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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Lüge einer Wahrheit
Eingestellt am 27. 05. 2017 04:45


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Freakingcat
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Jahrzehntelang schrieb meine Großmutter in zarter Schönschrift und mit sorgsamer Heimlichkeit die Unaussprechlichkeit ihres tagtäglichen Leidens in die Seiten ihres Tagebuchs.

Sie war so arm, dass sie ihre fünf Töchter und den einzigen Sohn mit Polenta, Pilzen aus dem Wald und der Milch ihrer einzigen Kuh aufziehen musste, während ihr Mann für Hitler in Kroatien Partisanen bekämpfte. Die Abgeschiedenheit des kärglichen Hofes in einem engen Seitental am Fuße des Dobratsch erstickte die Schmerzensschreie in ihrer Brust. Ihr Geheimnis war zu schrecklich, zu lebenzerstörend, um es auch nur mit einer Menschenseele zu teilen. Es galt das Gesetz des Dorfes.

Als der Krieg zu Ende war und ihr Mann heimkehrte, war er nicht länger das gestandene Mannsbild, in das sie sich verliebt hatte. Granatsplitter hatten sein Gesicht zerfetzt, waren tief in sein Gehirn eingedrungen und hatten ihm sein rechtes Auge genommen, welches er durch ein gläsernes ersetzte. Der Krieg brachte Dunkelheit in seine Seele. Niemals sprach er über das, was er gesehen oder das, was er getan hatte. Er begann zu trinken. Zuerst wegen der Schmerzen, später, da brauchte er keine Ausreden mehr. Täglich stieg er in den Keller seines Hauses hinab, wo er den Schnaps vor sich selbst versteckt hatte und kehrte wie ein verwundetes Tier zurück, unberechenbar und aggressiv. Ohne Grund schlug er dann zu. Er verprügelte seine Frau, seine Töchter und seinen Sohn.

Großmutter ertrug alles schweigend. Nur ihr Tagebuch wusste, dass ihr Ehemann auch ein perverser Spanner war, der stundenlang am Dachboden versteckt, den Feldstecher in der Hand, auf die sonnenbadende Nachbarin wartete, um sich beim Anblick ihrer Brüste aufzugeilen und zu befriedigen. Im Dorf munkelte man hinter vorgehaltener Hand, dass er am Waldrand sein erregtes Glied vor jungen Schulmädchen entblößt haben sollte. Der Dorfpolizist sprach mit ihm darüber und warnte ihn, es nicht mehr zu tun. Man beließ es dabei.

Dann, eines Abends, geschah das Unaussprechliche, das worüber niemand im Dorf jemals etwas erfahren durfte. Eine Schande, so groß und furchtbar, dass nur Schweigen, die Wahrheit, vor sich selbst schützen konnte, eine Wahrheit, die eine Generation zum Schweigen verdammte. Nur das Tagebuch hielt fest, was an den Abenden im dunklen Keller geschah, an denen mein Großvater seine Töchter zu sich rief.

Großmutter versagten die Worte, als sie, mit einem feuchten Tuch, die Tränen aus den Augen ihrer Mädchen wischte. Es gab nichts, was sie ihnen zum Trost hätte sagen können, nichts was ihren Schmerz linderte. So nahm sie die kleinen Kinderhände und faltete sie zum Gebet. Spätnachts, als ihr Mann, laut schnarchend, seinen Rausch ausschlief, war sie allein mit dem unsagbaren Schmerz tief in ihrem Innersten, der ihr die Luft zum Atmen nahm, ihren Körper wie Espenlaub erzittern ließ und ihr die Abgründe des Bösen im Menschen jeden Tag aufs Neue offenbarte.

Selbst in der sonntäglichen Beichte, nach dem Besuch der Heiligen Messe, kniend im Beichtstuhl, musste sie die wahren Gründe ihrer, Nacht für Nacht wiederkehrenden Albträume und Angstzustände verheimlichen. Jeder Satz, welchen sie nur ihrem heimlichen Tagebuch anvertrauen konnte, war für sie eine Herzensbeichte und Fürsprache mit dem Allerheiligsten. Sie war felsenfest davon überzeugt, dass Gott die Aufzeichnungen ihres Martyriums sehen würde und sie eines Tages von der erdrückenden Last der Schuld ihres Schweigens erlösen würde.

Täglich zwang meine Großmutter ihre Kinder vor dem Bildnis des Gekreuzigten niederzuknien und mit ihr gemeinsam das Glaubensbekenntnis zu sprechen: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde…“. Immer wieder las sie ihnen jene Stelle in der Bibel vor, in denen Jesus seinen Jüngern verkündet, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei. Die Wahrheit dieser Offenbarung, so erklärte sie ihren Kindern, sei, dass all Leid, welches schweigend und ohne Klagen im Diesseits zu ertragen sei, der Schlüssel ist, der am Tag der Erlösung von allem Irdischen, die Tore des Himmelreichs öffnen wird. Bis zu jener sehnsüchtig herbeigewünschten Stunde, blieb meiner Großmutter nur das Schreiben in ihr Tagebuch. Sie nahm Zuflucht an dem einzigen Ort, an dem sie ihren Kummer ablegen konnte und füllte ihr ganzes Leben lang die Seiten ihres Tagebuches, nur um nicht zu ersticken in den Unzumutbarkeiten ihres menschliches Dasein, welches jeden ihrer Tage zur Hölle machte. Ihre Aufzeichnungen wurden für sie zu einer Rechtfertigung ihres Leidens, mit denen sie ihre Schuld und Scham, ihren Schmerz und Kummer, dem gekreuzigten Heiland zu Füßen legte. Die Schreie der geraubten Unschuld ihrer Kinder, die unentwegt in ihrem Kopf hallten, waren die Stacheln der Dornenkrone ihres Erlösers, die Geißel ihres Herzens, eine Lanze, welche sich jeden Tag, tiefer und tiefer, in ihre Seele bohrte.

