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Leselupe.de > Humor und Satire
Die Kunst zu heilen oder Wie man sich seines Restverstandes bedient
Eingestellt am 02. 08. 2003 00:38


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wondering
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Die Kunst zu heilen
oder
Wie man sich seines Restverstandes bedient

Der Arbeitstag hat sich mal wieder wie Kaugummi gezogen. Alltag vom Feinsten und Authentischsten. Z├Ąh, lang und irgendwie tot. Pflichten, die zu erf├╝llen gewesen w├Ąren, lassen sich gewohnheitsm├Ą├čig locker verschieben. Es gibt immer einen Grund, zum Einerlei auch noch bequem zu sein. Wie soll ich vor mir selbst einen pl├Âtzlichen Aktionismus rechtfertigen? Dann h├Ątte ich ja keinen Anla├č mehr, Tr├╝bsal zu blasen und mich zu bedauern.
Au├čer, es h├Ątte sich zum normalen Alltag ein neuer Alltag gesellt.
Wie ist so etwas m├Âglich? Ganz einfach:
Man verliebe sich und tauche nach ein paar Wochen in den Alltag dessen. Ein doppelter Alltag sozusagen. Einmal der, der schon da war und dann dieser schmerzliche, der neu hinzu gekommen ist.
Es ist aber nicht so, als h├Ątte man das nicht vorher gewusst. Man ist ja nicht in dieses Hochgef├╝hl eingestiegen, ohne ein paar Erfahrungen mitzubringen. Was ich meine, ist die R├╝ckkehr aus dem k├Ârperlich-geistigen Ausnahmezustand des Verliebtseins, der vielleicht sechs Wochen andauert und lediglich dazu dient, die evolutionsbedingt hinterlegte Paarungsbereitschaft anzulegen. Streng biologisch, physiologisch gesehen: Endorphine, erweiterte Blutgef├Ą├če, infantiler Habitus und einige Superlative. Im besten Fall etabliert sich ein Gef├╝hl, das bei den beiden Betroffenen konform geht und zu kultivieren gelungen ist. Eher aber wieder mal nicht.
Den Rest zum Liebes-Alltag bringt die Zeit, die Bequemlichkeit und ein verzogenes Ich.
Was genau liegt dann am Ende eines solchen, wie oben genannten Tages? Tr├╝bsal, klar, das ist nicht neu. Aber doppeltes Tr├╝bsal, das ist schlimm und ben├Âtigt nun einen klaren Kopf, den Verstand, die Heilung.

Anamnese:
Zwei Menschen begegneten sich. Zuf├Ąllig - man war ja als abgekl├Ąrtes Wesen und ├╝berzeugter Single, nicht auf der Suche. Im ├ťbrigen hat man diese Kennenlern-Studien l├Ąngst satt. Trotzdem. Es begann zu knistern und ehe man sich versah, sa├č man auf Wolke Sieben, trug die rosarote Brille und stand unter permanenter, imagin├Ąren Beobachtung. Herrlich! Diesem Zustand hatte man seit Jahren ├╝berzeugt abgeschworen. F├╝hlte sich ├╝berlegen, erhaben und immun. Hatte Gelegenheiten willentlich ausgelassen, manche mitgenommen, war an der Selbstbestimmtheit gewachsen und empfindet diese Zeit, nach wie vor, als die besten Jahre seines bisherigen Lebens. Denn alles geschieht inzwischen bewusst.
Dennoch, bilderbuchm├Ą├čig, ist es DAS diesmal. Hat man DAS so noch nie erlebt. Und da man gerade bereit ist, DAS zuzulassen, wird es DAS wohl f├╝r immer sein. Der Alltag wird angehoben, belebt, vers├╝├čt und vergoldet durch all diese w├╝nschenswerten Kleinigkeiten, die man nur s├Ąt und erntet in jenen drei bis sechs Wochen des Verliebtseins. Man ist in der Lage zu k├Ârperlichen Hochleistungen, n├Ąchtelang und nach einer Hand voll Schlaf, gleich wieder. Es werden w├╝ste Tr├Ąume getr├Ąumt, Berge und Existenzen versetzt und das alles leichten Fu├čes. Nat├╝rlich ist man fest davon ├╝berzeugt, dass dieser Zustand nicht enden wird, denn man hat die Erfahrung, die ausgereiften W├╝nsche und die Bereitschaft, diesmal alles zu tun, selbst Kompromisse einzugehen, damit es so bleibt. Da kann nichts schief gehen! Und so schwebt man durch den Alltag, dessen Sorgen aus dem anderen Alltag sich in Nichts aufl├Âsen. F├╝r ca. sechs Wochen.
Danach haben wir dann das Doppel-Disaster. Alltag im Liebes-Alltag.

