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Leselupe.de > Humor und Satire
Die Kreuzfahrt
Eingestellt am 11. 01. 2007 19:45


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Raniero
Textablader
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Die Kreuzfahrt

Das ältere Paar gab sich einen Ruck.
Längere Zeit hatte es vor den Schaufenstern eines Reisebüros zugebracht und all die schönen Angebote über Flug- und Schiffsreisen in entfernte, exotisch klingende Länder ausgiebig studiert.
„Lass uns reingehen, Bruno, und nähere Informationen einholen“ forderte die grauhaarige Frau schließlich. Bruno, ihr ebenfalls in Ehren ergrauter Gatte stimmte zu.
Matthias Samland, der Chef des Reisebüros mittleren Alters beobachtete die Beiden schon eine Zeit lang, und er wettete mit seinem Alter Ego, ob sie, so unentschlossen, wie sie sich gaben, doch noch eintreten und vielleicht sogar etwas buchen würden, und zu seinem Erstaunen hatte er diese Wette gewonnen, zumindest zur Hälfte.
Sein Alter Ego nämlich, von Natur aus skeptisch und eher misstrauisch, hatte nicht mehr damit gerechnet; danach sahen sie einfach nicht aus, beide erweckten eher den Eindruck, als wären sie in ihrem doch recht fortgeschrittenen Alter kaum über die Landesgrenzen hinausgekommen, warum sollten sie jetzt also solch einen Schritt unternehmen?
‚Er hat Flugangst und sie eine angeborene Schiffsallergie, oder umgekehrt oder aber beide leiden sogar unter beidem.’ Soweit das Fazit des anderen Ich von Matthias Samland.
Matthias selbst aber sah reelle Chancen, dass sie zugreifen und eine Reise buchen würden, und nicht einmal eine der Billigsten aus seinem weitreichenden Angebot. ‚Sie haben bestimmt schon lange, wahrscheinlich seit Beginn ihrer Ehe, daraufhin gearbeitet, sich einmal in ihrem Leben eine Traumreise zu erlauben, und sie schwanken nur noch zwischen Flug- oder Schiffsreise; oder wählen sie gar eine Kombination aus beidem?’
„Bitte schön, meine Herrschaften“, lud Matthias das ältere Paar ein, Platz zu nehmen, „was kann ich für Sie tun?“
Es waren im Moment keine anderen Kunden im Lokal, so konnte er sich, während sein Alter Ego beleidigt schwieg, Zeit nehmen und sie ausgiebig beraten, gespannt darauf, ob und in welcher Form sie anbeißen würden. Die Beiden stellten sich zunächst einmal namentlich vor.
„Mein Name ist Bruno Rautpappel, ich bin vierundsiebzig Jahre alt“, „und ich heiße Mathilde und bin seine bessere Hälfte, schon seit fast fünfzig Jahren“, ergänzte seine Frau mit leuchtenden Augen.
„Ja, wie meine Frau schon sagt“, fuhr Bruno Rautpappel fort, „wir sind seit fünfzig Jahren verheiratet, glücklich, und wir haben beschlossen, uns auf unsere alten Tage noch einmal was Besonderes zu gönnen.“
‚Dacht’ ich mir’s doch’, sagte sich der Chef des Reisebüros.
„Sie müssen wissen“, unterbrach Mathilde ihren Mann, „unsere Kinder, wir haben deren dreie, alle schon längst erwachsen und mit eigenem Nachwuchs gesegnet, na, ja, unsere drei Kinder haben zusammengeschmissen, wie man so sagt, und sie wollen uns zur Goldhochzeit eine Reise schenken, so eine richtige Traumreise, für mindestens drei Wochen, können Sie uns da etwas Vernünftiges empfehlen?“
‚Das kommt darauf an, wie viel die lieben Kinder zusammengeschmissen haben’, dachte Matthias und witterte ein größeres Geschäft.
