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Leselupe.de > Humor und Satire
Die Mistgabel
Eingestellt am 06. 07. 2004 13:31


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Hansstorm
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jul 2004

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Auf einer Autobahn schlingert um ein Uhr nachts an einem Mittwoch ein gelber VW zwischen der 2. und 3. Spur hin und her. Der Inhaber ist tot. Der Fahrer hat ihn mit einer Mistgabel ermordet, sowohl ihre Stich- als auch ihre Hiebkraft dabei eingesetzt habend. Die Mistgabel, deren Blutflecken der Fahrer mit seinem orange-wei├č karierten Stofftaschentuch abgewischt hat, liegt behaglich auf dem R├╝cksitz; sie sticht L├Âcher in den beigen Lederbezug des Polsters.
Ein Motorradfahrer ├╝berholt, ansonsten wird die n├Ąchtliche Ruhe des Waldes von nichts gest├Ârt als dem Klappern der losen Radkappe am linken hinteren Reifens des gelben VWs.
Der Fahrer ist n├╝chtern, Bartstoppeln ├╝bers├Ąhen seine greisen Wangen, die die hervorstehenden Knochen des mageren Gesichts ├╝berspannen. Die sch├Ąbige Kleidung h├Ąngt in Fetzen an dem skelettartigen Alten, der das Gaspedal nun bis zum Anschlag herunterdr├╝ckt. Noch 200km bis nach Cuxhaven!

Wachtmeister Engelbert schl├Ągt seine Kapuze ├╝ber seinen massigen Sch├Ądel, um den Bindfadenregen von seiner Designerfrisur fernzuhalten. Mord! Behende schwingt er drei Zentner Lebendgewicht vor das Steuer seines hellroten Saabs und versucht vergeblich, das Vehikel zu starten. Erst beim dritten Versuch lebt der einst ├╝berdachte Wagen knatternd auf. Mord! Hechelnd und heulend schlittert der Saab auf den mit Kies aufgesch├╝tteten Parkplatz des Schlosses Rosenholz. In der frischen Nachtluft, die leicht nach Muskatnuss duftet, atmet Wachtmeister Engelbert befreit auf. Mord! Bem├╝ht, w├Ąhrend des Sprints mit seinen keulenf├Ârmigen Unteramen das Gleichgewicht auf den mit Laub verdeckten, glitschigen Kopfsteinen zu halten, die den Weg zum Haupttor pflastern, muss der brave H├╝ter des Rechts entt├Ąuscht erkennen, dass er wieder nicht der erste am Tatort ist.
├ťber die Zugbr├╝cke, die Wendeltreppe hinan, rei├čt er die T├╝r zu Kemenate auf! Zu sp├Ąt. . .

Es ist ein junges Reh, das am Spoiler des verlassenen gelben Autos seine Nase reibt, als suche es Trost. Es ist ein junges Reh, und sollte eigentlich schlummern; Abwasser einer nahe gelegenen Chemiefabrik enthielten aber Koffein, das nun das Ruhebed├╝rfnis aus den Adern des Bambi-├Ąhnlichen Kitz treibt.
Das gelbe Wrack scheint verlassen zu sein, auch der R├╝cksitz ist leer. Das fahle, r├Âtliche Licht der Mondsichel, die, von treibenden Wolkenfetzen verdeckt, nur ab und an zu sehen w├Ąre, l├Ąsst die schartige Klinge der Waffe aufblitzen. Erst jetzt bemerkt das Reh den Schatten der Mistgabel, die, in der Luft schwirrend, auf es zugeschossen kommt.
In Bruchteilen von Sekunden sieht es sein bisheriges, beh├╝tetes Leben vor seinem inneren Auge ablaufen. . .

