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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Liebe in den Zeiten der Kohl-Ära
Eingestellt am 26. 02. 2014 12:17


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Jens Rohrer
Autorenanwärter
Registriert: Jan 2012

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Die Liebe in den Zeiten der Kohl-Ära

Bono Vox hat einmal gesagt, er schäme sich für nichts, was er in den achtziger Jahren getan habe. Außer seiner Frisur. Ich schäme mich für wesentlich mehr. Nicht dafür, die Schlager der Woche am Kassettenrekorder mitgeschnitten zu haben. Mit zwölf hörten wir alle Charts-Mucke. Wir wussten es halt noch nicht besser. Oder beim Onanieren an Kim Wilde gedacht zu haben. Aber auch ich schäme mich für meine Frisur. Aber nicht nur dafür, dass sie grauenhaft aussah. Nein. Sie stand in einem größeren Kontext.
In der sechsten Klasse packte es mich zum ersten Mal. Ich wollte dazugehören. Nicht aus Mitläufertum. Nein. Es war der schlichte Drang jedes Wesens zu überleben. Wenn man nicht dazugehörte, versteckten sie einem nach dem Schwimmunterricht die Klamotten, (irgendwann fand ich mit schlafwandlerischer Sicherheit den richtigen Baum), sie benutzten am „Rußigen Freitag“ statt angebrannter Weinkorken Edding-Stifte, und wenn ihnen etwas nicht passte, bekam man Prügel.
Also lernte ich. Zuerst zu klettern. Dann sparte ich mein Taschengeld so lange, bis ich mir eine Blue-System-Hose kaufen konnte, fügte noch ein einigermaßen cooles T-Shirt hinzu und kaufte Gel. Viel Gel.
Und ich gehörte dann endlich - immer noch nicht dazu. Man wird seine Vergangenheit eben nicht so einfach los. Aber sie suchten sich als Prügelknaben jemand ohne Blue-System-Hose.
Nichtsdestotrotz, eines Tages wendete sich das Blatt. Ich hatte schon heimlich angefangen, Guns´n Roses-Platten zu hören und irgendwann, ich war vierzehn, tauchten die ersten Jungs an meiner Schule plötzlich mit Totenkopf-T-Shirts und Nietenarmbändern auf. So weit weg war ich da ja gar nicht. Vom musikalischen Standpunkt aus gesehen. Es hatte davor zwar schon den einen oder anderen Punk an der Schule gegeben, zumindest einen richtigen, aber das war nichts für mich. Man musste sich die Haare färben, seine Klamotten zerreißen, viel Bier trinken und eine Ratte als Haustier halten.
Ich mag Ratten nicht.
Die Metaller hatten nur Jeansjacken mit Aufnähern der in dieser Sparte populärer Bands zu versehen und tranken auch viel Bier.
Und da konnte man ganz einfach dazugehören. Ich musste mir nur eine Jeansjacke besorgen, sie mit den Aufnähern populärer Bands versehen und wieder lernen. Jede Menge Bier zu vertragen.
Also sprach ich einen von ihnen, einen Klassenkameraden, in der inoffiziellen „Große-Pause-Raucherecke-hinter-einem-großen-Gebüsch“ an.
„Hey, ich höre auch Metal.“
„Ja, was denn so?“
„Tja, Guns´n Roses, ähh.“
„Ach das sind doch Poser, ich leih dir mal ne´ Slayer-Platte.“
„Okay. Danke.“
„Wie heißt du eigentlich?“
„Jens.“
„Dirk.“
„Cool.“
Nun ja, Heavy-Metal-Fans führen nun mal keine nächtelangen Gespräche über die ontologische Bedeutung der Melancholie im 21. Jahrhundert. Oder überhaupt irgendetwas. Das sind Männer. Sie trinken Bier und schütteln ihre Haare im Takt der Musik.
Drei Tage später, es war Freitag, sprach mich Dirk an:
