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Die Metropole
Eingestellt am 08. 09. 2007 20:47


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animus
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Die Metropole
Kurzgeschichte zum Thema: Leben in der Gro├čstadt



Morgens energiegeladen, mittags zielstrebig, abends hungrig und durstig, das ist ihr Lebensrhythmus.
Die heutige Hitze zwingt MET regelrecht in die Knie und sie atmet schwer, wie eine ├╝bergewichtige Hure, die Tausenden l├Ąstigen Freiern t├Ąglich ihren K├Ârper anbietet. Ihr schw├╝ler Atem staut sich, trotz der fortgeschrittenen Stunde in ihren Stra├čen – ihr eigentliches Nervensystem - und sie findet kein Schlupfloch, um sich au├čerhalb ihrer Grenzen die n├Âtige Frische zu holen.
Den Vergesslichen, die noch eilend auf ihrer vernarbten Haut rumtrampeln, bringt sie trotz des langen Tages widerwillig Geduld entgegen. Den Anderen, die bereits in Feierabendstimmung leichtf├╝├čig ├╝ber ihre Wege schlendern, schenkt sie ab und zumal eine frische Briese, die sie heimlich dem anf├Ąnglichen Tagesausklang stiehlt.
MET ist wie ein Perpetuum Mobile. Vor dreihundert Jahren ist sie in „Gang“ gesetzt worden und seitdem wacht sie ├╝ber ihr Territorium. Sie ist stolz drauf, nur so tun, als wenn sie nachts schl├Ąft, um morgens wieder p├╝nktlich mit dem Sonnenaufgang f├╝r Alle da zu sein. MET erlaubt sich keine Pause und nimmt auch keinen Urlaub einmal im Jahr, ihr Herz schl├Ągt rund um die Uhr, Tag ein Tag aus, vom Monat zu Monat, Jahr f├╝r Jahr. Niemand kann sich vor ihr verstecken, ohne, dass sie ihn sieht und keiner kann ihr was vormachen, ohne, dass sie die Wahrheit erkennt.
Wie eine Mutter, k├╝mmert sie sich um alles was dazu dient, dass ihre Bewohner versorgt werden, mit allem was sie zu ihrem Leben ben├Âtigen. Sie bietet ihnen Unterkunft, Sicherheit, Unterhaltung, Versorgung und trotzdem mag sie die 1,5 Millionen Bewohner nicht, die bei ihr - manche lebenslang - Unterschlupf suchen. Ununterbrochen muss sie ihre Launen und Wewehchen ertragen, den andauernden Widerspruch zwischen Fr├Âhlichkeit und Trauer kann sie nicht leiden und sie empfindet Ekel beim Anblick der Bosheiten und Perversit├Ąten, die sie jeden Tag miterlebt.

Es gibt Tage, da ist MET eine Ignorantin, ohne jedes Interesse f├╝r die Belange ihrer Bewohner – sie k├╝mmert sich nur um ihr vielschichtiges Leben - und es gibt Tage an denen sie genau hinschaut, was innerhalb ihrer Grenzen geschieht. Am liebsten mag sie die Tage, in denen es etwas ruhiger zugeht und sie sich entspannt umschauen kann, sowie an diesem sp├Ąten Nachmittag, auch wenn der Tag nicht so ruhig verlaufen ist, wie sie es sich w├╝nschte. Von oben herab - nicht nur weil sie aus vielen Hochh├Ąusern besteht, sondern, weil sie ihre Bewohner nicht austehen kann - blickt sie auf die 45. Stra├če runter, wo nicht nur das multikulturelle, sondern auch das sozial vielschichtige Leben intensiv zu sp├╝ren ist. Met sp├╝rt es jeden Tag und sie hat eine gute Nase f├╝r au├čergew├Âhnliche Begegnungen oder Ereignise, wie in diesem Augenblick, als…….

... Angelina das B├╝ro verl├Ą├čt, und sich wie durch den Fleischwolf gedreht f├╝hlt. Der Tag hat ihr zu schaffen gemacht, zuerst mit der unertr├Ąglichen Schw├╝le, die nicht mal die volllaufende Klimaanlage stoppen konnte und dann kam noch die Unertr├Ąglichkeit ihrer verwirrten Patienten hinzu.
Sie wei├č, dass sie drau├čen nichts Neues erleben wird, dass ihre Stimmung, die sie von Tag zu Tag schwerer ertr├Ągt, eine neue Richtung bekommen wird. Und trotzdem treibt es sie auf die Stra├če, die sich mit den verschwitzen, bunten Kleidern der Menschenmenge ziert, ├╝ber die eine unsichtbare Wolke voller Gifte und Staub schwebt, deren Seiten durch ununterbrochene Blechschlangen von parkenden Autos un├╝berwindbar sind und deren Gestank von Essensresten, Hundeschei├če, Kotze, sich in allen Ecken und Gassen mit der schw├╝len Luft vermischen. Hier auf der Stra├če f├╝hlt sie sich aber nicht allein, wie die letzten Jahre in ihrem B├╝ro, zwischen den wei├čen W├Ąnden, Stapeln von verstaubten Akten und den geistig zerst├Ârten Menschen, die sie jeden Tag aufsuchen. Die Stra├če gibt ihr das Gef├╝hl, dass sie doch nicht seelisch tot ist.