Ihr Gewissen konnte sie täuschen, indem sie sich, wie ein Fels, von der Rettung ihres Seelenheils durch die Folter ihres Geistes und die unsäglichen erlittenen Qualen in ihrer Gefühlswelt, selbst davon überzeugte, doch ihren Körper, den konnte sie nicht täuschen. Dieser fiel der Krankheit anheim. Krebs nahm ihr die Brüste, zerstörte ihre Weiblichkeit und marterte ihren Körper mit Schmerzen, die sie in den Wahnsinn trieben. Nur der Strom ihrer Worte, die in ihr heimliches Buch flossen und die Tränen aus ihren Augen, wenn sie kniend vor dem Bildnis des Gekreuzigten um Erlösung flehte, bewahrten sie davor, eine Todsünde zu begehen und sich im Stall am Kalbsstrick zu erhängen.

In den langen Nächten, in denen meine Großmutter wach lag, den unendlichen Stunden, in welchen sie darauf wartete, dass die Unbewusstheit des Schlafes, sie von ihren Schmerzen erlöste, Nächte, in denen sie, von den Mühen eines langen Tages zu erschöpft, um zu beten, ihren Gedanken freien Lauf ließ. Diese kannten nur ein Ziel: Rache! Rache an dem Mann, der ihr Leben und das ihrer Kinder zerstört hatte, ihnen ihre Unschuld raubte und zwei ihrer Töchter, als sie das gebärfähige Alter erreichten, schwängerte. Blutschande, welche drei Generationen in einem Pakt des Schweigen auf alle Ewigkeit verband. Nur Gott und ihr Tagebuch würden um das Geheimnis der wahren Herkunft ihrer Kindeskinder wissen. Dem Dorf klagte sie ihren großen Schmerz, über das Unglück welches in der Form von untreuem Mannsvolk, einer ein dahergelaufener Hallodri, der andere ein Taugenichts, über zwei ihrer Töchter hereingebrochen war. Als ihnen der Bauch schwoll machten sie sich aus dem Staub. Sie musste die Sünde der Lüge begehen, um ihre Familie vor dem Schrecken einer unaussprechlichen Wahrheit zu bewahren.

Als ihr gewahr wurde, dass das letzte bisschen Kraft aus dem Körper entschwand und sie schon bald dem Allmächtigen gegenüberstehen würde, rief meine Großmutter ihre Kinder an das Totenbett. Sie erklärte ihnen, dass für sie die Zeit gekommen war, zu gehen. Sie hatte sich von ihren Ersparnissen einen Grabstein gekauft, ihren und den Namen ihres Mannes einmeißeln und mit goldener Farbe unterlegen lassen und beim Pfarrer ihre Totenmesse und das Begräbnis im voraus bezahlt. Als sie ihre wenigen Schmuckstücke und Habseligkeiten verteilte, sprach sie den Kindern, die sich um ihr Bett herum versammelt hatten: „Endlich ist der Zeitpunkt meiner Erlösung gekommen und ich werde bald um Einlass in Gottes Himmelreich bitten. Ihr aber müsst noch weiter euren beschwerlichen Weg in dieser Welt gehen. Kümmert euch um eure Familie, erzieht eure Kinder im christlichen Glauben und betet, wie ich es euch beigebracht habe. Ich werde an dem Tag sterben, an dem euer Vater seinen 80. Geburtstag feiert und verfluche ihn! Möge er bei lebendigem Leib verfaulen und elendiglich zugrunde gehen.“

War es die Kraft ihrer Gebete oder der Schmerz jahrzehntelang angehäuften Leidens, der den furchtbaren und grausigen Fluch meiner Großmutter genauso eintreten ließ, wie sie ihn ihren Kindern prophezeit hatte. Am Morgen des 80. Geburtstages ihres Ehemannes, als die ganze Familie zusammengekommen war um seinen Ehrentag zu feiern, schloss sie für immer ihre Augen und entfloh ihrem irdisches Dasein. Ein paar Monate später erschienen Pusteln, aus denen stinkendes Eiter quoll, an den Beinen meines Großvaters. Die Kunst der Ärzte versagte und die Götter in Weiß konnten kein Mittel finden, um der rasche Ausbreitung der Infektion, Einhalt zu bieten.Bald schon verwandelten sich auch seine Arme und der Rücken in eine einzige stinkende, offene Wunde. Immer weiter fraß diese mysteriöse Krankheit, die die Ärzteschaft vor ein Rätsel stellte, den Körper meines Großvaters, der jähzornig und böse im Krankenhaus lag und vor Schmerzen brüllte. Die Ärzte amputierten zuerst seine Beine, dann die Arme, er nur mehr ein Torso war, unfähig sich zu bewegen, jedoch bei vollem Bewusstsein. Es vergingen Monate bis der Tod ihm gnädig war und ihn erlöste.

Als man nach seinem Tod, bei Renovierungsarbeiten, versteckt hinter dem Wandschrank im Schlafzimmer, die Tagebücher meiner Großmutter fand, wurden diese umgehend und ohne sie zu lesen, von ihren Kindern verbrannt.

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Freakingcat
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Kommentare: 13
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Danke für die Kritik!

Schrecklicherweise ist diese Geschichte grossteils wahr, was allerdings nichts mit dem Text zu tun hat.

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