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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Die Lage in Israel jenseits der eingefahrenen Vorurteile und Ressentiments
Eingestellt am 28. 11. 2011 12:50


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Winfried Stanzick
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Rezension zu:

Carlo Strenger, Israel. Einf√ľhrung in ein schwieriges Land. J√ľdischer Verlag 2011, ISBN 978-3-633-54255-0

Israel geht seit einigen Jahren durch eine der schwersten Krisen seit der Staatsgr√ľndung 1948. Nach au√üen ist das Land isoliert, selbst bei wohlwollenden Politikern und Intellektuellen in Europa rufen die Entscheidungen der aktuellen Regierung mit dem in aller Welt bei Diplomaten gemiedenen Au√üenminister Avigdor Lieberman nicht nur gro√ües Unverst√§ndnis, sondern mehr und mehr unverhohlene Ablehnung hervor.

Vom Friedensprozess mit den Palästinensern ist keine Rede mehr, Araber und Juden leben im Alltag mit gegenseitiger Verachtung nebeneinander her und der eskalierende, hier in Europa kaum wahrgenommene Kampf zwischen den religiösen und den säkularen Juden nimmt Formen an, die nicht erst seit gestern die Grundfesten der israelischen Gesellschaft bedrohen, die innerlich mehr und mehr zerreißt.

Der in Tel Aviv lehrende Psychologe Carlo Strenger hat mit diesem Buch den gelungenen Versuch gewagt, mit Hilfe der Psychohistorie und mit unzähligen Beobachtungen aus dem Alltag den deutschen Lesern Einsichten zu vermitteln in die auch historisch gewachsene Mentalität des Landes und sich damit jenseits der weltweit eingefahrenen Wahrnehmungen Israels zwischen Dämonisierung und Idealisierung zu verorten.

Er pl√§diert f√ľr die mentale Abr√ľstung der Projektionen auf allen Seiten, die er nachvollziehbar und transparent darstellt. Dabei versucht er, das menschliche Bed√ľrfnis nach Sinnsuche nicht zu √ľbersehen. Diese Kategorie taucht in seinem Buch immer wieder auf. Er kommt zu dem Schluss, dass nur eine Politik jenseits des Erl√∂sungsbed√ľrfnisses, die mit der Unvollst√§ndigkeit der menschlichen Existenz Frieden geschlossen hat, Israel und dem Nahen Osten Frieden bringen kann.

Obwohl ich seit Jahrzehnten die Geschicke Israels verfolge, habe ich doch mit diesem Buch zum ersten Mal eine verst√§ndliche und nachvollziehbare Einf√ľhrung gefunden in die geschichtlich gewachsene innenpolitische Situation des Landes und die Entstehungsgeschichte der verschiedenen politischen Gruppen. Warum sind die religi√∂sen Parteien so stark geworden? Warum ist nach wie vor eine Mehrheit der Bev√∂lkerung f√ľr harte Ma√ünahmen gegen die Pal√§stinenser? Wie ist es gekommen, dass innerhalb weniger Kilometer beispielsweise ein Tel Aviv v√∂llig gegens√§tzliche Kulturen nebeneinander leben, miteinander aber keinen Austausch haben?

Warum fragt man sich in Israel hinter vorgehaltener Hand, ob das Land noch eine Zukunft habe? Diese und viele weitere Fragen versucht Carlo Strenger zu beantworten, indem er immer wieder historisch und ideengeschichtlich sich dem Thema nähert.

Strengers Buch ist ein Versuch, der Hoffnung vieler aufgekl√§rter, universalistisch denkender Menschen Ausdruck zu geben, ‚Äědass Israel endlich der Stimme der Vernunft folgen wird‚Äú. Immer wieder aber beschleicht ihn wie seine Freunde der verzweifelte Gedanken, dass die nationalen Mythen, die er ausf√ľhrlich beschreibt, so schwer aus dem K√∂pfen der Menschen herauszubekommen sind. Als einer der schwerwiegendsten identifiziert er den Mythos von Israel als dem auserw√§hlten Volk.

Am Ende bleibt er skeptisch, doch nicht ohne Hoffnung:
‚ÄěWann Israels politische Bewegung nach rechts tats√§chlich zu einem Ende kommen wird und das Pendel in eine liberale, freiheitsliebende Richtung schwingen wird, vermag ich trotz der j√ľngsten innenpolitischen Entwicklungen nicht zu sagen. In den n√§chsten Jahren wird Israel aufgrund der Unf√§higkeit und des Unwillens der rechten Regierungen, einen pal√§stinensischen Staat anzuerkennen, wohl weiter auf Kollisionskurs mit den universalistischen Werten des Westens sein. Das k√∂nnte kurzzeitig eine Stabilisierung der rechten Politik der H√§rte mit sich bringen, weil sich viele Israelis von ihr Schutz vor den Anklagen der Weltgemeinschaft erhoffen werden.
Und doch kann ich mir nur schwer vorstellen und will auch nicht recht daran glauben, dass die gegenw√§rtigen Verwerfungen auf immer Israels Schicksal sind. Meine Hoffnung ist, dass meine Landsleute eines Tages die kosmopolitischen Aspekte der j√ľdischen Geschichte nicht mehr als Grund zur Scham, sondern als ein Versprechen auf die Zukunft betrachten k√∂nnen. Sowohl die j√ľdische Leidensgeschichte als auch die faszinierenden Geschichte der Kreativit√§t und der proteischen Transformationskraft k√∂nnten Israel dazu bringen, in der eigenen verschlungenen Geschichte einen neuen Sinn entdecken, n√§mlich etwas zu dem langen Weg der Menschheit beizutragen, der von d√ľsteren Stammesmythen hin zu der lichteren Einsicht f√ľhrt, dass wir alle voneinander abh√§ngen, wenn wir auf dieser Erde √ľberleben wollen.‚Äú

Wer jenseits der eingefahrenen Vorurteile und Ressentiments wirklich etwas verstehen will von der Lage in Israel und im Nahen Osten, dem sei dieses kleine Buch ans Herz gelegt.

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