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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Kunst zu spinnen
Eingestellt am 30. 09. 2004 23:16


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Aurelio
Autorenanwärter
Registriert: Sep 2004

Werke: 22
Kommentare: 36
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Eine merkwürdige Begegnung
Ich weiss nicht mehr, wie wir so ins Gespräch gekommen sind. Ich wollte, glaube ich, gerade die Fenster putzen. Genau, so war es. Ich hatte gerade alle Vorbereitungen getroffen, als es zu regnen begann. Da ich den kleinen Besen schon in der Hand hatte und wenigstens etwas produktives leisten wollte, kehrte ich die Spinnenweben vom Fenster weg.
Mit meinen Leistungen war ich zufrieden, bestaunte meine Arbeit und musste feststellen, dass es bereits wesentlich heller in meinem Zimmer war. Also waren die aufwendigen Vorarbeiten wenigstens gerechtfertigt. Die Kosten für Fensterputzmittel waren durch die Stromersparnis der Beleuchtung ausgeglichen.
Ich befreite gerade meinen Besen von den Spinnweben und sah zu, wie die Netzreste lustig schwebend und Purzelbäume schlagend vom Wind auf den Balkon des Nachbarn geblasen wurden. Schadenfreude lächelte in mir.
Plötzlich brüllte jemand in einem unverschämt beleidigenden Ton in mein rechtes Ohr:

“Was soll das? Du bist wohl verrückt! Du Menschenwicht du abscheulicher! Eckelerregend diese angezogenen Affen!“ Solche Worte drangen an mein Ohr, doch ich sah weit und breit niemanden, dem ich diese Stimme zuordnen konnte. Die Stimme des spinnenbenetzten Nachbarn würde anders klingen. Schon nach einer kurzen Pause ging es weiter:
“Na warte, bis ich dir mal deine Hütte unter deinem Hinterteil wegkehre. So was gibt’s doch nicht! Ich mache mir die Arbeit, fange Fliegen und Mücken, dass dieser rabiate Mensch nicht gestochen und belästigt wird – und was macht er? Nichts anderes hat er zu tun, als meine Arbeit, meine Behausung einfach mit einem Besen zu zer...“
“He, brems mal dein loses Mundwerk“, rief ich in die rechte, obere Fensterecke, dem Herkunftsort dieser Schimpftiraden. Ich wollte mich rechtfertigen!
“Meinst du vielleicht, diese dreckigen Lappen, die du da zusammengesponnen hast waren eine Zierde vor meinem Fenster?“

