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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Mauern von Jemen
Eingestellt am 22. 10. 2004 09:15


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Nina K
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Wir sitzen auf einer der niedrigen Feldsteinmauern, die schnurgerade parallel durch die Landschaft verlaufen. Das Gras ringsum ist struppig und riecht nach Sommer. GrĂŒn, braun und rot vermischt es sich in der Ferne mit den grauen Steinen, als wĂ€ren Wellen in die Landschaft gegossen. Moosteiche und Kleeflecken sammeln sich in den Ritzen, jeden Raum nutzend. Am Himmel verwehen schnell ein paar weiße Wolken lautlos ins blau. "Wozu diese Mauern?", frag ich, weil mich der Anblick immer wieder verwundert. Seine Antwort treibt trĂ€ge ĂŒber die Halme und ich verstehe nur jedes sechste Wort. "ErklĂ€re es mir bitte auf Deutsch", unterbreche ich ihn beinah böse. Da lacht er und zieht mich sanft auf den warmen Boden. Ein Kuß, etwas Himmel und Gras in den Haaren zwischen Grillen und schwirrenden MĂŒcken.

SpÀter, als wir Richtung Stadt gehen, frage ich noch mal. "Sie gehören her, so wie ich und jetzt Du", meint er da. Mehr will er nicht sagen. Ich bleibe stehen, drehe mich noch mal um und blicke die Weite. Die Wellen verlieren sich am Horizont und DÀmmerung fÀngt sich in den Schatten. Karg streckt sich der Boden baumlos in der Ferne. "Am Meer...", sage ich, doch da zieht er mich weiter.

Als wir den Asphalt der Stadt unter den FĂŒĂŸen spĂŒren, fĂŒgt sich Abgasgeruch in die Luft. Er geht so schnell, dass ich beinahe laufen muß, um Schritt zu halten. Die grauen HĂ€userfronten schmiegen sich eng aneinander. KĂŒchendunst preßt sich durch die Fliegengitter der Fenster und verwirbelt zwischen den Autos. An einer Bushaltestelle steht kopftuchgeschĂŒtzt diese Frau im weißen Staubmantel. Wir hasten vorbei und sie starrt auf meine Hand in der seinen. Endlich bleibt er dann stehen, reißt die TĂŒr einer Gaststube auf und schubst mich fast unwirsch hinein.

Wir essen Gulasch mit viel Paprika und wenig Fleisch. Die Kartoffeln schmecken nach Gras und haben grĂŒne Flecken. "Ich gehöre gar nicht her", sag ich da und er nickt. "Aber vorhin war's anders", meint er und da nicke auch ich.

Nachts ist das kleine Zimmer wie immer zu warm. Eng aneinander gedrĂ€ngt liegen wir auf dem schmalen Bett und starren durch das offene Fenster. "Dein Geruch", murmel ich und rĂŒcke noch ein wenig dichter an ihn. "Dein Mund" lĂ€chelt er in der Dunkelheit und streift meine Lippen.

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Nina K
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Eine Busfahrt in Jemen

Wo er aufgewachsen ist, will er mir zeigen. Also packen wir all unsere Sachen zusammen und nehmen einen Morgen den Bus. An der Haltestelle ist außer uns nur die Frau mit den HĂŒhnern. Ihr fehlen zwei ZĂ€hne, die Falten sind tief. Als er seinen Arm um mich legt, dreht sie sich schnell weg. Das bringt die HĂŒhner zum gackern, die an den FĂŒĂŸen zusammen gebunden kopfĂŒber auf ihrem RĂŒcken baumeln. Missmutig lehne ich an ihm und spĂŒre die stickige WĂ€rme.

Eine Staubwolke schiebt sich ĂŒber den Horizont. Dröhnend poltert der Bus heran. Unruhig schaue ich auf die altmodischen runden Scheinwerfer. Auf dem Dach des Buses tĂŒrmt sich GepĂ€ck, mit losen Seilen zusammengezurrt. Auf der KĂŒhlerhaube prangt eine Fahne – schwarz-weiß-rot schimmert es noch durch den Straßendreck, als der Fetzen sich knatternd im Wind reckt. Die schwarze Schrift an der Seite des Busses kann ich nicht lesen. „Wir fahren mit Gott“, ĂŒbersetzt er mir da. „Ich fahre mit Dir“, antworte ich und suche so meinen Halt.

