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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Kammer in der Kammer
Eingestellt am 22. 08. 2013 15:17


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Arno Abendsch├Ân
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Er fuhr mit der U-Bahn zum Gericht, seine Terminsvollmacht in der Aktentasche. Sie schickten ihn zum ersten Mal dorthin. Der Fall konnte nur gewonnen werden. Sie hatten ihn so instruiert: Und wenn die Vorsitzende sagt: Die Beklagte beantragt ... und Sie dabei anschaut, dann sagen Sie: ... die Klage abzuweisen. Sonst nichts. Er war niemals vorher zu Gericht gegangen, auch nicht in eigener Sache.

Gott, was f├╝r ein h├Ąssliches Geb├Ąude! Erbaut 1848, sagte eine Inschrift neben dem Eingang. Auch mit preu├čischer Schlichtheit kann man es ├╝bertreiben. Diese langen Flure, das hohe Treppenhaus: alles grau, karg, schmucklos. K├Ânnte eine Kaserne gewesen sein; war es aber nicht. Er fand die T├╝r zum Sitzungssaal. Sein Termin war als letzter f├╝r heute angeschlagen: Josefine Streitbauer, Kl├Ągerin, gegen sie, die Beklagte. Er huschte durch die offene T├╝r hinein.

Drinnen war kein Mensch. War der Termin davor so schnell zu Ende gegangen? Es roch muffig und staubig nach alten Akten und blassen B├╝romenschen. War das ├╝berhaupt ein Gerichtssaal? Er zweifelte stark. Es sah eher wie die Gemeinschaftsk├╝che in einer Notunterkunft aus und war auch nicht viel gr├Â├čer. Nein, ein Saal war das nicht. Vielleicht lag er hinter der offen stehenden T├╝r an der Stirnseite des Raumes? Er durchschritt sie ...

... und geriet in einen schmalen Durchgang. Da war am Ende noch eine offene T├╝r. Weibliche Stimmen drangen heraus. "Meine Liebe", h├Ârte er sagen, "haben Sie Doktor Pfundshammer wieder einmal gesehen?" - "Aber ja, und dick ist er geworden, unglaublich!" Er ging hinein. Da sa├čen drei Damen an einem l├Ąnglichen Tisch. Er sah gleich, dies musste die Spruchkammer sein - die Vorsitzende mit den zwei Beisitzerinnen. Also w├╝rde hier demn├Ąchst verhandelt werden. Aber klein war auch dieser Raum, noch kleiner als der erste. Er gr├╝├čte und tat unbefangen und setzte sich mangels weiterer Sitzgelegenheit zu ihnen an den Tisch. Sie gr├╝├čten zerstreut zur├╝ck.

Die eine verriet gerade ein Kochrezept: "Koriander, unbedingt. Vielleicht auch Nelken ..." - "Einen Moment, bitte", sagte die Vorsitzende. Sie wandte sich ihm nun zu und fragte sanft: "Kommen Sie f├╝r die Beklagte? Hier k├Ânnen Sie nicht warten." Und sie f├╝hrte ihn zur├╝ck in den "Saal". Trottel, zischte er sich selbst und unh├Ârbar f├╝r sie zu. Das hat es noch nie gegeben: Der Vertreter der Beklagten zieht sich vor der Verhandlung mit den Richterinnen ins Beratungszimmer zur├╝ck - so serviert man Befangenheit auf dem Silbertablett. Zum Gl├╝ck waren Frau Streitbauer und ihr Anwalt noch nicht da.

Alles Weitere verlief programmgem├Ą├č. Wortlos reichte er die Vollmacht hin├╝ber. Er hielt den Mund, bis die Vorsitzende mit dem Finger in seine Richtung schnippte: "Die Beklagte beantragt ..." - "... die Klage abzuweisen", fiel er ihr geradezu ins Wort. ├ťbereifrig, wie meistens.

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DocSchneider
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Mysteri├Âs, dunkel, offenes Ende. Gut zu lesen, leicht geschrieben.
Trotzdem bleibt ein leichtes Unbehagen bez├╝glich der Intention. Kafakesk kam mir auch in den Sinn.
LG Doc
__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals erm├╝dendem Lesen. (Virgina Woolf)

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