Das war, so hatte ich den Eindruck gewonnen, zuviel! Er kam aus seinem Loch gerast – es war ein Er, der Bart war nicht zu übersehen – und schimpfte wie ein Marktweib.
“Meine Netze sind sauber! Ausserdem arbeite ich mit einem perfekten Recyclingsystem. Nur euer Dreck, der verdammte Dreck in der Luft, der Staub aus euren Wohnhöhlen, macht meine guten Netze unappetitlich. Darum kann ich sie auch nicht mehr aufessen. Unser ganzes Dasein versaut und verdreckt ihr uns! Für was seid ihr überhaupt auf dieser Welt? Habt ihr einen Existenzberechtigungsschein? Mit Sicherheit nicht! Ich armes Wesen fange Fliege um Fliege, mache mich, wo ich kann, nützlich! Und dann kommt er, der Menschenwicht, fühlt sich noch weiss wie, weil er meine kunstvollen Bauwerke mit seinen tollpatschigen Pfoten zerreisst. Hat diese Welt schon ein so einfältiges Lebewesen gesehen? Alle Lebewesen arbeiten im Teamwork und dann kommt er. Ich glaube ...“
Er schimpfte und schimpfte – doch in gewisser Hinsicht musste ich ihm Recht geben, was er sagte, hatte Hand und Fuss. Endlich nach einer guten halben Stunde hatte er sich beruhigt und wir konnten in wirklich freundschaftlichem Ton miteinander reden.
“Musst schon entschuldigen“, sagte er, während er mit drei Beinen eine abwertende Bewegung machte. Die bekannte ‘Ach was‘-Geste. “Ich bin und bleibe ein Choleriker. Doch mal unter uns. So ein Netz zu bauen ist wirklich nicht einfach. Bis nur der Faden in der richtigen Mischung hergestellt ist. Du musst bedenken, dass ich einen kleinen Fehler in der Spinndrüse habe – von meiner Mutter geerbt – das macht dann das schnelle einspinnen einer Fliege unheimlich kompliziert. Überhaupt, man muss sich wahnsinnig konzentrieren, trickreich und phantasiebegabt sein, will man gute Netze bauen. Die Lage des Netzes, die Aufhängung, die gesamte Statik der Konstruktion, alles muss in Einklang stehen will man ein funktionsfähiges Netz. Natürlich muss man das Ganze noch in ein Verhältnis zu der, zu erwartenden Beute setzen und dann noch den eventuell aufkommenden Wind berücksichtigen. Die Dehnbarkeit muss je nach Standort das sieben- bis zehfache der Kellernorm betragen, das heisst: Ein Netz in einem windstillen Keller muss im Maximalfall eine Kellerassel tragen können. Ausserdem wirkt hier höchstens einmal ein kurzfristiger Durchzug belastend auf die Fäden. Vor einem Fenster im ersten Stock ist das ganz anders. Ein Windstoss kann die Konstruktion beschädigen und der Beute einen Fluchtweg öffnen. Hier spielt natürlich der verwendete Klebstoff eine wichtige Rolle. Er muss für jede Situation individuell hergestellt werden. Also kein Fertigkleber wie ihr ihn verwendet.
Bei uns spielt die Strahlenintensität der Sonne und damit die UV-Beständigkeit ein wichtige Rolle. Dies alles ins Verhältnis zur relativen Luftfeuchtigkeit, dem Gewicht und der Fluggeschwindigkeit der zu erwartenden Beute gesetzt ist eine Meisterleistung. Nur gute Schüler überleben und werden satt. Wir können uns nicht einfach umschulen lassen wenn wir die geforderte Leistung nicht erbringen,. Der kleinste Fehler in der Berechnung des Netzes und man verhungert – ist einfach tot.
Du siehst, nur perfekte Mathematiker und Chemiker überleben, vorausgesetzt, sie sind auch gute Statiker.
Aber da du nun mein Netz weggeworfen hast ergibt sich für dich die einmalige Gelegenheit, mich beim Bau eines neuen Netzes zu beobachten. Übrigens, wenn du willst, mache ich für dich einen Lehrgang. Der Preis sind zwei fette Fleischfliegen. Du kannst dann anschliessend, mit etwas Übung, selbst ein Netz bauen. Na wär' das was?“

Ich willigte ein, hatte mich doch schon als Kind der Netzbau fasziniert. Was ich nun zu sehen und natürlich auch zu hören bekam war wirklich einmalig. Ich war und bin heute noch glücklich darüber, dieses Angebot angenommen zu haben.

Ich weiss jetzt, wie die Fäden zu kreuzen sind wenn man ein Netz an einer bestimmten Stelle bauen will. Auf den ersten Blick sehe ich ob an dieser oder jener Stelle ein Mücken- oder Fleischfliegendurchflug ist; ich weiss auch, das eigene Versteck vor schlechter Witterung zu schützen; ich weiss, wie man den Alarmfaden richtig legt und natürlich das Wichtigste! Ich weiss, wie man die Beute richtig beisst, sie einwickelt und vor allem, wie man sie konserviert.
Bei der Konservierung muss mit grösster Sorgfalt gearbeitet werden, denn die Vorratshaltung ist lebens-, ja überlebenswichtig. Das Verfalldatum wird auf jede Konserve aufgesponnen. Dabei ist zu beachten, dass die frische Beute stets im hinteren Teil der Vorratskammer gelagert wird. Jeden Tag muss die Beute gedreht und gekitzelt werden um zu überprüfen ob sie noch lebt. Wenn ja ob der Organismus noch arbeitet und sich das Beutestück nicht etwa wundgehangen hat. Natürlich muss man schon bereits nach dem Fang die Lagerfähigen von den absolut Unfähigen trennen. Das zu unterscheiden ist sehr schwierig, da die angegebenen Geburtsdaten der Beute selten stimmen. Hier wird dann eine Überprüfung der Fleischbeschaffenheit notwendig. Auch das ist eine Kunst, die zu erlernen viel Übung voraussetzt. Man darf die Beute beim probieren auf keinen Fall so schädigen, dass sie stirbt. So heisst es also sich in Zurückhaltung zu üben und das trotz riesigem Hunger. Gerade mal einen halben Fuss kann man degustieren – ja Beherrschung muss auch gelernt sein.
Natürlich habe ich das alles nicht an einem Tag erlernt, Wochen habe ich dazu gebraucht. Unser Wohnzimmer diente mir dabei als Übungsraum.

