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Leselupe.de > Erzählungen
Die Maus
Eingestellt am 13. 07. 2004 12:24


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Scrabbler
Autorenanwärter
Registriert: Jun 2003

Werke: 4
Kommentare: 1
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Die Maus

Da war sie wieder - genau ihre Zeit. Pepe fragte sich manchmal, wie sie das wissen konnte. M√§use hatten ja schlie√ülich keine Uhren. Ab und zu wunderte er sich auch fl√ľchtig, wie sie die vielen steilen Treppen zu seinem Dachzimmer hochgekommen war. Aber er dachte nie weiter dar√ľber nach. Das war Sache der Maus, Teil ihres eigenen Lebens, das ihn nichts anging.
Sie sa√ü neben dem Regal, wo sie immer sa√ü. Wie √ľblich machte sie zuerst M√§nnchen, schnupperte interessiert herum. Nicht √§ngstlich, sie f√ľhlte sich v√∂llig sicher hier. Und auch nicht gierig, sie kam nicht zum Fressen hierher. Sie kam einfach so, zu Pepe.
Es hatte sich ganz zufällig ergeben. Eines Abends war sie plötzlich neben dem Regal aufgetaucht.
Sie hatte sich hingesetzt und Pepe angesehen, und Pepe hatte die Maus angesehen. Sie hatten sich eine Weile einfach nur angeschaut, ganz still. Dann war die Maus wieder verschwunden.
Seitdem kam sie jeden Abend.
Die Besuche verliefen immer gleich. Nach dem Herumschnuppern putzte die Maus sich erstmal gr√ľndlich. Die winzige rosa Zunge wusch fest √ľber das graubraune Fell, die Pf√∂tchen fuhren geschickt √ľber die Ohren, √ľber das Schn√§uzchen. Pepe sah zu, und er f√ľhlte sich gl√ľcklich, irgendwie.
Wenn die Maus mit dem Putzen fertig war, kam sie zu Pepe. Sie setzte sich etwa einen Meter vor ihm hin, ihre langen dunklen Schnurrbarthaare zitterten ein bi√üchen. Dann legte sie den kleinen Kopf schief und sah Pepe mit ihren schwarzen Knopfaugen an. Er gab den unbewegten Blick ruhig und zufrieden zur√ľck.
Sie saßen lange so da. Dann verschwand die Maus wieder, und Pepe machte sich eine Tasse Kaffee.
Diesmal kam er nicht zum Kaffeemachen. Die Klingel summte, der Hausherr wollte etwas von ihm.
Pepe lief rasch hinunter. Der Hausherr blätterte in einer Zeitschrift, sprach zu Pepe, ohne aufzusehen. Es waren Mäuse im Haus, die Frau hatte sich beschwert. Die Mäuse fraßen die Vorräte an. Pepe musste die Mäuse töten. Das war alles, Pepe konnte wieder hochgehen. Der Hausherr bemerkte Pepes Zusam-menzucken nicht, sah die Blässe auf seinem Gesicht nicht. Pepe stieg ganz langsam wieder hinauf.
Er sa√ü lange da, ohne sich zu r√ľhren. Dann ging er in die winzige K√ľche, holte ein St√ľck Brot aus dem Schrank. Er √∂ff-nete den K√ľhlschrank, nahm ein St√ľck K√§se heraus und einen Apfel. Er zerschnitt das Brot, den K√§se und den Apfel in kleine St√ľckchen. Die St√ľckchen verteilte er in seinem ganzen Zimmer. √úberall auf dem Boden lagen nun St√ľckchen von K√§se, Brot und Apfel. Dann ging er schlafen.
Am nächsten Abend tauchte die Maus wieder auf.
"Du kannst das alles fressen", sagte Pepe laut, "dann musst du nicht mehr die Vorräte des Hausherrn anknabbern."
Die Maus saß nur da und sah ihn mit ihren blanken Knopfaugen an.
Pepe f√ľhlte pl√∂tzlich ein Hindernis zwischen ihr und sich. Sie verstand ihn nicht. Konnte ihn nicht verstehen, na-t√ľrlich.
Er schob ihr grob einen Streifen Käse zu. Sie schnupperte daran, schien unentschlossen.
"Friss doch", sagte Pepe verzweifelt.
Schlie√ülich nahm sie tats√§chlich den K√§sestreifen in die Pf√∂tchen. Sie schnupperte noch einmal, leckte daran, begann schlie√ülich rasch zu fressen. Pepe lachte erleichtert auf. Er schob ihr weitere St√ľckchen hin, und sie fra√ü, K√§se, Apfel, Brot.
