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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Kraft der Angst
Eingestellt am 20. 11. 2000 00:37


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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
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Die Kraft der Angst

Obwohl der Winter noch drei Wochen bis zu seinem legitimen Machtantritt warten muß, ist es ihm in der vergangenen Nacht gelungen, den schon etwas krĂ€nkelnden Herbst zu ĂŒberrumpeln und mit grimmiger KĂ€lte in die weite Havelniederung einzubrechen.
So findet der Morgen die Landschaft plötzlich in klirrendem Frost erstarrt. Die BĂ€ume und StrĂ€ucher, die das Flußbett sĂ€umen, sind mit einer dĂŒnnen Kruste aus kristallin glĂ€nzendem Rauhreif ĂŒberzogen. Nur der Fluß selbst gibt sich unbeeindruckt. Mit feinen Dunstschwaden, die er von seiner OberflĂ€che aufsteigen lĂ€ĂŸt, tĂ€uscht er eine nicht vorhandene WĂ€rme vor. Nein - er scheint noch nicht bereit, sich von einem lĂ€stigen Eispanzer einengen zu lassen. Nur an den Ufern hat der Frost einige hauchdĂŒnne Eisscheiben plazieren können. Doch die schĂ€umende Bugwelle eines soeben vorbeifahrenden Schiffes lĂ€ĂŸt sie mit feinem Klirren zerschellen.

Es ist schon eine eigenartige Flottille, die in dieser frĂŒhen Stunde flußabwĂ€rts strebt. Der kleine Schlepper hat ein schmuckes Wohnschiff mit hellen Aufbauten am Haken. Dahinter folgt eine bullige Bauschute, an deren zernarbten BordwĂ€nden unzĂ€hlige Rostflecken die einzigen Farbtupfer ausmachen. Den Abschluß bildet ein plumper Stahlkahn, dessen Deck kaum einen halben Meter aus dem Wasser ragt. Sein RudergĂ€nger steht im Freien, schutzlos der beißenden KĂ€lte und dem Fahrtwind ausgesetzt. Da helfen weder der weit hochgeschlagene Kragen, noch die tief ins Gesicht gezogene PudelmĂŒtze. LĂ€ngst hat sich der Frost auch durch die dicke Wattekombination und die klobigen Filzstiefel genagt. Dieser junge Mann, der so abscheulich frierend seit Stunden an der Ruderpinne ausharrt, bin ich.

Ich gehöre zu einer Gruppe von Wasserbaulehrlingen, die von der Oberhavel nach Potsdam unterwegs sind. Solche Schiffsreisen sind als willkommene Abwechslung zum Baustellenalltag Ă€ußerst beliebt. Aber auf ein solch frostiges VergnĂŒgen hĂ€tte man auch gern verzichtet.

Der schmale Fluß weist viele enge KrĂŒmmungen auf. Es ist fĂŒr mich nicht einfach, meinen Kahn stets brav in der Kiellinie der Schute zu halten, aber mein Freund Achim, der diesen SeelenverkĂ€ufer steuert, und ich - wir sind ein eingespieltes Team.

