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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Die Kunst und die Kunst ihrer Betrachtung
Eingestellt am 24. 03. 2013 23:12


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Sigurt Funk
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Registriert: Nov 2005

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Die Kunst und die Kunst ihrer Betrachtung

„Der Künstler möchte den Betrachter fördern und hofft, dass dieser aus seinen Werken etwas mitnehmen kann und sich darin wiederfindet ohne große Erklärungen…..jeder kann und darf etwas anderes darin entdecken…. Auf der anderen Seite steht der Betrachter, der oftmals nicht in der Lage ist, den Sinn zu deuten, es vielleicht aber möchte. Und so entstehen Spannungen, Erwartungen….“ so etwa beschreibt eine Künstlerin das Spannungsfeld zwischen Künstler, Kunst und Rezipienten.

Dass der Künstler den Betrachter seines Werkes, im Bestreben es verstehen zu wollen, unterstützen möchte, könnte man lobenswert finden, es wäre auch nichts dagegen zu sagen, dass der Künstler dem Kunstbetrachter ”etwas mitgeben” möchte, das ihm bei der Bewältigung des künstlerischen Rätsels helfen könnte; wie aber wäre das zu beurteilen, wenn diese gutgemeinte Interpretationshilfe in eine kognitive Bevormundung des Rezipienten mündet?
Und wo ist die Grenze?

Es ist wohl keine Seltenheit, dass sich Künstler von ihrem Publikum, von der Welt insgesamt unverstanden fühlen, manchmal sogar beleidigt reagieren, wenn das von ihnen vorgelegte Werk beim Publikum nicht „ankommt“, wenn der erwartete Erfolg, die Zustimmung, der Applaus ausbleiben.

Künstler genießen eine gesellschaftliche Sonderstellung. Seit der mit Nachdruck betriebenen Eliminierung sogenannter „Entarteter Kunst“ aus dem Kunstbetrieb und dem gesamten öffentlichen Leben des Dritten Reiches, der Ausschaltung aller jener Kunstrichtungen also, die später als „Avantgarde“ weltweite Triumphe feierten, scheint man – vielleicht wegen des nachträglich sich eingestellten unerwarteten Erfolgs – in den Künstler ein besonderes Maß „quasi-hellseherischer“ Fähigkeiten hineininterpretiert zu haben. Besonders die dem produktiven Zweig zurechenbaren Künstler wären in besonderem Maße in der Lage, unheilvolle Entwicklungen der Gesellschaft vorauszusehen und in ihren Werken deutlich zu machen, lautet insgeheim die Annahme. Künstler seien die hellsichtigen Medien der Neuzeit, die zeitgenössischen Rezipienten ihrer Werke aber seien nicht in der Lage das “Deutlichgemachte” zu verstehen.

Eine solche Auffassung muss natürlich jedem Künstler schmeicheln! Es ist daher auch kein Wunder, wenn sich Künstler alsbald auch selbst als diejenigen sahen, die allein ihrer künstlerischen Fähigkeiten wegen mit einer besonderen Gabe und Verantwortung dahingehend ausgestattet seien, der Gesellschaft den „rechten Weg“ zu weisen. Das Argument, dass sie dieser besonderen Verantwortung durch das Schaffen von „mit politischer Bedeutung aufgeladenen Kunstwerken“ gerecht werden wollten, dürfte nicht weit hergeholt sein. Auch die Tatsache, dass viele von ihnen daran verzweifelten, wenn die Gesellschaft dennoch eine andere Sicht der Dinge hatte oder die mit dem Kunstwerk latent oder offensichtlich mitgelieferte politische „Message“ nicht verstand, könnte sich wohl leicht empirisch belegen lassen.

Andererseits hat es immer KĂĽnstler gegeben - und es gibt sie noch - fĂĽr deren Arbeit der Lauf der Welt mehr oder weniger bedeutungslos war. KĂĽnstler, die die Referenzpunkte fĂĽr ihr Werk nicht innerhalb des Systems Politik, Gesellschaft oder Wirtschaft sondern ausschlieĂźlich innerhalb des Systems Kunst suchten und fanden.

Was aber nützt das Kunstwerk, wenn es niemanden gibt, der es richtig „lesen“ kann?
Muss man von Kunst wirklich etwas „verstehen“, um sie richtig zu deuten? Deutet man das Kunstwerk nur dann richtig, wenn man es im Sinne seines Schöpfers versteht?