Am nächsten Nachmittag summte die Klingel. Der Hausherr hatte verschiedene Aufträge, schließlich nebenbei die Frage, hatte Pepe etwas wegen der Mäuse unternommen? Pepe schwieg. Der Hausherr sah ungeduldig auf: Ja? - Die Mäuse werden Sie nicht mehr belästigen, sagte Pepe ungewohnt feierlich. Der Hausherr zuckte die Achseln.
An den n√§chsten Abenden f√ľtterte Pepe die Maus regelm√§√üig. Er gab ihr St√ľckchen von K√§se, Brot und Apfel. Sie nahm jedes St√ľckchen ganz vorsichtig mit den Z√§hnen aus seiner Hand. Dann hielt sie es mit ihren Pf√∂tchen fest und knabberte es weg.
Pepe sah erleichtert, wie sie sich sattfra√ü. Er fand es auch ganz nett, ihr so beim Knabbern zuzuschauen. Aber ir-gendwie war es nicht mehr wie fr√ľher...
Tage sp√§ter summte die Klingel. Der Hausherr war √§rgerlich diesmal, sah Pepe ins Gesicht: Die Frau hatte gesagt, dass immer noch M√§use die Vorr√§te anfra√üen. Was war mit der Mausefalle? - Die Maus frisst doch nicht viel, sagte Pepe leise, ein paar K√∂rnchen h√∂chstens. Der Hausherr wurde w√ľtend, jedes K√∂rnchen war zuviel, und was war los mit Pepe? Sofort w√ľrde Pepe eine Mausefalle aufstellen, sofort!
Pepe ging soweit, die Mausefalle aus dem Schrank herauszusu-chen. Er nahm sie in die Hand, starrte auf die Drähte des tödlichen Mechanismus. Er dachte an die Maus. Nein.
Pepe ging zum Hausherrn. Ich werde den Schaden ersetzen, den die Maus macht. Der Hausherr starrte ihn an: wozu, zum Teufel? Die M√§use mussten weg, verdammt. - Ich k√∂nnte sie fangen und woanders hinbringen, schlug Pepe vor. Bl√∂dsinn, dann fra√üen sie blo√ü dort alles an, M√§use waren verdammte Sch√§dlinge, immer und √ľberall. Pepe w√ľrde verdammt nochmal die Mausefalle aufstellen - oder er war entlassen. Sofort.
Pepe dachte an sein Dachzimmer, an den kleinen Schrank, den er sich selber gebaut hatte. Aber es war keine schwere Ent-scheidung. Es war eigentlich √ľberhaupt keine Entscheidung, denn es gab nur eine M√∂glichkeit. Die Maus t√∂ten - das war keine M√∂glichkeit, nicht wirklich.
Dann muss ich gehen, sagte Pepe traurig. Der Hausherr starrte ihn an, sei doch vern√ľnftig Pepe - h√∂r zu, ich gebe dir hundert Euro, wenn du bleibst und die Falle auf-stellst. - Nein. - Verdammt, was hast du blo√ü, M√§use fressen doch nur den Men-schen alles weg. - Menschen den M√§usen auch. - Ich glaube, du bist verr√ľckt geworden, Pepe.
Pepe packte seine Sachen. Die Maus tauchte neben dem Regal auf - ach ja, es war ihre Zeit.
"Komm mit", sagte Pepe zu der Maus, "sonst sehen wir uns nie wieder." Sie saß still da und sah ihn mit ihren schwarzen Knopfaugen an.
Pl√∂tzlich packte ihn hei√üe Wut - was hockte sie da und starrte ihn blo√ü an! Sie w√ľrde nicht mitkommen, nat√ľrlich nicht, das ging nicht. Sie blieb hier. Vielleicht w√§re sie mitgekommen, wenn sie verstanden h√§tte. Aber sie konnte ja nicht verste-hen. Sie war blo√ü eine Maus. Und der Mann nach ihm w√ľrde eine Mausefalle aufstellen und sie t√∂ten. Pepe sank auf sein Bett und weinte.
Schlie√ülich raffte er sich auf. Er gab der Maus noch ein gro√ües St√ľck K√§se. Dann nahm er seine beiden Koffer und ging.
Auf dem Weg traf er einen Bekannten. Es war keiner, dem Pepe etwas anvertraut hätte, normalerweise. Aber die Verzweiflung trieb ihn.
Ich glaube, ich habe eine ganz große Dummheit gemacht, sagte er verloren. Der andere witzelte gelangweilt, na, das ist immerhin das erste Mal in deinem Leben, dass du was ganz Großes gemacht hast, was.
Pepe starrte ihn an. Seine Augen begannen zu leuchten. Ja, sagte er, ja, du hast recht. Er dachte an die Maus und lächelte. Dann nahm er seine Koffer wieder auf und ging weiter.

