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Leselupe.de > Science Fiction
Die Mondstation
Eingestellt am 02. 06. 2010 13:14


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Rolander
Festzeitungsschreiber
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Die Mondstation

Roland Enders
2007

Hassan rollt den Gebetsteppich zusammen und verstaut ihn in seinem Fach. Sein Blick fällt aus dem bullaugenartigen Fenster. Draußen gleißt eine Wüste im Sonnenlicht, und dennoch ist die Aussicht eine vollkommen andere, als man sie etwa aus dem Zelt eines Nomaden seiner Heimat oder dem klimatisierten Wohnmobil eines Campers in Nevada hätte: es fehlt das Wabern und Flimmern erhitzter Luft, die Spiegelungen, die einem Wasserflächen vorgaukeln und allgemein alles, was dem Beobachter das Gefühl von Hitze vermitteln könnte. Die Wüste vor seinem Fenster ist anders: heißer als jede Wüste, in der ein Mensch überleben kann. Und gleichzeitig kälter.
Der menschenkopfgroße Felsbrocken, der dort im Staub liegt, hat auf der sonnenbeschienenen Seite eine Temperatur von 150° Celsius. Im tintenschwarzen Schatten des Steines herrscht indes eine Kälte, die eisiger ist als die in der schlimmsten arktischen Winternacht. So ist das eben auf dem Mond.

Die Mondstation liegt nicht allzu weit vom Zentrum des Kraters entfernt. Hassan blickt über die weite, staubige und von Geröll übersäte Ebene des Kraterbodens bis hin zur gewaltigen Wand des Ringgebirges, das in mehr als 30 km Entfernung Tausende von Metern aufragt. Dennoch kann er nur die über den Horizont ragenden Spitzen sehen, denn die Mondoberfläche ist viel stärker gekrümmt als die der Erde.
Er tritt näher an das Bullauge und betrachtet den Teil der Station, der von seinem Fenster aus sichtbar ist. Ein Sammelsurium scheinbar planlos verteilter ein- bis fünfstöckiger Gebäude – die meisten zylindrisch rund, einige quaderförmig – miteinander verbunden durch ein Netz dicker Röhren in verschiedenen Ebenen, bildet ein räumliches Gitter mit Verdickungen an den Knotenpunkten. Eine kleine Stadt mit chaotisch wirkender Geometrie, die einmal mehr als zweihundert Wissenschaftlern und Ingenieuren ein Zuhause bieten wird. Hassan gehört zur Vorhut, einem halben dutzend Lunanauten, deren Auftrag es ist, alles für die Ankunft der zukünftigen Mondbewohner vorzubereiten. Aber die aktuelle Besatzung hat noch eine weitere Aufgabe, eine, die von vielen Menschen kritisch gesehen wird und nicht ungefährlich ist. Doch Hassan und seine Kollegen sind davon überzeugt, dass die Kritiker Unrecht haben. Wenn sie ihr Ziel erreichten, würde das der Raumfahrt einen großen Schub geben.
Hassan gähnt. Er hat einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich und ist müde. Er überlegt kurz, ob er noch duschen soll, entscheidet sich aber dagegen. Karen duscht immer morgens, und er bemüht sich, zur gleichen Zeit seine Morgentoilette zu machen, um verstohlen ihren Anblick genießen zu können. Er glaubt zwar an Allah und bemüht sich, seinen Grundpflichten als Moslem nachzukommen, aber er ist nicht so fromm, dass er es als Sünde betrachtet, die Schönheit einer Frau zu bewundern, mit der er nicht verheiratet ist. Er bestaunt – manchmal mit schlechtem Gewissen – die Schamlosigkeit und Unbekümmertheit, mit der westliche Frauen ihren Körper zur Schau stellen. Und Karin Ereksdottir, diese isländische Schönheit mit dem kurzgeschorenen Platinhaar, besitzt einen wahrhaft atemberaubenden Körper. Leider scheint er, der schmächtige, dunkelhäutige Marokkaner, so ganz und gar nicht ihr Typ zu sein. Hassan seufzt, zieht sich bis auf die Unterwäsche aus und legt sich auf die schmale, in eine Wandnische eingelassene Liege.
Er hat gerade gebetet und möchte mit reinen Gedanken einschlafen, also versucht er, seine Fantasie von Karin abzulenken. Sein Blick schweift durch die winzige Kabine, kaum vier Quadratmeter groß, unpersönlich und funktionell eingerichtet – eigentlich nur ein großer, begehbarer Wandschrank mit Schubladen und Fächern, der seine wenigen Sachen und ihn selbst beherbergt. Es gibt weder Stuhl noch Tisch, nur die Liege als Schlaf- und Sitzgelegenheit und ein herunterklappbares Brett, auf dem er etwas abstellen kann. Neben dem runden Fenster, durch das er tagelang den fast gleichen Ausblick hat, der sich nur ganz unmerklich mit dem Sonnenstand ändert, gibt es nur einen Blickpunkt, der gelegentlich etwas Abwechslung bietet: den holografischen Wandschirm, auf dem er sich Filme oder Nachrichten von der Erde ansehen kann. Soll er ihn noch einschalten und sich in den Schlaf berieseln lassen? Er entscheidet sich dagegen. Seine Hand findet einen Schalter an der Wand, und das Bullauge verdunkelte sich.
Er ist es gewohnt im Dunkeln zu schlafen, doch draußen ist helllichter Tag, und das würde auch noch anderthalb Wochen so bleiben. Und selbst in der Mondnacht ist es fast taghell. Dann steht die riesige Scheibe seines Heimatplaneten am Himmel, viermal so groß und mehr als fünfmal so hell wie der Vollmond. Leider sieht er sie nie von seiner Kabine aus. Die Schlafkabinen der Besatzung sind zylindrische Stummel, die sternförmig wie die Naben eines Steuerrads von einem zentralen Gebäude abgehen. Da der Mond seiner größeren Schwester immer die gleiche Seite zuwendet, steht die Erde bewegungslos am Himmel. Das Bullauge der Kabine des Kommandanten zeigt in ihre Richtung, und Hassan beneidet Striker, der den Anblick jeden Tag vor dem Aufstehen und Schlafengehen eine Weile genießen kann: die blauen Ozeane, die riesigen weißen Wolkenwirbel bei ihrer Wanderung über Land und Wasser und die braun-grün-fleckigen Kontinente, geädert mit Flüssen und zusammengestaucht und gefältelt dort, wo sich die großen Gebirge auftürmen. Die langsame Änderung der Erd-phase von der schmalen Sichel zur Scheibe, dann wieder schrumpfend, und schließlich die Nachthälfte des Planeten, wie von glitzerndem Goldstaub überzogen. Und wenn sich ihm die Südhalbkugel zuneigt, dann darf Hassans Boss durch sein Bullauge sogar den seltenen Anblick des mit einer kleinen Eiskappe überzogenen Südpols mitten in der felsigen Wüste der Antarktis genießen: ein strahlendes Weiß, das letzte natürliche Eis auf dem ganzen Globus.
Hassan schließt die Augen. Er hält das Bild der Erde in seiner Fantasie fest, bis es allmählich verschwimmt, sich auflöst und wirren Traumbildern Platz macht. Er ist eingeschlafen.

Er wird von einem seltsamen Geräusch geweckt. Etwas surrt leise – ein mechanisches Geräusch, wie von einem elektrisch getriebenen, gut geölten Mechanismus. Dann ein schrilles Quieken. Hassan fährt erschrocken auf, schaltet das Licht an und schaut in leichter Panik umher. Die Geräusche scheinen von unter ihm zu kommen. Plötzlich huscht etwas Pelzigweißes über den Boden und versucht, sich durch einen engen Spalt unter einem Wandschrank zu zwängen. Kleine Pfoten kratzen über den Boden. Der Kopf ist bereits verschwunden, ein nackter Schwanz wackelt hektisch hin und her. Es ist die Laborratte, heute Morgen aus einem Käfig entkommen, die er zusammen mit Jonas und Phoolendu vergeblich gesucht hat. Hassan springt aus dem Bett, wirft sich bäuchlings auf den Boden und greift nach dem Tier, doch in diesem Augenblick schlüpft es unter den Schrank. Er weiß, dass er keine Chance hat, die Ratte einzufangen. Hinter allen Panelen und Blenden verlaufen Kabelkanäle und Versorgungsschächte. Durch einen muss sie in sein Zimmer gekommen sein. Jetzt kann sie schon wieder weiß Allah wo sein.
Hinter sich hört er immer noch das mechanische Surren. Auf dem Boden liegend dreht er sich um. Unter seiner Liege ist eine große Öffnung entstanden, die vorher nicht da gewesen ist. Dort ist die Ratte also herausgekommen. Doch woher kommt das rechteckige Loch, das sich fast über die gesamte Länge und Höhe der Liege erstreckt? Es scheint, als habe sich dort eine Schiebetür geöffnet. Neugierig kriecht er ein Stück näher heran und späht in das dunkle Innere. Bewegt sich da nicht etwas? Er rutscht noch näher.
Eine Hand schieĂźt aus dem Loch hervor und packt ihn an der Kehle. Wie eine Schraubzwinge drĂĽckt sie zu. Hassan versucht vergeblich zu schreien.