Schon zum dritten Mal schlendert sie die 45. Stra├če entlang, schaut gelangweilt in die Schaufenster
- kaufen will sie nichts - sie sucht nur nach Ablenkung von ihrer inneren Unruhe. Dem Rest auf der Stra├če widmet sie kaum Aufmerksamkeit, obwohl sie ihre Sehnsucht nach Unterhaltung, nach neuen Gesichtern und endlich neuen Freunden, den ganzen Tag begleitet. Unentschlossen steht sie vor der Werbetafel eines Reiseb├╝ros und denkt dar├╝ber nach, ob es nicht besser w├Ąre zu verreisen. Mit geschlossenen Augen sieht sie sich irgendwo im S├╝den, wo die Hitze nicht so unertr├Ąglich ist, am Meeresufer, dessen Wellen regelm├Ą├čig in den Sand hinauslaufen und wieder zur├╝ck, als wenn sie Angst h├Ątten vor der Ber├╝hrung mit der Erde.
Als sie die Augen wieder aufmacht verschwinden ihre Wunschbilder vom goldenen Strand, dem blauen Meer und die Realit├Ąt der 45. Stra├če hat sie wieder eingefangen. Im Schaufenster l├Ąuft das Stra├čenleben direkt vor ihren Augen, wie in einem Film ab und der Hauptdarsteller scheint ein junger Mann zu sein, der an einem Abfalleimer steht und in ihm w├╝hlt. Angelina dreht sich um sich davon zu ├╝berzeugen, dass es ihn tats├Ąchlich gibt, diesen Mann.
Sie k├╝mmert sich nie in irgendwelcher Art und Weise um Obdachlose, sie gibt auch nie ihr Geld den Bettlern, die zahlreich auf der Stra├če sitzen, sich absichtlich als Kr├╝ppel darstellen, um Mitleid zu erwecken. Nicht mit mir, sagt sie sich jedesmal Mal und geht an ihnen verachtend vorbei.
Aber heute f├╝hlt sie sich selbst wie ein Bettler, der nicht nach was E├čbarem oder ums Geld bettelt, sondern nach Gesselschaft, Freunden, eben nach einer Unterhaltung mit einem Menschen. Sie empfand in diesem Augenblick keinen Ekel wie sonst, sondern Interesse. Sie fragt sich: ’ Wer ist der Mann, was macht er, wie lebt er? Vielleicht wie ich, nur mit dem Unterschied, dass er nicht in einer Praxis sitzt, sondern den ganzen Tag durch die Stra├čen zieht. Er hat wenigsten st├Ąndig Menschen um sich – normale Menschen – und die M├Âglichkeit sich mit jemanden zu unterhalten.’ Mit dieser Sehnsucht in ihrem Herzen begleitet sie den jungen Mann mit ihrem Blick auf seinem Weg.

Trotz der Hitze tr├Ągt er einen langen verschlissenen Mantel, das Ende seiner Hosenbeine reicht nur bis zu den Waden und die F├╝├če, die schon von weitem als dreckig bezeichnet werden konnten, stecken in alten ausgelatschten Sportschuhen - man kann nur ahnen - dass sie mal wei├č waren Das Leben hat tiefe Falten in sein Gesicht geformt, auf dem Kopf tr├Ągt er eine M├╝tze unter der ein paar Str├Ąhnen seiner langen, fettigen Haare raush├Ąngen. Die H├Ąnde sind vernarbt und voller Blasen, als wenn er sich erst vor kurzem verbrannt h├Ątte und die abgebrochenen, oder abgekauten Fingern├Ągel sind schwarz von Dreck oder vielleicht sogar von einer Krankheit. Obwohl er auf dem R├╝cken einen ├╝berbepackten, alten Rucksack tr├Ągt, geht er aufrecht, mit erhobenem Kopf, als wenn er sagen will, ’schaut her, hier bin ich, nimmt meine Armseligkeit oder die der Metropole endlich zur Kentnnis’.