Vorn ertönt das langgezogene Tuten des Schleppers, und fast gleichzeitig verlieren wir an Fahrt. Wir erreichen eine Schleuse, doch deren Einfahrtssignal steht auf Rot. Unser kleiner Verband muß im Vorhafen warten.
Die Schleppleinen werden eingeholt. Die Fahrzeuge legen hintereinander an. Aber der Platz am Landungssteg reicht nicht fĂŒr alle. WĂ€hrend mein Vordermann gerade noch einen Poller zum Festmachen findet, gehe ich leer aus. Um mich herum nur Wasser und die bedrohliche NĂ€he des Wehrgrabens.
"Komm lÀngsseits!" ruft mir Achim zu.
Aber wie denn? Ich habe ja kaum mehr Fahrt! Das Ruder reagiert nur noch ganz trĂ€ge. Plötzlich bemerke ich, wie das Heck meines Kahnes bereits in die reißende Strömung des Wehrgrabens gerĂ€t. Fluchend greife ich zum Staken und versuche damit, dem gefĂ€hrlichen Sog zu entkommen. Ohne Erfolg!
"Warte ich werfe dir eine Leine herĂŒber!" schreit Achim, der die Gefahr ebenfalls erkannt hat. Schon schwingt er das Wurfseil.
Um die HĂ€nde beim Auffangen frei zu haben, ramme ich den Staken schrĂ€g in den Grund und verankere ihn, indem ich mir sein GriffstĂŒck in die Magengrube klemme und mich mit der Last meines Körpers dagegen stemme.
Achim wirft gut - aber ich Dussel greife daneben. Ich versuche nachzufassen, beuge mich dabei ein wenig seitwĂ€rts und... schon rutscht der Staken weg. Mit wild rudernden Armen kĂ€mpfe ich um mein Gleichgewicht. Vergeblich! Der Sturz ist nicht mehr aufzuhalten. In letzter Sekunde drĂŒcke ich mich wenigstens noch krĂ€ftig am Schiffskörper ab und verwandle somit den unausweichlichen Fall in einen einigermaßen geglĂŒckten Kopfsprung. Sein Schwung, unterstĂŒtzt von ein paar krĂ€ftigen SchwimmzĂŒgen, bringt mich aus dem Bereich der tĂŒckischen Strömung und an die OberflĂ€che.
Das eiskalte Wasser spĂŒre ich kaum. Ich schaue mich kurz um und muß feststellen, daß mein Kahn unweigerlich abtreibt. FĂŒr mich gilt es daher, die Schute zu erreichen. Der Weg dorthin ist nur kurz, aber da merke ich entsetzt, wie sich die dicken Wattesachen immer stĂ€rker vollzusaugen beginnen. Nur mit grĂ¶ĂŸter Kraftanstrengung gelingt es mir, den Kopf noch ĂŒber Wasser zu halten. QuĂ€lend langsam nĂ€here ich mich der Schute.

"Du schaffst es nicht!" fĂ€hrt es mir durch den Sinn. Die Filzstiefel scheinen mit Quecksilber gefĂŒllt. Unweigerlich zieht es mich nach unten.
Und zum ersten Mal in meinem Leben ĂŒberfĂ€llt mich Todesangst. Sie schleicht sich nicht leise an, wie andere Ängste, die sich zunĂ€chst nur in der Bauchgegend einnisten, um sich erst spĂ€ter beklemmend auf die Brust zu legen und gleichzeitig dieses unbehagliche Kribbeln in den Haarwurzeln auszulösen.
Nein - diese Angst schlĂ€gt blitzartig zu - hart, brutal und ĂŒbermĂ€chtig. Sie ĂŒberschwemmt meinen Körper, dringt bis in den letzte Winkel meines Bewußtseins - aber sie lĂ€hmt mich nicht, sondern mobilisiert die letzten Reserven. Ich schwimme mit diesem Ballast aus vollgesogener Watte plötzlich mit einer Kraft, die ich nie in mir vermutet hĂ€tte.

Irgendwie gelingt es mir, die Schute zu erreichen. Doch die Bordwand ist zu hoch, das Deck unerreichbar. Der Puls jagt, das Atmen schmerzt, und das Gewicht der Kleidung lĂ€ĂŸt die hektischen Schwimmbewegungen immer wirkungsloser werden. Schon schlĂ€gt das eiskalte Wasser ĂŒber meinem Kopf zusammen. Aus!
Doch da ist sie wieder, die Todesangst, mĂ€chtiger als zuvor. Ich weiß nicht wie, aber sie reißt mich noch einmal nach oben. Fahrig gleiten meine HĂ€nde an der die Bordwand entlang und finden schließlich eine grĂ¶ĂŸere Rostbeule, in die sich die erstarrten Finger verkrallen können.
Sekunden vergehen, endlos lange Sekunden. Doch plötzlich sind da Arme, die sich mir helfend entgegen strecken. Endlich! Augenblicke spÀter liege ich triefend an Deck, völlig ausgepumpt, vor KÀlte schlotternd - aber gerettet.

