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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Maschine von Philipus
Eingestellt am 28. 02. 2010 14:34


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Rainer Lieser
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Registriert: Apr 2009

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Die Maschine von Philipus

F├╝r viele Menschen war jener Montag um Punkt 9.00 Uhr, der beginn einer ganz normalen Arbeitswoche. F├╝r Philipus war es der Start ins Leben. Kaum hatte er im Kreissaal das Licht der Welt erblickt, machten sich seine Augen auch schon an der gr├Â├čten Maschine im Raum fest ÔÇô und daran ├Ąnderte sich auch nichts, als man ihn in die Arme seiner Mutter gab. Maschinen interessierten ihn von Anfang an mehr als Menschen.

Vier Jahre sp├Ąter ging Philipus in den Keller seines Elternhauses und begann mit der Arbeit an SEINER ganz eigenen Maschine. Diese Arbeit gefiel ihm so gut, dass er von nun an seine Zeit lieber allein im Keller verbrachte, statt zusammen mit anderen Kindern zu spielen. Nur bei der Lotte machte er eine Ausnahme. Die Lotte wohnte in der Nachbarschaft und war genauso alt wie Philipus. Philipus mochte sie, denn die Lotte arbeitete an seiner Maschine ebenso gerne, wie er selbst. Allerdings machte die Lotte auch noch viele andere Dinge gerne, wie zum Beispiel: Spaghetti-Eis essen mit den Eltern, im Wald fangen spielen mit den Freunden oder Schildkr├Âten mit Salatbl├Ąttern f├╝ttern. Dinge an denen Philipus nicht das geringste Interesse hatte. Den Eltern von Philipus gefiel es gar nicht, dass ihr Sohn sich so sehr von all den anderen Kindern unterschied, da sie doch nur ein ganz normales Familienleben f├╝hren wollten. Als Philipus sich nach dem sonnt├Ąglichen Gottesdienst beim Herrn Pfarrer erkundigte, ob ihm dieser nicht vielleicht ein paar ganz bestimmte Teile des Kirchenaltars schenken w├╝rde, weil Philipus genau diese gerne in seine Maschine einarbeiten wollte ÔÇô da hatten die Eltern endg├╝ltig genug von dem seltsamen Verhalten ihres Sohnes. Sie liessen ihn von allerlei ├ärzten untersuchen, um herauszufinden, ob es da vielleicht eine Krankheit gebe, unter der Philipus leide.
Einmal besuchte einer der ├ärzte Philipus im Keller. An dem Tag war auch gerade die Lotte da. Der Arzt stellte Philipus eine Frage. ┬╗Das ist also die Maschine, an der du arbeitest. Zeig mir doch bitte einmal, was man damit machen kann.┬ź
┬╗Sie ist noch nicht fertig, deshalb kann man damit noch gar nichts machen.┬ź
┬╗Na sch├Ân. Was aber wird man damit machen k├Ânnen, wenn sie einmal fertig ist?┬ź
┬╗Die Menschen werden sich dar├╝ber freuen.┬ź
┬╗Das ist keine Antwort auf meine Frage!┬ź Womit der Arzt recht hatte, wie Philipus wu├čte. Doch es war die einzige Antwort die Philipus ihm geben konnte.
Da stellte sich die Lotte an die Seite von Philipus. ┬╗Philipus hat mir gesagt, dass die Maschine eines Tages den M├╝ttern dabei behilflich sein soll, bessere Pfannkuchen zu backen. Doch das soll eigentlich noch ein Geheimnis bleiben, solange bis die Maschine fertig ist. Ich verrate ihnen das jetzt aber schon, weil ich nicht m├Âchte, dass sie etwas falsches ├╝ber Philipus denken. Denn wenn sie etwas falsches ├╝ber Philipus denken, dann bringen sie ihn vielleicht weg und dar├╝ber w├Ąre ich sehr traurig.┬ź
Der Arzt sah Philipus ernst an. ┬╗Stimmt das, was deine Freundin sagt?┬ź
Nat├╝rlich stimmte das nicht. Doch weil Philipus der Lotte vertraute und nicht wollte, dass der Arzt sie f├╝r eine L├╝gnerin hielt, war es bestimmt am besten, wenn er auch log. Also nickte Philipus mit dem Kopf.
┬╗So so┬ź sagte der Arzt ┬╗du darfst der Lotte jetzt aber nicht b├Âse sein, weil sie das Geheimnis verraten hat. Versprichst du mir das?┬ź
Philipus nickte erneut mit dem Kopf.
┬╗Du magst den kleinen Philipus sehr gerne, junge Dame, nicht wahr?┬ź
Jetzt nickte auch die Lotte mit dem Kopf.
┬╗Das verr├Ąt mir mehr ├╝ber ihn, als ich wohl je von ihm selbst erfahren h├Ątte.┬ź Der Arzt fuhr Philipus l├Ąchelnd mit der Hand ├╝ber den Kopf. ┬╗Ich kann dich beruhigen, junge Dame, ich sehe keinen Grund daf├╝r, deinen Freund weg zu bringen.┬ź Mit diesen Worten stieg der Arzt die Kellertreppe hinauf.
Von dieser Stunde an, verzichteten die Eltern darauf, Philipus weiter untersuchen zu lassen.