Angelina schaut dem verwahrlosten jungen Mann mit Neugierde zu, wie er sich vom Abfallbeh├Ąlter zum Abfallbeh├Ąlter durch die Menschenmenge dr├Ąngt, sie durchsucht, tief hineinbeugt, um bis auf den Boden zu kommen. Zweimal schon holte er eine Papiert├╝te raus, schaute sich den Inhalt an und steckte sie dann gleichg├╝ltig in seine Manteltasche.
Sie konnte sich nicht entscheiden, ob sie sein Verhalten verurteilen soll oder nicht. Fand es aber doch absto├čend, die ├Âffentlichen Abfallk├Ârber durchzuw├╝hlen, nach Essen drin zu suchen, um es dann zu essen. Diese Vorstellung ekelt sie an und sie ist schon nah dran, sich abzuwenden um zu gehen, als sie bemerkt, dass sich die Lippen des junges Mannes bewegen. Sie schaut sich um, ob jemand in seiner N├Ąhe steht oder ihn von weitem anspricht, aber da ist niemand. Der junge Mann f├╝hrt ein Selbstgespr├Ąch.
Aus ihrer langj├Ąhrigen Erfahrung diagnostiziert sie „Alter Ego“ und l├Ą├čt den Mann nicht aus den Augen. ’Was ist diesem jungen Mannn in seinem Leben zugesto├čen, dass er hier auf der Stra├če endete. Welches Ereignis, hat ihn in diese Erb├Ąrmlichkeit gebracht, war er selbst dran schuld oder brachten ihn andere Menschen in diese Situation?’, fragte sie sich und dachte ├╝ber sich selbst nach.
’ Was hat mich davor bewahrt, dass ich nicht in solchen Verh├Ąltnisen das Leben verbringen muss. Wie ist es mit meinen Gedanken? Wom├Âglich f├╝hre ich auch Gespr├Ąche mit meinem „Alter Ego“’
Abwesend schaut sie dem jungen Mann zu, die anderen Menschen auf der Stra├če sieht sie nicht. In diesem Augenblick empfand sie, dass sie sich ganz alleine auf der Stra├če befindet. Nur die Ger├Ąuschkulisse der 45. Stra├če und das L├Ąuten der hoch ├╝ber den D├Ąchern schwingenden Kirchenglocken nimmt sie wahr.
F├╝nfundf├╝nfzig Jahre ist sie alt geworden, praktiziert schon seit drei├čig Jahren in ihrer eigenen Praxis als Psychoanalytikerin. Drei├čig Jahre lang arbeitet und wohnt sie im gleichen Haus, wohin sie damals als 25-ig j├Ąhrige, direkt nach ihrem Studium, einzog. Nur ein einziges Mal hat sie dran gedacht umzuziehen, als vor 10 Jahren ihr Mann gestorben sei. Damals dachte sie, dass die Erinnerungen an das erf├╝llte Leben mit ihm schneller verblassen werden, wenn sie die vertraute Umgebung verl├Ą├čt, aber dann verwarf sie diesen Gedanken doch und blieb mit ihren Erinnerungen in der 45. Stra├če.
Sie denkt an eine ihrer Patientinen, die alle drei Monate umziehen muss, weil sie es nicht l├Ąnger in einer Wohnung aushalten kann. Diese Frau hat alles, was einen Umzug umst├Ąndlich machen w├╝rde abgeschafft. Sie hat alles verkauft oder verschenkt und lebt ausschlie├člich aus dem Koffer, besser gesagt aus zwanzig Bananenkartons, die gerade noch in ihr Auto passen. Diese Patientin ist schon seit zwei Jahren bei ihr in Behandlung. Jedesmal, wenn ein erneuter Umzug ansteht, ist sie felsenfester ├ťberzeugung ihre Manie besiegt zu haben, aber dann wird sie doch von ihrer Manie besiegt und ihr Wagen steht innerhalb kurzer Zeit mit ihren Kartons vollgepackt, fahrbereit

Angelina hat - bis auf das Einmal - nie den Wunsch gehabt, ihre Wohnung, in der sie seit 30 Jahren lebt, f├╝r immer zu verlassen. Sie kann aber auch nicht behaupten, dass sie seit zehn Jahren, Abend f├╝r Abend mit leichtem Herzen ihre Wohnung betritt. Jeden Abend ├Âffnet sie lustlos und niedergeschlagen die schwere Eichent├╝r, mit der Angst im Nacken, wenn sie die T├╝r hinter sich schlie├čt, wieder den Abend davor erlebt. Jeden Abend die gleiche Zeremonie: Ausgiebig duschen – den geistigen Dreck des Tages absp├╝len – essen, Fernsehen, paar Seiten lesen und dann, sehr sp├Ąt, in das leere, gro├če Bett steigen.

Oft kann sie nicht schlafen – sie kann sich nicht mehr erinnern, wann sie die Nacht durchgeschlafen
hat - und horcht in die Gro├čstadtkulisse mit dem Versuch, sie durchzudringen, etwas herauszuh├Âren was ihre schlaflose Nacht unterbrechen w├╝rde, etwas was sie aus diesem Wachtrauma holen w├╝rde. Aber nichts geschieht, sie f├╝hlt sich in den N├Ąchten isoliert vom Leben und sie wei├č, dass sie auch am kommenden Tag in Isolation leben werde, trotz der vielen Menschen in der Praxis und der Zeit auf der Stra├če, die sie meist alleine verbrachte, so wie in diesem Augenblick, indem sie den jungen Mann auf seinem Weg vom Abfallkorb zum Abfallkorb, begleitet. Es war nun der Dritte, den er durchst├Âbert, keine f├╝nf Meter von ihr entfernt, einen Korb, der von Abf├Ąllen ├╝berquilt. Der junge Mann l├Ąsst sich aber dadurch nicht abschrecken, sondern w├╝hlt in ihm wie in den anderen, tief bis auf den Boden. Angelina dreht sich zur Seite, denn sie will nicht, dass er merkt, beobachtet zu werden.
Angelina fragt sich, wo der Unterschied zwischen ihr, ihrer Patientin und dem verwahrlosten jungen Mann ist. Sie hat Angst in ihrer Wohnung, ihre Patientin kann es in ihrer Wohnung nicht l├Ąnger als drei Monate aushalten und der junger Mann, der vor ihren Augen in seinem angeregten Selbstgespr├Ąch den Abfall durchsucht, besitzt wahrscheinlich gar keine Wohnung.

