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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Mauer
Eingestellt am 16. 06. 2001 19:25


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dommas
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2001

Werke: 8
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Die Mauer

Da standen wir nun: ein bunt zusammengew├╝rfelter Haufen stolzer Recken, Mann wie Frau, geeint im gemeinsamen Ziel. Ein jeder hatte die pr├Ąchtigste R├╝stung an, die ihm geb├╝hrte, eine jede hatte ihre sch├Ânste und eindrucksvollste Haartracht geflochten, die ihren Stand verriet; und alle, vierzig Mann hoch, standen wir vor ihr, der MAUER!!
Schwarz und unheilvoll ragte sie vor uns in die H├Âhe, Seile und Leitern ├╝berzogen ihre Oberfl├Ąche wie Krampfadern die Beine einer uralten Frau. Mit den Handfl├Ąchen ├╝ber den Augen, um den Sonnenstrahlen das blendende Werk zu vereiteln, starrten wir empor. Die Zinnen der Mauer waren von hier unten nicht erkennbar, nein, nicht einmal erahnbar. Nur ein breites, schwarzes Band zog sich vor unseren Augen dem hellblauen Himmel entgegen.
Auf halber H├Âhe erkannte man Gestalten, ihre R├╝stungen noch im letzten Sonnenstrahl des zur Neige gehenden Tages aufblitzend, die sich bereits mit den Heimt├╝cken und Hinterlistigkeiten der Mauer abm├╝hten.
Ehrfurcht ├╝berkam einen jeden von uns; Ehrfurcht vor diesem Gem├Ąuer, Ehrfurcht vor dem, was uns auf dem Weg nach oben passieren sollte, Ehrfurcht vor denen, die sich schon abk├Ąmpften, Ehrfurcht vor dem, was danach kommen mag. In stiller Ehrfurcht also fa├čten wir uns alle ein Herz und traten auf die Mauer zu.
Sobald wir, ein neuer Trupp, der sich in den Kopf gesetzt hatte, dieses gewaltige Bauwerk zu erklimmen, am Fu├č der Mauer angekommen waren, st├╝rzten einige derjenigen, die sich schon im Jahr zuvor versucht hatten, an ihren Leitern und Seilen und Ketten herab. Wir nahmen sie freundschaftlich in unserem Verband auf, da sie uns nat├╝rlich auch gewisse Tricks und Feinheiten in der Besteigung nahebringen konnten, die wir dankenden Herzens entgegennahmen.
Es wurden alte Leitern, Seile, Ketten emporgezogen, vermutlich von denen, die es geschafft hatten ÔÇô die Gl├╝cklichen ÔÇô und neue Leitern, Seile und Ketten herabgelassen. Es ist nicht so, da├č der, der sich eine Leiter ergattern konnte, einen einfacheren Weg nach oben haben sollte. Denn eine Leiter ist nur dann relativ problemlos zu besteigen, wenn auch jede Sprosse vorhanden ist. Da dem bei diesen Leitern aber nicht so war, verlangten sie eine hohes Ma├č an akrobatischem Talent. Ja, es grenzte zum Teil wirklich an Akrobatik, was sich einige meiner Mitstreiter hier leisteten: sie wanden sich, drehten sich, schl├Ąngelten sich nach oben, doch irgendwie schaffte jeder die ersten, gr├Â├čeren H├╝rden.
Bei dem Besteigen der Mauer war jedoch nicht nur Durchhalteverm├Âgen gefragt. Klar, wer das nicht hatte, der h├Ątte gar nicht erst anfangen brauchen. Was noch dringend notwendig war, und das wurde uns von den K├Ąmpfern, die wir nach ihrem Sturz bei uns aufgenommen hatten, mit heftigem Kopfnicken und starker Zustimmung bekr├Ąftigt, war eine sehr, sehr gute Panzerung. Denn, so geschickt man sich mit den ihm zur Verf├╝gung gestellten Kletterutensilien auch anstellen mag, man ben├Âtigte mehr als nur akrobatisches Talent, um den von oben heruntergeworfenen Steinen auszuweichen.
Wer sich jetzt blau├Ąugig und naiv an die Mauer herangewagt hat, wer sich gesagt hat, da├č er solches Zierat nicht ben├Âtige, da├č es ihn den Weg nach oben nur erschwere, sp├Ątestens jetzt w├╝rde derjenige schmerzerf├╝llt zugeben m├╝ssen, da├č eine R├╝stung lebensnotwendig gewesen w├Ąre.
So kletterten wir also, alle zusammen und doch jeder f├╝r sich, m├╝hten uns ab, bis wir, ausgezehrt und mit den Nerven am Ende, an einer Stelle ankamen, wo quer ├╝ber die ganze Mauer ein dicker, wei├čer Strich aufgemalt war. Einen jeden von uns empfing dort ein W├Ąchter, die alle auf einer kleinen Plattform standen, von der eine H├Âhle, mannshoch, in die Mauer f├╝hrte. Man erkl├Ąrte uns dann, da├č wir hier die Mitte der Mauer erreicht hatten.
