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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Die Jagdeinladung Folge 1
Eingestellt am 12. 04. 2010 18:15


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Wolfgang Bessel
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Die Jagdeinladung

Donnerwetter, dat war ja wirklich ne Überraschung.
Da kam ich abends mit schwer Kohldampf vonne Arbeit und freute mich auf son ruhigen Feierabend, da wedelte meine Berta mit 'ner Postkarte vor meiner Nase herum.
„Willi, wat iss dat hier fĂŒr ne komische Karte, fĂŒr ne Jagdeinladung, von einem Karl August Kuhlenkamp? Zu 'ner Treibjagd sollze kommen, als Treiber. Wat soll denn dieser Unfug? Hasse da wat hinter meinem RĂŒcken ausgeheckt, um dich vor der Maloche zu drĂŒcken? Dat kannze dir ma ganz schnell abschminken!“
„Berta, vom Postgeheimnis hasse wohl noch nie wat lĂ€uten hörn? Man liest nich einfach die Post, die an deinen Mann gerichtet iss! Merk dir dat, und gib Papa endlich die Karte!“

TatsÀchlich, der JÀger Kuhlenkamp hatte dat mit der Jagdeinladung nich vergessen!
Berta forschte mich weiter aus:
„Willi, sach ma, wie kommt der ausgerechnet auf dich?“
„Berta, dein Ehegattengemahl, der Klempnermeister Wilhelm PĂŒttmann von und zu Herne-Baukau, hat letztet Jahr die Heizung beim Kuhlenkamp repariert. Du hass doch bestimmt noch nich vergessen, wie voll ich anschließend nach Hause kam! Theater hasse damals ja genug gemacht!
Nachdem ich mit der Maloche fertig war, durfte ich ma en Auge auf ne riesige Knochenwand in seinem Wohnzimmer werfen. Hab ihn dann ma so nebenbei gefragt, ob er die vielen Tierkes alle selbst geschossen hÀtte. Ja, Junge, da hatte ich ihn aber ausse Höhle gelockt.
Der peilte mich an, als hÀtt ich ihn als gemeinen Verbrecher beschimpft.
„PĂŒttmann“, sachte er, „dat iss doch wohl selbstverstĂ€ndlich, ein JĂ€ger schmĂŒckt sich die TrophĂ€enwand doch nich mit fremden Federn! Dat gibt es bei deutschen JĂ€gern nich, die haben noch Ehre im Balg.“
Dann hörte er nich mehr auf, seine vielen Jagderlebnisse zu schildern. Jede TrophĂ€e anne Wand hatte ihre eigene Geschichte. Wo, wie, wann geschossen, wie groß, wie schwer und wie alt dat erlegte StĂŒck war, mit welcher Waffe, wat fĂŒr’n Kaliber, WetterverhĂ€ltnisse und die Jahreszeit. Allet verklickerte er mir mit leuchtenden Augen und natĂŒrlich - pingelig genau. Man merkte, der Mann war voll in seinem Element!

Dat war ja allet hochinteressant, aber mir wurd et bei seinem langen Vortrag langsam schwindelig im Kopp. Selbst seine GefĂŒhle vor und nach dem Schuss beschrieb er mir haarklein. Dat war ja besonders beeindruckend. JĂ€ger mit GefĂŒhlen! Dat konnte ich mir ĂŒberhaupt nich vorstellen.
Ballern erst die armen Tierkes ab, dann haben se plötzlich GefĂŒhle. Heulen sogar, wenn se vom Jagderlebnis ĂŒberwĂ€ltigt werden. Wie passte dat denn zusammen?

Bei seinen Jagdberichten haben wir uns schön einen verlötet. Mindestens ein PĂŒlleken vom Hochprozentigen ging dabei drauf. Ich musste meinen Rand halten und durfte ihn nich unterbrechen.
Von Schnaps zu Schnaps wurde die Beute grĂ¶ĂŸer und seine Schilderungen bildlicher.
Er warf sich dabei in voller LĂ€nge auffen Fußboden und auffen großen Wohnzimmertisch. Selbst die Fensterbank musste noch herhalten, um mir einige Schusspositionen zu plausibilisieren.

Seine Frau schĂŒttelte nur den Kopp, wagte aber keinen Kommentar und verzog sich in die KĂŒche.
Nach vier Stunden, inklusive Einladung zum Mittagessen mit Wildschweinbraten, Rotkohl und KartoffelklĂ¶ĂŸen, bezahlte er endlich meine Rechnung und lud mich zu seiner Herbsttreibjagd ein!“
Berta konnte sich jetzt wieder sehr gut erinnern und geriet prompt in Rage:
„Hömma, Willi, da sachse sofort ab, dat lass ich nich zu, dat dich da im Wald son grĂŒner, jagdgeiler Blindfisch anbleien tut. Ich will mir dat gar nich erst vorstellen, wat se bei dir sonst noch allet abschießen könnten. Die ballern doch auf allet, wat sich noch so eben bewegt!
In Italien werden Jahr fĂŒr Jahr an die fĂŒnfzig Treiber schon am ersten Tag vonne Jagdsaison erschossen und tausende verletzt. Dat stand vorige Tage noch inne Bildzeitung, nein, die armen Frauen! Tu mir dat bitte nich an, Wilhelm, bleib bitte zu Hause!“
„Berta“, sachte ich, „du ĂŒbertreibs ma wieder, wir sind hier nich im chaotischen Spaghettiland, sondern im ĂŒberbĂŒrokratisch geordneten Deutschland, also, gib endlich Ruhe!“