Symptome:
Die Kleinigkeiten, die vielen, winzigen Aufmerksamkeiten, die einem das Dauerl├Ącheln und die „Was-ist-mit-dir-los-Aura“ in den Alltag gezaubert haben, bleiben aus. Der Morgengru├č per SMS wird eingefordert, ehe er mittags kommt. Besetzt-Zeichen am Telefon werden hinterfragt und eine kurzzeitige Nichterreichbarkeit mit spitzem Verweis auf viele Male Umsonst-W├Ąhlens zumindest erw├Ąhnt. Bevor man jedoch selbst die Zeit hat, eben diese kleinen, verzaubernden und vielleicht bindenden Nettigkeiten spontan zu senden, legt sich dieser o.g. „erste“ Alltag, mehr oder weniger unbemerkt, dar├╝ber. Man hat ja schlie├člich auch noch ein anderes Leben, als dieses rosarote.
Man beginnt zu bewerten, dass die Liebesbeweise - nat├╝rlich einseitig - ausbleiben, und Fragen, Selbstzweifel und erste Griffe in die Trickkiste machen sich breit. Man ignoriert mit verschr├Ąnkten Armen das Signal des Telefons. Man ist ja soooo m├╝de, oder man hat "eine Verabredung" (?!?!).
Nat├╝rlich denkt man st├Ąndig an den Anderen. Aber nicht so, wie die vergangenen sechs Wochen, sondern irgendwie mit zusammengezogenen Augenbrauen: `Wieso h├Âre ich nichts? Ich habe mich immer zuerst gemeldet, jetzt ist er mal dran.‘ `Ich brauche mal wieder Zeit f├╝r mich. Ich kann mir nicht ewig ihren Alltag anh├Âren.‘ Und zack... befinden wir uns in dem Spiel: „Wieso-ich-zuerst?“
Gehen wir vom "worst-case" aus, es handelt sich um eine Fernbeziehung. Wo anfangs Kilometer ein Ma├č f├╝r das Gl├╝ck waren, werden diese nun zur Bew├Ąhrungsprobe. "Ach, sei nicht b├Âs‘, es ist Monatsende, ich muss die Buchhaltung machen, du w├╝rdest dich langweilen." und " Liebling, du verstehst sicher, ich muss noch f├╝r xyz dies und das erledigen, ich hab’s versprochen. Und man hat Stau angesagt, da lohnt es kaum..." Ne, schon klar, man hat ja auch noch seine Dinge zu erledigen, no problem. Nur keine W├╝nsche nennen, keine Defizite beziffern. Das grenzt sofort an Selbstaufgabe.
`Wie sah er noch gleich aus? Ach ja, die netten Grinsf├Ąltchen hatten es mir angetan. Bei guter Musik und einem Glas Rotwein auf meinem Sofa komme ich beim Anblick seines Fotos direkt ins Schw├Ąrmen.‘
`Wenn ich jetzt nicht noch die Winterreifen drauf h├Ątte, w├Ąre ich ja gefahren, sie ist mir so s├╝├č und lecker in Erinnerung.‘
`Er hat wieder nicht angerufen, na warte‘,
`Ich rufe sie (vielleicht) sp├Ąter an, ich muss erst....‘
Status semper idem.
Der Verstand meldet sich: "Die Zeit legt sich dar├╝ber, geh‘ nach Hause, dahin wo du noch vor sechs Wochen nur einen Alltag hattest. Das hast du selbstbestimmtes Wesen nicht n├Âtig. Im Zweifel lacht er mit seinen Kumpels ├╝ber dich. Es lohnt sich nicht, er ist wie alle." Uff... "Okay, aber, lieber Verstand, du hast sicher nichts dagegen, wenn ich mir noch einmal die CD anh├Âre, die er mir geschenkt hat." "Na, wenn du meinst, dass es hilft?!" "Ja, schon, es wird mir Wut machen, daf├╝r sorgen, dass ich vorzeitig alles in Frage stelle und mich zum wirklich ├╝berzeugten Single wandele. Beim n├Ąchsten Mal bin ich dann echt immun!"
Und er: "Ich habe mir nicht meine Pers├Ânlichkeit und Integrit├Ąt aufgebaut, damit so ein weibliches Wesen, au├čer mich becircen zu d├╝rfen, auch noch meine Nischen besetzt und mich wohl m├Âglich fremdbestimmt! Bin ich ein Mann oder ein weichgesp├╝lter Waschlappen?"

