hatte – ich möchte sie heute die „X-FrĂŒchte“ nennen – ernĂ€hrend und zugleich angenehm anregend wirkten.
Übermensch.




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