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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Meisterschaft
Eingestellt am 28. 09. 2013 21:41


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w├╝stenrose
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Er war zu Beginn der Saison zu uns gesto├čen und meine Aufgabe war nicht leichter geworden. Ihm fehlte es an Technik und Kondition, an Durchsetzungsverm├Âgen und Schusskraft, eigentlich an allem und zu dick war er auch. Gallvetter stellte ihn vorne rein, wo er f├╝r Unruhe sorgen sollte. Um aber zu vermeiden, dass er vorzeitig als Statist enttarnt wurde, band ich ihn immer wieder in die Kombinationen ein - durchaus erfolgreich, denn manch gute Szene resultierte daraus! Die Gaffer am Spielfeldrand staunten nicht schlecht.
    Manfred Bunzenfeld bl├╝hte auf, war in aller Munde. Es kam der Tag der Tage, das alles entscheidende Spiel gegen den SV Brettenfeld. Hinten nichts anbrennen lassen!, br├╝llte der Trainer von der Seitenlinie herein, holte kurz Luft und haute sein n├Ąchstes Kommando raus. Ich h├Ârte ihn kaum. Wenn das Spiel einmal lief, war mir der Rest egal. ├ťberdies hatte mir Gallvetter die Marschroute l├Ąngst hundert Mal vorgekaut: Balleroberung und -verteilung. Nach hinten sichern und, bei Ballbesitz, die Spieler├Âffnung einleiten. Lange Zeit wogte die Partie hin und her, einzig ein Tor wollte nicht fallen. In der Schlussphase erk├Ąmpfte ich mir den Ball, trieb ihn nach vorne, sah pl├Âtzlich den Dicken links neben mir und riskierte ein scharfes Zuspiel. Von seinem Schienbein prallte die Kugel ab und landete bei R├╝di, welcher nicht lange fackelte und den Sack zu machte. Wir gingen als C-Jugend-Kreismeister vom Platz und er, gar keine Frage, ging als einer von uns.
    Bunzenfeld wurde herumgereicht, bestaunt und sogar fotografiert. Er war, neben R├╝diger M├╝ller, der Held des Tages. Selbst der G├Ąstetrainer, der ihn aus dem Hinspiel noch ganz anders in Erinnerung hatte, interessierte sich pl├Âtzlich f├╝r ihn und wollte wissen, wann und wo er das Passspiel erlernt habe. Er war obenauf - und jeder sah es! An diesem Tag f├╝hlte ich mich Manfred n├Ąher als sonst. Selbst abends im Bett dachte ich noch lange an ihn und sein sch├Ânes Erfolgserlebnis. Ich ahnte, dass ich f├Ąhig sei, andere gl├╝cklich zu machen; umgekehrt gab der untalentierte Au├čenseiter meinem Leben Gestalt und F├╝lle.
    In der n├Ąchsten Woche brachte der 05-Bote den ausf├╝hrlichen Bericht ├╝ber die Meisterschaft auf Seite 1 und auf dem Titelfoto strahlte der abgek├Ąmpfte, ├╝ber die Ma├čen gl├╝ckliche Manni. Unser Shooting Star stand darunter. Auch ein Mannschaftsfoto, das ihn in der ersten Reihe zeigte, illustrierte die Erfolgsgeschichte. Dass er eher der breite, bullige Typ war, sagte ich bereits. Dagegen war ich, als Strich in der Landschaft, dahinter kaum zu erkennen. Eigentlich war ich auf dem Foto gar nicht drauf.
    Beim n├Ąchsten Training lag Bunzenfeld am Boden, japste, kr├╝mmte sich vor Schmerz, heulte wie ein M├Ądchen. Mein satter Schuss, aus kurzer Distanz, hatte den Weg in seine Eier gefunden.

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Val Sidal
???
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w├╝stenrose,

eine gelungene Geschichte hast du hier vorgelegt.
Der Text zeichnet parabelhaft eine Episode nach, die pr├Ągend f├╝r die Protagonisten war, und dar├╝ber hinaus, den Leser anregt, auf Ereignisse seines eigenen Lebens zur├╝ck zu blicken, die sowohl Augenblicke der Wahrheit ├╝ber den eigenen Charakter als auch Weichenstellungen f├╝r die Entwicklung des eigenen Verst├Ąndnisses im Hinblick auf Wettbewerb, Erfolg und Anerkennung markieren.