Diagnose:
Es handelt sich hierbei um das typische Ph├Ąnomen einer Zusammenkunft des "Prinzen im Eisenofen" und der "Prinzessin auf der Erbse" im fortgeschrittenen Stadium. Nachzulesen nicht nur bei den Gebr├╝dern Grimm, sondern in neuester ├ťbersetzung auch in "Psychologie heute", "Freundin" und "Men’s health". Anzutreffen meist im Alter jenseits des 30. Lebensjahrs und exemplarisch oft in mittleren Klein-bis Gro├čst├Ądten.

Therapie:
Man nehme als Ma├č der Liebe die Liebe ohne Ma├č und reiche sie unter mehrfachen Ber├╝hren mit Mut, Vertrauen, Ehrlichkeit und Respekt regelm├Ą├čig dar.

Bei selbst vorgegebenen Risiken und erwarteten Nebenwirkungen helfen Ihnen aber weder Arzt noch Apotheker.

__________________
Wenn man die Ruhe nicht in sich selbst findet, ist es umsonst, sie woanders zu suchen.

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Herr M├╝ller
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Hallo wondering

ich bin zwar ein Mann, aber ich habe Dich trotzdem verstanden
Toll beschrieben, wie der anf├Ąnglich von Gl├╝ck angehauchte, beschlagene Liebesspiegel so nach und nach von seiner Blindheit befreit wird. Ich sehe den anderen und mich wieder klar bis glasklar und mu├č erneut feststellen, dass das Leben wieder zu seinen alten vorgeformten Konturen zur├╝ckkehrt. Ich kann mich verstellen wie ich will, aber ich stehe irgendwann immer vor dem Spiegel, nackt.

Habe ich vorne vorne bis hinten in einem Atemzug gelesen. Gef├Ąllt mir sehr gut.

Herr M├╝ller
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Wer das Wort sucht, wird den Reim ernten.

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Buffy
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Registriert: Aug 2003

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Eine Kunst so zu schreiben

Hi Wondering,
ich bin sehr beeindruckt von diesem Text.
Oder auch hin, weg, lieber zur├╝ck und nochmal lesen.
Gru├č Buffy

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wondering
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Kommentare: 355
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@ Herr M├╝ller: He he, sooo selbstanklangend?
danke f├╝r's Lob.

@Buffy: dir auch ein dickes Danke. Am Besten schreibe ich da, wo ich mich "betroffen" f├╝hle, dann schreibt das Herz mit

Gr├╝├če
wondering

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