Ihre Ferndiagnose ging ihr nochmals durch den Kopf und sie ├╝berlegte, was oder wie ist der junge Mann in seinen zwei Pers├Ânlichkeiten. Ist das B├Âse und das Gute in ihm, oder der Mutige und der Feige vereint? Gerne h├Ątte sie diese Antwort gehabt. Es ist nicht die Psychoanalytikerin, die es wissen will, sondern die Frau. Ihre Versuchung, an den jungen Mann n├Ąher zu tretten, ist f├╝r sie sehr gro├č, aber sie traut sich nicht. Im sicheren Abstand beobachtet sie ganz genau seine Lippenbewegungen und mit dieser Hilfe versucht sie, von seinem Dialog mit „Alter Ego“ etwas zu verstehen.

Der junge Mann - der Thomas - mag es, sp├Ąt Nachmittags durch die Stra├čen zu ziehen, wenn die Stadt mit ihren Kreaturen nicht mehr so hetzt, sondern vergn├╝glicher und entspannter ist und vorallem hungrig und durstig. Im Ausklang des Tages findet er ausreichend Essensreste in den Abfallk├Ârben der 45. Stra├če.
Er widmet keinem auf der Strasse seine Aufmerksamkeit und es k├╝mmert ihn nicht, ob er die Aufmerksamkeit auf sich zieht, wenn er die Abfalk├Ârbe durchw├╝hlt. Seine heutige Suche ist nicht nach seiner Vorstellung, denn es herrscht den ganzen Tag eine unertr├Ągliche Hizte, in der alles schmilzt auch in den Abfallk├Ârben, wodurch vieles nicht mehr genie├čbar ist. Seine verletzten H├Ąnde sind voll mit Eisresten und verschiedenen So├čen. Er ist heute unzufrieden und recht erg├Ąrlich auf den heutigen Tag. Was ihm noch stre├čiger erscheint, ist die l├Ąnger andauernde Auseinandersetzung mit seinem Begleiter. Sie k├Ânnen sich nicht einig werden, wo sie heute die Nacht verbringen.
’ Heute schlafen wir unter der kleinen Br├╝cke am Ende der 45. Stra├če, wie gestern.’ sagt Thomas.
’ Nein, du kannst mich.., da ist es dunkel, zuviele Ratten und au├čerdem zu laut. Kommt nicht in Frage’ h├Ârt Thomas neben sich.
’ Mach was du willst, ich schlafe auf jedenfall unter der kleinen Br├╝cke.’
’ Das werden wir noch sehen, wo wir heute schlafen. Du kannst pennen wo du willst. Vergiss nicht, ich kann auch anders, als nur mit dir diskutieren.’

Thomas wirbelte zweimal mit dem Arm durch die Luft und schaut mit einem verunsichertem Blick in Richtung seiner Armbewegung. Leicht geb├╝ckt, wartet er zeitlang ab, ob das ├╝bliche R├╝ckschlagen seines Begleiters kommt, und als weder Antwort noch ein Schlag kommt, zeigt er sich ├╝berrascht.