Ich habe noch nie Reifen gesehen, die gar kein Profil haben. Diesen fehlt jede Rille. Blank glĂ€nzt Gummi in der Sonne mich an. „Wozu auch“, meint er, „denn hier regnet es nie“. Als zischend die BustĂŒr sich öffnet, strömt Marktplatz Geruch zu mir rĂŒber. Muskatnuss ĂŒberlagert dann doch noch die Vielfalt. Dicht gedrĂ€ngt stehen und sitzen die Menschen. Doch man hört nur die HĂŒhner sich kraftlos beklagen. Er klemmt unsere RucksĂ€cke zwischen die Beine und legt schwer sein Kinn auf meine Schulter. Dann flĂŒstert er, „gleich kommen die Berge“ und ich spĂŒre die Hitze.

SpĂ€ter tĂŒrmt es sich grau um uns rum. Kein Gras mehr, wĂ€hrend bisher doch nur BĂ€ume fehlten. Die Strasse ist eigentlich keine und so schlingern wir in der Mittagssonne bergauf. Unser Spiel geht darum, wer in seiner Sprache mehr Synonyme fĂŒr Stein finden kann. Als er sich plötzlich in einem Wortstrom gefangen findet, kann ich nicht folgen. „Wenn es wichtig ist, sag es auf Deutsch“, fahre ich ihn da an. „Wenn es wichtig wird?“ Er zieht mich an sich. „Konat“, haucht er in mein Ohr und ich antworte schnell mit „Felsmassiv“.

„Da“, sagt er, und zeigt aus dem staubigen Fenster. An die Felsen pressen sich die ersten HĂ€user der Stadt. Freistehend auf dem Gipfel tĂŒrmen sich weitere Fassaden in den blassblauen Himmel. „Jemen?“, frage ich. „Jemen, so wie es ist.“, sagt er leise. Dann kauft er der Frau ein Huhn ab, bevor wir ganz da sind.

Als der Bus hĂ€lt, wird es laut. Zwei Jungen klettern auf das Dach, lösen die Seile und werfen GepĂ€ck. Wer was fĂ€ngt, reicht es weiter. Er zieht mich schnell fort. „Das musst Du nicht alles sehen“, meint er und ich ĂŒberlege, was er damit wohl meint. Zwischen den HĂ€usern staut sich die WĂ€rme. „Nicht so schnell“, bitte ich ihn und knapp darauf er: „Wir gehen erst zu DĂȘmech“

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Nina K
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Das Kind an der Strasse

Wir sind in der Stadt;meiner ersten Bergstadt in Jemen. Die HĂ€user sind weiß oder grau, irgendwie so dazwischen. Sie sind auch sehr schlicht mit den feinsinnigen Ausbauten. Ich will stehen bleiben und mich umsehen, aber er zieht mich weiter. „Da vorn ist ein Markt“ lamentiere ich tonlos und stolpere hinter ihm her.

Noch immer geht es bergauf vorbei an dem Eingang der Kirche. Da predigt ein Bettler und heischt um Geduld und ich verstehe wieder kein Wort. „Wir sind auf der Erde der SĂŒnde“, ĂŒbersetzt er mir kurz. „Warum willst Du das wissen“, fragt er mich dann ganz erstaunt. „Übersetze noch mehr“, antworte ich und schaue ihm tief in die Augen. „Das ist der Satan, erkennt seine Stacheln und legt seine Knochen in SĂ€ure“, leiert er schulterzuckend. „KĂŒnstler sind ĂŒberall gleich“, fĂ€llt mir dazu nur ein. Da streift kurz sein Kuss meine Lippen.