„Es gibt Kunstwerke, die „springen“ mich förmlich an, bei denen läuft mir eine „Gänsehaut“ über den Rücken! Was es genau ist, was mich beeindruckt, was mich fasziniert, kann ich nicht sagen, es ist etwas Unbestimmtes, es ist „etwas“, das etwas in mir „zum Schwingen“ bringt und erst dann, wenn das passiert, dann weiß ich, dass es sich um „Kunst“ handelt. Andere Werke wiederum „sagen mir gar nichts“, da „springt kein Funke“ über.“ Solche und ähnliche Äußerungen hört man immer wieder, wenn man Menschen bittet, über ihre Begegnungen mit „moderner Kunst“ zu berichten.

Seit der Zerschlagung des Kunstbegriffes durch die extensive „Ausweitung“ seines Geltungsbereiches bis nahe an die Beliebigkeit, scheint Kunst etwas ganz Individuelles, etwas ganz Persönliches geworden zu sein; die Kunst scheint sich im Zwanzigsten Jahrhundert zu einem Phänomen entwickelt zu haben, das für jeden anders in Erscheinung tritt. Oft wird im Zuge des Anwachsens esoterisch geprägter Phantastereien sogar verlangt, der Betrachter eines Kunstwerkes müsse über ganz besondere „Antennen“ verfügen, um die „Schwingungen“ aufzufangen, die angeblich von einem modernen Kunstwerk ausgehen, um es zu „verstehen“.

Während also die einen einem „künstlerischen Relativismus“ frönen und alles dem vielbeschworenen „Bauchgefühl“ überantworten: >Man ist entweder „berührt“ oder man bleibt „ungerührt“< bemühen die anderen, die ihnen vertrauten kunsthistorischen Kategorien.
Seit des Postulats aber: >Kunst hat nichts mit „Können“ zu tun<, scheint es nichts mehr Handfestes zu geben, an das zu halten sich lohnt. Nichts ist leichter, als die Orientierung zu verlieren; nichts scheint mehr greifbar, schon gar nicht die verwendeten Vokabel der Kunstbeschreibung, die sich oft selbst zu eigenständiger Kunstform aufschwingt; alles wird unbestimmt, sämtliche Qualitätskriterien scheinen außer Kraft gesetzt worden zu sein und sind es doch nicht.

Im Feld dieser Unsicherheiten lassen sich zumindest zwei sich diametral gegenüberstehende Standpunkte ausmachen: der des Künstlers: „Kunst ist das, was ich zur Kunst mache!“ und der des Rezipienten: „Kunst ist das, was ich als Kunst erkenne!“ Auch innerhalb der Künstler finden sich unterschiedliche Gruppen: Während sich die einen als Künstler mit kommunikativem, sendungsbewussten Auftrag verstehen, findet man auf der anderen Seite der Medaille das „autistische“ weltabgewandte Gegenteil, des nur für sich arbeitenden Künstlers.
Muss das zeitgenössische Kunstwerk der „Sendungsbewussten“ mit einem gesellschaftlichen „Auftrag“ ausgestattet sein, der nur in der einen vom Schöpfer legitimierten Form interpretiert werden darf? Oder steht das Kunstwerk mit seiner Entlassung in die Welt ohnehin als selbständiges Artefakt da, über das selbst sein Schöpfer die Herrschaft und Interpretationsberechtigung verloren hat?

Allgemein verbindliche Regeln fehlen und das macht die Sache kompliziert. Die Aufgabe der Kunst von heute, die von der Bewegung des „l’art pour l’art“ noch strikt verneint worden wäre, sehen viele in der Kommunikation zwischen Künstler und Rezipienten. Schlagworte wie „Kunst am Bau”, “Kunst im öffentlichen Raum”, und das Abfällige: “Behübschungskunst“ legen beredt davon Zeugnis ab. Die politische Kunst der 68er Jahre ist Vergangenheit. Für manche ist die Kunst in ihren “Käfig” zurückgekehrt und beschäftigt sich nur noch mit sich selbst.
Und dennoch gibt es immer auch noch die eine Kunst, die uns etwas „sagt”; etwas, das jenseits dessen liegt, was sich mit Worten sagen ließe.

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