’Einmal muss ich endlich auch hinhauen.’ denkt er sich und ein kurzes Schmunzeln erscheint in seinem Gesicht, das aber gleich wieder verschwindet.
Am liebsten h├Ątte er ihm gesagt, er soll endg├╝ltig verschwinden, aber den Mut zur dieser Entscheidung hat er noch nicht. Mit wem k├Ânnte er sich dann den ganzen Tag unterhalten, wie w├╝rde er sein m├╝hsames Leben ├╝berstehen. Alleine kann er nicht leben.
’ Ich warte. ├ťberlege es dir gut, wo wir heute schlafen, sonst …’ pl├Âtzlich ist er wieder da.
Thomas dreht sich zur Seite und schaut b├Âse den Unsichtbaren an.
Ohne ein Wort zu sagen, presst er die Lippen zusammen, und runzelt stark seine Stirn, als Zeichen, dass er nun wirklich genug von dieser Diskusion hat. Ver├Ąrgert l├Ą├čt er von dem Abfallkorb ab und blickt sich um, als wenn er sagen will: ’Leute helft mir, befreit mich von diesem Phantom.’ So wie er da stand, in voller Gr├Â├če, sah er sich pl├Âtzlich im Glas eines Schaufensters.
’ Schei├če siehst du heute aus. Langsam solltest du dir was einfallen lassen, denn so kann es nicht weiter gehen. Schau dich an, wie du aussiehst, und vorallem was du hier machst. Du bist ein Penner geworden, nur weil du nicht den Mumm hast, gegen dich selbst anzutretten.’ sprach Thomas mit seinem Spiegelbild und strich dabei mit den H├Ąnden mehrmals seinen Mantel glatt, als wenn er sich in diesem Augenblick f├╝r sein Aussehen sch├Ąmen w├╝rde.
’ Das ist es, du hast keinen Mumm gegen dich selbst anzutretten. Du bist nicht nur materiell, sondern auch geistig ein Penner geworden. Eigentlich sollte dich „Alter Ego“ verpr├╝geln, damit du endlich in Bewegung kommst.’ W├Ąhrend Thomas mit sich spricht, dreht er sich ein paar Mal um die eigene Achse und sucht nach einer Telefonzelle.
Sehr oft hat er schon vor einer gestanden und mit dem Gedanken gespielt endlich anzurufen. Vielleicht h├Ątte er es schon l├Ąngst getan, wenn nicht sein Begleiter immer wieder dagegen rebellierte. Er war entschieden dagegen – oft haben sie dr├╝ber gestritten – und jedesmal wenn er kurz davor stand, zog ihn „Alter Ego“ zur├╝ck und er hatte nicht die Kraft, sich ihm zu widersetzten.
Aber jetzt, beim Anblick seines Spiegelbildes sieht er nur sich und f├╝hlt sich alleine f├╝r sich verantwortlich. Heute besitzt er den Mut es zu tun, er muss es wenigsten versuchen, um nicht tiefer abzurutschen. Hier steht er und ein paar Meter weiter sein echtes Spiegelbild, kein Begleiter steht neben ihm, der ihm was zu sagen hat.
Thomas findet eine, sie ist keine f├╝nfzig Meter von ihm entfernt und im Augenblick sogar frei. Es dauert eine Weile, bis er sich durch die Menschenmenge durchzw├Ąngt und endlich vor dem kleinen H├Ąushen steht. Er gibt sich keine Zeit zum ├ťberlegen – rein oder nicht rein – ihm ist klar, jetzt oder nie. Thomas st├Â├čt die T├╝r auf, nimmt das Telefonverzeichnis in seine kaputte H├Ąnde und sucht eine bestimmte Seite, die er dann, ohne zu z├Âgern rausrei├čt. Egentlich wollte er anrufen und nicht eine Seite aus dem Buch mitnehmen, aber er ist trotzdem mit sich zufrieden, weil er wenigsten diesen Schritt getan hat und den n├Ąchsten wird er auch sobald wie m├Âglich tun. Noch aufgeregt von seinem Erlebnis, eilt er zu der Stelle von wo er die Telefonzelle entdeckte und stellt sich wieder vor das Schaufenster.

’ Du hast es endlich getan und den Rest wirst du auch tun, sonst gr├Ąbst du jetzt schon dein eigenes Grab’, haucht er hastig seinem Spiegelbild zu und ging. Er beachtet kein Abfallkorb mehr – war sowieso nichts vern├╝nftiges drin, die Sonne war diesmal dran Schuld – sondern ging die 45. Stra├če entlang, wie jeder anderer mit einer zufriedenen Miene und einem St├╝ck Papier in seiner Tasche, das er ganz fest in seinen Finger h├Ąlt. Ab und zumal dreht er sich um und h├Ąlt Ausschau nach ihm.
Die Frau, die neben dem Schaufenster stand, bemerkt er gar nicht und er hat keine Ahnung davon, dass diese Frau jeden ihrer Schritte, seine und die seines Begleiters, genau verfolgt.