Die Strassen sind eng und es tummeln sich Esel und Karren. Ein Junge zieht eine dieser Karren vorbei. Darauf liegt weiß ein Toter zwischen buntesten BlĂŒten. „Woher kommen Blumen, wenn hier alles im Staub versinkt“, frage ich leise. „Die Blumen“, sagt er und dann schwillt wieder seine Sprache im Strom. „Ich frag nicht mehr“, sage ich störrisch, da fasst er mein Kinn und sieht mir ganz tief in die Augen. „Du gehörst doch hierher“, meint er und der Knoten in meiner Brust tut grad weh.

Dann tĂŒrmt sich der letzte Bau auf der Spitze des Berges. Rechts und links vom Berg ragt er noch ĂŒber und ich bin fasziniert: Frei schwebt dieses Haus auf dem Gipfel. Treppen fĂŒhren zum Eingang und ich ĂŒberlege, ob die StĂ€dte immer so gebaut sind, in den Bergen. Die Kleine, die auf den Stufen sitzt, sieht mich kurz an. Dann packt sie das neben ihr liegende WĂ€schebĂŒndel und verschwindet in einer Seitengasse. „DĂȘmech wohnt hier“, sagt er harsch. Ich blicke ein letztes Mal auf die Steinstufen, dann hasten wir hoch. „DĂȘmech“, denke ich bitter.

„DĂȘmech“ ist nicht da und da meint er, wir könnten etwas essen. Dann fĂŒllt sich das Haus schon mit GĂ€sten und ich bin wieder falsch. Das Essen hat Madusch gekocht und es schmeckt wirklich gut. Sie reden und scherzen. Als wir spĂ€ter im Bett beisammen liegen, hĂ€lt er mich fest. „Hol tief Luft und beginne zu riechen“, sagt er kurz. „Und wenn ich nicht will?“, frage ich. Da zieht er mich an sich: „Du NĂ€rrin“.

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Tagesanbruch in Jemen


Die bald aufgehende Sonne steht noch hinter dem Horizont, doch taucht sie den Himmel bereits jetzt in ein krĂ€ftiges Orange. Ich genieße den Ausblick von meinem Felssitz aus und lasse mich treiben. Unter mir klammern sich vereinzelt noch HĂ€user an den schroff abfallenden Hang, Lichter leuchten aus den kleinen Festeröffnungen und malen Punkte in die schwindende Nacht. Weiter unten schmiegen sich terassenartig die ersten Anpflanzungen ins Bild. Der orangefarbene Widerschein ĂŒberzieht die kissenartigen Felder mit grau. Langsam steigt erröteter Nebel aus dem Tal auf. Salbei- und GrasgerĂŒche verdrĂ€ngen die KĂ€lte. Aus der Stadt dringt gedĂ€mpft der Ruf der Muezine zu mir herĂŒber.

Seit wir bei DĂȘmech sind, ist plötzlich die Religion zum Thema bei uns geworden. Es ist jetzt die Zeit des "Sobh", dem Gebet der MorgendĂ€mmerung. Die Familie findet sich tĂ€glich in der FrĂŒhe zusammen und DĂȘmech spricht die Worte. Er steigert sich zum Tahiyyat kurz vor dem Moment, in dem die Sonne tatsĂ€chlich erscheint. Er richtet seinen Tagesablauf jetzt nach DĂȘmech und sĂ€he mich gerne hinten im Raum bei den Frauen kauern. "Das kommt fĂŒr mich gar nicht in Frage", funkelte ich erbost, als er es endlich zur Sprache brachte. "Du störst die Familie" war seine Antwort und traurig den Kopf schĂŒttelnd ließ er mich stehen. "Wir haben nie gebetet!" schleuderte ich ihm noch wĂŒtend hinterher. Talibah sah mich erschrocken an. Ein missbilligender Satz von ihr und dann zog sie die Kinder mit sich in die KĂŒche.