Global Network Services

„Guten Tag, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger. Heute ist der 22. September 2087. Es ist 8:00 p.m. Eastern Standard Zeit. Wir sind Erica Bellings und…“
„John Major Roggencamp.“
„Und wir präsentieren Ihnen die GNS-News.
Beginnen wir mit den Nachrichten aus aller Welt:
Genf: Der Internationale Umwelt-Gerichtshof hat einer Klage der Inuit gegen die USA, die Vereinigten Staaten von Europa, Groß-China und Groß-Indien auf Ausgleichszahlung von 6 Milliarden Dollar wegen der Vernichtung der Lebensgrundlagen der Eskimos durch die Erwärmung der Atmosphäre und Ozeane, die nach Meinung der Kläger von den Industrienationen verursacht wurde, stattgegeben. (Film vom Jahrhundertbeginn: zeigt, eine Eislandschaft, Robben jagende Eskimos, Eisbären, blasende Wale). Rechtswissenschaftler erwarten, dass sich der Prozess mehrere Jahre hinzieht. Die Anwälte der angeklagten Nationen streiten zwar nicht eine gewisse Mitverantwortung ihrer damaligen Regierungen an der sogenannten Klimakatastrophe ab, aber sie verweisen auch auf die ungeheuren Anstrengungen, die seitdem von ihren Ländern unternommen worden seien, um die Folgen zu mindern. Durch die Billionen von Dollar, die zur Beseitigung von Klimaschäden zur Verfügung gestellt worden sind, seien sie ihrer Verantwortung bereits mehr als gerecht geworden.
London: Der Europäische Präsident Michael Forth mahnt, die Europäische Union könne die Folgen des panafrikanischen Bürgerkriegs nicht mehr allein schultern. (Holo von einem riesigen, überfüllten Lager voller Wohncontainer, Zelte und abgemagerter Menschen dunkler Hautfarbe.) Heute sei der fünfhundertmillionste afrikanische Flüchtling in Europa aufgenommen worden. Die Vereinigten Staaten von Europa seien weder in der Lage, all diese Menschen zu ernähren, noch gesundheitlich zu versorgen. Forth appellierte an die Verantwortung der USA, des russischen Reiches und Groß-Chinas, die durch ihren Machtkampf um die Rohstoffe Afrikas und die Aufrüstung der Regierungs- oder Rebellenarmeen den seit mehr als 50 Jahre dauernden Krieg immer wieder angeheizt hätten. (Holo von Kriegsschauplätzen, verstümmelten Leichen, Bombenexplosionen, weinenden Kindern und Frauen.) Der Europäische Präsident klagte die mächtigsten Nationen der Welt an, auf dem geschundenen Kontinent einen Stellvertreterkrieg zu führen und Europa mit den Folgen allein zu lassen.“
Tokio: Ein erneuter Crash an der Tokioter Börse (Holo von aufgebrachten, durcheinander schreienden und gestikulierenden Brokern) führte heute zum Rücktritt der japanischen Ministerpräsidentin Yamamotu, der Insidergeschäfte vorgeworfen werden. Yamamotu bestreitet diese Vorwürfe scharf. Sie habe ihr Amt nur aufgegeben, um den Spekulationen ein Ende zu bereiten und damit endlich wieder Ruhe an den Finanzmärkten einkehre.
Und nun Nachrichten aus unserem Land. John?“
„Danke, Erica.
Washington: Der Präsident begrüßt, dass Repräsentantenhaus und Kongress letztlich doch seinem Appell folgen wollen, die amerikanischen Farmer durch Einfuhrzölle vor der Überschwemmung der Märkte durch billige Lebensmittel der von der UNO subventionierten unterentwickelten Länder zu schützen. (Holo demonstrierender Farmer, die mit riesigen Traktoren die Zugänge zum Weißen Haus blockieren.) Das Vorhaben war von den Demokraten erbittert bekämpft worden, die glauben, die UN-Subventionen seien notwendig, weil besonders die bitterarmen Länder Afrikas sonst keine fairen Marktchancen für ihre Produkte hätten. Doch nachdem einige Abgeordnete und Senatoren die Fronten gewechselt haben, scheint sich eine Mehrheit für das vom Präsidenten initiierte Gesetz abzuzeichnen.
Houston: Die mit Spannung erwartete Pressekonferenz der Lunanauten steht unmittelbar bevor. Anlass dafür ist der Plan der UNSA, mit Hilfe einer gezielte Kettenreaktions-Sprengung durch 24 sehr kleinen Atomsprengköpfe, in der Nähe der Mondbasis einen Schacht zu der Kaverne vortreiben, um die riesigen Wasservorräte auszubeuten, die durch den Einschlag eines Kometen vor Millionen von Jahren dort entstanden sind.
Wir berichten gleich live von dieser Pressekonferenz, doch vorher sehen Sie einen Hintergrundbericht von unserem Space Flight Experten Terrence Smallbear.

(Holo vom Mondkrater und der Mondstation. Stimme aus dem off:) „Die Internationale Mondstation Luna 2 ist das größte laufende Projekt der UNSA – der United Nation Space Agency. Die Stadt ist inzwischen fast fertig gestellt, umfasst mehr als 40.000 Quadratmeter Wohn- und Arbeitsfläche und soll in Kürze über zweihundert Forscher, Ingenieure und Bergbauspezialisten beherbergen. Luna 2 soll die neue Weltraumbasis der UNSA werden – der Ausgangspunkt geplanter Planetenexpeditionen oder sogar interstellarer Raumflüge. Die Raumschiffe sollen in der Mondstation gebaut, dann in Einzelteilen in die Mondumlaufbahn befördert, dort zusammengesetzt und ausgerüstet werden, bevor sie zu ihren langen Reisen aufbrechen. (Computeranimation eines Sternenschiffes, das aus der Mondumlaufbahn startet.)
Die neue Mondbasis Luna 2 ersetzt die ältere, ganz in der Nähe liegende, jetzt still gelegte Luna 1, die noch allein von der NASA betrieben wurde. Doch warum wurden diese Stationen gerade in diesem Krater errichtet, fragt man sich. Die Antwort lautet: Rohstoffe.
Der Krater hat eine ganz besondere Geschichte. Hier sind vor etwa 200 Millionen Jahren in Abständen von wenigen Tausend Jahren gleich zwei gewaltige Himmelskörper eingeschlagen: ein Eisenmeteorit, der auch große Mengen an Nickel und Titan enthielt, und ein Wassereis-Komet. (Holo-Simulation von dem Einschlag des Meteoriten, dem Aufwurf des alten Kraters, dann dem Impakt des Kometen und der Entstehung des neuen Kraters.) Durch die Lockerung der Struktur nach dem ersten Einschlag drang der Komet so tief in die Mondoberfläche ein, dass sein Kern durch die zurückfallenden Staub- und Gesteinsmassen eingeschlossen wurde, bevor er vollständig verdampfen konnte. Der Dampfdruck erzeugte einen gewaltigen Hohlraum, in dem das Wasser wieder kondensierte und schließlich gefror.
Schon kurz nach dem Bau von Luna 1 wurde tief unter dem Kraterboden der von Geologen vorhergesagte Hohlraum, eine Kaverne von fast einem Kubikkilometer Volumen, durch Infraschallmessungen entdeckt. Diese riesige Höhle ist – das haben Probebohrungen ergeben – zum großen Teil durch Eis und geschmolzene und wiedererstarrte Brocken des Eisenmeteoriten gefüllt. Doch ein herkömmlicher Abbau mit Bergbaumethoden ist auf dem Mond viel zu teuer, deshalb hat die UNSA das Verfahren ersonnen, das Wasser durch punktuelle thermonukleare Sprengungen gezielt zu verdampfen und mit dem Dampf gleichzeitig die Erzbrocken herauszublasen. Auf der Mondoberfläche wird dann der Dampf verflüssigt und das Wasser in Tanks gelagert. Sehr umstritten ist die Idee, den für die Förderung erforderlichen großen Schacht durch eine gezielte Kettenreaktionssprengung von gleich 24 Sprengköpfen zu erzeugen. Die Bomben haben zwar eine vergleichsweise geringe Sprengkraft, aber die Kritiker des Vorhabens, an erster Stelle die Umweltschutzverbände, befürchten, dass die Kaverne dabei einstürzt und die rund eine Billion Tonnen Wasser und Milliarden Tonnen Gestein und Eisenerz in den Weltraum geblasen werden, wo sie in den Anziehungsbereich der Erde gelangen und einen radioaktiven Niederschlag und Meteroritenschauer erzeugen könnten. (Holo-Simulation eines Meteroritenhagels, der über New York niedergeht und Wolkenkratzer einstürzen lässt. Schreiende Menschen laufen durch die Straßen des brennenden Manhattan. Eine Gruppe Fliehender wird von einem durch einen Einschlag in die Luft geschleuderten Bus erschlagen.) UNSA-Wissenschaftler halten dieses Katastrophenszenario hingegen für undenkbar.
Um die Bedenken zu zerstreuen, wird die Besatzung der Mondstation heute eine Pressekonferenz abhalten. Die verantwortungsbewussten Wissenschaftler und Experten um Commander Striker wollen darlegen, so die Presseverlautbarung der UNSA, wie umsichtig sie das Projekt vorbereiten und wie ungefährlich es ist. Wir sind gespannt. Doch da sehe ich, wie die Lunanauten gerade die Messe der Mondstation betreten. Regie, können wir auf dieses Bild umschalten? Danke.
Commander Josh Striker nimmt am Kopfende des Tisches platz. Die meisten unserer Zuschauer wissen natĂĽrlich, dass der Kommandant Amerikaner ist. Er hat sehr groĂźe Weltraumerfahrung und wurde fĂĽr die Rettung der Artemis-Mission 2082 mit dem Diamant Star ausgezeichnet. Er ist auch ein Experte, was nukleare Sprengungen auf dem Mond betrifft. So hat er die Testsprengungen im Mare Imbrium durchgefĂĽhrt.
Jetzt setzt sich links neben ihn Hu Chen. Die Geologin aus GroĂź-China ist die stellvertretende Kommandantin der Mission.
Rechts neben Commander Striker hat Phoolendu Chakraborti, ein Physiker aus Groß-Indien Platz genommen. Neben ihm sitzt Karen Ereksdottir, die Bordingenieurin. Der junge Mann, der gerade etwas verspätet die Messe betritt, ist Hassan al Rashid aus dem Vereinigten Islamischen Kalifat, ein Laser-Elektronik-Experte. Er setzt sich jetzt zwischen Hu Chen und Jonas Blake. Blake stammt aus Neuseeland, das der australisch-polynesischen Union angehört. Er ist der Mannschaftsarzt. Ihm schräg gegenüber sitzt als Letzter auf der rechten Seite der Informatiker Luis Helmschmidt aus Argentinien. Helmschmidts Beteiligung an der Mission ist sehr umstritten. Insbesondere die USA haben große Bedenken gehabt, einen Wissenschaftler der Union der Sozialistischen Republiken Südamerikas an der Mission zu beteiligen, aber sie wurden in der UNSA überstimmt.
Mir scheint die Stimmung heute sehr angespannt. Die Lunanauten machen ernste Gesichter. Von der Lockerheit der letzten Pressekonferenzen ist nichts zu spüren. Commander Striker hebt die Hand. Regie, bitte umschalten auf den Originalton.“

(Striker spricht:)
„Mission Control, versuchen Sie nicht, diese Übertragung zu torpedieren. Es wäre zwecklos. An alle angeschlossenen Sender: sollte diese Leitung gekappt werden, dann schalten Sie auf Transponder 25 Punkt 5. Der wird von uns kontrolliert und kann nicht gestört werden.“
(Die Kamera schaltet um auf das Mission Control Center in Houston. Man sieht ratlose Gesichter. Keinen hat es auf seinem Platz gehalten. Missionsleiter Frank Redding gestikuliert wild. Stimme aus dem off:)
„Nach dieser seltsamen Erklärung Commander Strikers scheint eine gewisse Aufregung im Mission Control Center zu herrschen. Meine Damen und Herren, wir wissen auch nicht, was da vor sich geht. Wir werden versuchen, eine Stellungnahme… Oh, jetzt ist das Bild weg. Regie? Ja? – Ich höre soeben, dass wir keine weiteren Bilder mehr aus Houston empfangen können, liebe Zuschauer, aber wir haben gerade auf den genannten Transponder umgeschaltet… – ah, da ist wieder das Bild der Mondstation. Vielleicht wird uns Josh Striker gleich aufklären. Hören wir, was er zu sagen hat.“