Angelina sah dem jungen gespaltenen Mann hinterher, bis er von der Menschenmenge verschluckt wurde, wie ein einzelner Schwimmer im Ozean. Sie hatte genau gesehen, was er in der letzten halben Stunde geschafft hat und sie bemerkte auch seine Wandlung – vom einem nerv├Âsen, ├Ąngstlichen Obdachlosen zu einem, in die Zukunft blickenden jungen Mann. Ihr ist es ein R├Ątsel, wo dieser Mann auf einmal den Mut hernahm. Sie ist neugirig und nun durch den jungen Mann couragiert, das R├Ątsel zu l├Âsen.
Mit dem Blick zur Telefonzelle, l├Âste sie sich von dem Schaufenster und dr├Ąngt sich durch die Menschenmenge. Sie wird immer schneller und r├╝cksichtsloser gegen├╝ber den anderen Menschen, haupts├Ąchlich sie kommt so schnell wie m├Âglich zu diesem Telefonh├Ąuschen.
Angelina zieht die T├╝r der Telefonzelle auf und nimmt sich das dicke Buch vor. Seite f├╝r Seite bl├Ąttert sie hastig durch, bis sie die fehlende, halb abgerissene Seite findet.
’Warum war diese Seite f├╝r den jungen Mann so interessant, dass er sie ohne lange zu ├╝berlegen herausriss?’, geht ihr durch den Kopf, w├Ąhrend sie durch die verschmierte Glasscheibe Ausschau nach dem jungen Macht h├Ąlt. Er war nirgendwo zu sehen. Sie rei├čt den Rest der Seite raus, schreibt schnell die Zahl der nachfolgenden Seite drauf, steckt es in ihre Tasche und zw├Ąngt sich durch die halbge├Âffnete T├╝r wieder auf die Stra├če.
├ťber die 45. Stra├če hin und her zu laufen, erschien ihr nun sinnlos, sie wollte nur nach Hause. Ihr kam es vor, als wenn sie die Einzige w├Ąre, die in diese Richtung geht. Alle kommen ihr entgegen, rempeln sie an, denken nicht dran auszuweichen. Sie schwimmt gegen den Strom. Genervt wirkt sie, l├Ąuft immer schneller, und es wird ihr immer enger. Ihr einziger Gedanke ist, ’weg hier, so schnell wie m├Âglich weg’
Zehn Minuten hat es gedauert - ihr kam es wie eine Ewigkeit – bis sie vor ihrer Wohnungst├╝r stand. Ungeduldig sucht sie ihre Taschen nach dem Schl├╝ssel ab. Als sie h├Ârt wie die schwere T├╝r mit L├Ąrm ins Schlo├č f├Ąllt, sitzt sie bereits mit geschlossenen Augen ganz ausgestreckt in ihrem weichen Sessel und horcht ihrem schnellen Atem. Sie f├╝hlt sich heute sehr ersch├Âpft, obwohl sie nichts anderes getan hat, wie jeden anderen Tag. Fast eine Stunde vergeht, bis sie sich wieder aufrafft. Es ist schon dunkel, der L├Ąrm von der Stra├če wird weniger. Sie steht lange unter dem warmen Wasserstrahl der Dusche und genie├čt das erfrischende Gef├╝hl, sich sauber zu f├╝hlen. Die ganze Zeit denkt sie an den verwahrlosten jungen Mann und sein Gespr├Ąch mit sich selbst.
’ Das ist es, du hast keinen Mumm gegen dich selbst anzutretten. Du bist nicht nur materiell sondern auch geistig ein Penner geworden. Eigentlich sollte dich dein Begleiter verpr├╝geln, damit du endlich in Bewegung kommst.’
Diese zwei S├Ątzte hat sie sich eingepr├Ągt. Sie gefallen ihr und sie findet es gar nicht unpassend, wenn sie die gleiche Aussage f├╝r sich macht. ’Wo ist der Unterschied zwischen dem jungen Mann und ihr? Abgesehen vom Job und der Wohnung ist sie genauso arm dran wie er.’
Sie kennt die Br├╝cke am Ende der Stra├če, die ├╝ber die Schnellstra├če f├╝hrt und an ihren beiden Ausl├Ąufen dicht mit verschiedenen Str├Ąuchern zugewachsen ist
’Bestimmt ein ideales Versteck f├╝r einen Obdachlosen, der unbeobachtet drau├čen die Nacht verbringen muss’, denkt sie noch mit dem Handtuch in der Hand und schaut dabei in den Spiegel. Etwas ist heute anders an ihr, oder sie f├╝hlt sich anders, als sonst. Heute ist sie nicht so deprimiert.
Angelina versp├╝rt sogar einen richtigen Hunger, wie schon lange nicht mehr, und freut sich auf ihr Bett, vor dem sie sonst Angst gehabt hat, obwohl es direkt am gro├čen Fenster steht und ihr einen sch├Ânen, weiten Ausblick auf die 45. Stra├če gew├Ąhrt, bis zu der kleinen Br├╝cke.
Angelina k├╝mmert sich heute nicht um den Haushalt oder Fernseher. Sie nimmt aus der Gefrierbox eine Packung „Spaghetti bolognese“. Nein, sie nimmt eine zweite Packung heraus und stellt beide in die Mikrowelle. Schnell schl├╝pft sie in ihr bequemes Hauskleid, macht eine Flasche Rotwein auf und deckt den Tisch, als wenn sie einen Besuch erwarten w├╝rde.
Schnell l├Ąuft sie durch die Diele, im Lauf packt sie ihre Bluse und bleibt erst vor ihrem Schreibtisch stehen. Das Telefonverzeichnis liegt oben drauf. Zuerst holt sie den kleinen Zettel auf dem sie die Nummer der Seite notierte, die rausgerissen wurde. Ungeduldig bl├Ąttert sie bis zu der Seite, die auf ihrem Zettel stand. Es ist eine Seite mit zwei Werbeanzeigen. Mit der ersten kann sie im Zusammenhang mit dem jungen Mann nichts anfangen. Bei der zweiten wird sie nachdenklich. Es steht nicht viel auf der halben Seite. Eine Telefonnummer, sehr gro├č gesetzt und dann ein paar Hinweise, f├╝r ihr Empfinden unemotional ausgedr├╝ckt, was die angebotene Hilfeleistung betrifft. Sie l├Ą├čt das Buch aufgeschlagen auf dem Tisch liegen und holt in der K├╝che die Spaghetti – es piepst schon seit einiger Zeit in der K├╝che – die Mikrowelle. Dass sie es sich eigentlich festlich machen wollte, vergas sie v├Âllig, sie nimmt die beiden Folienbecher, stellt sie auf ein Tablett und tr├Ągt alles ins Wohnzimmer. In Eile i├čt sie die hei├čen Spaghetti, und l├Ą├čt die Anzeige nicht aus den Augen, die Rufnummer war leicht sich zu merken, sie kannte sie bereits auswendig und der Text hatte sie auch mehr als einmal durchgelesen. Angelina wusste, dass es keinen gro├čen Sinn hatte, dar├╝ber nachzudenken, wer diese Seite in der Telefonzelle ausgerissen hat, sie besch├Ąftigte vielmehr der Gedanke wer hatte genauso ein Interesse an dieser Telefonnummer wie sie. Wer war ihr emotional so nah, ohne dass sie und der andere voneiander wussten? Sie hatte einen starken Wunsch diesen Menschen kennen zu lernen. Noch lange sa├č sie da in der Dunkelheit, vor zwei leeren Folienschalen und lie├č alle m├Âglichen Gedanken ihren freien Lauf, bis sie sich erhob, das Glas nahm und zum Schlafzimmer ging. Entspannt macht sie das gro├če Fenster auf und legt sich in das gro├če Bett, das das letzte ist in dieser Wohnung, was sie an ihren Mann erinnert. In dieser Nacht k├Ąmpft sie nicht, um endlich in den Schlaf zu finden, wie in ihren sonstigen N├Ąchten, die sie alleine in den letzten Jahren verbrachte, sondern sie liegt ruhig da, spielt gedanklich mit den Zahlen der Telefonnummer und schaut aus dem gro├čen Fenster . Sie kann aus ihren Schlafzimmer die letzten paar hundert Meter der 45. Stra├če ├╝berblicken, bis an ihr Ende. Im Dunkel sieht sie die Br├╝cke nicht, aber sie wei├č, dass sie da steht und ein paar Meter weiter eine Telefonzelle, die sie nur als einen kleinen Lichtfleck sehen kann.
Es ist eine ruhige Nacht, so wie sie schon seit langer Zeit nicht erlebt hat. Ohne Wehmut erinnerte sie sich an die vergangene Jahre und mit einem leichten L├Ącheln vom Erlebnis zu Erlebnis kehrte sie wieder in Gegenwart zur├╝ck.
Das erste Morgenlicht, das noch keine Sonnenstrahlen mit sich tr├Ągt, schleicht langsam ├╝ber die Fensterbank bis an ihr Bett. Angelina begr├╝├čt es, wie einen treuen Freund, streichelt ├╝ber ihre Bettdecke und greift zu ihrem Glas, das immer noch voller Einsamkeit ist, aber sie wei├č, an diesem fr├╝hen Morgen wird sich alles ├Ąndern.