Wir wurden von den W├Ąchtern in die H├Âhlen gef├╝hrt, bekamen die M├Âglichkeit, uns zu s├Ąubern und zu erholen. Sp├Ąter fanden wir uns alle vor den Hohen Herrn Der Mitte gef├╝hrt, der uns mit lauter, tiefer Stimme verk├╝ndete, wer denn die Erlaubnis habe, weiterzuklettern, und wer die Mauer wieder hinuntergeworfen werden w├╝rde, um es im n├Ąchsten Jahr, oder im Jahr darauf, oder ├╝berhaupt nicht mehr versuchen zu k├Ânnen.
Wir bekamen erneut Unterst├╝tzung von f├╝nf stolzen K├Ąmpfern, mit bereits verbeulten R├╝stungen, aber dennoch nicht ohne Mut, die der Meister Der Zinnen versto├čen hatte. Von ihnen holten wir uns erneut unsere Ratschl├Ąge ab und machten uns danach auf die letzte, sehr viel schwierigere Etappe der Mauer, jedoch nicht ohne vorher ein gar festlich Mahl zu uns genommen zu haben.
Das letzte St├╝ck war hart. Hart, steil, schier unpassierbar. Vielen ging unterwegs der Atem aus, jedoch wurden sie von Mitstreitern heldenhaft gest├╝tzt und aufgerichtet, so da├č sie sich, zwar zum Teil halbherzig noch und abgek├Ąmpft, aufrafften weiterzumachen; weiter auf den Weg nach oben.
Je n├Ąher wir den Zinnen kamen, desto aggressiver wurden auch die Steinschl├Ąge, die uns von oben den Weg erschwerten. Und als ob das nicht schon genug gewesen w├Ąre - die R├╝stungen waren zwar mittlerweile verbeult und der Glanz und die Verzierungen nur noch ein Schatten fr├╝herer Sch├Ânheit - fingen die Gehilfen des Meisters Der Zinnen nun auch noch an, mit schwarzem, hei├čem PECH nach uns zu sch├╝tten. Unter gro├čem Schmerzgeschrei sah ich Freunde taumeln, sich mit letzter Kraft an das Seil klammern, in die Tiefe st├╝rzen. Es waren schreckliche Anblicke, die sich mir, je n├Ąher ich den Zinnen kam, darboten. In den Gesichtern meiner Kameraden standen Pein, Kraftlosigkeit, Hilflosigkeit, Zerm├╝rbtheit, ebenso wie ein letztes Aufb├Ąumen, Hoffnung, ja, zum Teil sogar Erleichterung geschrieben.
Und auf einmal sah man es: das Ende der Mauer, die Zinnen. Gestalten mit h├Ą├člichen Fratzen standen dort oben und warfen Steine, sch├╝tteten Pech und versuchten, Leitern ins Wanken zu bringen. Die Gehilfen des Meisters Der Zinnen taten wirklich ihr bestes, uns am Weiterklettern zu hindern. Doch nachdem ein jeder von uns die Zinnen erblickt hatte, durchflutete ihn, und nat├╝rlich auch sie, eine letzte Welle der Kraft, jeder spannte sich innerlich, konzentrierte sich nur noch auf die letzten Meter, die es hinter sich zu bringen galt, und auf einmal ging alles wahnsinnig schnell.
Die letzten, schwierigen Meter sah man nicht mehr nach oben. Man rackerte nur noch, k├Ąmpfte ums nackte ├ťberleben, Schwei├č machte die Seile und die Ketten glitschig, die letzten Sprossen der Leitern fehlten g├Ąnzlich. Die letzte Etappe kletterte man zwar nebeneinander, doch war es wieder einmal ein Abschnitt, den man schlie├člich und endlich alleine durchschritt. Alleine!
Doch all die H├╝rden, die man versuchte, uns in den Weg zu legen, meisterten wir mit Bravour. Und dann war es schlie├člich so weit: Wir waren OBEN!
Wir fielen uns freudetaumelnd in die Arme, k├╝├čten uns ob der gelungenen Herausforderung, nahmen uns bei den H├Ąnden und blickten in das Land hinter der Mauer.
Mit einem Male wurden alle sehr still. Anstatt gr├╝ne Auen zu erblicken, sahen wir uns mit einem Wald weiterer Mauern, h├Âher noch als die, die wir soeben erzwungen, konfrontiert. Wieder flossen Tr├Ąnen, doch diesmal nicht aus Freude, eher aus Verzweiflung, und mein Freund und Mitstreiter neben mir sagte: ÔÇ×Wozu, frage ich Dich, wozu haben wir uns dieser zweij├Ąhrigen Tortur ausgesetzt, wenn so etwas folgt?ÔÇť
Ich sah ihn traurig an, sch├╝ttelte mit dem Kopf, zuckte mit den Schultern. Die Worte fehlten mir g├Ąnzlich.
Diese nicht gerade freudige Zukunft in Aussicht machten wir uns also auf den Weg. Hier trennten sich unsere Wege. Einige meiner Freunde sah ich nie wieder, andere gelegentlich, einige kann ich auch heute noch zu meinen engsten Freunden z├Ąhlen.
Nun war dieser Weg, den wir einschlugen, jedes einzelnen pers├Ânlicher Weg. Erneut ein Weg, den jeder alleine gehen mu├čte. Erneut ein Weg, der anstrengend, kr├Ąftezehrend war und zeitweise als hoffnungslos erschien. Doch heute wage ich zu sagen: er hat sich gelohnt.