Zu sp├Ąt! Wieder ist der d├╝rre Kommissar Gabelbrecht ihm zuvorgekommen und heimst nun Lob beim Vorgesetzten Stuchelding, dem Revieroberst, ein! Vor ├ärger ├╝ber sein Versagen sch├╝ttelt Engelbert seine Unterarme und greift sich hilflos an die d├╝rre, pergamentartige Nase, die aus seinem Gesicht hervorspringt wie ein Fahnenmast aus einem Regierungsgeb├Ąude.
Die Gerichtsmediziner haben gute Arbeit geleistet, die Tatwaffe wurde nach filigranen Untersuchung identifiziert: Es kann sich nur um die Mistgabel des greisen Stallknechts handeln, ein Familienerbst├╝ck, das der Vater an seinen Sohn weitergab.
Sie durchdrang den Grafen von vorn und von hinten; in seinem gebl├╝mten Morgenrock bietet der alte, liebensw├╝rdige Herr, dessen engelsgleiches Antlitz von wilden Kn├Ąueln wei├čen Haars umgeben ist, das sich nun wie die Borsten eines Pinsels langsam r├Âtet, einen beklagenswerten Anblick. Die Zeitung entfiel seinen im Todeskrampf erstarrten H├Ąnden und breitete sich auf dem glatten Marmorboden aus.
Der Kommissar ist mit Stuchelding in einem heftigen Disput ├╝ber m├Âgliche Motive des T├Ąters verkeilt, als Engelbert, mit seinen Extremit├Ąten rudernd, zu ihnen st├Â├čt. Ein h├Âhnisches L├Ącheln umspielt die bleistiftd├╝nnen Lippen Gabelbrechts, als er die Missbilligung des Revieroberst bemerkt, mit der jener die Versp├Ątung des Wachtmeisters quittiert, der sich nerv├Âs ├╝ber sein wohlfrisiertes Haar streicht.
Der Tatort ist l├Ąngst unter die Lupe genommen worden, auch am T├Ąter besteht kein Zweifel: Der Stallknecht, der letzte seiner Sippe, verschwand in der st├╝rmischen Nacht des Mordes, die Mistgabel mit sich f├╝hrend.

Ausgiebig stillt der Alte seinen Hunger. Nie hatte es auf Schloss Rosenholz solches Fleisch gegeben! Doch nun auf! Noch 200km bis nach Cuxhaven. Der vom Alter gebeugte Mann reinigt seine fettigen Finger mit dem orange-wei├č kartierten Taschentuch, um Fingerabdr├╝cke am Lenkrad weniger auff├Ąllig zu machen. Scheppernd setzt sich der VW nach Norden in Bewegung. Er hinterl├Ąsst nur das abgenagte Reh und eine ru├čige Radkappe, deren Befestigung am linken hinteren Reifen der neuerlichen Belastung der Beschleunigung nicht standgehalten hat.

Im Sturmschritt verlassen die drei Beamten den Ort des abscheulichen Mordes. Drei Motoren heulen spuckend auf, als drei Dienstwagen, einer von ihnen ein hellroter Saab, der beim vorletzten Einsatz sein Verdeck verlor, den Kies der Auffahrt des Schlosses Rosenholz aufwirbeln, um sich zu der Stadt zu begeben, die der Schl├╝ssel zur Aufl├Âsung des Falls sein soll: Cuxhaven.

Das Ger├Ąusch von rostigem Stacheldraht auf einem Reibeisen durchdringt den Vorraum der Aral-Tankstelle, als der Alte mit Spinnenfingern ├╝ber sein Kinn streicht. Der Mistgabel schartige Klinge klopft so ungeduldig auf den PVC-Boden, dass sich der von Blut und den Jahren fleckige Stiel der Waffe, aus Eibe gefertigt, durchbiegt. W├Ąhrend der Tankwart mit zusammengeklappter Bild-Zeitung brummend auf das aseptisch wei├če Ziffernblatt der gro├čen Analoguhr weist und seinen ├ärger ├╝ber einen Kunden um zwei Uhr morgens durch leises Schimpfen bei zusammengebissenen Z├Ąhne zu bes├Ąnftigen sucht, z├╝ckt der in Lumpen gekleidete Landstreicher seine B├Ârse ? er sieht jedenfalls wie ein Landstreicher aus, so abgerissen ist er. . . scheint sich auf einen Stock oder so etwas zu st├╝tzten ? wie soll man das bei diesem fahlen Mondlicht blo├č erkennen ? die gr├╝nen Neonlampen sind ausgeschaltet, schlie├člich wollte ich schlafen. Da blitzt
doch etwas auf. . . oder sind das metallene ├ľsen an den Schn├╝rsenkell├Âchern seiner
Schuhe? ? wozu braucht ein Landstreicher Benzin?

