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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Liebesinseln
Eingestellt am 07. 11. 2001 17:04


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doktordigitalis
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Die Liebesinseln


Das Boot dĂŒmpelte im seichten GewĂ€sser der Selbstverliebtheit, und Herbie entschloss sich, es in die etwas fließendere Strömung der Bewunderung eines anderen zu lenken, nahm sich vor, es nicht in BeweihrĂ€ucherung ausarten zu lassen. Sein Boot wurde vorwĂ€rts gezogen, vorbei an den ewig grĂŒnen Inseln der Illusionen. Unsanft stieß es an die Landzungen der Eitelkeit. Er schaute auf der Karte, wo die Insel der Verliebten lag und schreckte auf, als sich das Boot mit knirschendem Kiel auf die Sandbank der Eifersucht schob. Mit Ă€ußerstem Unwillen stakte er sich wieder frei und glitt zurĂŒck in die Lagune.

Von weitem schon sah er die hell erleuchteten Gestade einer Insel nĂ€herkommen. Es war die Insel der Party-WĂŒtigen. Die auf dem GelĂ€nde angebrachten Lautsprecher ĂŒbten einen mitreißenden Tanzimpuls aus, dem hier willig nachgegeben wurde.

Im mittleren Bereich des Areals sah man im orgiastischen Sinnesrausch Taumelnde in hinreißenden Szenen pornographischen Ausmaßes. Beim Hochfahren der Kamera auf Helikopterhöhe, sah man am hinteren Ende der Insel zerzauste und in bösester TonfĂ€rbung aufeinander einredende Paare, die sich gegenseitig in Boote zu schubsen versuchten, um das störende Element auf immer von der Insel zu verbannen.

Tja, wenn das so ist, dachte Herbie und warf den billig erstandenen 12 PS Außenbordmotor an und tuckerte gedankenversunken weiter. Das Wasser begann sich zu verzweigen. Er befand sich in dem Delta der Zweierbeziehungen und musste sich entscheiden, welchen der Wasserarme er nehmen wollte. Auf einem Schild las er: All exclusiv!

Die unsÀglichen Dispute, denen er lauschen musste, und in die er selbst verwickelt wurde, wollen wir hier nicht wiedergeben. Es sei nur erwÀhnt, dass es ungefÀhr 50 Wege gab, den Liebhaber zu verlassen. (Anm. der Redaktion: Wir haben inzwischen noch 23 weitere Lösungs-VorschlÀge bekommen)

Er wischte sich den Schweiß aus der Stirn, als er unter heftigen Ruderbewegungen den RĂŒckweg in die Lagune suchte. Er hatte sich aus den gröbsten Steuermanövern befreit, lehnte mit dem RĂŒcken an der Bordwand, hielt das Ruder mit der Kniekehle und kritzelte Gedanken in sein Bordtagebuch. Als er wieder aufblickte, sah er eine Insel nĂ€herkommen. Er schaute auf die Karte: Island of One-night-stands. Sollte er mal wieder an Land gehen? Er hatte Lust auf Pfannkuchen und heißen Punsch.

In weitrĂ€umig luftigen HĂŒtten lĂŒmmelten sich Paare auf ausreichend mit duftigen Kissen gepolsterten Korbsesselgruppen. In hĂŒbschen HolzhĂ€usern konnte man Crash-Curse in Aufschneiden und SchönfĂ€rben, Faustdicke LĂŒgen und Instant-Suck-zess belegen. Eine 450 m lange Bar erstreckte ĂŒber die Insel. Davor war eine RiesentanzflĂ€che, die von verzĂŒckten Gestalten ĂŒbersĂ€t war.