Philipus wurde ├Ąlter, ging in die Schule, bekam gute Noten und machte einen feinen Abschluss, ganz so wie die Eltern sich das gew├╝nscht hatten. Doch er blieb ein Sonderling, der seine Freizeit am liebsten im Keller bei seiner Maschine verbrachte. Gerade f├╝gte er ihr ein paar neue Teile hinzu, als die Lotte herunter gerannt kam und mit schwerem Atem vor ihm stehen blieb. Sie schien nicht zu wissen, was sie sagen sollte. War ganz verst├Ârt. So kannte Philipus die Lotte gar nicht. Dann nahm sie ihn erst an der Hand und dr├╝ckte Philipus anschlie├čend an sich. Sie dr├╝ckte ihn ganz fest. Philipus war ├╝berrascht von ihrer St├Ąrke.
┬╗Ich habe einen Studienplatz im Ausland erhalten. In zwei Monaten fahre ich weg.┬ź Die Lotte weinte. ┬╗Wir werden uns dann nicht mehr so oft sehen k├Ânnen, wie bisher.┬ź Nachdem sie das mit zitternder Stimme gesagt hatte, sah die Lotte Philipus erwartungsvoll an.
┬╗Wirst du da sein, wenn die Maschine fertig ist?┬ź wollte dieser daraufhin nur von ihr wissen.
Die Lotte wurde pl├Âtzlich ganz starr. Philipus sp├╝rte, wie ihre Arme von ihm abfielen. Weil Philipus sehen wollte, was mit der Lotte los war, trat er zwei Schritte zur├╝ck. Die Lotte betrachtete ihn mit riesigen Augen, fast so als ob er ein Fremder w├Ąre. Das blieb eine ganze Weile so. Dann drehte sie sich um und ging ohne ein weiteres Wort die Treppe hinauf. Als die Lotte nicht mehr zu sehen war, wandte sich Philipus wieder seiner Maschine zu.
Am Abend im Bett, erinnerte sich Philipus daran, dass die Lotte ihm auf seine Frage nicht geantwortet hatte. Er w├╝rde morgen gleich zu den Nachbarn laufen und die Lotte nochmals fragen, ob sie da sein werde, wenn er die Maschine fertig gestellt habe. Doch am n├Ąchsten Morgen war die Lotte bereits weg. Die Nachbarn sagten, sie sei sehr w├╝tend gewesen und w├Ąre deshalb fr├╝her als geplant fort gegangen. Philipus fragte sich einen Augenblick lang, was die Lotte wohl derart ver├Ąrgert haben m├Âge. Da sah er vor dem Haus der Nachbarn ein kleines Metallst├╝ck mit vielen L├Âchern darin auf dem Boden liegen. Genau so eines fehlte noch an seiner Maschine. Er hob es auf und lief zum Haus der Eltern zur├╝ck.