by dommas
__________________
viele menschen f├╝rchten die stille wegen der ungewollten gedanken

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Sohn des Rhein
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo dommas,

Die Geschichte gefiel mir sehr gut. Hatte zwar zwischendurch meine Zweifel, ob das nicht doch alles einfach Fantasy war, aber es kommt gut heraus, dass die Mauer f├╝r etwas steht, Symbol ist. Beim Ende hast Du Dich allerdings von Kafka mitreissen lassen, anstatt, dass die Geschichte etwas vollst├Ąndig Eigenes ist, ist sie am Ende einfach eine Art Umkehrung von der Torh├╝ter-Parabel... Weiss jetzt nicht genau, wie sie heisst, aber Du weisst ja, welche Parabel ich meine ;-)

Viele Gr├╝sse,
Sohn des Rhein

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dommas
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2001

Werke: 8
Kommentare: 6
Die besten Werke
 
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danke

sohn des rhein, f├╝r die netten worte. ich hatte zun├Ąchst meine zweifel, ob ich denn diese geschichte ver├Âffentlichen sollte, denn man k├Ânnte sie, aus dem zusammenhang gerissen, vielleicht nicht verstehen. aber nach deinen worten wei├č ich, dass es in ordnung war. und was das kafkaeske angeht, ich habe es damals, nach ├╝berwinden der 'mauer' wirklich so empfunden, dass zwar eine ├╝berstanden ist, viele weitere aber noch folgten. ├╝ber den vergleich mit kafka war ich nat├╝rlich mehr als gl├╝cklich. aber er ist nunmal einer meiner lieblingsautoren, und da schleichen sich leicht ungewollt ├Ąhlichkeiten ein, nicht war?!
in diesem sinne, yours
dommas
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