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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Knochenmaschine
Eingestellt am 18. 02. 2006 12:33


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ENachtigall
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Die Knochenmaschine

Der Mann, der sich hĂ€sslich fand, setzte sich in seinem gerĂ€umigen Wohnzimmer auf den Drehstuhl, weitest möglich entfernt von seinem Gast: einer Frau, die ihm gefiel. Er hatte sie aufgefordert, auf dem ĂŒberdimensionalen Rolf Benz Sofa Platz zu nehmen, das mit einem rosengemusterten Samtbezug auf silbernen Löwentatzen dem Raum das Flair einer Puppenstube fĂŒr Riesen gab.

Es bereitete ihr einige Schwierigkeit, sich bequem darauf niederzulassen. Entweder rĂŒckte sie nach hinten an die Lehne und musste, wie eine Puppe die Beine gestreckt halten, wobei die Schuhe gerade noch keck ĂŒber die Kante ragten. Sie auszuziehen und die Beine angewinkelt auf die SitzflĂ€che zu legen, erschien ihr zu vertraut, angesichts eines Erstbesuchs. Das Sitzen auf der vorderen Kante, fernab der Lehne, wirkte grotesk gehemmt. Daher zog sie vor, sich diese peinliche Pose von vornherein zu ersparen.

Noch vertieft in die Suche nach geeigneter Positionierung, konnte sie seinen AusfĂŒhrungen ĂŒber Mobiliar, Kunstgeschmack und musikalische Vorlieben nur mit halber Aufmerksamkeit folgen. Zudem quĂ€lte sie brennender Durst. Sie hatte in der Bestrebung pĂŒnktlich zu sein, vergessen zu trinken. Bisher hatte er ihr noch nichts angeboten. Etwa eine dreiviertel Stunde musste seit der Ankunft vergangen sein. Jetzt auf die Uhr zu schauen, wĂŒrde gelangweilt wirkten, deshalb unterließ es. Schließlich entschied sie sich fĂŒr eine schrĂ€ge Sitzposition, bei der sie den RĂŒcken an die Armlehne drĂŒckte und ein Bein angewinkelt auflegte, wĂ€hrend sie sich mit dem anderen Fuß am Boden verankern konnte.

„Hast Du mal ein Glas Wasser?“

„Aber klar. Alles was Du willst. Vielleicht einen Dornfelder? Den trinke ich selbst gerade.“

Er hielt sein Glas ins Licht und taxierte die rot leuchtende FlĂŒssigkeit, die er leicht hin- und herwiegend anpries.

„Nein, ich brauche was gegen Durst. Am liebsten Wasser oder alkoholfreies Bier.“

„So was Ausgefallenes hab ich nicht.“

„Wie, Du hast kein fließendes Wasser?“

„Ach so. Na ja, solches schon. Ja, ja, ich bin ein schlechter Gastgeber. Ich hĂ€tte Dir lĂ€ngst was anbieten sollen.“

„Ich kann mir auch was holen, wenn Du mir sagst, wo ich GlĂ€ser finde.“

Sie verdurstete fast vor NervositĂ€t, wie damals, als sie bei den ScheidungsgesprĂ€chen vorsichtshalber eine 1,5 Literflasche Volvic im Rucksack mitschleppte, nachdem sie beim Anwalt einmal drei GlĂ€ser hintereinander erbitten musste, und anschließend noch im Waschbecken beim Klo aus der hohlen Hand trank.

Nun stand er endlich auf und verschwand in der KĂŒche.

„Benjamin! Mach die Musik leiser!“

Die Art, wie er seinen 19jĂ€hrigen Sohn ansprach, hatte etwas unbeholfen AutoritĂ€res: eine ĂŒberflĂŒssige Aufforderung, weil ohnehin klar war, dass sie wirkungslos bliebe, und lediglich der Ansammlung vĂ€terlicher Wut und der AusĂŒbung einer bitter vertrauten Gewohnheit diente.

