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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Die Methode (El Método), Film von Marcelo Pineyro
Eingestellt am 24. 05. 2011 09:45


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Arno Abendschön
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Das ist ein Film nach einem Theaterstück, er ist knapp zwei Stunden lang, dialoglastig und spielt fast nur in einem einzigen Büroraum. Kann das ein spannender Film sein? Und ob!

Unten auf den Straßen von Madrid wird gegen eine Tagung von IWF und Weltbank gewalttätig demonstriert, oben im Konferenzraum eines Hochhauses versammeln sich zur gleichen Zeit fünf Männer und zwei Frauen. Sie sind in die engere Auswahl für einen Chefposten in einem Großkonzern gekommen. Jetzt lässt die Firma sie gegeneinander antreten, und nur einer kann gewinnen. Die Firma kommuniziert bloß indirekt mit den Kandidaten, sie schickt Botschaften auf die Monitore, stellt auf diesem Weg Aufgaben und schaltet den PC desjenigen ab, der gerade ausgeschieden ist.

Als Erstes erfahren die Bewerber, dass einer unter ihnen der Firmenpsychologe ist – sie sollen ihn enttarnen. Die Aufgabe wird nicht gelöst. Leichter tut man sich, einen Versammlungsleiter zu bestimmen – woraufhin die Firma ein von ihm verschwiegenes Detail bekannt gibt. Die anderen sollen entscheiden, ob er bleiben kann – natürlich muss er gehen. Aufgabe folgt auf Aufgabe. Immer geht es darum, eine Schwäche herauszufinden und einen Bewerber zu eliminieren. Es ist Kannibalisierung, bei der sich im Verlauf der Geschickteste und Skrupelloseste herausstellen soll. Taktische Allianzen werden geschmiedet, Mitbewerber ans Messer geliefert. Persönliche Defizite müssen aufgespürt und gnadenlos instrumentalisiert werden, das ist das Gemeinsame aller Aufgaben. Beispielsweise wird angenommen, alle befänden sich während eines Atomkrieges in einem sicheren Bunker, nur dass einer zu viel ist. Welche speziellen Fähigkeiten kann jeder von ihnen anführen, um bleiben zu dürfen? Wer hat den geringsten Wert für die Übrigen und muss daher ausscheiden? Dem Zuschauer wird immer deutlicher, dass in diesem Spiel die schlechteren Karten hat, wer ein bisschen moralisch integrer oder ein wenig menschlicher ist als der Rest …

In der Pause verlagert sich das Geschehen vorübergehend in die Toiletten und Waschräume, mit fatalen Folgen darüber hinaus. Jetzt kommen Emotionen, die Grundbedürfnisse und die nackten Tatsachen ins Spiel. Wer sie am Geschicktesten einsetzt, wird schlussendlich gewinnen … Carlos (Eduardo Noriega, stellvertretend für die insgesamt großartigen Schauspieler genannt) ist hier überraschend einer früheren Beziehung wieder begegnet, und sie sind noch nicht fertig miteinander … Die beiden werden am Schluss von der „Sekretärin“ und dem „Psychologen“ – die nur engagierte Schauspieler sind, die Firma zeigt nie ihr Gesicht – förmlich scharf gemacht für das finale Duell. Unheimlich, wie die beiden ihre durchaus echten Gefühle füreinander einsetzen, um den jeweils anderen auszuschalten. Wer bleibt als Letzter im Konferenzraum zurück – um dann im Lift hinunter erkennen zu müssen, dass der andere doch stärker war, nämlich rücksichtsloser, auch sich selbst gegenüber? Der Sieger schwebt wieder hinauf und ist selbst nur noch eine menschliche Ruine … Und die Verliererin geht eine leere Straße entlang, die übersät ist von den Trümmern der Schlacht zwischen Obrigkeit und Demonstranten.

Faszinierend an Piñeyros Film ist diese Kongruenz von realistischer Filmhandlung und gesellschaftskritischer Allegorie. Vielleicht muss man Argentinier sein, um das Elend des Neoliberalismus so perfekt in Filmkunst verwandeln zu können. Im Making of rühmt Piñeyro an Noriegas Darstellung des Carlos`, er spiele ihn zugleich charmant und schrecklich. Das kann man von „El Método“ insgesamt sagen – es hat seine Goyas 2006 verdientermaßen erhalten.

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