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Leselupe.de > Humor und Satire
Die Kirchenmaus
Eingestellt am 11. 01. 2002 16:18


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Helmut D.
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Die Kirchenmaus








Die Kirchenmaus


Es lebte einst in einem Dorf im tiefsten S├╝den Deutschlands eine bitterarme Kirchenmaus. Die Maus hie├č zwar in Wirklichkeit M├Ąuser und war ein ortsbekannter Taugenichts, wurde aber von jedermann nur Kirchenmaus genannt, da sie sich am Nachmittag immer in der N├Ąhe der kleinen Kirche aufzuhalten pflegte, die schon seit f├╝nf Jahrhunderten am Rande des Fleckens gelegen ist. Dort trank sie jeden Tag zwischen vier und sechs ihren Nachmittagswein, den sie fr├╝her im Dorfpark eingenommen hatte, einer kleinen Wiese mit T├╝mpel unweit des Rathauses, aus dem sie aber vom B├╝rgermeister pers├Ânlich, wegen ihres schlechten Eindruckes auf Fremde vertrieben worden war, obwohl in unsere Gemeinde nur alle zwei Jahre h├Âchstens mal der Nachbarpfarrer zu Besuch kommt.
Nun gut. Der Kirchenmaus war dies egal und so schluckte sie ihre Nachmittagsportion halt bei der alten Kirche, was zudem den Vorteil hatte, da├č sie sich bei Regenwetter in diese zum Schutz vor N├Ąsse unterstellen konnte. Dort sa├č sie auf einer kleinen Bank, gr├╝├čte den ab und zu vorbeikommenden Pfarrer recht freundlich, pfiff manchmal ein kleines Liedchen vor sich hin und tat ansonsten niemanden etwas zu Leide. Hin und wieder kam auch eine Mutter mit ihrem widerspenstigen Z├Âgling vorbei und wies, bei der Kirchenmaus angekommen mit strengem Zeigefinger auf sie: "Schau Dir die arme Kirchenmaus an! Siehst Du in welch schmutzigen Kleidern sie auf der Bank sitzt? Wenn Du in Zukunft nicht mehr lernst und Deine Schularbeiten ordentlicher machst, wird es Dir einmal genauso ergehen wie ihr! Dann wirst Du arm und einsam werden, verkommst bis zur Unkenntlichkeit und mu├čt Dein ganzes Leben abseits des Dorfes in tiefster Erniedrigung verbringen." Danach gr├╝├čte sie die Kirchenmaus recht herzlich und zog mit dem verdutzt dreinblickenden Buben davon, der das alles gar nicht recht verstehen konnte, da bei der Jugend das Leben einer armen Kirchenmaus im hohen Ansehen stand, weil doch jene den ganzen lieben, langen Tag tun und lassen konnte, was sie wollte, was ja der Sinn des Lebens w├Ąre, oder?
So vergingen die Jahre und es w├Ąre wohl sicher nicht mehr viel ├╝ber die arme Kirchenmaus namens M├Ąuser zu berichten gewesen, wenn sich nicht eines Tages in dem kleinen Marktflecken etwas einzigartiges zugetragen h├Ątte. Der Bischof war zu Besuch gekommen, um den neuen Pfarrer in sein Amt einzuf├╝hren. Eigentlich h├Ątte ja dieser dorthin auch alleine gefunden, aber ihre Eminenz hatte es sich so ├╝berlegt und die Gr├╝nde dazu wei├č wohl nur der liebe Gott. F├╝r das ganze Dorf war dieser Besuch ein gro├čes Ereignis, denn noch nie hatte sich hierher eine h├Âhergeordnete Pers├Ânlichkeit als der Arzt des nahen Kreiskrankenhauses verirrt, dem der 300 Einwohner z├Ąhlende Flecken zur Versorgung unterstand. Und nun war also der Bischof gekommen und alle Einwohner hatten sich zurechtgeputzt. Punkt drei erschien sein gro├čer, dunkler Diesel vor dem Rathaus und der B├╝rgermeister mitsamt der restlichen Gemeinde begr├╝├čten ihn mit Musik und einem fr├Âhlichem "Gr├╝├č Gott!". Nachdem sich der W├╝rdenmann in das goldene Buch des Nestes eingetragen hatte, welches extra f├╝r diesen Zweck in dem kleinen Kr├Ąmerladen von Frau M├Âhlmann erstanden worden war, zog der ganze Tro├č in Richtung Kirche, eine Reise, die man in einer halben Stunde zu Fu├č zur├╝cklegte An dem sch├Ân geschm├╝ckten Gotteshaus angekommen fiel den Leuten ein gro├čer Schreck in den Nacken, denn dort sa├č ja noch die arme Kirchenmaus, die man im Eifer des Gefechtes v├Âllig vergessen hatte und gerade