Nach der Ausbildung fing Philipus an f├╝r gutes Geld in der nahegelegenen gro├čen Fabrik zu arbeiten. Tags├╝ber sass er dort allein in einem kleinen B├╝ro vor einem Computer. Abends bastelte er allein im Keller an seiner Maschine. Der Kellerraum f├╝llte sich immer mehr mit allerlei kunstvoll ineinander verwobenen Metallplatten, Schrauben, Kabeln und R├Âhren. Mutter und Vater waren inzwischen alt, gebrechlich und krank und Philipus bef├╝rchtete die beiden w├╝rden die Fertigstellung seiner Maschine wom├Âglich nicht mehr erleben. Das durfte nicht geschehen! Philipus k├╝mmerte sich jetzt verst├Ąrkt um ihr Wohlergehen und sorgte daf├╝r, dass es ihnen an nichts mangelte. Das dadurch die Arbeit an seiner Maschine z├Âgerlicher vorw├Ąrts kam, nahm er in Kauf, obwohl es ihm nat├╝rlich nicht sonderlich recht war.
Als die Eltern im Abstand von nur wenigen Tagen verstarben, legte Philipus jeweils einen ganzen Tag Pause im B├╝ro und bei seiner Arbeit im Keller ein. An diesen Tagen kam der Herr Pfarrer vorbei und ├╝berbrachte Philipus ein paar nette Worte und kleine Geschenke. Dem Gottesdienst blieb Philipus allerdings auch in Zukunft fern, denn ein bisschen ├Ąrgerte er sich immer noch dar├╝ber, dass der Herr Pfarrer ihm dereinst jene St├╝cke des Kirchenaltars verweigert hatte.

Philipus arbeitete weiter an seiner Maschine. Er f├╝gte hier noch eine Schraube hinzu und dort ein Kabel. Ersetzte ein ├Ąlteres Bauteil durch ein Neueres. H├Ąmmerte, klopfte und drehte. Jahr um Jahr. Schlie├člich war es soweit. Er wusste, seine Arbeit war fast getan. Die Maschine war fast fertig. Er musste nur noch dieses eine Zahnrad festdrehen und danach an dem Hebel ziehen, dann w├╝rde ihr Herz zu schlagen beginnen. Philipus besah sich sein Werk. Erinnerte sich an seine Kindheit, die Lotte, die Eltern und an all die vielen sch├Ânen Stunden, die er mit der Arbeit an der Maschine verbracht hatte. F├╝r einen kurzen Augenblick f├╝hlte er unendlichen Frieden und Dankbarkeit in sich. War gl├╝cklich. Doch was w├╝rde morgen sein, fragte sich Philipus dann. Gewiss, sobald die Maschine anlief, w├╝rden sich alle Menschen dar├╝ber freuen, doch das waren Menschen, die er gar nicht kannte. Gewiss, er w├╝rde weiterhin tags├╝ber in dem kleinen B├╝ro vor dem Computer sitzen, doch Freude bereitete ihm das keine. Es gab nichts, worauf er sich morgen w├╝rde freuen k├Ânnen. Dar├╝ber hatte Philipus bisher nie nachgedacht. Er hatte daf├╝r nie Zeit gehabt, weil er doch an seiner Maschine hatte arbeiten m├╝ssen. Jetzt allerdings, da er sich besann, erschienen ihm diese Aussichten recht trostlos. Zum ersten Mal in seinem Leben f├╝hlte Philipus sich allein. Da fiel ihm ein, dass au├čer ihm noch niemand wusste, dass die Maschine bald fertig sein w├╝rde. Das konnte doch auch so bleiben. Er konnte doch einfach immer weiter an der Maschine arbeiten.
Pl├Âtzlich h├Ârte er die alten Treppenstufen knarren. Es schien Philipus, als k├Ąme jemand zu ihm herunter. Er drehte sich um. Da kam eine Frau. Sie sah ein wenig so aus, wie fr├╝her die Lotte, nur sehr viel ├Ąlter. ┬╗Hallo Philipus. Ist die Maschine fertig? Sonst h├Âre ich dich um diese Zeit doch immer arbeiten. Wenn es auch nur kaum wahrnehmbare Ger├Ąusche waren, so verrieten sie mir doch stets, dass es dir gut ging. Das tat mir wohl. Das war mir wichtig zu wissen. Schon kurz nachdem ich damals gegangen war, wurde mir das gewiss. Darum kehrte ich bereits nach wenigen Tagen ins Haus meiner Eltern zur├╝ck.┬ź
Philipus nahm die Lotte erst an der Hand und anschlie├čend dr├╝ckte er sie an sich. Er dr├╝ckte sie ganz fest. Nach einer Weile verliess Philipus dann mit der Lotte das Haus. Das geschah an einem Freitag um Punkt 17.30 Uhr. Die letzten Handgriffe zur Fertigstellung der Maschine wurden nie getan.

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