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Leselupe.de > Anonymus
Die Kunst zu lieben
Eingestellt am 19. 04. 2004 21:42


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Anonymous
Unbekannter Verfasser
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Seine Augenbraue zieht sich befremdlich hinauf, als er die T├╝re ├Âffnet und jeden anderen Menschen erwartet h├Ątte – nur mich nicht. Keine zwei Sekunden verstreichen, bevor er zu grinsen beginnt und zugleich mit dem Kopf sch├╝ttelt, wobei er jeglichen Zweifel verscheuchen mag, der meine Anwesenheit anbelangt.
„Was willst du hier? Verschwinde endlich...!“ Und bevor er ausgesprochen hat, macht er Anstalten dazu die T├╝re wieder zu schlie├čen, doch die Unb├Ąndigkeit meines sonst so paralysierten Wesens dr├Ąngt sich dazwischen. Du warst derjenige, der mich als ein sch├Ânes Kind bezeichnete und ich kann das liebliche L├Ącheln in all seiner Leichtigkeit auf meinen Lippen sp├╝ren, als er verwundert einh├Ąlt und mich zwei Schritte auf sich zukommen l├Ąsst. Fl├╝chtige Illusionen einer Anbetung ├╝bersch├╝tten sein Gem├╝t mitsamt einem Vollrausch Hormonen; keine Angst, ich sorge daf├╝r, dass sich der Stau baldm├Âglichst aufl├Âst.
Noch immer im Irrsinn der letzten 24 Stunden gefangen, hebt sich meine Hand und streicht mechanisch ├╝ber seine nicht sauber rasierte Wange. Eine wahre Genugtuung entflammt in meinem Inneren, als sich seine Pupillen mit dem Rest seiner verdorbenen Augen weiten; eine Einladung hinein in die Tiefen der H├Âlle, deren Feuer mich wie Sturmb├Âen umf├Ąngt und jeder Zentimeter vernarbte Haut best├Ątigt mein gedankliches Vorhaben. Hinter mir schl├Ągt die Wohnungst├╝re zu; seine K├Ârperhaltung demonstriert begierende Vorfreude, als er sich von meiner ansehnlichen Gestalt durch den Flur leiten l├Ąsst.
W├Ąhrend der vergangenen Jahre habe ich so extremes Leid erfahren, dass dieses die Grundlage jeglicher Apathie bildete, die mir als Sockel nun den Aufstieg erm├Âglicht. Ich kann es f├Ârmlich h├Âren, das nahende Knistern in der Luft, die Kollision der unsichtbaren Teilchen beim Blick in den Himmel. Kleiner, winziger; Atome, und ein jedes wispert mir zu im Vor├╝berfliegen, toleriert meine kranken Phantasien als Ausgeburt einer schlichten Gerechtigkeit.
„Ich habe sehr lange nachgedacht...“ Wir sind in der K├╝che angekommen; erneut etwas mehr Distanz zwischen uns, die er noch zu ├╝berwinden versucht, als ich den Kopf schief lege und in mir nichts mehr finden kann, was an Schmerz oder gar Trauer erinnert. Du hast mir all das genommen, es aus mir hinausgedroschen und dich daf├╝r im Eigenlob erstickt. G├╝tiger, g├╝tiger Mann, warum hast du niemals gelernt dich zu benehmen?
Selbst jetzt ist Perversion in all deiner Gestik eingraviert, gest├╝tzt von Brutalit├Ąt und Komplexen, derer du dir nicht im Entferntesten bewusst bist. Becircend strecken sich die Finger meiner einen Hand nach ihm aus, tippeln ├╝ber den feinen Stoff des Hemdes, auf dem ich weitaus andere K├Ârperfl├╝ssigkeiten schon kleben sah als Schwei├č. Den Zustand aus der Erinnerung m├Âchte ich abermals herstellen; je tiefer ich seine Miene studiere, je weiter ich l├Ącheln muss, je langsamer meine andere Hand hinter meinem R├╝cken die Schublade aufzieht...