Herbie stand an der Rezeption und wollte einchecken. Eine BrĂŒnette, mit der Ausstrahlung einer Aerobic-Trainerin blickte ihn mit blaugrĂŒnen Augen herausfordernd an: „Na, haben wir es uns auch gut ĂŒberlegt?“ Er spĂŒrte einen Hautwiderstandsanstieg im Bereich der HĂŒften und beugte sich zu ihr runter: „Meinst Du auch wir, wenn Du wir sagst?“ funkelte er diabolisch. Sie stand auf und kitzelte ihn mit einer Schreibfeder unterm Pulli. „Hör mal, Kleiner, wir sind hier nicht erst seit gestern. Du bist nicht der Erste, und wirst auch nicht der Letzte sein. Also mach keinen Wind, o.k? Außerdem bist Du nicht mein Typ.“





Sie schnippte ihm das Formular weg und warf ihm einen SchlĂŒssel zu. „Danke, Schlampe!“ rief er lachend und sprang ĂŒbermĂŒtig in den Innenhof. Er landete auf einem sonnenĂŒberstrahlten Platz, der einladende Schirme ĂŒber CafĂ©haustischen bereithielt. Der Anblick all der bodygestĂ€hlten Extra-Ausgaben verschlug ihm den Atem. Er versicherte sich innerlich seiner herausstechendsten Eitelkeiten und stob in die Meute. Zwei busenwundrige Wildheiten bemĂ€chtigten sich seines SchlĂŒssels, den er baumelnd am Handgelenk trug. „Hey, Fremder!“ lachten sie, „willkommen, und keine Scheu, wir beißen nicht!“

Sie zogen ihn ĂŒber ihre seidigen Beine hinweg auf einen freien Stuhl. „Herr Ober! Einen großen Amadoras bitte, mit drei Strohhalmen“, rief die mit der Hand winkende und eine entzĂŒckende Achselansicht freigebende Amazone. „Wisst Ihr den Unterschied zwischen einem Job und einer Ehefrau?“, fragte er nebenbei. „Nein“, sagte die andere, und grinste ihn herausfordernd klassisch-irisch-kokett an, „aber du wirst es uns gleich sagen“. Der Kellner stellte einen Kelch mit einem prickelnden GetrĂ€nk ab, und wĂ€hrend Herbie sich zu einem der Strohhalme beugte und der Amazone in den Ausschnitt sah, ging er nahtlos ins Englische ĂŒber: „After two years, the job still sucks!“ Dabei sah er in die Luft und wartete auf zwei Pruster.

Erwartungsschwanger hĂ€ngt der Leser jetzt an der Stelle fest, denn hier folgen wenig Einzelheiten zu den rasch aufeinander folgenden AblĂ€ufen eines sich anbahnenden Dreiers, der sich dann zugegebenermaßen als ein sehr flotter herausstellten sollte.

Herbie fand sich wieder in einem Moment trockenen Aufwachens so gegen 5 Uhr morgens. Er spĂŒrte Harndrang. Fluchend sprang er auf und wankte zum Strand. Das kleine CafĂš am Strand hatte er gestern nicht bemerkt. Es trug die Inschrift Der Morgen danach, und wurde von mĂŒrrischen Kellnern bedient. „Hey, Alfred, was machst du denn hier?“, fragte er den ĂŒberraschten, in Kontaktanzeigen blĂ€tternden zweiten Oberkellner. „Ach, du bist es, Herbie. HĂ€tte ich nicht gedacht, dich hier zu treffen. Ich arbeite hier nur, bis ich genug Geld habe fĂŒr die Überfahrt zur Insel QuĂ€lende Erleichterungen.“ „Was erwartet einen denn da?“, fragte Herbie, eine spöttische Bemerkung unterdrĂŒckend. „Dort können Be- und ErziehungsgeschĂ€digte in Selbsthilfegruppen fĂŒr eine Zeitlang unterschlupfen“, ironisierte Alfred jetzt seinerseits. „Aber bist Du da nicht so was wie ein Simulant?“ „Wieso?“ „Nun, du hattest doch keine Beziehung, die lĂ€nger als 6 Monate ging, also zu kurz, um davon geschĂ€digt zu werden.“ „Jetzt ĂŒbertreibst du aber. Nein, ich will herausfinden, woher dieses Glimmen in den Augen der ansonsten krausstirnig Frustrierten kommt, das ich einmal auf einem Trip dorthin beobachtet habe“. Herbie lachte hohl: “Kenn ich! Die kommen aus den Kursen mit jenem Blick von Leuten, die das Licht am Ende des Tunnels gesehen haben, in der Hoffnung, dass es endlich mal kein D-Zug ist.“ „Der war gut“, grinste Alfred, „darauf gebe ich einen Cappucchino aus.“