Am Abend wird der glĂŒckliche Ausgang meines Mißgeschicks ausgiebig begossen. Es ist eine fröhlich lĂ€rmende Runde, die sich dazu in der Messe des Wohnschiffes versammelt hat. Ich sitze zwischen meinen Freunden und feiere krĂ€ftig mit. Äußerlich bin ich genauso ausgelassen wie sie, aber tief in mir drinnen ist es still - verdammt still.

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Oktober
Hobbydichter
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Schulaufsatz

Hallo Ralph!
Liest sich ganz gut, diese Geschichte. Stilistisch ganz in Ordnung. Zumindest kann man es lesen, ohne zu stolpern.
Allerdings: Irgendwie riecht das alles nach dem guten alten Aufsatzthema: "Ein aufregendes Ferienerlebnis."
Es wird nichts beschrieben, was den Leser richtig fesseln könnte. Alles nur lauwarm - sozusagen.

Oktober
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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

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5 von 10 Punkten

Gutes Mittelmaß, aber leider nicht mehr. Die Beschreibungen am Anfang sind m.E. etwas zu lang geraten. Wenn du erst eine Seite lang einen Ort beschreibst, der eigentlich nur fĂŒrs VorĂŒberziehen gut ist, nimmt das die Spannung weg. In einer Kurzgeschichte solltest du besser gleich mit deiner Hauptfigur anfangen, denn du hast nicht endlos Zeit.

Wenn du dann den Todeskampf beschreibst - irgendwie muß ich dabei an einen x-beliebigen Actionfilm aus den USA denken, an diess Stellen, wenn der Held kurz vor Petrus Pforte steht und ihm dennoch ein ungemein cooler Spruch einfĂ€llt. (Das Beispiel ist ein bißchen krumm, zugegeben.) In solchen Situationen frage ich mich immer: wie kommt der da ausgerechnet jetzt drauf? Hat sein Hirn nicht was Besseres zu tun?
Du schreibst im PrĂ€sens. Es soll also Unmittelbarkeit herrschen. Dann aber formuliert dein Held so schöne ausgeprĂ€gte SĂ€tze - das nehme ich ihm einfach nicht ab. Entweder solltest du Elipsen einfließen lassen, seine Gedanken direkter bannen, das Tempus Ă€ndern (aber das wĂŒrde den noch vorhandenen Schwung aus dem Text nehmen) oder aber in der dritten Person schreiben (was ich nicht empfehlen wĂŒrde). Also doch Elipsen.
__________________
Andrea Rohmert

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urte
AutorenanwÀrter
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Werke: 3
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Kraft

Hallo, Ralph,
Ich kann zu der Schreibweise gar nichts groß sagen, ich finde die bisherige Kritik aber reichlich hart. Ich habe jedenfalls ganz gebannt von Anfang bis Ende gelesen und war selber halb ertrunken und vereist. Abstrakt gesagt: Ich fand das Erlebnis sehr authentisch geschildert. (Diesmal konnte ich als Leserin nicht umhin, mich zu fragen, ob nicht der Ich-ErzĂ€hler mit dem Autor identisch ist, denn bei Deinem Beruf könnte man es fast glauben - und in diesem Fall wĂ€re die nahegelegte Interpretation wohl auch nicht peinlich fĂŒr Dich). Was ist ein Wehrgraben?
Viele GrĂŒĂŸe, Urte
__________________
(C)Urte Skaliks-Wagner