(Striker spricht:)
„Wir, die Besatzung von Luna 2, gehören einer Organisation an, die Ihnen unbekannt sein dürfte, da sie bisher noch nicht an die Öffentlichkeit getreten ist. Diese Organisation heißt ‚Mutter-Erde-Bund’. Sie wendet sich gegen die exorbitante Verschwendung öffentlicher Mittel für die Raumfahrt, während die wichtigsten Probleme auf der Erde – Ökosterben, Wüstenbildung, tote Ozeane, Hunger und Armut – nicht gelöst sind.
Wir sind stolz darauf, diesem Bund anzugehören. Er wird die Weichen für eine bessere Zukunft stellen und der kapitalistischen Globalgesellschaft einen Spiegel vorhalten, damit sie ihre böse Fratze erkennt. Ich brauche nicht aufzuzählen, was in diesem Jahrhundert alles aus Profitgier zerstört worden ist. Wir geben immer noch hundertmal mehr für Rüstung und sonstige Verschwendung aus als für die Umwelt, gegen die Armut und gegen den Hunger. Die Welt ist ausgedörrt, unfruchtbar, verwüstet und versteppt, aber die Reichen leben in gesicherten, klimatisierten Oasen und verbrauchen immer noch die meisten Ressourcen. Und dieses Projekt, Luna 2, ist doch auch nichts anderes als Verschwendung von Geld, Knowhow und Ressourcen. Interstellare Raumfahrt – wie lächerlich! Damit wir diesen geschundenen und zerstörten Planeten hinter uns lassen können? Und wer werden ‚wir’ sein? Ein paar Reiche und Mächtige, die es sich leisten können zu verschwinden und woanders neu anzufangen? Das werden wir nicht zulassen. Ihr habt für eure Fehler gerade zu stehen. Das alles muss aufhören. Wir, die den Bund Mutter Erde gegründet haben, nehmen von heute an den Kampf gegen euch auf. Und wir werden ihn gewinnen.
Unsere Forderung: 24 Milliarden Dollar – die Summe, die in den kommenden zehn Jahren in Luna 2 nach Planung der UNSA hineingesteckt werden soll. Wir wollen dieses Geld für andere Zwecke verwenden. Sie haben genau einhundert Stunden Zeit, um je eine Milliarde auf vierundzwanzig Konten einzuzahlen, die über die ganze Erde verteilt sind. Von dort aus werden nicht identifizierbare Kontaktleute unseres Bundes das Geld an Umweltschutz- und Menschenrechtsorganisationen auf nicht nachvollziehbaren Wegen des globalen Geldverteilungsnetzes transferieren. Sobald ein Betrag sein Ziel erreicht hat, werden unsere Kontaktleute auf der Erde der UNSA einen von 24 chiffrierten Bestätigungscodes schicken, den Sie an uns weiterleiten müssen.
Wenn die UNSA unsere Bedingungen nicht erfüllt, wird Folgendes geschehen: Für jeden der 24 Teilbeträge, der nach Ablauf der Frist nicht an seinem Endziel angekommen ist und für den wir folglich keinen Bestätigungscode erhalten, laden wir einen thermonuklearen Sprengkopf an Bord der Raumfähre der Station. Diese wird zur Erde zurückkehren und ihre tödliche Ladung über den USA freigeben. Jeder einzelne Sprengkopf ist so umprogrammiert, dass er in einer Höhe von etwa einem Kilometer über einer Großstadt explodiert. Die Folgen kann sich die UNSA leicht ausmalen. Sollte die Geldforderung generell abgelehnt werden, so ist sie verantwortlich für Zigtausende von Menschenleben und eine Verstrahlung, die große Teile der USA für Jahrhunderte unbewohnbar machen würden.
Denken Sie darüber nach. In zwei Stunden werden wir uns wieder melden. Dieses Mal auf einem gesicherten Kanal. Alle Verhandlungen werden von uns ausschließlich mit Mission Control Houston geführt. Besorgen Sie sich die entsprechenden Vollmachten. Ende.“


Krisenstab der UNSA in Houston, 3. Sitzung, 23. September 2087, 7:30 a.m.