Nunmehr im Sonnenlicht zeichnen sich die Einzelheiten der Landschaft ab. Vor mir liegt gewundenen die Straße, die sich vom Tal in die hohen zerklĂŒftete Berge zieht. Die Terassen-Felder, viele davon mit Quat-BĂ€umen bepflanzt, wölben sich vom Nebel befreit dunkelgrĂŒn. Die blattlosen BĂ€ume mit den rosa BlĂŒten sind FlaschenbĂ€ume, hat er mir vor einigen Tagen erklĂ€rt. Auch Bananenstauden wachsen im Tal. Weit entfernt entdecke ich einen Ochsen, vor einen Pflug gespannt und von einem Jungen gefĂŒhrt. Braun krĂŒmmt sich der Boden hinter ihm auf. Es wird Zeit mich auf den RĂŒckweg zu machen. Das kurze StĂŒck bis zur gemauerten Steintreppe ist steil, doch kenne ich inzwischen die Halt gebenden Felsen. Die Treppe wird kaum noch benutzt und lange GrasbĂŒschel zwingen sich durch die Steine. Die Sonne steht mir schon warm im RĂŒcken, als ich die hohen, grob behauenen Stufen erklimme. Gelb schimmert die sonst graue Stadtmauer in ihrem Licht.

In den Gassen herrscht wieder reger Betrieb. Ich schlĂ€ngel mich vorbei an den verschleierten Frauen mit Körben voll Obst und GewĂŒrzen, den flatternden HĂŒhnern und streunenden Hunden. Auch bei DĂȘmech ist es hektisch und laut. Die Ă€lteren sitzen besammen und FrĂŒhstĂŒcken, die Kinder toben schreiend umher. "Schenk mir Tee ein" sagt er zur BegrĂŒĂŸung und wendet sich wieder zu DĂȘmech. Ich nehme mir selbst auch ein Glas und tunke das Fladenbrot ein. Als Asif plötzlich laut aufweint, drĂŒckt mir Talibah die kleine Hutun in die Arme, um sich um ihn zu kĂŒmmern. Hutun reißt wie immer wild an meinen Haaren und lacht. Leise erzĂ€hle ich ihr beruhigend von den Bildern des Morgens. "Sprich kein Deutsch mit ihr", herrscht er mich da an. Talibah und DĂȘmech wechseln ebenfalls aufgeregt ein paar Worte, dann greift sie Hutun von meinem Schoß und bringt sie nach oben. Da er seine Unterhaltung mit DĂȘmech fortsetzt, weiß ich, dass es keinen Sinn macht, jetzt etwas zu sagen. „Vielleicht heute Nachmittag“ murre ich in seine Richtung und verlasse wieder das Haus.

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Feuerwerksstunden

Wenn es still geworden ist, steigen die Bilder auf und malen sich neu. Die Farben zerfallen in Nuancen von Wahrheit und Wollen.
Ich sitze am Hang mit geschlossenen Augen, versuche mich einzulassen darauf an diesem Nachmittag. Heiß prallt die Sonne auf meine Lider, als wolle sie die Gedanken noch halten. Doch dann ĂŒberstĂŒrzt sich alles. Aufgeschreckt vom LĂ€rm schlage ich die Augen auf. Menschen strömen schreiend aus dem Stadttor, stoßen sich gegenseitig die schmalen Stufen hinunter ins Tal. Plötzlich steht DemĂ©ch vor mir, gestikuliert erst wild mit den Armen und reißt mich dann hoch. Nun höre auch ich die SchĂŒsse. "Wo ist er?" höre ich mich mit schriller Stimme fragen. Auch DemĂ©ch stĂ¶ĂŸt atemlos Worte aus, greift ungeduldig meinen Arm und zerrt mich mit fort. In der Hektik stolpere ich ĂŒber eine Stufe und kann mich nicht halten. Der Sturz bringt mich ein wenig zur Besinnung, doch verstĂ€rkt sich die Furcht. Wieder will DemĂ©ch mich hoch reißen Dann fĂ€llt sein Blick auf mein Bein. Sein Gesicht verzieht sich. Ich folge mit den Augen und sehe nun auch den geborstenen Knochen aus der Haut aufragen. Erst da setzt der Schmerz ein. Höher steigt die Panik in mir, alles scheint lauter zu werden.