Zusammengerollt liegt der Thomas unter der kleinen Br├╝cke, der Boden ist noch von der Tageshitze warm, aber „Alter Ego“ hat recht gehabt, es war laut, dunkel und es stank f├╝rchterlich. Trotzdem st├Ârte es ihm nicht, denn er hatte einen Grund, warum er hier ├╝bernachten wollte.
’Jetzt lass mich endlich in Ruhe, ich muss nachdenken“, wirft er die W├Ârter ├╝ber seine Schulter, denn von hinten h├Ârt er, wie der Andere gegen das heutige Nachtlager rebelliert.
’Ja, du hast recht, ich denke ├╝ber das Licht, da am Ende der Strasse. Hast du was dagegen, dass ich mir ├╝ber unsere Zukunft Gedanken mache?’ kommt ihm Thomas zuvor
’Unsere!? Du denkst nur an dich, du Egoist’ h├Ârt er im Hintergrund.
’Ja, unsere, kapiere es endlich! Ich m├Âchte endlich ein ruhigeres Leben f├╝hren, so wie alle anderen. Ich m├Âchte arbeiten, ein zu Hause haben, ein Bett und einen vollen K├╝hlschrank.’
An dieser Stelle verstummt Thomas wartend auf die Antwort.
’Vielleicht noch mehr und ich werde daf├╝r alles m├Âgliche tun, ab heute. Warum geht das nicht in deinen Dicksch├Ądel.’ spricht Thomas weiter als er keine Antwort bekommt.
Langsam ist es ihm zu viel, dass ihn „Alter Ego“ nicht verstehen will und ahnt schon, dass er wieder anf├Ąngt ihn anzuschreien. Thomas gibt ihm keine Gelegenheit dazu und redet weiter.
’Lass es, bitte! Ich will jetzt mit dir nicht streiten. Warum k├Ânnen wir nicht wie normale Menschen leben? Hm, warum nicht? Das habe ich mir gedacht, darauf hast du keine Antwort. Ich werde es dir sagen warum. Weil du dumm und b├Âse bist und ├╝berhaupt nicht an die Zukunft denkst. Du meinst, so kann es immer weiter gehen. Nein, mein Lieber, nicht mit mir. Lass mich in Ruhe, ich will schlafen’
Thomas dreht sich um, legt sich auf den Bauch, seinen Kopf auf die H├Ąnde und schaut auf die gegen├╝berliegende Stra├čenseite. Sie steht nicht weit weg, und er konnte trotzt der Dunkelheit ihre Umrisse erkennen. Still steht sie da, ihre Scheiben wurden von irgendwelchen Dummk├Âpfen mit obsz├Ânen Bildern zugeschmiert. Die rote Telefonzelle.
Thomas greift in seine Manteltasche und holt das ausgerissene Blatt raus. Es ist zerkn├╝llt, er streicht paar Mal dr├╝ber, h├Ąlt es gegen das schwache Licht der Stra├čenlaterne und liest die Telefonnummer mehrmals laut nach, bis er der Meinung ist, dass er sie nicht mehr vergessen wird. Beruhigt steckt er die Hand mit dem St├╝ck Papier f├╝r die n├Ąchsten Stunden in seine Tasche.
Seine heutige Aufregung war go├č, aber er f├╝hlt sich trotzdem nicht so m├╝de wie sonst, um jetzt einfach einzuschlafen. Viele Stunden liegt er so da, in denen er sich seine kleine W├╝nsche f├╝r die Zukunft ausmalt und dr├╝ber nachdenkt wie sie auch in Erf├╝llung gehen. Erst das flache Sonnenlicht hat ihn wieder in die Gegenwart zur├╝ckgeholt, aber er empfand sie nicht frustierend, wie sonst, sondern freute sich auf die kommende Zeit und ist voller Zuversicht.
Thomas sieht wieder eine Perspektive f├╝r seine Zukunft