„An was hätten Sie denn gedacht? gnädige Frau“, fragte er zurück, ganz Kavalier der alten Schule, „an eine Flug- oder eine Schiffsreise, oder an eine Kombination aus Schiff und Flugzeug, beispielweise als sogenanntes Inselhüpfen, durch die Luft und durchs Wasser, im Bereich der griechischen Inseln?“
Mathilde und ihr Mann blickten sich an, ein wenig verlegen.
„Na, ja, wir hatten da eher nur an eine Schiffsreise gedacht“, antwortete der Alte, „wir sind nämlich noch nie im Leben geflogen, alle zwei nicht, und warum sollen wir uns das jetzt noch antun, in unserem Alter?“
‚Aha’, meldete sich Samlands Alter Ego zurück, ‚Flugangst, alle beide sogar, wusst’ ich’s doch!’ ‚Sei ruhig!’ beschied Matthias barsch seinem anderen Ich.
„Also eine Schiffsreise. Nun, meine Herrschaften, was halten Sie von einer Kreuzfahrt, für drei Wochen, mit einem der größten und komfortabelsten Ozeanriesen der Welt, mit allem erdenklichen Komfort?“
‚Du gehst aber ran’, gab sich das andere Ich süffisant, ‚hoffentlich haben die lieben Kinder soviel angespart.’ ‚Warten wir’s ab’.
„Ja, genau so etwas hatten wir uns vorgestellt, nicht wahr, Mathilde“, bekräftigte Bruno, eine richtige Kreuzfahrt, mit einem großen Schiff, mit allem Komfort.“
„Ja, mit allem Komfort“, lachte Matthias Samland, „das ist natürlich in erster Linie eine Frage des Geldbeutels, „aber schauen Sie mal“, wies er auf die nachgetreue Abbildung eines Ozeanriesen hinter sich auf dem Tisch, „auch eine Reise in der Touristenklasse, mit Innenkabine, auf einem solchen Schiff ist das praktisch Luxus pur.“
„Oh, guck mal, Mutti“, rief der Mann euphorisch, „so ein großes, schönes Schiff!“
Ausgiebig, mit strahlenden Augen, bestaunten die beiden Alten das Schiffsmodell und ließen es sich bis ins kleinste von Samland erklären.
„Und wo soll nun die Reise hingehen“, fragte er, nachdem sich das Ehepaar ausgestaunt hatte, „in die Karibik, ins Mittelmeer oder vielleicht ins Nordmeer, in die Fjorde, das ist um diese Jahreszeit der Renner.“
Wiederum blickten sich die Beiden verlegen an.
„Ach, das ist uns eigentlich egal“, gab Bruno schließlich zur Antwort.
„Wie meinen Sie“, gab sich der Chef des Reisebüros irritiert, „ich verstehe nicht, ein Ziel müssen Sie mir schon nennen, für irgendeine dieser Kreuzfahrten müssen Sie sich schon entscheiden.“
„Na, ja“, druckste Mathilde Rautpappel verlegen herum, „wir würden ja gerne so eine Kreuzfahrt machen, verstehen Sie, aber, wenn es geht, ohne Schiff, ginge das auch?“
„Wie bitte?“
Das Alter Ego von Matthias Samland meldete sich, vehement und unerbittlich. ‚Siehst du, das hast du nun davon; ich habe es ja gleich gedacht, dass das nichts wird, mit den beiden Alten. Die sind irgendwo entsprungen, aus einem Altersheim, die wissen nicht, was sie reden. Eine Kreuzfahrt ohne Schiff, da hört sich ja alles auf!’
Matthias versuchte, soweit ihm das gelang, höflich zu bleiben und die Fassung nicht zu verlieren.
„Gehe ich Recht in der Annahme“, fragte er vorsichtig, „dass Sie eine Kreuzfahrt, eine Schiffsreise, unternehmen möchten, eine Reise, die Ihnen die Kinder zu Ihrer goldenen Hochzeit geschenkt haben?“
„Genau so ist es“, bestätigten die Alten unisono.
„Und wenn ich Sie weiter richtig verstanden habe“, fuhr er behutsam fort, „dann wollen Sie diese Schiffsreise ohne Schiff machen, nicht wahr?“
„Sie haben richtig verstanden.“