Dass DemĂ©ch mich einfach ĂŒber seine Schulter warf und weiter stĂŒrmte, merke ich erst, als er mich unten am Hang wieder fallen lĂ€sst. Talibah und die Kinder sind dort versammelt - er fehlt. Talibah wird blaß, als sie mich ansieht. Dann aber handelt sie schnell. Hutun drĂŒckt sie Madusch in die Arme und beginnt breite Streifen aus ihrem Rock zu reißen. Damit umwickelt sie mein Bein. Dem lauten Wortwechsel zwischen ihr und DemĂ©ch kann ich wieder nicht folgen, doch tut mir die FĂŒrsorge wohl. In einem ruhigeren Moment frage ich wieder nach ihm. DemĂ©ch holt aus, als wollte er mich schlagen. Da bin ich dann still. Nachdem ich notdĂŒrftig verbunden sind, hebt DemĂ©ch mich wieder auf die Schulter. Die Flucht geht weiter, wenngleich er nun auch ruhiger voranschreitet. Wir scheinen die letzte Familie in der Ebene zu sein und nur entfernt hören wir noch die SchĂŒsse aus der Stadt.

Ich muß irgendwann ohnmĂ€chtig geworden sein. Als ich erwache finde ich mich auf einem kleinen Feldbett wieder. Der mich umgebende Raum wird nur durch ein winziges Fenster mĂ€ĂŸig erhellt. Eine Welle von Schmerz fĂ€hrt durch mein Bein, als ich versuche, mich etwas aufzurichten. Die Stoffetzen sind blutdurchtrĂ€nkt. Mich umsehend stelle ich fest, dass ich allein bin, doch traue ich mich nicht zu rufen. Im DĂ€mmerlicht kann ich ein weiteres Feldbett ausmachen, ansonsten scheint der Raum leer zu sein. Ich lausche hinaus und höre ihre Stimmen. Plötzlich schwingt die HolztĂŒr auf. DemĂ©ch steht im Rahmen und mustert mich mit seinem kĂ€ltesten Blick. Als er merkt, dass ich wach bin, tritt er langsam nĂ€her. Dann dreht er sich um und ruft etwas durch die TĂŒr. MĂŒde lĂ€sst er sich auf das zweite Feldbett fallen, dreht sich um und scheint einzuschlafen. Inzwischen huscht Madusch in den Raum, einen Reisteller in HĂ€nden halten. Sie drĂ€ngt mich zu essen und summt eine leise Melodie. Doch ich bin zu verzweifelt. Er scheint immer noch nicht da zu sein.

Stunden spĂ€ter, so scheint es mir, kommt DemĂ©ch wieder ruckartig hoch. Er verschwindet kurz wortlos. Als er wieder da ist, hebt er mich auf und trĂ€gt mich nach draußen. Ein Leiterwagen steht vor der TĂŒr mit Decken. Darauf setzt er mich ab. Dann tritt er nach vorne zum Esel und wir rumpeln fort.
Ich blicke mich um - ein einzelnes schmutziges Haus inmitten von nichts. In der Ferne sehe ich noch die Berge liegen und vermisse ihn schmerzlich. Die staubige Straße fĂŒhrt uns schließlich dann doch zu einer grĂ¶ĂŸeren Stadt. Vor einem hohen GebĂ€ude bindet DemĂ©ch den Esel an, murmelt mir ein paar Worte zu und verschwindet hinter dem Eisentor. Als er wiederkommt ist ein weiterer Mann bei ihm. "Hier Krankenhaus", bringt dieser gebrochen hervor. Der Satz bringt mir endlich die TrĂ€nen. DemĂ©ch schaut böse auf mich herab, zerrt mich wieder auf seine Schulter und trĂ€gt mich hinein. Dann verschwindet er wortlos.

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Nina K
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Krankenhausstunden und wie man lernt

Ich werde von einer Schwester in den OP geschoben und gleich operiert. Aus der Narkose erwacht finde ich mich in einem grossen Saal voller Betten wieder. Blutgeruch mischt sich mit Sterilisaten und mir wird sofort schlecht. Obwohl alle Betten in meinem Blickfeld belegt sind, herrscht fast Stille. Ein Patient scheint Besuch zu haben, denn an seinem Bett stehen einige Menschen in privater Kleidung. Leise tuschelnd plĂ€tschert ihre Unterhaltung dahin. Ich ĂŒberlege, was ihm passiert sein könnte und ob er bei den SchĂŒssen verletzt wurde, oder gar umkam. Was immer geschehen sein mag – DemĂ©ch scheint auf ihn wĂŒtend zu sein und damit wohl auch nun auf mich.