Frank Redding: „Ich glaube, ich brauche niemandem hier Mr. Hanson vorzustellen, aber um dem Protokoll Genüge zu tun: Peter Michael Hanson ist Staatssekretär im Innenministerium und Bevollmächtigter des Präsidenten. Er wird mit sofortiger Wirkung die Leitung des Krisenstabs übernehmen. Houston wird mit den Krisenstäben der UN und in Washington eng zusammenarbeiten. Aber wir sind hier quasi vor Ort, sozusagen fast auf dem Mond, und deshalb gebührt uns eine sehr wichtige Rolle. Mr. Hanson, wir haben den Kreis ganz bewusst klein gehalten, um eine schnelle Entscheidungsfindung zu ermöglichen. Ich werde Ihnen unsere Runde zunächst vorstellen, auch wieder wegen der Protokollmitschrift mit voller Funktion, obwohl die natürlich allen Beteiligten hier bekannt ist. Bitte Ladies und Gents erheben Sie sich kurz, wenn ich Ihre Namen nenne:
Midori Watanabe ist die beste Profilerin des FBI und Leiterin des Teams aus Psychologen, Psychiatern und Soziologen, das die Reden Strikers, die Dialoge während der Verhandlungen sowie allgemein das Verhalten der Terroristen auswertet.
Ruth Horngacher ist leitende Ermittlerin von Interpol. Sie koordiniert die polizeilichen Ermittlungen weltweit.
Frederico Ramirez ist Chef von ATIA, der Anti Terror Intelligence Agency, dem Geheimdienst der UN zur Abwehr und Aufklärung von global-terroristischen Verbrechen. Mr. Ramirez ist außerdem Koordinator aller in die Ermittlungen einbezogenen nationalen und internationalen Dienste.
General John Wood ist Befehlshaber der taktischen Terrorabwehr der Vereinigten Staaten. Er untersteht direkt dem Präsidenten und ist auf dessen Anweisung befugt, spezielle und sehr drastische Abwehrmittel einzusetzen.
Der Vollständigkeit halber stelle ich mich ebenfalls vor: Mein Name ist Frank Redding. Ich bin einer der stellvertretenden Direktoren der UNSA und astronautischer Missionsleiter der Luna 2 Vorbereitungs-Mission.
Mr. Hanson, ich übergebe Ihnen nun das Wort.“
Peter Michael Hanson: „Danke Frank. Zunächst sollten wir uns, wenn die Ladies nichts dagegen haben, alle beim Vornamen nennen. Wir werden hier ein paar anstrengende, weitgehend schlaflose Nächte und Tage verbringen, uns von Fastfood und Pizza ernähren, nur selten Zeit finden, mal unter die Dusche zu hüpfen und die Kleider zu wechseln. Wir werden bald noch zerknitterter aussehen als jetzt, und Deo wird unseren Schweißgeruch nicht immer überdecken können. Es wird also recht intim werden. Nennen Sie mich Mike, wie es meine Freunde und der Präsident tun. Peter sagen nur die Kollegen der Opposition zu mir.
Ich sehe allgemeines Kopfnicken und werte dies als unsere erste, einstimmige Entscheidung. Das stimmt mich zuversichtlich.
Wir haben eine Krise, eine sehr gefährliche Krise, die niemand voraussehen konnte. Für eine solche Situation gibt es keine Notfallpläne, die wir aus der Schublade ziehen könnten. Als ich die GNS-Sendung sah, hab ich erst einmal lachen müssen. Ich hielt das Ganze für einen kuriosen Witz, dachte, Striker würde jeden Augenblick ‚April, April’ rufen. Als der Präsident mich eine Minute später anrief und fragte, was hältst du davon, habe ich wahrheitsgemäß geantwortet, dass ich völlig ratlos bin. Er ließ mir eine halbe Stunde Zeit, meinen Koffer zu packen. Ich gestehe, ich bin das erste Mal in meinem Leben mit Mach 4 in einem Warbird-Abfangjäger der US-Navy geflogen. Es war nicht angenehm. Jetzt bin ich also hier, etwas derangiert, und soll die größte terroristische Bedrohung seit dem verhinderten Nuklearanschlag auf Jerusalem vor mehr als fünfzig Jahren abwehren. Ich habe bloß keine Ahnung wie. Ich hoffe, Sie haben ein paar Ideen auf der Pfanne. Sie tagen ja schon die ganze Nacht. Wie ich höre, ist dies bereits die dritte Sitzung seit der Übertragung. Ich bitte Sie deshalb, mich auf den neuesten Stand zu bringen. Frank, wollen Sie anfangen? Was gibt es Neues von Striker und seiner Bande?“
Frank Redding:„Sie haben die vollständige Kontrolle über die Station übernommen. Unsere Einflussmöglichkeiten von Mission Control Center sind gleich null. Wir erhalten nur wenige, gefilterte Daten. Bildübertragungen finden nur noch aus der Messe statt, wenn Striker nicht gerade auf die Kamera der Kontrollstation von Luna 2 schaltet, um uns Anweisungen zu geben. Meistens sehen wir nur einen leeren Raum. Wir wissen nicht, was sie machen, wo sie gerade sind. Manchmal halten sich Astronauten in der Messe auf, doch sie tun nichts, sprechen nicht mit uns, essen nicht, trinken nicht, sitzen einfach nur da und starren ins Leere.“
Peter Michael Hanson: „Als wären sie traumatisiert?“
Frank Redding:„Möglich, aber da kann Ihnen Midori wohl gleich mehr sagen. Doch vorher lassen Sie mich schildern, was sich zugetragen hat, als Sie im Warbird saßen und hierher flogen:
Zwei Stunden lang herrschte Funkstille, dann meldete sich Striker, dieses Mal aus dem Kommandostand der Station. Alle Lunanauten waren dort versammelt. Doch nur Striker redete. Etwa eine Stunde lang gab er Anweisungen, wie mit dem erpressten Geld zu verfahren sei, sehr detaillierte Anweisungen über die Reihenfolge und die genauen Zeitpunkte der Transfers, die Konten, die Banken, Schlüsselcodes für anonyme Abbuchungen und so weiter. Er hatte mehrere eng beschriebene Blätter vor sich liegen, von denen er ablas. Um es kurz zu machen: Der Plan ist von der finanztechnischen Seite anscheinend perfekt, sagen die Experten. Es wird schwer, wenn nicht unmöglich, die Gelder durch die Kanäle, durch die sie geleitet werden sollen, zu verfolgen. Leider kann man digitales Geld nicht markieren.
Nach den Anweisungen war Striker bereit, Fragen zu beantworten und zu verhandeln. Doch dabei ist leider überhaupt nichts herausgekommen. Wenn wir nach seinen Motiven fragten, so nannte er stereotyp die Verschwendung von Geldern für die Weltraumfahrt, während gleichzeitig die Probleme der Erde nicht gelöst würden. Er bediente sich dabei populistischer Floskeln. Das war bloße, inhaltsleere Propaganda. Über die sogenannte Bruderschaft ‚Mutter Erde’ wollte er nichts sagen. Ganz offensichtlich gibt er seine wahren Gründe nicht preis. Also fragten wir auch die anderen Besatzungsmitglieder, versuchten herauszufinden, ob der Kreis der Terroristen möglicherweise kleiner ist als die ganze Mannschaft und Striker die anderen irgendwie bedroht und zum Mitmachen gezwungen hat. Wir holten die Ehefrau von Luis Helmschmidt, die seit dem Start vor drei Wochen in Houston geblieben ist, ins Mission Control Center. Sie machte als einzige der Angehörigen und Lebenspartner der Astronauten einen psychisch halbwegs stabilen Eindruck, die anderen stehen zurzeit alle unter Schock und sind in ärztlicher Behandlung. Wir werden sie brauchen, um Einfluss auf die Terroristen auszuüben, aber dafür ist es noch zu früh. Mrs. Helmschmidt ist eine kluge Frau, die ihre Emotionen gut im Griff hatte. Sie hielt es für völlig ausgeschlossen, dass ihr Gatte so handeln könnte. Sie redete mit ihm, beschwor ihn, schließlich weinte sie, aber Helmschmidt zeigte sich ungerührt. Später sagte Mrs. Helmschmidt, sie erkenne ihren Mann nicht wieder. Er müsse eine Art Weltraumkoller haben.“
Peter Michael Hanson: „Und wäre das möglich?“
Frank Redding:„Eine Krankheit wurde in Erwägung gezogen, aber wir haben nicht den geringsten Schimmer, was es sein könnte. Vielleicht sollte jetzt Midori berichten, was die Psycho-Gruppe herausgefunden hat.“
Midori Watanabe:„Die Psycho-Gruppe, wie du sie nennst, Frank, besteht aus den besten Experten für menschliche Antriebe, Emotionen und Verhalten. Wir haben Spezialisten für Körpersprache, Sprachanalytiker, Sozialpsychologen mit dem Schwerpunkt Gruppendynamik, Psychiater, Terrorismus-Analytiker, Verhör- und Verhandlungsspezialisten, Soziologen und andere. Ich selbst bin mit der operativen Fallanalyse und dem Erstellen von Täterprofilen bei Terrorismus-Verbrechen befasst, bin also das, was im Volksmund Profiler genannt wird.
Um Ihre Frage zu beantworten, Mike, ob die Astronauten alle krank sein könnten: Nein, das ist ausgeschlossen. Wir kennen keine Krankheit, die ihr Verhalten erklären könnte. Und wenn es eine solche gäbe, dann könnte ihre Ursache keinesfalls in ihrem Aufenthalt auf dem Mond liegen, denn die Planung für diese Aktion muss ja über Monate, wenn nicht Jahre erfolgt sein, so kompliziert wie sie ist. Außerdem haben sie offensichtlich Helfer und Mittäter auf der Erde. Eine Art Weltraumkoller ist es also nicht.
Auf der anderen Seite müssen wir zugeben, dass die psychischen Veränderungen sehr drastisch sind und wir keine Erklärung dafür haben.
Wir haben fast drei Stunden mit ihnen verhandelt, haben jedes Wort, jede Geste, jeden Gesichtsausdruck der Besatzungsmitglieder während der beiden bisherigen Übertragungen studiert und analysiert, und wir kommen zu erstaunlichen und bisher unerklärlichen Ergebnissen:
Die Männer und Frauen auf der Mondstation meinen es todernst. Sie wirken entschlossen und ohne jeden Selbstzweifel. Ihre eigenen Schicksale und die ihrer Familien sind ihnen anscheinend vollkommen gleichgültig. Wir haben Ihnen klar gemacht, dass sie dem Arm des Gesetzes nicht entgehen können. Bei ihrer Rückkehr vom Mond wäre ihnen die Todesstrafe gewiss, sollten sie versuchen, ihren Plan umzusetzen. Aber sie scheinen keine Angst vor dem Tod zu haben. Wir haben den Eindruck, sie wollen gar nicht zurück.
Sie wirken erschreckend emotionslos. Was von ihren Psychen überhaupt erkennbar ist, scheint uniform. Individuelle Unterschiede ihrer Charaktere sind, bis auf einen Fall – doch zu dem komme ich später – nicht auszumachen. Sie wirken wie Menschen nach einer Gehirnwäsche: gesteuert und perfekt funktionierend. Und doch sind es dieselben Menschen, die vor dem Start und in den ersten Wochen ihres Aufenthalts auf der Mondstation völlig normal und charakterlich verschieden schienen.
Sie beantworten Fragen, die nicht direkt in Zusammenhang mit dem Geldtransfer stehen, entweder nicht oder sehr ausweichend. Falls sie Antworten zu ihren Motiven und zu ihrem seelischen Befinden geben, dann wirken diese sehr stereotyp. Sie scheinen auch manche komplexen Fragen gar nicht richtig zu verstehen. Jedenfalls sind die Antworten oft rätselhaft und seltsam ähnlich, so als ob sie nur über einen begrenzten Wortschatz verfügten oder in einer ihnen fremden Sprache sprächen, deren subtile und sublime Bedeutung sie oft nicht verstünden.
Wir haben zurzeit nur eine Hypothese, nämlich, dass die Menschen an Bord der Raumstation auf irgendeine Weise fremdgesteuert sind. Wir haben es wahrscheinlich mit einer Art extrem starker Hypnose zu tun.
Noch etwas deutet darauf hin. Ich zeige Ihnen hier einen Ausschnitt aus Strikers einstündigem Monolog, wie er die Anweisungen von seinem Blatt abliest. Achten Sie einmal auf seine Augen. Sie sind nach unten gerichtet. Aber sie bewegen sich nicht. Sie führen nicht diese Sakkaden, diese ruckartigen Lesebewegungen aus, bei der der Blick von links nach rechts von einem Wort auf das andere springt. Striker tut nur so, als würde er ablesen. In Wirklichkeit kennt er jedes Wort auswendig. Das deutet auf eine monatelange Gehirnwäsche mit Konditionierung hin. Er war, wahrscheinlich unbewusst, ein Schläfer. Irgendjemand hat dann auf den Knopf gedrückt, und ihn in Gang gesetzt.
Einer der Astronauten gibt uns weitere Rätsel auf, nämlich Hassan al Rashid. Er ist die Ausnahme, über die ich vorhin gesprochen habe. Er verhält sich anders als die anderen. Seine Antworten sind noch rätselhafter, voll seltsamer Andeutungen. Im Gegensatz zu seinen wortkargen Kollegen wirkt er fast geschwätzig. Es scheint, als ob er der UNSA eine unterschwellige Botschaft übermitteln wollte. Er ist auch oft nervös, wirkt nicht so abgeklärt wie die anderen Astronauten. Als einziger schwitzt oder zittert er gelegentlich. Er zitiert oft aus dem Koran, sodass wir einen Koranexperten hinzuziehen werden. Aus all dem ist es für uns offensichtlich, dass Hassan nicht freiwillig mitmacht. Er wird offenbar von den anderen dazu gezwungen. Dafür spricht auch, dass er ein Hämatom am Hals hat. Vielleicht ist er gewürgt worden. Seltsam ist, dass er sich zwar bemüht, uns seine Zwangslage klarzumachen, ohne dass es seine Kollegen mitbekommen, dabei aber doch so dilettantisch vorgeht, dass es Striker und seine Leute eigentlich hätten merken müssen. Doch die reagieren nicht darauf. Entweder ist es ihnen egal, dass Hassan auf seine verzweifelte Situation aufmerksam macht, oder sie sind durch eine psychische Blockade – vielleicht hervorgerufen durch eine Hypnose – nicht in der Lage, Hassans Botschaften zu deuten.“
Peter Michael Hanson:„Vielen Dank, Midori. Dieser Hassan könnte ein Schlüssel sein. Wir sollten ihn aufmerksam beobachten. Was die mögliche Gehirnwäsche der anderen angeht, so sollten wir sie erst einmal als Hypothese betrachten. Was glauben Sie, Frederico? Ich nehme an, Ihr Dienst hat die Astronauten während der Auswahlphase ausgiebig unter die Lupe genommen. Wäre eine Verabredung aller Besatzungsmitglieder zu einem terroristischen Verbrechen dieser Größenordnung oder eine Beeinflussung und Fremdsteuerung möglich?“
Frederico Ramirez: „Eine Verschwörung der Besatzung halte ich für völlig ausgeschlossen, Mike. Die Familien und das soziale Umfeld aller Lunanauten haben wir eingehend vernommen, ihre Biografien wieder und wieder überprüft, und nicht erst seit dem Vorfall. Wir können uns weder erklären, wie die Besatzungsmitglieder uns alle haben täuschen können, noch, wie sie sich überhaupt konspirativ zu dieser Tat verabreden konnten. Die Astronauten stammen doch aus verschiedenen Ländern, hatten vor der gemeinsamen Ausbildung keinen Kontakt zueinander und konnten ihre Auswahl natürlich in keiner Weise beeinflussen. Warum also gerade sie? Während des gemeinsamen Trainings waren sie mit allen anderen Anwärtern zusammen. Die Auswahl derjenigen, die zum Mond fliegen sollten, erfolgte ja erst in einer späteren Phase.
Wir unterziehen zurzeit die anderen Astronauten, die für dieses Projekt ausgebildet, aber nicht berücksichtigt wurden, einer eingehenden Befragung. Wir verhören sogar alle Kandidaten, die sich beworben haben, auch die von vorneherein abgelehnten und die, die es ins zweite oder dritte Auswahlverfahren geschafft haben. Da der Präsident den nationalen Notstand ausgerufen hat, können wir die Notstandsgesetze anwenden und brauchen bei der Auswahl der Verhörmethoden nicht zimperlich zu sein. Wir können drohen, sie psychisch unter Druck setzen und Lügendetektoren und Wahrheitsdrogen ohne Einwilligung der Befragten einsetzen. Ich bin sicher, in manch anderem Land, das an der UNSA beteiligt ist und das Zugriff auf abgelehnte Bewerber der Luna 2 Mission hat, geht man noch rigoroser vor. Aber bisher ist noch nichts dabei herausgekommen, und ich bezweifle, dass wir noch Erkenntnisse erhalten. Ich denke, keiner der nicht berücksichtigten Männer und Frauen hat etwas mit der Sache zu tun. Was das Rätsel nur noch größer macht.
Denn wie soll eine Verschwörung in so kleinem Kreis möglich sein? Wieso haben sich gerade die dazu verabredet, die am Ende wirklich zum Mond geflogen sind? Wie hat der so genannte Geheimbund ‚Mutter Erde’ Kontakt zu ihnen aufnehmen können? Sie waren doch abgeschirmt und isoliert während der Vorbereitungsphase, hatten in den letzten Monaten zu Außenstehenden außer ihren Familien keinen Kontakt. Dann müsste die Geheimorganisation an ihre Angehörigen herangetreten sein und sie unter Druck gesetzt haben. Aber deren Befragung hat keinerlei Indizien dafür ergeben. Und diese Hypnosetheorie – na ich weiß nicht. Wo und wann soll denn die Gehirnwäsche stattgefunden haben? Die Astronauten lebten doch unter den Kameras der Sicherheitskräfte in den letzten Monaten. Denken Sie vielleicht an eine vor Jahren durchgeführte Massenhypnose aller möglichen Bewerber aus aller Herren Länder, Midori? Das ist doch so was von lächerlich!“
Peter Michael Hanson:„Bevor wir uns hier wegen angeblich unhaltbarer Thesen gegenseitig die Kompetenz absprechen, lassen Sie uns lieber erst einmal die Fakten sammeln, dann können wir vielleicht Möglichkeiten ausschließen. War es nicht Sherlock Holmes, der in einem von Doyles Geschichten gesagt hat: Wenn man das Unmögliche ausschließt, muss das was übrig bleibt, so unwahrscheinlich es auch erscheint, die Wahrheit sein? Also wollen wir zunächst einmal die Möglichkeiten alle aufzählen, bevor wir mit dem Ausschließen beginnen, denn sonst könnte uns eine entgehen, und es bleibt am Ende des Analyseprozesses nichts übrig. Ruth, können Sie uns eine Zusammenfassung der polizeilichen Ermittlungen geben?“
Ruth Horngacher:„Leider habe ich fast nichts, was ich berichten könnte. Wir, das heißt, die zuständigen nationalen Polizeistellen und die Ermittler der UN, haben sehr viele einsitzende Terroristen verhört und sind noch dabei. Eine Organisation mit dem Namen ‚Mutter Erde’ ist keinem der Befragten bekannt. Es gibt auch keinerlei Hinweise darauf, dass sich eine andere Terrororganisation dahinter verbirgt. Die meisten der ja von Striker nicht namentlich genannten angeblichen Geldempfänger, seien es Hilfsorganisationen, Umwelt- und Antiglobalisierungverbände, renommierte wie radikale, haben sich von ‚Mutter Erde’ distanziert und werden, falls auf ihren Konten plötzlich große Spenden unbekannten Ursprungs auftauchen, den Ermittlern die Nachverfolgung ermöglichen. Lediglich einige ideologische Aktivisten-Gruppen äußern sich dahingehend, dass sie zwar einen möglichen Terroranschlag mit thermonuklearen Gefechtsköpfen ablehnen, sich aber über das Geld freuen würden, falls sie damit bedacht würden und dass sie in dem Fall von ihrem Recht, die Spender nicht zu nennen, Gebrauch machen würden. Das ist natürlich reine Propaganda, denn ein solches Recht existiert nicht im Falle einer internationalen Bedrohung. Allerdings müssten wir erst einmal herauskriegen, wo das Geld angekommen ist. Und das wird sehr schwierig. Eine Überwachung aller Konten aller Hilfsorganisationen wird sich schwerlich durchführen lassen. Wir sind also darauf angewiesen, dass sich solche riesigen Geldmengen nicht verbergen lassen. Irgendwer wird immer die Klappe aufreißen, wenn seine Organisation von einer Minute auf die andere um ein paar Millionen Dollar reicher ist.
Aber wer sagt uns denn, dass Striker nicht lügt? Vielleicht ist das ja alles ein dreister Trick, und es steckt überhaupt keine Weltverschwörung verblendeter Idealisten oder Ideologen dahinter, sondern eine Geldverschwörung. Wir sollten auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass es sich hier um ein Verbrechen aus Geldgier handelt und die Milliarden auf den Konten irgendwelcher Gangster landen. Dann dürften sie noch schwieriger zu finden sein.“
Peter Michael Hanson:„Wir wissen also weder, was die Motive oder Gründe für das Verhalten der Astronauten ist, noch, ob eine Geheimorganisation ‚Mutter Erde’ existiert, bzw. wer dahinter steckt und was die wahren Absichten der Drahtzieher sind. Das ist erschreckend wenig. Wissen wir denn wenigstens, wie wir auf die Bedrohung reagieren können, John?“
General John Wood: „Es gibt eine Reihe von Optionen. Spielen wir einmal die Möglichkeiten durch, die wir im Taktischen Stab diskutiert haben:
Erstens: Ist es möglich, ein Raumschiff mit schwer bewaffneten Marines hinaufzuschicken und die Station zu erobern? Theoretisch ja, aber nicht innerhalb weniger Tage. Sie wissen, dass seit einigen Jahrzehnten das Gros der Astronauten keine Militärs mehr sind, sondern Wissenschaftler, Ingenieure, Elektroniker, Mechaniker und andere gut ausgebildete Spezialisten. Die Raumfahrt ist nach der Vereinigung von NASA, ESA, russischer Raumfahrtbehörde und den anderen nationalen Space-Organisationen eine zivile Behörde geworden. Astronautisch ausgebildete Militärs stehen heutzutage kaum noch zur Verfügung. Man könnte aber weder Soldaten ohne Astronautenausbildung zum Mond schicken, noch zivilen Astronauten Waffen in die Hand drücken.
Zweitens: Wäre es möglich, die mit den Sprengköpfen bestückte Raumfähre abzufangen und zu vernichten? Diese Option birgt sehr große Risiken. Ein Raumfahrzeug hat eine solch große Geschwindigkeit bei Annäherung an die Erde und stellt ein so kleines Ziel dar, dass es wohl nicht in einer unkritischen Distanz abgefangen werden kann. Dies gilt natürlich umso mehr für die 24 Sprengköpfe, nachdem sie einmal ausgestoßen sind. Wir werden natürlich alles versuchen, um die zurück kehrende Raumfähre in sicherem Abstand zur Erde auszuschalten, aber zurzeit liegt die Erfolgschance bei höchstens 30 %. Aber wir arbeiten daran. Möglicherweise ist es unsere letzte Option, wenn alles andere schief geht.
Drittens: Wäre es möglich, die Station durch einen Angriff aus dem All zu vernichten, etwa, indem wir den Spieß umdrehen, und eine Rakete mit einem taktischen Sprengkopf auf sie lenken? Das wäre in der Tat eine Option. Sie würde zwar zum Verlust der Station führen und etwa 20 Milliarden kosten, wäre oberflächlich betrachtet also billiger, als den Erpressern die geforderte Summe zu zahlen. Leider können wir eine solche Operation nicht mikrochirurgisch durchführen. Um sicher zu gehen, dass die gut geschützte Landefähre und die zurzeit in einem unterirdischen Raum gebunkerten Sprengköpfe zerstört werden, müssten wir hohe Sprengkraft einsetzen. Das, was die Kritiker der Mission zu Unrecht behaupten, nämlich, dass durch die gezielte thermonukleare Sprengung zur Erzeugung des Abbauschachts die Kaverne explodieren und ihr Inhalt – Wasser und Erze, zusammen mit Millionen Tonnen Gestein – ins All geblasen würde, dürfte bei einem solch unpräzisen Angriff mit hoher Wahrscheinlichkeit geschehen, und die Folgen für die Erde wären unabsehbar.
Deshalb bleibt uns nur eine praktikable Option übrig: zahlen.“
Frank Redding:„Ist da noch Kaffee in der Kanne?“