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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
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Werke: 64
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Hallo ihr Drei,
erst mal vielen Dank fĂŒr eure Reaktion auf meine - ich gebe es zu - völlig authentische Geschichte, in der natĂŒrlich der Autor mit dem Protagonisten identisch ist. Es handelt sich hier zwar um kein Ferien- aber um ein etwas ungewöhnliches Arbeitserlebnis.
Was die LĂ€nge des Anfangs angeht, da hast Du, Andrea, sicherlich recht. Er eignet sich wohl eher fĂŒr eine etwas breiter angelegte ErzĂ€hlung, doch fĂŒr eine solche war der Stoff dann wohl zu dĂŒrftig. Weiter schreibst Du ĂŒber die schönen ausgeprĂ€gten SĂ€tze, die dem UnglĂŒcksraben ausgerechnet in dieser Situation einfallen. Der Vergleich mit der Ausdrucksweise eines USA-Action-Film-Helden hat mich - zugegeben - mĂ€chtig gewurmt, weil mir deren coolen SprĂŒche auch auf die Nerven fallen. Nun - dessen war ich mir beim Schreiben nicht bewußt. NatĂŒrlich ist mir, wĂ€hrend ich in der kalten BrĂŒhe herum gepaddelt bin, nie der Unterschied zwischen "normalen Ängsten" und der erstmals unmittelbar erlebten Todesangst eingefallen. Das kam erst spĂ€ter. Vielleicht hĂ€tte ich im PrĂ€teritum schreiben sollen? Ich werde aber an der Geschichte nicht mehr herum doktern. So wichtig ist sie mir nun auch wieder nicht. Ich werde aber in Zukunft auf solche Dinge achten. Das Stichwort "konstruktive Kritik" taucht immer wieder in der Leselupe auf - hier hat sie stattgefunden. Danke.
Nun zu Urtes Frage: "Was ist ein Wehrgraben?"
FlĂŒsse werden hĂ€ufig durch Wehre abschnittsweise angestaut. Ein Grund dafĂŒr (es kann deren viele geben) liegt darin, fĂŒr die Schiffahrt ausreichende Fahrwassertiefen (Tauchtiefen) zu erreichen. Da ein solches Wehr natĂŒrlich gleichzeitig ein unĂŒberwindbares Hindernis darstellt, muß stets eine Schleuse mit vorhanden sein. Bei kleinen FlĂŒssen (z.B dem Oberlauf der Havel) hat man die Schleusen oft direkt in das Flußbett hinein gebaut. Da das ankommende Flußwasser nicht ĂŒber die Schleuse abgeleitet werden kann, wird es in diesen FĂ€llen um diese herum gefĂŒhrt. Diesen Umleiter, in dem auch das Stauwehr steht, nennt man hĂ€ufig Wehrgraben. Er liegt sozusagen im Nebenschluß des eigentlichen Flußverlaufes und besitzt oft eine starke Strömung. Bei grĂ¶ĂŸeren FlĂŒssen bzw. Strömen (z.B. Mosel, Weser, Donau usw.) werden andere Bauweisen angewendet.
Ich glaube, das war lang und hoffentlich auch verstÀndlich genug.

Übrigens bin ich sehr froh, daß Du nicht wirklich ertrunken bist. Und sollte dir tatsĂ€chlich kalt geworden sein, dann hast du dich vielleicht bei einer Tasse Tee (aus Brunos Samowar?) lĂ€ngst wieder aufwĂ€rmen können. ;-)

Gruß Ralph.


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MaConrath
Guest
Registriert: Not Yet

Die Kraft der Angst

Ich fand die Geschichte vom Plott her spannend, weil sie authentisch wirkt. Das hast du ja bestĂ€tigt. Meine Kritik setzt bei den Stilmitteln an. Ich hĂ€tte mir gewĂŒnscht, dass du die anfĂ€ngliche Perspektive beibehĂ€ltst. Die Magie, die du in den ersten beiden AbsĂ€tzen aufbaust, wird zerstört, in dem du dich zu erkennen gibst. Ab dem Moment fĂ€llst du stilistisch stark ab - und die Magie ist dahin. Dennoch war der Spannungsbogen fĂŒr mich noch stark genug, um bis zum Ende zu lesen. Wichtig fĂŒr mich: Du erklĂ€rst, dass du Todesangst hast, due erzĂ€hlst es nicht!!!
Diese Geschichte verdient eine (mehrere) Überarbeitungen!! "Kraft der Angst" kann richtig gut werden. Wenn dich VorschlĂ€ge meinerseits interessieren - sag einfach Bescheid.


Viele GrĂŒĂŸe und gutes Schreiben

Martin Conrath

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