Nach einer Stunde steht endlich der Arzt vor mir. „Gute Operation“ verspricht er und wagt ein leises LĂ€cheln. „Was hat DemĂ©ch gesagt?“, frage ich zögerlich. „Dich gut behandeln“, meint er und zwinkert mir zu. Dann ruft er laut durch den Raum und eine gebeugte Frau in einem weissen Kittelkleid huscht heran. Ihrem Wortwechsel kann ich nicht folgen, nur „deutsch“ höre ich mehrfach heraus. Sie holt einen Stuhl heran und setzt sich verlegen zu mir. „Ich komme auch aus Deutschland“, sagt sie dann. „Ich werde mich kĂŒmmern, bis Du entlassen werden kannst.“

In den vergangenen Wochen haben wir Freundschaft geschlossen. Sie hat mir nichts von ihm sagen können, aber ich habe viel von der Sprache von ihr gelernt – endlich. Ich kann mich ein wenig mit der Frau im Nachbarbett unterhalten, der nach einer schweren Schussverletzung nun ein Bein fehlt. Nicht nur in der Bergstadt wird geschossen, lerne ich da. Einmal hat Madusch mich besucht und mir einige meiner Sachen gebracht. Wo er ist, habe ich gefragt, aber da hat sie nur den Kopf geschĂŒttelt und erklĂ€rt, dass mich DemĂ©ch bald besuchen werde. Darauf warte ich nun schon seit einer Woche. Sie verliess mich nach meiner Frage ganz plötzlich. Was in der Stadt vorgefallen ist, weiss ich noch immer nicht.

Mein Bein heilt schnell und nach sechs Wochen bekomme ich schon einen Gehgips. Nun husche ich durch die Zimmer und versuche so viel wie möglich, mit den Menschen zu sprechen. Es gibt eine Kinderstation – da bin ich gern. Sie reagieren nicht so abweisend auf mich als Fremde und erzĂ€hlen mir gern von daheim. So viel habe ich bei ihm nie ĂŒber das Land gelernt. Ich erzĂ€hle Geschichten – keine aus Deutschland, davon verstĂŒnden sie nichts. Aber die „Mondtaxi-MĂ€rchen“ hören sie gern. Bald bin ich bekannt, als ehemalige Mondtaxi-Fahrerin und werde umringt, sobald ich die Station betrete. Die Kinder haben keine Ängste vor mir.

TelĂ  wĂ€chst mir mit der Zeit besonders an’s Herz. Ihr fehlt eine Hand, doch weigert sie sich zu erzĂ€hlen, wie das passierte. Von dem Arzt weiss ich, dass ihr Vater diese in den MĂ€hdrescher klemmte, als sie lieber spielen, als arbeiten wollte. Manchmal sind wir im Hof und einmal male ich KĂ€sekĂ€stchen auf und zeige ihr, wie man sie springt. Das geht auf einem Bein und mit nur einer Hand wunderbar. Sie lernt Brocken von Deutsch von mir – leider auch, wie man flucht.

Es ist die elfte Woche im Krankenhaus. DemĂ©ch ist plötzlich da und findet mich lachend mit TelĂ  im Hof. Er schickt sie fort, dann zieht er mich unter einen Quadbaum und will mit mir reden. Wo er ist, will ich endlich wissen. „Er ist tot“, sagt er da und schaut grimmig in meine Augen. „Mehr musst Du nicht wissen, geh heim in Dein Land, sobald Du nur kannst.“ „Das wusste ich doch“, will ich mir einreden und „Konat“ hallt es wieder und wieder in meinem Kopf. Ich suche TrĂ€nen und finde keine. Wie soll man bei DemĂ©ch auch weinen?

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