eben ihren saueren Nachmittagswein zu sich nahm. Was wird jetzt nur der Bischof von uns denken, wenn er diesen unfl├Ątigen Kerl vor Augen sieht? fragten sich viele und auch der B├╝rgermeister, der mit dem Kirchenmann an vorderster Stelle marschiert war, blieb zuerst f├╝r einige Sekunden ratlos. Doch dann fand er sich wieder und sprach mit ruhiger Stimme zu dem W├╝rdentr├Ąger: "Euere Majest├Ąt" erkl├Ąrte er in v├Âlliger Verdrehung der Anredeform dem frommen Mann "das da, ist unsere Kirchenmaus!" "Was?" zeigte sich der Angesprochene erstaunt, "eine Kirchenmaus habt ihr auch?" "Jawohl" sagte der B├╝rgermeister mit nicht geringem Stolz in der Stimme, "Wir haben nicht nur eine Kirche, sondern auch eine Kirchenmaus und arm ist sie obendrein." "Und jetzt trinkt sie wohl den Me├čwein?" "Nein, Majest├Ąt! Das ist ihr Abendmahl. Wir haben es ihr f├╝r die Verdienste, die sie sich f├╝r unser Dorf erworben hat, lebensl├Ąnglich freigestellt." "Ach ja?" staunte der Mann in der lila Robe" Und was hat sie so besonderes getan, da├č sie zu dieser hohen Ehre kam?" F├╝r einen Moment wu├čte der B├╝rgermeister nicht mehr weiter, doch dann fiel sein Blick auf einen der jungen Ministranten , und er setzte seine Rede fort: "Er dient unserer Jugend als warnendes Beispiel." "Schau an, schau an" murmelte der Bischof mit zum Gebet gefalteten H├Ąnden. "Der Herr gebe ihm die ewige Ruhe!" "Und darum gibt es in unserer Gemeinde auch keine jugendlichen Straft├Ąter oder Rauschgifts├╝chtige, weil jedes Kind wei├č, wo es endet, wenn es nicht auf dem rechten Weg der Tugend bleibt." "Ist wahr?" fragte der Kirchenmann noch kurz, um dann sichtlich beeindruckt von der Sache zu der Kirchenmaus zu schreiten und ihr die Hand aufzulegen. "Selig sind die Armen im Geiste und Ihrer ist das Himmelreich" sprach er w├╝rdevoll zu der verdutzten Maus, die erst gar nicht recht wu├čte, wie ihr geschah. Das ganze Dorf stand ehrfurchtsvoll um ihm herum und stimmte in ein lautes Vaterunser ein, das der Bischof der Kirchenmaus zugedacht hatte. Danach wurde diese noch gesegnet, von einem der Ministranten ausgiebig mit Weihrauch eingedeckt und in seinem f├╝r das Gemeinwohl und die Jugend so n├╝tzlichen Dienste zur├╝ckgelassen.
Ab diesem Tage stand unsere Kirchenmaus in einem vorher nie gekannten Range. Sie war fast heilig gesprochen und keiner wagte es noch ein schlechtes Wort ├╝ber sie zu verbreiten. Der B├╝rgermeister bot ihr sogar an, ihren nach- mitt├Ąglichen Abendmahlwein wieder im Dorfpark einzunehmen, was diese aber h├Âflich mit der Bemerkung, dort w├╝rde sie bei Regen na├č, ablehnte. Auch die M├╝tter besannen sich jetzt eines anderen und f├╝hrten ihre mi├čratenen Spr├Â├člinge nicht mehr zu der armen Maus, da wohl diese jede Mahnung hinsichtlich deren traurigen Schicksals kaum noch geglaubt h├Ątten. So mu├čte nun wieder allj├Ąhrlich der schlimme Knecht Ruprecht daf├╝r herhalten, was aber an der ganzen Konstellation auch nicht viel ├Ąnderte, da sich hinter diesem b├Âsen Kerl, der ja die unartigen Kinder mit seiner Rute zur Vernunft zu bewegen pflegt, niemand anderes als der alte Herr M├Ąuser verbarg, unsere liebe, gute Kirchenmaus. Gott hab' sie selig !









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jon
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Nett.
Du solltest dich f├╝r eine Erz├Ąhl-Perspektive entscheiden: Entweder "├╝bergeordnet" (wie es der Anfang andeutet: Es lebte einst in einem Dorf im tiefsten S├╝den Deutschland... ) oder "mittendrin" (unsere Gemeinde, unsere Kirchenmaus usw.). Die "├╝bergordnete" Variante w├╝rde den Aspekt des Absurden betonen, die "mittendrin"-Variante das sehr Menschliche, den Schmunzel-Effekt, den Originale wie diese Kirchenmaus, meist ausl├Âsen.
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dal├Ąsst (Klaus Klages)

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