Das Haus in der 58. Stra├če sieht schon in der Dunkelheit sch├Ąbig aus. Das fr├╝he Morgenlicht holt noch mehr von seiner Sch├Ąbigkeit heraus und als das Morgengrau verschwindet, sieht man, dass es kaum den Namen „ein Haus“ verdient, sondern die Bezeichnung einer „Ruine“. Eine Seite ist mit dicken Stahltr├Ągern abgest├╝tzt, die Front beschmiert mit einem ungew├Âhnlichen Farbspektrum, dass es kaum m├Âglich ist, den Eingang zu erkennen. Auf den ersten Blick hat man den Eindruck, es sei gar nicht bewohnt, aber aus dem Fenster der zweiten Etage ert├Ânen die Kl├Ąnge eines Klaviers.

Ein alter Mann sitzt da oben, tief versunken in seinem verschlissenen Stuhl. Die Augen hat er geschlossen, sein Brustkorb bewegt sich im Rhytmus seines regelm├Ą├čigen Atems und man hat den Eindruck, dass er schl├Ąft, wenn nicht seine Finger auf der aufgerissenen Armlehne im Takt des Klavierst├╝ckes trommeln w├╝rden. So geht das schon die ganze Nacht. Kein Ge├Ąusch au├čer des Klaviers, keine Bewegung in dem d├╝rftig eingerichtetem B├╝ro der Telefonseelsorge, au├čer dem trommeln seiner Finger.

Erst als die ersten Sonnenstrahlen durch das ge├Âffnete Fenster die Holzdielen in Streifen schneiden, wird es im Zimmer lebendig. Eine Systemmeldung schaltet den Monitor von „Standby“ auf „Betrieb“ und meldet in einer schwarz unterlegten Zeile in wei├čer Schrift: „Leitung Nr. 3, Standort des ankommenden Anrufers: 45. Stra├če, Telefonzelle Nr. 12.“
Der alte Mann richtet sich zuerst in seinem Stuhl auf, und erst dann h├Ąlt er es f├╝r notwendig, die Augen aufzumachen. W├Ąhrend er anf├Ąngt sich mit den ersten Buchstaben der Meldung auseinander zu setzen, erscheint die zweite Meldung auf dem Monitor: „Leitung Nr. 5, Standort des ankommenden Anrufers: 45. Stra├če, Appartementhaus Nr. 23.“
Die Klavierkl├Ąnge verstummen, der alte Mann h├Ąlt die Luft an, es herrscht eine totale stille im Raum, bis die Lunge des alten Mannes wieder einsetzt. Ein tiefer Seufzer dringt aus seiner Brust, w├Ąhrend er nach vorne greift und f├╝r die beiden belegten Leitungen die Freisprechanlage einschaltet. Niemand wei├č bis heute, ob es ein Versehen gewesen war, denn aus dem Lautsprecher melden sich fast gleichzeitig zwei Stimmen:
„Ich bin die Angelina ......“
„Ich bin, nein, ich war der Thomas ....“

Die MET atmet auf und schmunzelt ungeniert ├╝ber das n├Ąchtliche Schauspiel, dass ihr von ihren Bewohner wieder geboten wurde. Auch sie ├Âffnet die Augen mit den ersten Sonnenstrahlen, die sich langsam aber eindringlich in alle ihre Stra├čen hineinzwingen. Wieder hat sie eine Nacht hinter sich gebracht, in der sie nicht schlief …denn sie schl├Ąft nie.

[┬ęanimus]


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Die alten Tr├Ąume waren gute Tr├Ąume.
Sie gingen nicht in Erf├╝llung, aber
ich bin froh sie gehabt zu haben.

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Rumpelsstilzchen
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Prinzipiell ein h├╝bscher Gedanke, die Geschichte von der Stadtpers├Ânlichkeit umarmen zu lassen. Nur ist das Stadtwesen im ersten Teil ├╝bergewichtig, damit liegt die ganze Geschichte schief im Wasser.
Im ├╝brigen gilt das N├Ąmliche, wie f├╝r Deinen Nachtdienst:
Gib uns die Ehre: MEHR SORGFALT gew├Ąhre!
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Ich glaube
an das Gesetz
der kritischen Masse

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