Global Network Services

„Guten Tag, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger. Heute ist der 23. September 2087. Es ist 11:00 a.m. Eastern Standard Zeit. Wir sind Erica Bellings und…“
„John Major Roggencamp.“
„Und wir präsentieren Ihnen die GNS-News, die heute ganz im Zeichen der terroristischen Erpressung durch den Verräter Josh Striker und seine verbrecherischen Kumpane steht. Hören wir zunächst unseren Korrespondenten in Washington, Igor Sephson. Ige?“
„Hallo Erica. Der Präsident hat vor einer halben Stunde eine Erklärung zur Lage der Nation abgegeben. Wir haben sie ja vor kurzem live übertragen.“ (Bilder vom unrasierten und übernächtigten Präsidenten mit ernstem Gesicht, hinter einem Redepult stehend, darüber die US-Flagge.) „Präsident Kingcross hat zwar zu Ruhe und Besonnenheit aufgerufen, die Lage aber keineswegs beschönigt. Vor einer solch ernsten Herausforderung hätten die USA und die internationale Gemeinschaft seit vielen Jahren nicht mehr gestanden. Er versicherte, dass die gesamte freie Welt hinter Amerika stünde. Wie unsere Zuschauer wissen, rief er letzte Nacht den nationalen Notstand aus, betonte aber, dass dies für die übergroße Mehrheit des amerikanischen Volkes keinerlei Auswirkungen habe. Lediglich Verbrecher und Terroristen hätten die damit verbundenen erweiterten Möglichkeiten der Exekutivorgane zu fürchten.“
John Major Roggencamp: „Ige, Sie sagten, die ‚freie Welt’ stünde zu Amerika. Hat denn der Präsident etwas zu den Reaktionen aus dem Vereinigten Islamischen Kalifat und der Union der Sozialistischen Republiken Südamerikas gesagt? Dort hat es ja amerikafeindliche Demonstrationen mit Tausenden von Teilnehmern gegeben.“ (Holo einer aufgebrachten Menschenmenge. Transparente mit der Aufschrift ‚Gott liebt Mutter Erde, der Satan liebt die USA’ werden hochgehalten. Eine Strohpuppe mit Zylinder und einem Stars-and-Stripes Frack brennt lichterloh.)
Igor Sephson: „Präsident Kingcross ist darauf nicht eingegangen.“
Erica Bellings: „Danke Ige.
Liebe Zuschauer, wir haben Besuch im Studio von dem angesehenen Terrorismus-Experten der UN, Alan White. Guten Tag, Alan.“
„Guten Tag, Erica. Obwohl es ja wirklich kein guter Tag ist.“
„Da haben Sie Recht, Alan. Hinter dem feigen Anschlag steckt also ein Geheimbund namens ‚Mutter Erde’. Glauben Sie, dass diese Ökoterroristen wirklich die Erde bombardieren werden und der Welt ein nuklearer Winter droht?“
„Lassen Sie mich einige Dinge klarstellen, Erica: Zunächst haben wir es noch nicht mit einem Anschlag zu tun, sondern zum Glück nur mit einem angedrohten. Ob feige ein zutreffendes Adjektiv ist, bezweifele ich. Schließlich haben die Astronauten ihr Leben so gut wie verwirkt. Sie haben keine Aussicht, einer Strafe, wie immer sie ausfällt, zu entgehen. Ihnen droht sogar die Hinrichtung. Ihre Familien leiden unter ihrer Tat und müssen die furchtbaren Konsequenzen der Isolierung, Ächtung und Verfolgung wohl ihr Leben lang tragen. Jemand, der so etwas auf sich nimmt, kann kaum als feige bezeichnet werden. Vielleicht ist er verrückt, vielleicht verzweifelt, aber auch sehr mutig.
Was den sogenannten Geheimbund ‚Mutter Erde’ betrifft, so ist seine Existenz reine Spekulation. Die Behauptung, dass es sich dabei um Ökoterroristen handelt, ist meines Erachtens völliger Quatsch. Die Medien sollten nicht so unkritisch auf Propaganda hereinfallen. Öko-Fanatiker würden der Umwelt doch niemals einen solch großen Schaden zufügen.
Und schließlich: so furchtbar die Katastrophe durch einen Anschlag mit 24 sehr kleinen thermonuklearen Sprengköpfen auch wäre, sie wäre keineswegs global. Nicht die Erde wollen die Terroristen bombardieren, sondern nur die USA. Wir haben ein paar Tage Zeit um dafür sorgen, dass es gar nicht dazu kommt, und – sollte das leider Denkbare doch eintreten – um die Folgen für die US-Bürger und die der angrenzenden Staaten zu begrenzen. Durch Evakuierungsmaßnahmen, durch Verteilung der Bevölkerung auf Gebiete, die nicht zu den primären Zielen gehören, bei gleichzeitiger Blockade und Verschleierung der Informationen, die zum Mond gelangen, könnten wir viele tausend Menschenleben retten.“
„Habe ich da irgendwelche Sympathien für die Terroristen herausgehört, Alan?“
„Habe ich vielleicht Kishuaheli oder Mandarin gesprochen, Erica, dass sie mich so missverstehen? Ich bin lediglich dafür, dass wir uns an die Fakten halten und keine Massenhysterie schüren oder eine Hexenjagd auf Umweltverbände auslösen. Die Situation ist schon schwierig genug, ohne dass sie die Medien durch durchsichtige Spekulationen noch verschlimmern, die nur dazu dienen, die Einschaltquoten zu erhöhen.“
John Major Roggencamp: Liebe Zuschauer und Zuschauerinnen, unser geschätzter Gast scheint unsere ernsthaften journalistischen Bemühungen um Aufklärung misszuverstehen. Niemand hier möchte Hysterie verbreiten. Wir bemühen uns um eine sachliche Analyse der Fakten. Tatsache ist, dass ein Geheimbund namens ‚Mutter Erde’ die Verantwortung für dieses schlimme Verbrechen übernommen hat und dass…“ (Alan White aus dem off: „Das heißt aber noch lange nicht, dass er wirklich existiert!“), „und dass über unseren Köpfen 24 Atomsprengköpfe explodieren könnten, was – da werden Sie mir und Erica zustimmen – durchaus als globale Katastrophe betrachtet werden kann. Von einem Terrorismusexperten hätten wir eher Lösungsvorschläge erwartet, als…“ (Alan White aus dem off: „Dann fragen Sie mich doch nach möglichen Lösungen, statt unbeweisbare, reißerische Behauptungen aufzustellen!“).
Schnitt. Werbeblock.


