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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Die Konstruktion des Neufundländers
Eingestellt am 01. 02. 2007 07:56


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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In dem Roman Die Kolonie der unerfüllten Träume von Wayne Johnston geht es um Neufundländer. Damit sind in dieser Neufundland-Saga die Einwohner jener kanadischen Insel im westlichen Nordatlantik gemeint, die bis zum 31. März 1949 noch Kolonie des British Empire war.
Erzählt wird die Geschichte der unglücklichen Liebe zwischen Joe und der Fielding.
Joe Smallwood, geb. 1900, war der erste Premierminister der kanadischen Provinz Neufundland und Labrador. Die Handlung dieses Jahrhundert-Romans umfasst den Zeitraum von der Kindheit Joes bis in sein hohes Alter; genauer, bis zum 17. März 1989.
Joe Smallwood, Sohn eines Trunkenbolds, darf das Bishop Feild College in St. John’s besuchen. Joe vermutet, er hat das seinem Großvater, dem Schuhmacher, zu verdanken. Joe arbeitet sich in seiner Schulklasse vom zweitschlechtesten Schüler zum zweitbesten empor. Der beste kann er nicht werden, weil Rektor Reeves ihm zu wenig Charakterpunkte zugesteht. Darüber ist der volltrunkene Vater Joes so erbost, dass er nach der Zeugnisausgabe am eisernen Schultor rüttelt, randaliert und den Rektor lautstark beschimpft.
Gleich in der Nachbarschaft zum Feild gibt es noch das Bishop Spencer College für Mädchen. Daraus wird dem Leser die hoch gewachsene Sheilagh Fielding vorgestellt. Fielding, wie sie in dem Buch genannt wird, ist ein Jahr älter als Joe. Mitunter geht sie einfach ins Feild hinüber und führt Wortgefechte gegen die lachenden Jungen, die sich um ihren Anführer, den jungen Prowse, scharen. In diesen Wortgefechten unterliegt die Fielding zweimal dem schlagfertigen Joe. Dafür will sie sich rächen. Zwei Jahre wartet sie mit ihrer Rache, schreibt der Ich-Erzähler Joe.
Dann landet ein anonymer Brief, der an die Lokalzeitung Morning Post gerichtet ist, auf dem Schreibtisch von Rektor Reeves. Darin beschwert sich der Schreiber über die unhaltbaren Zustände im Feild. Der Schreiber hat es so aussehen lassen, als ob Joe den Brief geschrieben habe. Die Fielding bekennt sich als Schreiberin und fliegt vom Spencer College. Rektor Reeves ist überzeugt, dass Joe mit hinter dem Brief steckt, hat aber keinen Beweis. Joe verlässt das Feild freiwillig.
Was Joe und der Leser erst gegen Romanende erfahren: Die Fielding ist von Prowse schwanger. Die werdende blutjunge Mutter gibt ihrem inquisitorischen Vater (dem erzürnten werdenden Großvater) aber als Kindesvater Joe an, weil sie nicht heiraten möchte. Prowse, der Enkel des Richters D.W. Prowse, ist nämlich eine gute Partie; Joe, der arme Schlucker, hingegen eine sehr schlechte. Fieldings Vater hatte den anonymen Brief geschrieben, weil er sich an Joe rächen wollte.
Es lässt sich nun eine ganze Weile über den Roman schwärmen: Wie der Autor die Intimitäten der Fielding vor ihrem Geliebten, dem Ich-Erzähler Joe – und somit vor dem Leser – verbirgt. Welche raffinierten Mittel Wayne Johnston einsetzt, um uns zu unterhalten: Neben Joe tritt noch die Journalistin Fielding als Erzählerin auf. Sie schreibt Briefe an Personen, die sie liebt und gibt obendrein einen Kurzen Abriß der Geschichte Neufundlands. Mit letzterem konkurriert sie launig mit dem monumentalen alten Schinken Die Geschichte Neufundlands aus der Feder von o.g. Richter D.W. Prose. Personen und Geschichten sind verflochten. Kaum etwas erzählerisch Wichtiges hängt in der Luft. Gut gemacht. Oder, so begeistern wir uns weiter, die Einblicke in die karge Landschaft Neufundlands sind schmökernswert. Köstlich auch, wie der Premier Joe nach seiner Ernennung 1949 fast alles falsch macht. Die neuste Dichterfrage lautet nun nach dem Berichtetem:
Wie schreiben wir über die Liebe zwischen Mann und Frau? Wenn wir diese Fachfrage nun eindringlicher stellen, müssen wir ein bedauernswertes Fazit ziehen. Unser Autor Wayne Johnston hat doch ganz schön konstruiert. Da bekommt die Heldin hinter unserm Rücken Zwillinge und verbirgt die kleinen Kinder über 450 Seiten hinweg einfach vor uns. Recht unerfreulich das. Da trifft das Liebespaar in der Einöde - und auch noch im dicken Schneetreiben - ganz zufällig aufeinander und und und.
Schwamm drüber. Wir wollten doch im neuen Jahr nicht immer meckern! Wir wollen über einen Autor schreiben, der uns erhoben, ja uns sogar in eine außerordentliche Lesestimmung versetzt hatte, als wir das Werk endlich zuklappten. Wir wollen uns fragen, wie er das angestellt hat, weil wir so etwas auch gerne brächten.
Die Antwort ist ganz einfach. Joe und die Fielding machen andauernd Gehversuche aufeinander zu. Ob sich nun Joe um die alkoholkranke Geliebte kümmert, ob die kräftige Fielding den Hänfling Joe mit der Draisine aus dem o.a. Schneesturm errettet; was sie auch immer wieder Neues anstellen - sie können zueinander nicht kommen. Das ist ein Liebesroman, aber ein echter und kein Kitsch. Warum? Vielleicht weil der Autor sich jedes Sentiment verkniffen hat, weil er uns kaum ein Zugeständnis macht, weil – ja, weil er eben den Roman konstruiert hat und zwar als Kunstwerk.

Der kanadische Schriftsteller Wayne Johnston wurde 1958 in St. John’s auf Neufundland geboren.

Wayne Johnston: Die Kolonie der unerfüllten Träume.
Roman

München 2001, 558 Seiten, ISBN 3-548-60068-9
Original: Wayne Johnston: The Colony of Unrequited Dreams. Alfred A. Knopf, Toronto 1998.

Hedwig Storch 2/2007


__________________
Hedwig

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