„Du hast also nachgedacht.“ Automatisch tritt er n├Ąher an mich heran; mein Arm muss sich anwinkeln, um an Ort und Stelle zu verweilen und ich kann die K├Ąlte seiner Finger nachempfinden, als sie unmittelbar davor sind sich durch die Kleidung in meine Haut zu ├Ątzen. Die abartigste Unschuld ├╝berhaupt klimpert mit den Lidern und f├Ąhrt fort: „Wor├╝ber? Doch nicht etwa ├╝ber mich?!“
Die Wonne der Vorfreude l├Ąsst seinen Blick hinab blitzen und in meinen Ausschnitt blinzeln; mein Zustand gewehrt ein Nicken, strahlt von Zufriedenheit, als ich den Griff fest umschlie├če und die andere Hand in seinen Nacken wandern lasse. Er verlangt mir einen kaum merklichen Druck ab, um ihn zu mir zu f├╝hren und die zirkulierende Atemluft von uns vermengt sich, als ich beinahe seine Lippen ber├╝hre.
„Nur ├╝ber dich... immer nur, seit sehr vielen Jahren... das beste wird sein, wenn es hier und jetzt geschieht...“
Gestank von Zigarettenrauch und Alkohol dringt als eine Zweitrangigkeit in mich hinein, je l├Ąnger wir in unserer Position verharren und ich in meinem Hirn die Gedankenstr├Âme malmend nachempfinden kann. Es sind zu viele, als dass sie dort Platz h├Ątten und doch verschaffen sie eine solch klare Denkstruktur wie ich sie in meinem ganzen Leben noch nicht erfahren habe. In meinem Sichtfeld tanzen die Botenstoffe und blinken Nervenzellen voller ├ťberanstrengung, deren Schwindel mich in die Knie zwingen will.
„Oh und was sollte jetzt und hier geschehen?“
Sag, dass du es willst! Flehe darum, es mit mir treiben zu d├╝rfen. Bete mich an in meiner Gestalt und sehne dich in aller Herrlichkeit nach meiner Macht. Augen k├Ânnen so vielsagend sein und doch erreichen all seine Botschaft bei mir nichts, sondern schwinden durch meine Knochen, mein Fleisch und meine einst vorhandene Seele wie ein Windsto├č durch einen leeren Raum. In Zeitlupe beobachte ich sein Vorw├Ąrtsstreben und kralle meine Finger urpl├Âtzlich mit aller aufbringbaren Gewalt in seinen Nacken; lasse seine Visage in Schmerz ertrinken dar├╝ber und muss doch unver├Ąndert dreinschauen.
„Hier und jetzt... ist der richtige Moment f├╝r dich zu sterben...“
Das aller erste Mal bin ich es, die Furcht durch deine Eingeweide hetzt und nicht in Tr├Ąnen aufgel├Âst das Weite sucht. Heute bin ich nicht mehr das kleine M├Ądchen, hinter dem du her warst wie hinter einem St├╝ck Vieh und das eigentlich die Freundin deines Sohnes ist. In mir verzehrt sich alles nach dem s├╝├čen Duft seines neu ausgetretenen Angstschwei├čes, als ich kalkuliert das gro├če Messer hinter meinem R├╝cken hervorhole, aushole und es seitlich in seine K├Ârpermasse steche.
Zu schade dass meinen Ohren sein Aufst├Âhnen entgeht; ich nur die Effekte der Verletzung in dem ├╝berfallenden Gr├Ąuel seines best├╝rzten Antlitz ausmache und langsam das Messer wieder hervorziehe. Ja, schau hin, wie es rot aus dir quellt. Und im gleichen Moment lasse ich von seinem widerw├Ąrtigen K├Ârper ab, sodass er seine letzte St├╝tze verliert und wie ein erlegtes Tier am Boden aufprallt. Die H├Ąnde hilfesuchend und unbeholfen auf die Wunde gepresst, entrinnt seiner heiseren Stimme Schrecken: „Was... was tust du...?“
Im Affekt gehe ich leicht in die Knie und verschenke das einzige, was mein ermordetes Ich noch zu bieten hat: ein anhaltendes L├Ącheln, bei dem ich langsam spreche. „Was tust du? ...Das ist eine sch├Âne Frage... ich hab’ irgendwann aufgeh├Ârt zu z├Ąhlen, wie oft ich sie dir gerne gestellt und Antwort bekommen h├Ątte...“
Die Faszination des Rotes auf der enormen Klinge fesselt mich, als ich das K├╝chenger├Ąt im Licht des faden Nachmittags drehe und erleichtert vermerke, dass sein Blut keine ├ähnlichkeit mit dem seines Sohnes hat.
Doch das entsetzte St├Âhnen seines wuchtigen Leibes st├Ârt mich in meiner Konzentration; l├Ąsst mich sein gar so h├Ąssliches Gesicht betrachten, aus dem die Funken des Lebens entschwinden. Luftteilchen, macht ihnen Platz, schallt meine gl├╝ckliche Bitte wider.