Als er die dampfenden Tasse brachte, rĂ€umte Herbie seine Seekarte beiseite. „Wie lange brauche ich zu dem Atoll .... na, wie heißt es gleich, Du weißt schon, ....“ „Ach, Du meinst sicher die Kykladen der Betrogenen .... ja, die solltest Du besuchen. Da kommst Du zunĂ€chst mal zur großen Vorinsel Partner ausspannen. Dahinter liegen die Detektiv-Inseln Ausspionieren des Liebsten. Nicht gar so witzig ist die Hintergangene Hausfrauen e.V. , die sich daran anschließt. Die Inseln sind durch HĂ€ngebrĂŒcken miteinander verknĂŒpft. Die letzte dieser Gruppe ist die Halbinsel Ich habe mich mit allem abgefunden . Sie hat mehr Zu- als Ablauf, und ist deswegen oft wegen ÜberfĂŒllung geschlossen. Die enttĂ€uschten Kandidaten werden umgeleitet zu den andern Inseln, und können dort Schnupperkurse zu SchnĂ€ppchenpreisen belegen.“

Herbie grinste ihn offen an. „Also, das klingt mir nicht sehr stimmig. Ich glaub, ich nehme erst einmal Kurs auf die Insel der Verliebten“. Alfred schlug sich auf die Schenkel. „Das sieht dir Ă€hnlich. Gleich die Rosinen rauspicken, was?“ MĂŒde aller RatschlĂ€ge drĂ€ngelte Herbie zum Abrechnen. Er wollte Action, keine Schnupperkurse. Er kritzelte Alfed noch etwas auf einen Zettel, sprang dann in sein Boot und winkte fröstelnd einem skeptisch blickenden zweiten Oberkellner zu.

Er war froh, endlich wieder in offenes GewĂ€sser zu kommen. Eine Inselgruppe auf der Karte zog seine Aufmerksamkeit an und er entschied sich, einen kleinen Umweg zu machen zum Gestade der platonischen Liebe. Eine heitere Atmo empfing ihn. Die Paare wirkten entspannt und heiter, wie Gleichgesinnte, ja wie Geschwister. Den Gedanken an Inzest wehrte er erfolglos ab. So musste er ihn zuende denken: Wenn die Liebenden hier wie Geschwister sind, sich aber körperlich gar nicht lieben, dann musste da im geistigen Bereich etwas geschehen, auf dass er neugierig war. Er ließ sich bei aufgeschlossen Paaren nieder und klinkte sich in angeregte GesprĂ€che ein, bei denen Anteilnahme, neue Strategien und Humor vorherrschten. Als er an die Hinterseite dieser Insel trat, beobachtete er das erstemal beim Abschied von Menschen, eine geheime Freude in ihren Blicken, und er spĂŒrte eine mutabstrahlende Energie. Das musste er Alfred erzĂ€hlen.

Als die Insel der Verliebten in Sicht kam, machte Herbie eine Schublade auf: Sein Tagebuch. Er wollte eine AbsichtserklĂ€rung abgeben, bevor er das geheiligte Terrain der Amorettos betrat. Er schrieb den Traum seiner Liebe auf. Noch bevor er neidisch auf die Bewohner der Insel werden konnte, stieß sein Boot sanft an Land.

Die Strandbar Wolke Sieben war gut gefĂŒllt. In großzĂŒgig angelegten SĂ€len mit ledergepolsterten Garnituren saßen an unsagbar vielen Kaminen unsagbar verliebte Leute mit einer Ausstrahlung, die selbst die dezenten Kellnerinnen nur ungern unterbrachen. Musikanlagen mit Schmusemusik und exquisitem Lichtdesign untermalten die amouröse AtmosphĂ€re. Herbie schlenderte durch große Galerien edlen Kunstgenusses, in denen sich Paare hĂ€ndchenhaltend ergingen, hinunter in den Park.