Einige fl├╝chtige Anmerkungen -- keine tiefere Analyse -- zum Text:

quote:
Manfred Bunzenfeld bl├╝hte auf, war in aller Munde.
quote:
Bunzenfeld wurde herumgereicht, bestaunt und sogar fotografiert.
quote:
Er war obenauf - und jeder sah es!
Bunzenfelds Wandlung und die Ver├Ąnderung der Wahrnehmung seines Umfelds w├Ąren besser nachzuvollziehen, wenn wir seinen Auftritt am Anfang nicht nur aus der - sehr verengten - Perspektive des Erz├Ąhler-Ichs hingeworfen bek├Ąmen:
quote:
Ihm fehlte es an Technik und Kondition, an Durchsetzungsverm├Âgen und Schusskraft, eigentlich an allem und zu dick war er auch.

, sondern sehen k├Ânnten, wie die o.a. Merkmale von Bunzenfeld, vom Team und dem Erz├Ąhler selbst erlebt wurden.

quote:
An diesem Tag f├╝hlte ich mich Manfred n├Ąher als sonst. Selbst abends im Bett dachte ich noch lange an ihn und sein sch├Ânes Erfolgserlebnis.

-- eine sehr sch├Âne Szene.

Die zentrale Stelle des Textes k├Ânnte noch besser gemacht werden:
quote:
Ich ahnte, dass ich f├Ąhig sei, andere gl├╝cklich zu machen; ...
-- plausibel und passend, aber
quote:
umgekehrt gab der untalentierte Au├čenseiter meinem Leben Gestalt und F├╝lle.
-- unpassend, aufgedunsen.

Ein fulminanter Schluss rundet die Geschichte sehr sch├Ân ab:
quote:
Beim n├Ąchsten Training lag Bunzenfeld am Boden, japste, kr├╝mmte sich vor Schmerz, heulte wie ein M├Ądchen. Mein satter Schuss, aus kurzer Distanz, hatte den Weg in seine Eier gefunden.

Wenn meine Anmerkungen nicht hilfreich sind, dann -- Pardon.
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valS
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DocSchneider
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Hallo W├╝stenrose, menschliches Erfolgsstreben, Neid und Missgunst in beinahe allen Facetten ausgeleuchtet. Habe ich gern gelesen.
Ich w├╝rde nur den Namen "Manfred Bunzenfeld" eher einf├╝hren, das erleichtert das Leseverst├Ąndnis.
Bei dem Satz

quote:
An diesem Tag f├╝hlte ich mich Manfred n├Ąher als sonst. Selbst abends im Bett dachte ich noch lange an ihn und sein sch├Ânes Erfolgserlebnis

dachte ich zun├Ąchst an eine Wendung in Richtung M├Ąnnerliebe. Aber es kam anders - der Sch(l)uss ist selbst beim Lesen schmerzhaft.

Der Bereich Fu├čball ist mit Sicherheit von den vorgestellten Typen durchzogen - die Darstellung ist Dir wirklich gelungen.
LG Doc
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Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals erm├╝dendem Lesen. (Virgina Woolf)

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w├╝stenrose
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Deine Anmerkungen und Gedanken, Val Sidal, habe ich mit Interesse gelesen - besten Dank hierf├╝r!
Deine Anmerkungen bez├╝glich der Art und Weise, wie Bunzenfeld eingef├╝hrt wird (bzw. wie dies vielleicht anders passieren k├Ânnte), behalte ich im Hinterkopf; ich brauche etwas Abstand zum Text, ehe ich das nochmal betrachten kann.
Deine andere Anmerkung dagegen besch├Ąftigt mich ganz unmittelbar:

"-- unpassend, aufgedunsen."

empfindest du die Stelle:

quote:
umgekehrt gab der untalentierte Au├čenseiter meinem Leben Gestalt und F├╝lle.

Meine Absicht war tats├Ąchlich, diese quasi bedenkliche Seite des Ich-Erz├Ąhlers (das Helfer-Syndrom, das Schmarotzertum, welches eigene Identit├Ąt aus der Schw├Ąche anderer bezieht...) in ihrer Peinlichkeit auszustellen / das Widerspr├╝chliche, Unpassende, meinetwegen Aufgedunsene dieses Syndroms vor den Augen des Lesers zu entfalten usw.

- - - aber ich glaube, du hast schon verstanden, worum es mir geht und findest es letztlich eher auf literarisch-stilistischer Ebene unpassend / aufgedunsen? Verdammt, ich kriege kein rechtes Gef├╝hl f├╝r diese Szene. Gr├╝bel gr├╝bel.

Generell habe ich mich bei der wiederholten ├ťberarbeitung des Textes ├╝ber jeden Satz gefreut, den ich letztlich streichen konnte - vielleicht bremst der von dir angemahnte Satz einfach die Schl├╝ssigkeit der Story und ist entbehrlich, auch hier brauche ich wohl etwas Abstand zum Text.