„Ruf... ruf einen Krankenwagen... tu-tu es...!“
Mein Kopf sch├╝ttelt sich verneinend. „Es erf├╝llt mich mit Freude dir zuzusehen...“
„Ich bin nicht an seinem... Tod schuld...“
Ich lache ├╝ber Naivit├Ąt und Komik des Verbrechers und es ist ein so leichtes Gef├╝hl, dass ich kaum genug davon bekommen kann. „Du bist der einzig Schuldige an seinem Tod... und wei├čt du, was ich tun k├Ânnte?“ Meine Hand l├Ąsst das scharfe Messer elegant kreisen, w├Ąhrend ich fortfl├╝stere: „Ich k├Ânnte dir die Augen ausstechen... oder dein Gehirn hinausschneiden... letzteres w├Ąre nat├╝rlich besser, auch wenn dann nur noch ich das Vergn├╝gen habe mit an zusehen, wie ein wirklich kranker Mensch im Kopfe ausschaut.“
Mehrere Schwei├čperlchen gleiten von seiner Stirn ├╝ber die st├Ąmmigen Wangen und das breite Kinn. Der Widerspruch ist ihm im Halse stecken geblieben aus der Bef├╝rchtung heraus, dass ich es dann erst recht tue.
„Dummkopf,“ sage ich stattdessen am├╝siert, „ich schneide dir nat├╝rlich den Schwanz ab!“
Seine uners├Ąttliche Bl├Ąsse ist urkomisch und ich muss erneut die Mundwinkel h├Âher ziehen. Verdient h├Ątte er es, fraglos. Verdient daf├╝r den wundervollsten Menschen, den ich jemals kennen gelernt habe, systematisch in den Abgrund getrieben zu haben. Verdient daf├╝r, das begnadeteste Talent einfach aus dem Leben gezwungen und mir blo├č eine Unmenge Kunstwerke hinterlassen zu haben.
„Dein Sohn w├╝rde das sicherlich gerne sehen... damit er nach einer Vorlage zeichnen k├Ânnte...“
„Bitte...“ Das schw├Ąchliche Flehen verpufft in meinem Starren aus Unerbittlichkeit, bei dem ich mich weiter ├╝ber ihn beuge.
„Ich wei├č, dass du’s getan hast... du hast ihn gev├Âgelt... mit beinahe 50 Jahren einen gerade mal 15-J├Ąhrigen... Aber du hast dir nicht ein einziges Mal wirklich eines seiner wundervollen Bilder angesehen...“ Aus meinem Erinnerungsverm├Âgen hallen all die Beschimpfungen, die er stattdessen austeilte und das abscheuliche Weinen eines Kindes vergeht in den zerrei├čenden Lauten des Papiers. Irgendwann habe ich damit aufgeh├Ârt Schnipsel aus dem M├╝ll zu fischen und die einst perfekten Werke wieder zusammen zu f├╝gen.
„Du wei├čt nicht, dass er ein Genie war. Und selbst mit deinem verdorbenen Blut k├Ânnte er noch ein traumhaftes Meisterwerk erschaffen.“
Zur Unterst├╝tzung lege ich die zweite Hand um den Griff des Messers und setze die Spitze auf der Brust des Mannes auf, f├╝r den Kunst nur ein verkorkster Weg des Lebens und dessen Verschwendung ist. Der trockenen Kehle entschwindet undefinierbares ├ächzen, als ich mich ruckartig aufrichte und so mehr Druck in die H├Ąnde hinableite.
„Einen gar ganz gew├Âhnlichen Tod sollst du sterben... ich sorge daf├╝r, dass du den rechten Ruf erlangst...“
Das leichte Rosa der Lippen ist hinweggesp├╝lt von dem zutage tretenden Blut, welches der Reflex aufw├Ąrts scheucht. Das ist ja wahrhaftig Angst, die mir bis zu seinem letzten Atemzug unerh├Ârte Erregung beschert. Im R├╝cken machen sich die K├╝chenschr├Ąnke bemerkbar, als ich mich gegen diese lehne und mitverfolge, wie das austretende Meer Ringelrein mit dem gekachelten Boden spielt. Und mir wird bewusst, was Vergeltung bedeutet, als ich den Kopf in den Nacken lege und an all die unbeschreiblich sch├Ânen Bilder denke, die mir mein Freund schenkte.

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