Krisenstab der UNSA in Houston, 5. Sitzung, 23. September 2087, 11:43 p.m.

(Die Teilnehmer sitzen am Konferenztisch. Die Männer ohne Jacketts und Uniformjacken, mit hochgekrempelten Hemdsärmeln, unrasiert. Die Frauen mit verlaufenem Lidschatten oder ungeschminkt. Alle sehen übernächtigt aus. Sie studieren gerade ein Papier, als sich der Holo-Wandschirm einschaltet und darauf ein Mann mit nervösem Gesichtsausdruck erscheint.)
„Verzeihen Sie, Sir, dass ich den Notfallcode benutzen und Sie stören muss, aber Mr. Burdon ist gerade nicht da und…“
Frank Redding: „Schon gut, Jim. Was ist los?“
Jim:„Wir erhalten gerade eine verschlüsselte Übertragung vom Mond, allerdings ohne Bild. Bisher ist es immer die gleiche, kurze Botschaft, die wiederholt wird. Die Verschlüsselung bedient sich eines internen Notfallcodes, sodass die Übertragung nicht abgehört werden kann.“
Peter Michael Hanson:„Schalten Sie den Ton auf.“
Jim: „OK Sir.“
Eine von Störgeräuschen überlagerte Stimme erklingt:
„Ich bin Hassan al Rashid und sende von der alten, still gelegten Station aus. Bitte antworten Sie nicht, bewahren Sie Funkstille. Ich wiederhole: Bitte antworten Sie nicht.“ (Pause). „Ich bin Hassan al Rashid und sende von der alten Station aus. Bitte antworten Sie nicht. Ich wiederhole: Nicht antworten!“ (Pause. Der Empfang ist inzwischen klar.)
„Ich musste die Parabolantenne neu justieren. Ich denke, Sie können mich jetzt gut empfangen. Ich habe ein still gelegtes Sonnensegel in Betrieb genommen und speise damit einen Sender, der noch nicht ausgebaut worden ist.
Ich hoffe, die anderen suchen nicht nach mir. Aber sie schenken mir nicht allzu viel Interesse, deshalb glaube ich nicht, dass mir jemand gefolgt ist. Dennoch war ich vorsichtig, denn der feine Staub auf dem Kraterboden zeigt jede FuĂźspur. Ich bin deshalb kreuz und quer und im Kreis gelaufen und habe Spuren wie eine Herde Gnus hinterlassen.
Ich werde Ihnen erzählen, was passiert ist, aber Sie dürfen auf keinen Fall antworten, denn Striker und seine Leute würden Sie hören und erfahren, dass ich sie verrate. Ich übermittele Ihnen jetzt einen neuen Chiffrierungs-Code. Wenn ich es das nächste Mal schaffe, diese Funkstation zu benutzen, werde ich sie so einrichten, dass sie mir eine verschlüsselte Antwort schicken können, die ich mit dem Code dechiffriere. Striker wird dann nur Rauschen hören.“
(Funkstille, dann ein regelmäßiges Geräusch von kurzen Pulsen, in Abständen wiederholt).
„So, ich hoffe, Sie haben den Code registriert. Aber benutzen können Sie ihn erst das nächste Mal. Haben Sie verstanden? Nein, antworten Sie nicht! Mist. Entschuldigen Sie. Ich bin ein bisschen nervös. Ich habe in den vergangenen Stunden Schlimmes erlebt.
Alles begann damit, dass eine Ratte aus dem Bio-Labor verschwunden ist. Irgendjemand hat die Käfigtür aufgelassen, und sie ist abgehauen. Jonas, Phoolendu und ich haben stundenlang nach ihr gesucht, aber sie war verschwunden. Wissen Sie, zu der Zeit waren sie wirklich noch Jonas und Phoolendu… aber lieber der Reihe nach:
In der Nacht bin ich aufgewacht. Etwas surrte und dann hörte ich die Ratte. Ich machte das Licht an und sah sie gerade in einem Loch verschwinden. Aber das Surren war immer noch da. Unter meiner Liege war eine Öffnung entstanden. Ich schaute hinein und da packte mich plötzlich eine Hand an der Gurgel…“

Als er sich bückt, um in die Öffnung hineinzuschauen, die sich da von selbst aufgetan hat, kommt eine Hand hervor und packt ihn mit übermenschlicher Kraft am Hals, würgt ihn. Hassan will schreien, aber seine Kehle ist zugeschnürt. Panisch packt er Unterarm des anderen, versucht sich zu befreien, spürt dessen Härte und begreift, dass sein Gegner viel stärker ist als er. Dennoch kämpft er wie besessen um sein Leben, stemmt die Füße gegen den Körper des anderen und setzt seine ganze Kraft ein. Da sein Hals schweißnass ist, rutscht die Hand seines Gegners schließlich ab. Hassan kriecht davon, keucht und will um Hilfe rufen, aber er bringt nur ein Krächzen hervor.
Als sich seine Augen an das schattige Dämmerlicht in der Nische unter seiner Liege gewöhnt haben, erkennt er ungläubig, dass der Mann, der da in einer Öffnung kaum größer als er selbst eingezwängt liegt, aussieht wie sein Zwilling! Und dieser andere Hassan hat versucht ihn umzubringen! Hassan ist bis an die gegenüberliegende Wand zurückgekrochen und starrt angsterfüllt auf die Hand, deren Finger sich immer noch krümmen und öffnen. Der Rest des Körpers, der kaum in das enge Versteck passt, scheint gelähmt. Lediglich die ausdruckslosen Augen rollen hin und her, blicken Hassan nicht einmal an.
Aus dem Körper des Mannes unter der Liege läuft etwas aus: dick und dunkel wie Blut, aber von blauer Farbe. Die Bewegungen seiner Augen werden schwächer. Der Arm tastet hin und her, sucht etwas, um danach zu greifen, aber auch diese Bewegung wird langsamer, kommt schließlich zum Stillstand. Schließlich starrt er mit offenen, leeren Augen. Hassans Zwillingsbruder scheint tot zu sein. Vorsichtig und immer noch voller Angst nähert sich Hassan. Er entdeckt ein Loch im Brustkorb der Leiche. Fetzen von Plastik und ein durchgebissener Schlauch hängen heraus, aus dem die Flüssigkeit tropft. Da erkennt er: Die Gestalt unter dem Bett ist kein Mensch, sondern ein täuschend menschenähnlicher Roboter, ein Android! Dem ist offenbar die kleine Laborratte zum Verhängnis geworden, die eine lebenswichtige Hydraulik-Ader durchgebissen hat.
Hassan versteht das alles nicht: Was macht diese Hassan-Kopie unter seinem Bett? Wieso wollte sie ihn umbringen? Warum hat sie sich nicht gegen die Ratte gewehrt? Die letzte Frage glaubt er, jetzt beantworten zu können: Der Roboter war wohl ausgeschaltet, als der Nager ein Loch in ihn gefressen hat. Entweder hat ihn die Ratte versehentlich eingeschaltet oder er wurde über Funk oder durch eine Zeitschaltung aktiviert, nachdem ihn das Tier irreparabel beschädigt hat. Dem kleinen Nager verdankt Hassan jedenfalls sein Leben.
Er muss die anderen warnen.