Berta hörte und hörte nich auf zu sticheln.
„Du als Treiber ĂŒber Stock und Stein, durch matschige Felder und finstere WĂ€lder latschen, dat ich nich lache! Dat iss wat fĂŒr junge HĂŒpper, fĂŒr Kerle mit Kondition inne Knochen, nich fĂŒr son alten Mann.“
Dat war natĂŒrlich ne ganz fiese KrĂ€nkung an mene Ehre und bewirkte bei mir natĂŒrlich genau dat Gegenteil.
„Berta, dein 'alter Mann' wird die Einladung jetz erst recht annehmen. Basta!
Außerdem iss der Kuhlenkamp en sehr guter Kunde, den werd ich auf keinen Fall enttĂ€uschen! Und im ĂŒbrigen, Berta, dat ganze Drum und Dran bei die Jagd, interessiert mich schon von Kind auf.“
Sie warf endlich dat Handtuch.
„ Willi, mach watte willz, komm mir nur nich nachher an und biss erschossen worden!“
„Mensch, Berta, mal doch nich immer gleich den Deubel anne Wand. Geh jetz flott inne KĂŒche und hau wat auf’n Teller, ich verhunger.“
Nach dem Essen rief ich sofort beim Kuhlenkamp an und bedankte mich ganz herzlich und versicherte ihm, dat die Einladung fĂŒr mich ne große Ehre sei.
Kuhlenkamp antwortete kurz und knapp:
„Gut, gut, lieber PĂŒttmann, habe nix anderet erwartet, ein Mann, ein Wort, Waidmannsheil und GlĂŒck auf, bis Hubertus.“

Ich wollte noch fragen, wie dat bei die Jagd so allet ablĂ€uft. Ich hatte doch ĂŒberhaupt keine Ahnung von dem ganzen Jagdgedöns. Ich fragte mich Ă€ngstlich:
„Wat musse denn dafĂŒr allet mitnehmen, gibt et da auch wat zu beißen und zu sĂŒffeln? Oder muss ich da etwa den ganzen Tag Kohldampf schieben?“
Stolz und trotzig schritt ich nach dem Anruf zu meinem Weibe. „So, Berta, ich hab beim Kuhlenkamp zugesacht, ein Mann, ein Wort, ich bin jetz der Treiber Wilhelm PĂŒttmann!“

Je mehr ich mir aber ĂŒber meine Zusage den Kopp machte, je unsicherer wurde ich.
Ne Flatter machen, dat lief jetz nich mehr! Dat war mir klar.
Ich musste mir noch voll in Gedanken wat in den Bart gemurmelt haben, ganz leise, also höchstens noch fĂŒr Frauenohren vernehmbar:
„Wat hasse ĂŒberhaupt fĂŒr Pflichten als Treiber? Wat brauchsse da fĂŒr Klamotten? Musse nen dicken KnĂŒppel und nen Rucksack mitnehmen? Mit Sandalen oder Turnschuhen kannze nich durch den Busch ackern, also musse dir auch Gummistiefel besorgen. Wat iss, wenn et ma plĂ€stern tut auf Deubel komm heraus?
Wetterklamotten sind lebensnotwendig und sicherlich musse dir auch son grĂŒnen Kiff auf’n Dez setzen, da mitte bei all den BehĂŒteten nich wie son Außerirdischen daher kommz.“

Mein geheimet SelbstgesprĂ€ch kriegte Berta natĂŒrlich voll mit und fing wieder an zu keifen:
„Willi, spinnze eigentlich, bisse jetz total durchgeknallt? Du sollz da den Treiber spielen, nich den JĂ€ger! Nimm den gelben Friesennerz oben ausse Rumpelkiste, der hebt dich vom Wald farblich ab, und wenne GlĂŒck hass, krisse damit nich so leicht einen verplĂ€ttet.
Ne Wurstknifte und ne Speckstulle steckse dir auch in den Nerz rein, eventuell noch ne Großpackung Traubenzucker, wenn dir ma wieder die KrĂ€fte schwinden sollten.
Wasser trinkse aussem Bach. Mehr brauchse da nich!“
Et reichte mir jetz:
„Pass ma auf, Berta, du kannz mir einen erzĂ€hlen, du hass doch vonne Jagd ĂŒberhaupt keinen blassen Schimmer! Also Schluss jetz mit dem Geschnatter, ich muss mich ab sofort voll auf die Treibjagd konzentrieren!“

Nur noch drei Wochen waren et bis zum 3. November, dem Hubertustag.
Junge, Junge, von Tag zu Tag bekam ich mehr Manschetten und grĂŒbelte jeden Tag:
„Hatte Berta eventuell doch Recht? Bisse mit fĂŒnfundfĂŒnfzig fĂŒr son Treiberposten nich doch schon zu alt? Bin ich da vielleicht nur ne Lachnummer? Hoffentlich haut dat allet hin!
Vor lauter Aufregung sauste ich erst ma zum Klo.
„Willi, du muss dich unbedingt vom Fachmann beraten lassen“, schoss et mir dabei durch den Kopp und zog nach dieser erlösenden Erkenntnis ganz befreit ab.

NB: Weitere Folgen werden im Forum "Lange Texte" publiziert.
__________________
Wolfgang M. A. Bessel
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Hallo Wolfgang,

Ein hĂŒbscher, vergnĂŒglicher Text, habe mich sehr amĂŒsiert.
Nur an zwei Stellen fÀllt man, meine ich, aus der sonst herrlich mundartlichen Schreibe heraus:

"mit leuchtenden Augen" ist viel zu hochdeutsch, ebenso:

"In Italien werden Jahr fĂŒr Jahr an die fĂŒnfzig Treiber schon am ersten Tag vonne Jagdsaison erschossen und tausende verletzt."

Da wĂŒrde ich vielleicht nochmal drĂŒberschmirgeln.

LG,
Ofterdingen
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Man soll keine Dummheit zweimal begehen, die Auswahl ist schließlich groß genug. J. P. Sartre

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