Ein bisschen gl├╝cklich gemacht hat mich deine Wendung:
quote:
Augenblicke der Wahrheit ├╝ber den eigenen Charakter
- ja, in diese Richtung zielte mein literarischer Schuss.

lg w├╝stenrose

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w├╝stenrose
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DocSchneider, danke f├╝r deine erfreuliche R├╝ckmeldung!
Wie ich grade nochmal so ├╝ber deine Ausf├╝hrungen nachdenke, kommt mir die Vermutung: Beim Einstieg (so ganz allgemein) ist noch Verbesserungspotential vorhanden; es w├Ąre sch├Ân, wenn der Text schon eingangs was zu bieten h├Ątte, was den Leser irgendwie "packt", was ihn deutlicher einl├Ądt, die Story ├╝berhaupt weiter zu verfolgen.
Mal sehen.
Riecht nach Arbeit.
Ich warte, dass es Kreativit├Ąt regnet.

lg w├╝stenrose

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Val Sidal
???
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w├╝stenrose,

ich m├Âchte meine Irritation, die ich bewusst pointiert ausgedr├╝ckt hatte, etwas pr├Ązisieren:


-- mit dem Verb "ahnte" gelingt es dem Erz├Ąhler, die jugendliche Perspektive zu etablieren:

quote:
Ich ahnte(damals und es stimmt auch heute noch), dass ich f├Ąhig sei, andere gl├╝cklich zu machen;
will sagen: naiv wie ich war, dachte ich damals noch, ich k├Ânnte die Menschheit retten -- heute wei├č ich: nicht die ganze Menschheit, aber einige "andere" gl├╝cklich machen, schon.
Diese Sicht (vom Besonderen<Bunzenfeld> zum Allgemeinen<andere> ) finde ich plausibel und passend.

Aber:

-- mit der Wendung "umgekehrt gab" gelingt es meiner Meinung nach nicht, diese Perspektive zu halten. Warum? Einerseits, weil die Nutzung des Adjektivs "umgekehrt" einen (wie ich vermute, ungewollten) Perspektivenwechsel bewirkt:

quote:
umgekehrt gab(d.i. aus heutiger Sicht betrachtet ist es bis heute so) der untalentierte Au├čenseiter meinem Leben Gestalt und F├╝lle.
-- das irritiert und besch├Ądigt den Wende- und H├Âhepunkt, weil vom Besonderen<untalentierte Au├čenseiter> zum Besonderen<Erz├Ąhler-Ich> statt zum Besonderen<Protagonist-Ich> blickt, daher unpassend. Andererseits, weil aus der Erwachsenenperspektive des Erz├Ąhlers die Formulierung "Leben Gestalt und F├╝lle" -- vor dem liebevoll ironischen Hintergrund der Aussage zuvor -- etwas geschwollen wirkt.

Mit der (literarisch nicht zu Ende gedachten) Variante
quote:
Ich ahnte, dass ich f├Ąhig sei, andere gl├╝cklich zu machen, und hatte das Gef├╝hl, dass der untalentierte Au├čenseiter so meinem Leben Gestalt und F├╝lle gab.
w├Ąre mein Problem schon fast vom Tisch.

Wenn meine Intervention die erz├Ąhlerische Absicht verfehlt hat, dann - Pardon.
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Val Sidal
???
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w├╝stenrose,

noch was zur Vervollst├Ąndigung meines Arguments.
Du schreibst:

quote:
Meine Absicht war tats├Ąchlich, diese quasi bedenkliche Seite des Ich-Erz├Ąhlers (das Helfer-Syndrom, das Schmarotzertum, welches eigene Identit├Ąt aus der Schw├Ąche anderer bezieht...) in ihrer Peinlichkeit auszustellen / das Widerspr├╝chliche, Unpassende, meinetwegen Aufgedunsene dieses Syndroms vor den Augen des Lesers zu entfalten usw.
Diese Ausdeutung hatte ich tats├Ąchlich zun├Ąchst auch im Sinn -- bis die Wendung der Story einen neidischen, immer kleineren, fast verschwindenen Protagonisten zeigte, dem mit der Schlusspointe der Befreiungsschlag gelingt:
quote:
Mein satter Schuss, aus kurzer Distanz, hatte den Weg in seine Eier gefunden.
Hier manifestiert der Protagonist eine (wenn auch nicht besonders nobel motivierte, aber gesunde) St├Ąrke, die ihn wieder sichtbar und zum ICH werden l├Ąsst.

Ich halte den Schluss insbesondere deswegen f├╝r gelungen, weil es offen bleibt, wie sich seine Pers├Ânlichkeit entwickeln wird. Wird er den Eier-Schuss bedauern und ein Helfer-Muster adaptieren, oder zieht er die Lehre aus der Erfahrung, und lernt, sich rechtzeitig f├╝r seine Interessen einzusetzten.



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valS
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