Er öffnet die Tür und geht hinaus. Er befindet sich in einem kreisrunden Gang, um den nach außen die Kabinen der Besatzungsmitglieder sternförmig angeordnet sind. Vor der nächsten Tür im Gang steht Jonas Blake. Über seiner Schulter hängt die leblose Gestalt von Jonas Blake! Sein Mund steht offen, die Zunge hängt schwärzlich und gequollen heraus, blutunterlaufene Augen, rote Druckstellen am Hals. Hassan wendet sich um, um davonzulaufen und stößt beinahe mit der Bordingenieurin Karen Ereksdottir zusammen, die vor ihrer Tür steht und die Leiche ihres Zwillings trägt. Ein hastiger Blick zur nächsten Tür, kurz bevor sich der gebogene Gang seinem Blick entzieht, zeigt, dass auch dort ein Android mit einem toten Besatzungsmitglied in den Armen steht, der Geologin Hu Chen. Plötzlich kommt Striker um die Ecke, über seiner Schulter einen ihm gleichenden Klon. Der Kommandant spricht Hassan mit emotionsloser Stimme an: „Al Rashid: Fehlfunktion überprüfen. Leiche herausbringen.“
Es ist ein Befehl. Endlich begreift Hassan die Ungeheuerlichkeit des Geschehenen: Ihnen zum Verwechseln ähnliche Androiden haben die Lunanauten ermordet! Lediglich er ist mit dem Leben davon gekommen, dank der scharfen Zähne einer Ratte. Der Android in Gestalt Strikers hält Hassan offenbar für seinesgleichen.
Er geht zurück in seine Kabine, zerrt den schweren, wie er selbst aussehenden Roboter unter seiner Liege hervor, wuchtet ihn über die Schulter (nur wegen der geringen Schwerkraft des Mondes ist er imstande, ihn zu tragen) und tritt damit wieder auf den Gang. Er hält die Hand über die Öffnung im Brustkasten, damit keiner der Androiden erkennt, dass in seinem Fall der Mensch den Roboter trägt, und nicht umgekehrt, wie es offenbar geplant war.
Die Kolonne der Androiden mit ihren toten menschlichen Zwillingen bewegt sich vorwärts und Hassen mittendrin! Er weiß nicht, was er machen soll, versucht mit den raumgreifenden Schritten der künstlichen Menschen mitzuhalten. Striker führt sie zu einer Kammer, die Hassan noch nie betreten hat. Doch er weiß, worum es sich handelt. Hier wird der Müll der Station recycelt und alles nicht Verwertbare verbrannt. Der Striker-Android wirft die Leiche seines biologischen Vorbilds in eine Öffnung, hinter der eine metallene Rutsche in die Tiefe der Brennkammer führt. Die anderen Androiden tun es ihm nach, und auch Hassan wirft seinen Klon hinein. Dann aktiviert das Kommandantendouble den Verbrennungsofen.
„Mitkommen“, sagt er.

Die folgenden Stunden werden zur Hölle für Hassan. Zuerst hat er keine Ahnung, was hier gespielt wird und ist in ständiger Angst, sich zu verraten. Erst auf der Pressekonferenz erfährt er zu seinem Entsetzen, was die Androiden vorhaben. Danach geht es für ihn ums nackte Überleben. Er weiß, dass ihm der Tod blüht, wenn die anderen entdecken, dass er ein Mensch ist. Doch im Gegensatz zu ihnen muss er essen, trinken, schlafen und aufs Klo gehen, und das alles heimlich.
Doch zunächst kann er sich nicht von den anderen absondern, ohne Verdacht zu erregen. Er ist dabei, als Striker und seine Kumpane die 24 Atomsprengköpfe in dem sprengsicheren Bunker umprogrammieren. Natürlich weiß er nicht, was seine Aufgabe dabei sein soll. Seltsamerweise nehmen sie seine Inaktivität kaum zur Kenntnis. Dann warten sie mit der unendlichen Geduld von Maschinen. Sie warten auf die Nachrichten von der Erde über die eingegangenen Erpressungsgelder. Das Ultimatum läuft. Die Verantwortlichen auf dem Heimatplaneten haben noch rund 50 Stunden Zeit, die erste Milliarde aufzutreiben. Dann soll der Code für die Bestätigung des Transfers übermittelt werden. Kann die UNSA diese Frist nicht einhalten, werden die Androiden einen Sprengkopf in die Raumfähre laden. Die weiteren Transfers sollen dann in zweistündigen Abständen erfolgen.
Natürlich hat Hassan während der vorausgegangenen Verhandlungen in der Messe die Bemühungen der UNSA gespürt, den Ablauf zu verzögern. Sie haben immer neue angebliche Schwierigkeiten aufgetürmt, um die Erpresser zu veranlassen, ihnen mehr Spielraum und eine längere Frist zu gewähren. Bei menschlichen Terroristen hätten die Verhandlungsspezialisten vielleicht auch Erfolg mit ihrer Taktiererei gehabt, aber bei den Androiden bissen sie auf Granit, ohne zu wissen, warum. Hassan muss es ihnen sagen.
Er stellt fest, dass ihn niemand daran hindert, die Station zu verlassen und macht sich auf zur alten Mondstation. Und er findet dort tatsächlich eine noch funktionsfähige Richtfunkantenne mit einem Sender. Natürlich ist der Strom abgeschaltet, da die Station schon lange nicht mehr in Betrieb ist, aber Hassan gelingt es, den Photovoltaik-Generator zu aktivieren und sendet endlich die Botschaft an die UNSA...

„So, jetzt wissen Sie, was geschehen ist. Ich hoffe, Ihre Experten finden eine Lösung, diese Maschinen auszuschalten, denn ich weiß nicht, wie lange ich noch vor ihnen verbergen kann, dass ich ein Mensch bin. Ich muss jetzt Schluss machen. Meine lange Abwesenheit könnte Verdacht erregen. Ich melde mich wieder, sobald ich kann. Houston, over.“
(Der Lautsprecher gibt nur noch ein leises Rauschen von sich. Die Verbindung ist beendet.)
Ruth Horngacher: „Ich fasse es nicht! Sie sind alle tot?“
Midori Watanabe: „Androiden! Jetzt wird mir vieles klar.“
Frederico Ramirez: „Das ändert alles.“
Peter Michael Hanson: „Hören Sie jetzt alle genau zu:
Ich berufe mich hiermit auf Notstandgesetz §3.1, Absatz 2 und verpflichte alle Anwesenden, über das Gehörte absolutes Stillschweigen zu wahren. Es unterliegt der obersten Geheimhaltungsstufe. Ich setze Sie davon in Kenntnis, dass ein Verstoß gegen diese Anweisung mit Gefängnis bis zu 30 Jahren bestraft werden kann! Frank, gehen Sie sofort ins Mission Control Center und informieren Sie die Leute dort, dass sie ebenfalls der Geheimhaltungspflicht unterliegen. Ab jetzt dürfen keine weiteren Personen von dieser Sache erfahren, auch keiner Ihrer Leute, der sich während der Übertragung gerade nicht im Hauptkontrollraum aufgehalten hat, ob er nun auf dem Klo war oder dienstfrei hatte. Am besten, Sie lösen sofort alle Diensthabenden im Kontrollraum ab und ordnen einen Schichtwechsel an, auch wenn das Verdacht erregt.
An alle hier im Raum: Ich will das noch mal unmissverständlich klar stellen: keiner von Ihnen informiert seine Leute, solange ich es nicht erlaube. Kapiert?
Gut. Frank, Sie bleiben zunächst im Mission Control Center, nachdem Sie die Ablösung dort organisiert haben. Lassen Sie sich für die neue Schicht eine glaubwürdige Story einfallen. Frederico, isolieren Sie die Leute, die die Übertragung gehört haben. Sie werden jeden, der sich im Control Center aufgehalten hat, persönlich verhören. Stellen Sie fest, mit wem sie seit der Übertragung geredet haben und isolieren Sie diese Personen ebenfalls.
Alle anderen suchen sofort ihre Privatquartiere auf. Versuchen Sie meinetwegen, eine Runde zu schlafen, duschen Sie, lesen Sie oder bestellen Sie sich etwas zu essen. Aber bleiben Sie dort, bis ich Sie rufe. Ich werde jetzt den Präsidenten anrufen.“
Midori Watanabe: „Aber was ist mit den Angehörigen der Astronauten? Wir müssen ihnen doch wenigstens sagen, dass sie tot sind!“
Peter Michael Hanson: „Midori, wollen Sie mich dazu bringen, an Ihrer Intelligenz zu zweifeln? Ich sage es nicht noch einmal: Sie halten alle die Klappe, verstanden?“


Krisenstab der UNSA in Houston, 6. Sitzung, 24. September 2087, 2:50 p.m.