Am Anfang waren meine Gespinste unschön anzusehen und ich habe deshalb verstanden, dass meine Frau über diese Gebilde nicht gerade glücklich war. Doch heute ist System in der Sache! Obwohl mir niemand geholfen hat, war ich nach etwa drei Monaten bereits so perfekt, dass selbst mein Lehrmeister anerkennend mit dem Kopf nickte. Auch die Beute biss ich genau an der richtigen Stelle, jedoch konservierte ich sie mir – ich bin ja schliesslich grösser – in Marmeladengläser, die ich in den Kühlschrank stellte. Wahrlich, ein Spass und immer Spannung. Manchmal war es natürlich auch sehr anstrengend.
Kaum hatte ich ein Netz für Mücken gefertigt, da drehte sich der Wind und schon war ich mitten in einer Grossfliegenbahn. Noch bevor ich beginnen konnte, das Netz aufzuessen, durchbrachen die ersten Schmeissfliegen mein Netz. Alleine das alles zu schaffen, war sehr mühsam und so dachte ich, dass auch meine Frau diese Kunst erlernen sollte. Doch sie begegnete meiner Begeisterung und meinen Drang, ihr die schönen Seiten des Lebens zu zeigen, nur mit Ekel. Als ich ihr den perfekten Fliegenbiss vorführte und, um sie eventuell doch noch umzustimmen, die Konservierungsmethode zeigte, ja da zeigte sie mir nur die kalte Schulter. Eigentlich schade!
“Du spinnst, ich ziehe zu meiner Mutter“, rief sie, als ich ihr den fertiggestellten Unterschlupf zeigte. Extra für sie hatte ich ihn, schön geschützt, auf den Schrank gebaut und gemütlich eingerichtet.
Leider konnte ich sie weder mit frischen Fliegen, noch mit konservierten Motten in ihren Unterschlupf locken.

“Vorsicht mit Frauen“, klärte mich mein Lehrmeister auf. “Sie wollen immer nur das Eine und anschliessend fressen sie dich mitsamt deinen Vorräten auf, liess es im ‘Brehm‘ nach, ich sage dir die Wahrheit!“
Als ich das hörte, schauderte mir. Deshalb diese Scheinheiligkeit, ich solle nur weiter Vorräte sammeln, sie käme morgen wieder. Na warte, mit mir nicht!

Am nächsten Tag hörte ich meine Frau die Treppen heraufkommen. Doch noch ehe sie die Tür öffnen konnte, war sie versponnen mit allem, was meine Spinndrüsen hergaben.
Aber es ist, wie mein Lehrmeister gesagt hatte. Der Mensch ist ein Schädling, nichtsnutzig und feindlich eingestellt gegenüber jeder Kreatur.
Heute morgen kam eine ganze Horde dieser schrecklichen Bestien, zerstörte mein Netze, klaute meine Vorräte und nahm mich in Gefangenschaft.
Wie gut verstehe ich nun meinen Lehrmeister, als ich ihm damals sein Bauwerk zerstörte. Auch ich wurde nun zum Choleriker und obwohl sie mir meine Spinndrüsen zugeklebt haben, spinne ich weiter!
Soll sich noch einer unterstehen, mir mein Mückennetz zu zerstören. Hier ist nämlich eine tolle Einflugschneisse.
Genau hier, durch diese Gitter kommen sie. Ja, da ist ja schon wieder eine, sicher vorratsgeeignet – ausser es war mal wieder mein Nachbar Ronald. Ronald ist nämlich ein Bagger dem es logischerweise etwas an Feingefühl fehlt, und wenn der an meinem Alarmfaden herumspielt – na, sie können sich den Rest denken.


© ag böck 1999

__________________
Andreas Georg Böck DE-86199 Augsburg

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