„Kommst du heut Abend mit ins „Empire“. Die spielen da nur Heavy-Metal. Außerdem müssen wir noch deine „Kutte“ einweihen.“
Ich hatte in den letzten Tagen meine Jeansjacke mit mehreren Aufnähen von Slayer, Metallica und Konsorten verziert, und Dirk und zwei, drei andere hatten immer wieder etwas von einem Aufnahmeritual erzählt.
Ich hatte mir so ziemlich jede angesagte „Thrash-Metal-Band“ auf Kassette überspielen lassen, ganz dazu gehören würde ich aber wohl erst, wenn ich meine „Kutte“ eingeweiht hatte. Was in etwa folgendermaßen vor sich geht. Der Einsteiger legt seine Jeansjacke auf den Boden. So weit so gut. Aber danach schüttet jeder Anwesende so viel Bier darüber wie er nur finden kann. Und danach wird das Ding nie mehr gewaschen. Ehrensache. Ich hatte damit so meine Probleme. Ich sehnte mich danach, ein Mädchen kennenzulernen. Und hundert Meter gegen den Wind nach Bier zu stinken, schien mich meinem Ziel nicht unbedingt näher zu bringen. Aber da musste ich wohl durch.
Nun, einige Wochen später war ich mit der Einweihung durch und stand wieder einmal im „Empire“. Was etwa folgendes bedeutete:
Ich stand mit ein paar anderen auf der Tanzfläche, stank wie ein Iltis, der in ein Fass Bier gefallen war und schüttelte meine Haare zu Metallica´s „For whom the bell tolls“.
Time´s marchin on. Ich hatte noch immer kein Mädchen kennengelernt. Immerhin hatte ich wohl keine Läuse. Der Fliehkraft sei Dank. Und während sich meine Luftgitarre zum großen Solo aufschwang, erblickte ich ein Mädchen an der Bar. Die Beine steckten in Leoparden-Leggings, sie trug ein Skid Row-T-Shirt und ihre Haarpracht erinnerte an einen Pudel. Natürlich im Nachhinein betrachtet. In diesem Moment fiel mir nur eines auf. Sie trug eine „Kutte“.
Das gab mir Hoffnung. Beim Griechen sagt man ja auch:
„Ach, wir haben alle Knoblauch gegessen, dann riechen wir das nicht mehr.“
Vielleicht verhielt es sich mit Biergeruch ähnlich.
Jedenfalls beschloss ich, sie anzusprechen. Nach dem Solo. Und dem Lied. Und nach „Antisocial“ von Anthrax.
„Hallo, wie geht´s?“
„Magst du Skid Row?“
Eigentlich unhöflich, eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten. Zumal ich diese Hard-Rock-Schönlinge nicht ausstehen konnte. Aber es geht hier um höhere Ziele.
„Och, ja schon.“
„Ich liebe ja den Sänger.“
Okay. Das erforderte eine längere Pause. Zum Nachdenken. Wenn ich jetzt sagen würde, ich liebte den Sänger von dieser Band, käme dies nicht einem homosexuellem Outing gleich? Aber wenn ich ihr mitteilte, ich liebte ihn nicht, würde sie mich dann noch mögen? Ich beschloss zu schweigen. Um mich interessanter zu machen. Hoffte ich. Nein, ich betete dafür.
Nach ungefähr zehn Minuten hatte sie dann endlich verstanden:
„Willst du knutschen?“
„Okay.“
Also knutschten wir. Nein. Wir küssten uns. Mit Zunge. Wie es die coolen Jungs in der Schule erzählt hatten. Aber darum ging es nicht. Es war mein erster Kuss. Der erste richtige. Das war etwas anderes. Neu. Das Leben war endlich einmal gut zu mir.
Aber nicht lange.
Wir knutschen jeden Samstag. Drei Wochen lang. Dann kam Ralf.
Vielleicht liebte er ja den Sänger von Skid Row.
Und Bono jammert über seine Haare.
__________________
Jens Rohrer

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