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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Leiden des jungen Wernher
Eingestellt am 14. 05. 2007 08:58


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philomena
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Registriert: Mar 2007

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Sie stand mit großen, mĂŒden Augen neben seinem Bett und beobachtete schweigend seinen Schlaf. Ein unsichtbarer Beobachter hĂ€tte in ihrem Gesicht wechselnde Emotionen warnehmen können: Besorgnis, Mitleid und ZĂ€rtlichkeit, aber auch Frustration und Zorn.

Vorsichtig streckte sie die Hand aus und berĂŒhrte flĂŒchtig und sanft seine heiße Stirn, lauschte seinem qualvollen Stöhnen.
Auf dem Tischchen neben seinem Bett stand noch die Schale mit einem Rest der Suppe, die sie ihm unter gutem Zureden eingeflĂ¶ĂŸt hatte, damit er bei KrĂ€ften bleiben sollte. Das Rezept hatte sie von seiner Mutter, gute altmodische HĂŒhnersuppe, die er vor seiner Krankheit kategorisch abgelehnt hatte, die in ihm jetzt aber tröstliche Erinnerungen aus seiner Kinderzeit hervorrief. Den Orangensaft in dem Glas daneben hatte sie aus frischen FrĂŒchten gepresst, wie er es sich gewĂŒnscht hatte. Dahinter aufgereiht die Medikamente, die sein Leiden lindern sollten.

Es hatte mit Schmerzen in der Brust angefangen. Mit Schmerzen, denen ein EngegefĂŒhl folgte, und mit diesem trockenen, quĂ€lenden Husten. Schon schnell jedoch hatten diese Schmerzen seinen ganzen Körper erfasst, ihn ins Bett gezwungen und ihm jede Bewegung verleidet. Besonders schlimm waren die Kopfschmerzen. So schlimm waren sie, dass sogar die Kinder nur noch auf Zehenspitzen durch die Wohnung schlichen und aus freiwilliger RĂŒcksichtnahme ihren Spieltrieb bei ihren Freunden zuhause befriedigten.

Sie hatte von Beginn an alles in ihrer Macht stehende getan, es ihm so leicht und angenehm wie möglich zu machen.
Hatte seine Lieblingsgerichte gekocht, obwohl er nur wenige Bissen davon zu sich nahm, die WÀsche gewechselt, wenn ihm mitten in der Nacht das Bett verschwitzt und unbequem erschien, die VorhÀnge geschlossen, wenn die fahle Wintersonne seine Augen mit ihrem blassen Licht blendete. War da gewesen, wenn er ihre NÀhe brauchte, hatte still im Wohnzimmer gesessen, wenn ihm nach Schlaf war. Hatte angestrengt gelauscht, um sein Rufen zu hören, wenn er ihrer Hilfe bedurfte.

Sie hatte auch die teils besorgten, teils neugierigen Fragen der Familie, von Freunden und Bekannten beantwortet, immer optimistisch und heiter, ohne ihre wahren GefĂŒhle erkennen zu lassen, obwohl ihr das von Anruf zu Anruf, von Frage zu Frage zunehmend schwerer gefallen war.

Alles hatte sie fĂŒr ihn getan, klaglos und mit StĂ€rke, wie es sich fĂŒr eine Frau gehörte, wenn der geliebte Mann so unsagbar leiden muss. Nie hatte ihre Stimme gezittert, nie hatte sie die Beherrschung verloren, sondern ihm immer ihr liebevolles, warmherziges LĂ€cheln gezeigt.

Doch jetzt fĂŒhlte sie, dass ihre Kraft nachließ, dass auch sie sich der Erschöpfung nĂ€herte. Sie fĂŒhlte sich dumpf und leer, bedrĂŒckt von der AtmosphĂ€re des Leidens in diesem Zimmer.

Deshalb beugte sie sich zu ihrem Mann hinunter, legte sanft die Hand auf seine Stirn, berĂŒhrte seinen Arm: „Wernher, mein armer Schatz, was meinst du? Lass uns doch ein bisschen gemĂŒtlich spazieren gehen, bevor morgen der Alltag wieder beginnt. Ein wenig frische Luft wird deiner ErkĂ€ltung guttun.“


PS.: Als er Montag vom BĂŒro nach Hause kam, fand er seine Frau mit Fieber und einer schweren ErkĂ€ltung im Bett vor. Er nahm die Kinder und fuhr mit ihnen Pizza essen, damit sie ihnen kein Abendbrot machen musste. Bevor er ging, erinnerte er sie allerdings noch daran, dass er fĂŒr den Termin am Dienstag unbedingt ein gebĂŒgeltes weißes Hemd brauchte.

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