Eine anmutiger Umgebung umfing ihn, und er fĂŒhlte einen liebkosenden warmen Wind durch die EukaliptusbĂ€ume wehen. Er vernahm das Rascheln von seidigen Kleidern und unterdrĂŒckte Juchzer. Er spĂŒrte ein Kribbeln im Bauch, und es zog ihn in eine Stimmung hingebungsvoller TrĂ€umerei ĂŒber die Liebste. In Trance ging er weiter und kam an einen einladenden Pavillon, der ĂŒberschrieben war mit Treueeide. Die Luft war schwanger vom Duft der Sandelhölzer und Pinien und von LiebesschwĂŒren. Ein schattiger Hain lud ihn ein zum Verweilen und so sank er auf eine Bank und hing seinen sĂŒĂŸen Erinnerungen und GefĂŒhlen nach.

Er erwachte aus seiner Trance und griff automatisch nach seinem Logbuch. Als er seine wiedererweckten Visionen niedergeschrieben hatte, schaute er sich um sah dass die Paare in genau der Stimmung waren, aus der er sich gerade herausgeholt hatte. Hier wurden Botschaften eindringlichster Art durch Blicke ĂŒbermittelt. Er sah ganze Weltreiche in den Augen der Liebenden entstehen – aber als er lĂ€nger hinschaute, auch vergehen.

Eine TĂŒr zog seine Aufmerksamkeit an ĂŒber der stand Erste Liebe. Ein Schild forderte zum anklopfen auf, und Herbie klopfte. Er war mehr als ĂŒberrascht, als Alfred ihm die TĂŒr öffnete. „Was machst Du denn hier?“ „Nun, ich habe einfach die Adresse gecheckt, die du aufgeschrieben hast. Aber jetzt komm, ich muss dir was zeigen“.

Er zog Herbie in einen großen verspiegelten Ballsaal. Sie kamen an eine in sanften Blautönen ausgelegte Lounge: Wenn schon nicht fĂŒr immer, dann wenigstens auf ewig. Hier schauten sich scherzende Paare tief in die Augen und verliebten sich in diesen Augenblick fĂŒr immer.

Weiter hinten hatte eine Rotkreuzstation ein Zelt aufgebaut, in dem Herzschmerz jeder Art behandelt werden konnte. Die Lost&Found-Pin-Wand war ĂŒbersĂ€t mit schreienden Zetteln ĂŒber verlorengegangene Liebe. Im Kino lief als Dauerbrenner Romeo und Julia. TaschentĂŒcher und Beißringe wurden an der Kasse verteilt. Die kleine Videothek verlieh immer nur eine Folge der Serie Vögeln, Ă€h pardon, Fackeln im Sturm.



Alfred zog ihn weiter. Sie stolperten runter zum Strand, und nach einem befehlenden Nicken folgte Herbie ihm ĂŒber ein Feuchtbiotop zu einem dem Gebiet der Königskinder. Ein Graben, der sich mit Meerwasser gefĂŒllt hatte stoppte ihren Weg. An den Ufern saßen Liebende mit depressiven Ausdruck, allein, verlassen. Wirr und stumpf hing einst so glĂ€nzendes Haar, Helden rissen sich Orden von der Brust und Schönheiten gingen in Sack und Asche. Den Shop mit den Schusswaffen wollen wir lieber verschweigen.

Als Herbie in sein Boot kletterte, fragte er: „Und was hast Du jetzt vor?“ „Nun, ich muss wohl noch eine Weile arbeiten, um das Geld zusammenzubekommen fĂŒr...“, Alfred stockte. „Na, komm raus mit der Sprache, alter Gauner“, half Herbie nach. „O.K. Ich verrate es Dir: Es gibt einmal im Monat eine FĂ€hre, die werde ich nehmen“. „Und wohin fĂ€hrt die?“ „Endstation Sehnsucht“, sagte Alfred entschuldigend. Dann winkte er noch lange dem in der gleißenden DĂŒnung Entschwindenden nach.

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