Jaulend w├╝rgt Wachtmeister Engelbert den Motor des Vehikels ab. . . vor einer Araltankstelle 150km vor Cuxhaven steht, gelb schimmernd, ein VW. Lautlos, nur vom Schnaufen des Wachtmeisters und von einem anerkennenden Pfeifen Gabelbrechts gest├Ârt, das er angesichts der Reaktionsgeschwindigkeit seines Vorgesetzten, dem der gelbe Wagen, obwohl sie mit mehr als 200km/h dahinjagten, nicht entging, nicht unterdr├╝cken kann, pirschen sich die Polizisten an den
Vorraum der Tankstelle. Schon haben sie ihn, schnell wie der Blitz, umzingelt und harren, im Schatten der Zapfs├Ąulen und eines Abfalleimers, dem, was da kommen mag. . .

Drau├čen ist etwas vorgegangen. . . der Stallknecht merkt es am Jucken seines linken Zehennagels, das stets Gefahr ank├╝ndigt ? wie schon vor drei Jahren das Ableben seines l├Ąngst ergrauten Vaters, den ein Esel nur wenige Sekunden, nachdem das Jucken versp├╝rt worden war, dergestalt vor den Kopf trat, dass der Vater bald darauf die Ahnengruft auf dem Schlossfriedhof bereicherte. Jaja. . . nun ist der Greis der letzte Spross einer langen Reihe ehrenhafter Stallknechte. . .
Er reckt den Kopf und bl├Ąht seine N├╝stern; gewaltig saugt er die Luft ein und nimmt Witterung auf: Auf dem Terrain der Araltankstelle verstecken sich Menschen, mehr als zwei und weniger als vier.
Das leise Klirren der Mistgabel gegen den Rasenm├Ąher, der in der Tankstelle als erster Gewinn eines Preisausschreibens gelagert wird, verr├Ąt die Anspannung des Alten.
Nun gilt es! Mit einer ihm nicht zuzutrauenden Geschicklichkeit und Geschwindigkeit hebt jener seine Waffe und l├Ąsst das der Klinge gegen├╝berliegende, splittrige, holzichte Ende des Stiels an die Schl├Ąfe des Tankwarts sausen. Leise wie ein Sperber verl├Ąsst der Alte den Vorraum und gleitet an den Zapfs├Ąulen vorbei zum gelben VW, die Deckung der Schatten, die das Licht der Mondsichel wirft, geschickt nutzend.
Doch Stucheldings Aufmerksamkeit ist durch die pers├Ânliche Wichtigkeit des Falls f├╝r ihn bis aufs ├Ąu├čerte gespannt: Der Graf war sein Ohm, der ihn als Kind auf den Knien geschaukelt; das Bild seiner Leiche, die leblos auf dem wei├č gekachelten Marmorboden der Kemenate ausgestreckt lag, hat sich tief in das Bewusstsein des Revieroberst eingebrannt.
Hinter der M├╝lltonne springt Stuchelding hervor, rei├čt den Dienstrevolver aus dem Halfter und bringt ihn in Anschlag ? allein zu sp├Ąt, mit geisterhafte Schnelligkeit ist der einem Skelett ├Ąhnliche Alte bereits auf den Vordersitz des gelben Fluchtwagens gehechtet, die Mistgabel auf den R├╝cksitz werfend, wo sie sich tief in das beige Lederpolster bohrt. Mit rauchenden Reifen kreischt der VW aus der Einfahrt der Tankstelle; und noch 150km bis Cuxhaven. . .

Zehn Tage darauf: An Dock zwei im Hafen Cuxhavens werden drei Wagen der Polizei aus dem brackigen Wasser gefischt; einer davon ein hellroter Saab mit fehlendem Dach. Bald darauf werden im Watt drei Leichen gefunden und trotz Verunstaltung durch Hieb- und Stichwunden identifiziert:
Revieroberst Stuchelding,
Komissar Gabelbrecht,
Wachtmeister Engelbert.
Sie nahmen das Geheimnis ihres Todes mit ins Grab. Wachtmeister Engelbert trug ein orange-wei├č kariertes Taschentuch.

Wo aber der gelbe VW abgeblieben ist, der in einer Mittwochnacht im Dorfe beim Schloss Rosenholz gestohlen worden war, ist nie ans Licht gekommen. Nur wer nachts am Cuxhavener Pier spazieren geht, vermeint manchmal hoch in der Luft, fast nicht vernehmbar, das Ger├Ąusch verrosteten Stacheldrahts auf einem Reibeisen zu h├Âren. . . dann wieder das leise Scharren von Zinken. . . und dann ist es wieder still.

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