Der Chef des Reisebüros geriet ins Schwitzen.
Während das Alter Ego weiter in ihm tobte, wusste Matthias nun nicht mehr, wie er sich verhalten sollte.
Am besten wäre es noch, dachte er, die beiden Alten vorsichtig hinauszukomplimentieren. Sollten sie doch woanders hingehen, und da versuchen, eine Schiffsreise ohne Schiff zu buchen.
Plötzlich jedoch forderte ihn sein anderes Ich auf, weiter nachzuhaken, bei dem Ehepaar, sie weiter zu befragen, um festzustellen, was hinter diesem merkwürdigen Wunsch steckte. Matthias ging darauf ein, konnte sich aber einen gewissen Sarkasmus nicht verkneifen.
„Sie haben sich also entschieden, für diese Schiffsreise ohne Schiff, ja? Oder dürfte es vielleicht doch eine Flugreise sein, selbstverständlich ohne Flugzeug, nicht wahr? Wer reist heut schon mit einem Verkehrsmittel, wenn es auch ohne geht?“
„Wie soll das gehen, werter Herr“, fragte die Frau ihn ungerührt, „ohne Flugzeug? Da kommen wir ja nirgendwo hin!“

Matthias geriet noch mehr ins Schwitzen.
Wer war denn nun komplett verrückt, er selbst oder die beiden Alten?
„Nun ja“, antwortete er, in einem Tonfall, wie man kleinen Kindern etwas erklärt, „bei einer Schiffsreise ohne Schiff kommt man doch auch nicht vom Fleck weg, genaugenommen.“
Verzweifelt richtete er die Augen zur Decke.
‚Verdammt, es ist nicht zum Aushalten, die schaffen mich noch.’
Die beiden Alten blickten sich vielsagend an.
„Ich glaube“, sagte die Ehefrau, „wir sind da wohl noch eine Erklärung schuldig, Bruno.“
„Du hast Recht, Mathilde, in der Tat, sonst hält er uns am Ende noch für verrückt, der nette Herr.“
„Aber ganz und gar nicht, meine Herrschaften“, erwiderte der nette Herr, „vielleicht habe ich nur etwas verpasst; vielleicht sind sie bereits gang und gäbe, diese neuen Reisen ohne Verkehrsmittel, in unserer Branche ist alles möglich, und es manchmal schwer, immer auf dem laufenden zu bleiben.“
Bruno Rautpappel ging nicht darauf ein.
„Die Sache ist nämlich die, Herr Samland; meine Frau und ich, wir haben noch nie so eine richtige Schiffsreise gemacht, aber dennoch sind wir beide große Fans dieser Kreuzfahrten. Sie kennen doch sicher die Serie Traumschiff aus dem Fernsehen?“
Die kannte Matthias zur Genüge, und sie hing ihm schon zum Halse raus, denn viele seiner Kunden kamen nach ihrer Schiffsreise zu ihm gelaufen, um sich darüber zu beschweren, dass es auf ihrer Reise ganz anders zugegangen wäre als auf dem Traumschiff, das sie so gut aus dem Fernsehen in Erinnerung hatten.
Auch das noch, dachte er entnervt.
„Na, ja“ fuhr Bruno fort, „wie gern würden wir eine solche Reise machen, mit allem Komfort, das Geld ist ja da, aber es geht einfach nicht. Der Haken ist der, dass meiner Mathilde schon übel wird, wenn sie ein Schiff auch nur von weitem sieht, geschweige denn einen Fuß darauf setzt. Das war schon immer bei ihr so, seit frühester Kindheit, und es wird nach Aussage der Ärzte und Psychologen, die sie alle aufgesucht hat, immer so bleiben.“
„Und so kamen wir auf die Idee“, ergänzte Mathilde, „uns nach einer Alternative, die all das bietet, was so ein großes Schiff auch zu bieten hat, zu erkundigen, nur eben ohne dieses verfluchte Schiff, verstehen Sie. So etwas muss es doch geben, ich bin doch schließlich nicht der einzige Mensch auf Erden, der liebend gern eine Schiffsreise machen würde, sie aber nicht vertragen kann.“

Matthias Samland war sprachlos, nach dieser Erklärung, nicht aber sein Alter Ego. ‚Du musst sofort handeln’, hämmerte es auf ihn ein, ‚das ist eine Marktlücke, du Idiot! Mensch, dass du da nicht von selbst drauf gekommen bist.’
Matthias überhörte den Idioten und hörte stattdessen auf sein anderes Ich, und er handelte spontan.
Er verkaufte sein Reisebüro mitsamt allen Filialen mit gutem Gewinn. Von dem Erlös baute er auf einer kleinen Insel im Mittelmeer direkt am Strand ein großes Luxushotel, welches nicht nur die Form eines Ozeanliners besaß, sondern auch all dessen Funktionen, vom Maschinenraum bis zur Kapitänsbrücke. Es muss nicht hinzugefügt werden, dass die Hotelmannschaft genau der Besatzung eines Traumschiffes entsprach.
Nachdem er mit diesem Pilotprojekt einen Riesenerfolg erzielte, ist er nun dabei, seine Landflotte ständig zu vergrößern, und alle Prognosen geben ihm bisher Recht.
Die Zahl der Schiffsreisenden ohne Schiff nimmt ständig zu.

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