„Benjamin! Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du die Musik leiser machen sollst!“

Was ihr ĂŒberhaupt an diesem Mann gefiel, war eine ihr unergrĂŒndliche Ausstrahlung, seine aufrechte Haltung, von der sie noch nicht wusste, dass sie dem Bestreben entsprang, massive RĂŒckenschmerzen zu kaschieren, sowie die Art, wie er ihr zugeneigt war; sie mochte es, gemocht zu werden. Letzteres ein bescheidener Ausgangspunkt fĂŒr amouröse Kontaktaufnahmen, dem erstaunlich viele Menschen instinktiv folgen – nicht mehr oder minder geeignet, eine harmonische Verbindung hervorzubringen, als andere Varianten der Paarungsbereitschaft.

Inzwischen hatte sie die BĂŒcherwand betrachtet. Er kehrte mit einem Glas Wasser zurĂŒck und stellte es auf den Tisch. Mit einem Zug war es leer.

„Ich hol mir noch was“, sagte sie, und war schon fast in der KĂŒche angekommen, wo sie noch zwei, drei GlĂ€ser auf Ex hinunterstĂŒrzte.

Auf dem RĂŒckweg durchmaß sie, mit aller Ernsthaftigkeit und ZĂ€higkeit ihrer Ameisennatur, die ganze Entfernung zwischen seinem Regiesessel und der unseligen Couch, um dort wieder die erprobte SchrĂ€gsitzlage einzunehmen.

„Du siehst nicht gerade locker aus auf meiner Couch. Du hast Dich wohl noch nicht akklimatisiert. Entspann dich doch einfach.“

In diesem Moment prÀgte ein Eindruck ihre Gedanken: sie war sein Knochen, den er geschickt an einem Faden aufgehÀngt, mittels einer eigens konstruierten Maschine in absichtlich unerreichbarer Weite hin- und herbewegte, wie ein Hund, der Gefallen an pawlowschen Versuchen entwickelt hatte, und darum seine eigenen erfand.

Gespannt beobachtete sie im zunehmenden Dunkel des spĂ€rlich beleuchteten Raumes, wie er versuchte, ihr in verschlungenen Wegen seine zahlreichen Probleme aufzuzeigen. Dabei erkannte sie keine Dringlichkeit, die seine Schwierigkeiten in irgendeiner Art von denen anderer Zeitgenossen abgehoben hĂ€tte. MinderwertigkeitsgefĂŒhle, isolierte Kindheit, langweilige Ehe, jĂŒngere Freundin, zeitweise Arbeitslosigkeit, Verlassenwerden von der Herzdame und ihren Hunden...naja.

„Aber was ist Dein Problem?“ fragte sie, um auf den Punkt zu kommen.

„Mein Gesicht.“

„Was ist mit deinem Gesicht?“

„Es ist hĂ€sslich. Ich wĂŒrde es operieren lassen, wenn das nicht so teuer wĂ€re.“

„Was genau wĂŒrdest du verĂ€ndern lassen?“

„Alles“, er blieb gewohnt ruhig bei seinen AusfĂŒhrungen. „Aber zuerst die Nase. Ich lass mich auch nicht fotografieren. Es gibt außer einem Hochzeitsfoto und ein paar unvermeidlichen Passfotos keine Bilder von mir."

Sie verschluckte sich an ihrer Sprachlosigkeit. Fast schien es, als hĂ€tte sie seine Silhouette noch ein StĂŒckchen weiter ins Dunkel des Raumes gehustet. Die Maschine stand still.

Beim Abschied im fahlen Flurlicht, suchte sie noch nach Spuren der HĂ€sslichkeit in seinem Gesicht. Sie fand keine. Aber das war egal - jetzt, da sie seinen Augen nicht mehr traute.






(Die Übereinstimmung mit dem englischen Titel einer CD von Tom Waits ist zufĂ€llig passend.)
__________________
Wer Spuren sucht, wird Wege finden.

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