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Haggard
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Dec 2000

Werke: 9
Kommentare: 27
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Hi Scrabbler!

Ich weiß, es ist immer eine ungeliebte Frage; aber was willst Du mir/uns mit dieser Geschichte sagen?

Ein Typ, was auch immer f√ľr eine Funktion er bekleidet, schmei√üt Job und Bude wegen einer Maus weg?
Als er einem Bekannten, dem er nichts anvertraut hätte(?),
davon erzählt, veräppelt ihn dieser eigentlich ziemlich.
Und Pepe ist dar√ľber gl√ľcklich!?

Ich fand die Story bis zur Hälfte gut. Die Beschreibung
der Maus und der "Beziehung" zwischen Mensch und Tier eigentlich auch.
Instinktiv hatte ich jetzt ein tränenreiches Ende (Wie z.B.
das der Maus in "The green Mile") erwartet, wurde aber
enttäuscht.

Vielleicht liege ich ja aber auch voll daneben und habe
jetzt riesigen M√ľll verzapft.

LG Haggard



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"Cum grano salis"

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endlich
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Mar 2004

Werke: 3
Kommentare: 51
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Hallo!

Ich habe das so verstanden:
Er war ganz unsicher, ob er nicht einen Riesenfehler gemacht hat. Anscheinend ist er grundsätzlich ein ziemlich unsicherer Mensch, so wie er beschrieben wird.

Also ver√§ppelt oder nicht, vielleicht ist ihm in dem Moment klar geworden, dass er eine Entscheidung getroffen hat, eine f√ľr ihn gro√üe, und dass er sich dabei (meinetwegen in seiner liebenswerten Verr√ľcktheit) treu geblieben ist.

Das finde ich als Aussage f√ľr eine Geschichte durchaus in Ordnung.

Viele Gr√ľ√üe
endlich



__________________
Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt. (Albert Einstein)

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Mumpf Lunse
Routinierter Autor
Registriert: May 2004

Werke: 11
Kommentare: 387
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hallo scrabbler
die Geschichte ist sehr poetisch.
sich selbst treu bleiben und was man nicht verhindern
kann daran muss man sich zumindest nicht beteiligen.
nicht pragmatisch zu handeln wird oft als dummheit interpretiert.
in diesem sinn w√ľrde ich sagen: diese art von
dummheiten ist ein guter weg sich selbst zu bewahren.
so habe ich es gelesen.
viele gr√ľ√üe
gunter
__________________
© by Mumpf Lunse
Schreiben ist etwas √ľberraschendes

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gareth
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Dec 2003

Werke: 132
Kommentare: 784
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Hallo scrabbler,

ich schließe mich dem Kommentar von Mumpf an. Das ist glaube ich der wesentliche Kern der Geschichte.

Handwerklich und inhaltlich g√§be es aus meiner Sicht noch einiges zu tun. Man sollte bei aller gleichnishaftigkeit der Geschichte doch besser verstehen k√∂nnen, was in Pepe vorgeht, wenn er die Existenz dieser Maus pl√∂tzlich so wichtig nimmt. Es ist auch ein gr√∂√üerer innerer Konflikt zu erwarten als du ihn darstellst, wenn er vor die Entscheidung gestellt wird: Wohnung oder Maus. Auch m√ľsste er eigentlich einmal auf die Idee kommen, dass das ganze Zeug im Haus nicht nur von dieser einen Maus gefressen wird, sondern dass da noch viele mehr sind, so dass es gar nicht nur um diese eine Maus geht. Das tut er aber nicht und es l√§sst ihn dann doch ein wenig tumb erscheinen. Weiterhin h√§tte er ohne weiteres die M√∂glichkeit gehabt, das Problem f√ľr alle drei Seiten so zu l√∂sen, wie er es selbst dem Hausherrn auch anbietet. Er h√§tte die Maus einfach weit weg transportieren und frei lassen k√∂nnen. Aber vielleicht ist mir Pepes Wesen einfach nicht klar genug geworden. Eine weitere Frage ist f√ľr mich: wo spielt die Handlung. Bei Pepe denke ich sofort an Mexiko. Dort wird aber nicht mit Euro entlohnt.

Hat mir trotz allem was ich da sage, recht gut gefallen.
Gr√ľ√üe
gareth

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