Peter Michael Hanson: „Frank, Frederico, Ihren Lagebericht, bitte.“
Frank Redding: „Ich habe alle im Kontrollraum die Geheimhaltungsverpflichtung unterschreiben lassen. Frederico ist dann kurz darauf mit zwei Marshals der Security Forces erschienen und hat die Leute mitgenommen. Wir hatten Glück: Kurz vor al Rashids Botschaft war die Mittagspause der Schicht zu Ende. Die meisten hatten sich etwas bei einem Pizza-Service bestellt. Ich habe deshalb das Gerücht verbreitet, das Essen sei verdorben gewesen und einige hätten eine Lebensmittelvergiftung. Da wir nicht wüssten, ob sie bei den anderen auch auftreten würde, hätte ich alle nach Hause geschickt. Das wird uns aber höchstens ein paar Stunden Zeit geben. Timothy Burdon, mein Stellvertreter, nimmt mir die Geschichte jedenfalls nicht ab. Er hat sich zwei Stunden aufs Ohr gelegt, weil er die ganze Nacht durchgearbeitet hat, und ist kurz nach dem Schichtwechsel erschienen. Wir könnten vermutlich länger den Deckel draufhalten, wenn ich ihn einweihe.“
Peter Michael Hanson: „Kommt nicht in Frage. Frederico, wie ist es bei Ihnen gelaufen?“
Frederico Ramirez: „Die Leute sind isoliert. Sie haben mit niemandem gesprochen. Keiner außer ihnen und uns hier im Raum weiß von der Geschichte.“
Peter Michael Hanson: „Gut. Dann lassen Sie uns die Lage im Licht der neuen Erkenntnis erörtern. Hassan al Rashids Bericht stellt unsere bisherigen taktischen und strategischen Überlegungen auf den Kopf. Midori, ihre Profiler und Psychologen sind leider völlig nutzlos: Wir wissen jetzt, dass wir weder eine Aussicht haben, die Terroristen in irgendeiner Weise durch Verhandlungen zu beeinflussen, noch ihr Verhalten vorherzusagen. Aber es gibt einen neue, unvermutete Chance: Wer immer diese Androiden gebaut und programmiert hat, könnte sie vermutlich abschalten oder wenigstens ihr Programm beeinflussen. Wir müssen diese Leute finden. Doch wer wäre überhaupt in der Lage, solche Roboter zu konstruieren und auf die Mondstation einzuschleusen?“
Ruth Horngacher: „Zum Glück liegt das auf der Hand. Androiden sind äußerst komplexe, hoch spezialisierte Roboter. Derart menschenähnliche Androiden wie die, mit denen wir es auf der Mondstation zu tun haben, sollte es eigentlich noch gar nicht geben, jedenfalls habe ich noch nie davon gehört. Ich glaube aber, dass nur ein Technologie-Unternehmen in der Lage wäre, sie herzustellen, nämlich die Ozwell Robotic Company, kurz ORC. Sie sind in der Robotik weltweit führend und könnten vielleicht über die notwendigen Fähigkeiten und Ressourcen verfügen, täuschend echte Menschenclone zu entwickeln.“
Frank Redding: „ORC! Ja natürlich! Die waren ja auch sehr stark in die Entwicklung und den Bau der Mondstation einbezogen. Sie stellen zum Beispiel unsere Raumanzüge her und fast alle mechanischen Automaten für Reparaturen und Montage unter Weltraumbedingungen. Ja, wenn die Terroristen bei ORC arbeiten, hätten sie die Möglichkeiten gehabt, Androiden dort zu verstecken.“
General Wood: „Moment mal. Wir reden hier von einem weltweit führenden Unternehmen mit Milliardenumsätzen. Sie glauben, das sind Ökoterroristen?“
Midori Watanabe: „Wer sagt denn, dass die Motive, die Striker und seine Leute vorgeblich haben, wirklich stimmen. Das ist doch allzu durchsichtig. Und wenn etwas ganz anderes dahintersteckt?“
General Wood: „Und was soll das sein?“
Ruth Horngacher: „Geld, Macht, Einfluss natürlich. Wie fast immer in solchen Fällen. Die meisten Menschen können sich nicht im Traum vorstellen, was in den Spitzen so mancher Konzerne verabredet wird, um sich gesetzeswidrig zu bereichern und Einfluss zu verschaffen. Korruption, Bestechung, Kauf von Politikern, selbst Auftragsmorde sind gar nicht so selten. Ich habe täglich damit zu tun. Ich könnte Ihnen jetzt ein dutzend Weltunternehmen mit mafiösen Strukturen nennen, werde es aber nicht tun, weil ich leider keine gerichtsfesten Beweise habe. Es wäre eine neue Dimension, zugegeben, aber durchaus vorstellbar.“
Peter Michael Hanson: „Was wissen wir über ORC, Frederico?“
Frederico Ramirez: „Ein führendes Technologieunternehmen, milliardenschwer. Aus dem Kopf kann ich nur sagen, dass der Firmengründer Tim Ozwell die Fäden in der Hand hält. Seine Familie besitzt jedenfalls die Aktienmehrheit. Er ist der Tycoon, der Pate, der unumschränkte Alleinherrscher von ORC. Er hat Geld wie Heu. Warum sollte er sich auf eine solche Erpressungsgeschichte einlassen?“
Peter Michael Hanson: „Stellen wir die Motive erst einmal beiseite. Nach dem Warum fragen wir später. Jetzt geht es erst einmal um das Wie. Wie haben diese Leute also ihre mechanoiden ‚Schläfer’ eingeschleust, Frank?“
Frank Redding: „Das muss schon vor rund 18 Monaten während des Baus der Mannschaftsquartiere passiert sein. Eines verstehe ich aber nicht: Es hat ja Personalfluktuationen in der Mannschaft gegeben. Einer der für Luna 2 vorgesehenen Besatzungsmitglieder, Shen Yang, ist bei einem Flug mit seiner Privatmaschine abgestürzt, bei einer anderen Astronautin fand man heraus, dass sie ein Alkoholproblem hatte. Beide sind durch neue Leute ersetzt worden Doch zu der Zeit war die Mondstation fast fertig. Wie haben es die Terroristen geschafft, die Androiden danach noch auszutauschen?
Wie auch immer. Das wird sich noch klären. Entscheidender sind aus meiner Sicht jetzt andere Dinge, Mike: Ich war ja von Beginn an dabei, seit der Planung von Luna 2, und ich weiß daher, dass eine solche Aktion sehr viele Mitwisser bei ORC haben muss. Das kann keine Bande von ein paar Leuten sein, das muss von den Mechanikern, Elektronikern, Ingenieuren bis in die höchsten Entscheidungsgremien des Unternehmens reichen. Wir haben es mit einer Hydra zu tun und können nur gewinnen, wenn wir alle ihre Köpfe gleichzeitig abschlagen.“
Peter Michael Hanson: „Und können wir das, Ruth und Frederico?“
Ruth Ramirez: „Es wird schwer, eine solche koordinierte Aktion unter höchster Geheimhaltungsstufe durchzuführen. Der Konzern wird zwar straff von den Ozwells geführt, besteht aber aus einem Geflecht von Firmen in aller Welt. Wenn wir uns auf die Konzernspitze und die Teile des Unternehmens beschränken, die mit dem Bau der Mondstation befasst waren, haben wir es immer noch immer noch mit einigen hundert Verdächtigen zu tun. Die müssen wir alle gleichzeitig hochnehmen.“
Frederico Ramirez: „Und wir sollten nicht vergessen, auch die Finanzverbindungen zu prüfen. Ich werde meine besten Leute daran setzen, die Ziele zu bestimmen und einen Koordinierungsplan zu erstellen. Wir haben ja noch rund 24 Stunden Zeit, bis wir den ersten Code übermitteln müssen. Vorher schlagen wir zu und heben die Bande aus.“
Peter Michael Hanson: „Gut, Frederico. Arbeiten Sie mit Ruth und Interpol zusammen. Wir müssen das Netz so engmaschig legen, dass uns keiner entwischt. Denn sollte das geschehen… Sie können sich selbst ausmalen, was wahrscheinlich passiert, wenn wir die Androiden nicht deaktivieren können. Ich habe vorhin mit dem Präsidenten gesprochen. Er hat eine Option für den Fall angeordnet, dass wir versagen: General Wood, hier ist sein schriftlicher Befehl.“ (Überreicht Wood einen Umschlag.) „Er lautet sinngemäß: Schicken Sie irgendetwas hoch, was diese Maschinenmenschen zerstören kann.“


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„Guten Tag, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger. Heute ist der 24. September 2087. Es ist 8:00 p.m. Eastern Standard Zeit. Wir sind Erica Bellings und…“
„John Major Roggencamp.“
„Sie sehen nun eine GNS-Sondersendung zur ‚Mutter Erde’-Krise. John?“
„Danke, Erica. Zunächst zur Lage auf dem Mond: 48 Stunden sind seit Beginn des Ultimatums verstrichen. In sechs Stunden muss die erste Milliarde überwiesen sein und der Bestätigungscode der unbekannten Empfänger, der Mitglieder des Geheimbundes ‚Mutter Erde’, zu ihren Komplizen auf dem Mond übertragen werden. Geschieht dies nicht, so werden Striker und seine Leute die erste Bombe scharf machen. Die Verhandlungen der letzten beiden Tage haben offenbar zu keiner Entspannung geführt. Die Erpresser sind nach wie vor entschlossen, ihre Bedingungen durchzusetzen. Sie zeigen nicht das geringste Entgegenkommen bezüglich der von der UNSA erwünschten Verlängerung des Ultimatums.
Aber die Polizei und die Terrorabwehr waren inzwischen nicht untätig. Es sieht so aus, als habe man die Hintermänner der Verbrecherorganisation ermittelt! Und damit gebe ich das Wort wieder an Erica Bellings. Erica?“
„Danke, John. Ja, es scheint sich eine echte Überraschung anzubahnen. Weltweit hat es nämlich Razzien und Festnahmen gegeben, und die meisten haben zu tun mit dem amerikanischen Technologie-Unternehmen Ozwell Robotic Company, Ihnen allen bekannt unter dem Kürzel ORC. Tim Ozwell, der Firmenchef, wurde auf seiner Yacht Starborn verhaftet, mit der er seit zwei Wochen im Golf von Mexico kreuzt.“
(Holoübertragung von mehreren Schiffen der Küstenwache und einigen Hubschraubern, die eine Luxus-Motoryacht umkreisen. Vermummte Bewaffnete werden aus den Hubschraubern auf das Deck der Yacht abgeseilt und schwärmen aus. Schnitt. Bilder der Besatzung, die mit erhobenen Händen von dem Enter-Team in Schach gehalten wird. Schnitt. Großaufnahme von Tim Ozwell, der grinsend in die Kamera blickt, die mit Handschellen gefesselten Hände erhebt und zwei Finger zum Victory-Zeichen spreizt.)
„Nicht nur der Unternehmensgründer wurde festgenommen, sondern auch die komplette Firmenspitze und Hunderte von Angestellten.“
(Holoübertragung von der Durchsuchung eines riesigen Büros. Computer werden fortgetragen. Schnitt. Man sieht, wie Computer und Kisten mit Datenträgern in einen gepanzerten Wertgut-Transporter geladen werden. Das Fahrzeug wird versiegelt, und fährt – begleitet von einer schwer bewaffneten militärischen Eskorte – davon.)
„Das, liebe Zuschauer, geschah heute Nacht in der Konzern-Zentrale in Washington. Von dort berichtet unser Korrespondent, Igor Sephson. Ige?“
„Hallo Erica. Ja, offenbar vermutet die Polizei die Erpresser in den Reihen von ORC. Noch wissen wir nichts Genaues. Der Polizeisprecher hat darauf hingewiesen, dass die Ermittlungen in vollem Gange sind. Er wird uns erst in zwei Stunden nähere Auskünfte geben. Die Pressekonferenz der Polizei ist auf 10:00 p.m. anberaumt. Aus unterrichteten Kreisen ist allerdings bekannt geworden, dass neben ORC auch die Bank von Katar in dieses Jahrhundertverbrechen verwickelt sein könnte. Jedenfalls hat man deren Direktor, Abdul al Malik ibn Faisal, ebenfalls festgenommen. ORC und die größte Bank der islamischen Welt – damit ist auch die Vermutung geplatzt, die Bande habe ihren Hintergrund in antikapitalistischen und ökofundamentalistischen Kreisen. Ibn Faisal und Ozwell gehören wohl zu den glühendsten Vertretern des grenzenlosen Kapitalismus’.
Ozwell ist ja bekanntermaßen ein politischer Gegner – um nicht zu sagen: ein persönlicher Feind – von Präsident Kingcross. In seiner ersten Amtszeit hat Benjamin C. M. Kingrcoss einen Untersuchungsausschuss zur Aufdeckung von Korruption ins Leben gerufen. Der Ausschuss hatte damals konkrete Hinweise, dass sich ORC unter der Vorgängerregierung durch Bestechung und Vorteilsgewährung staatliche Aufträge in Milliardenhöhe an Land gezogen hat. Ozwells Anwälte konnten zwar eine Anklage verhindern, dennoch hat sein Konzern alle Regierungsaufträge verloren. Der Präsident hat auch alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass ORC seine Aufträge bei der UNSA verliert, aber die anderen an der UNSA beteiligten Staaten und Staatenbünde haben die USA überstimmt, angeblich, weil sonst das Luna 2 Projekt in Gefahr geraten wäre. Seitdem stehen sich Ozwell und Kingcross unversöhnlich gegenüber. Ist das Ganze also ein Rachefeldzug des Magnaten Tim Ozwell gegen unseren Präsidenten? Das sind natürlich Spekulationen, aber diese sind nicht von der Hand zu weisen. Vom Weißen Haus gibt es noch keine Stellungnahme zu den neuesten Entwicklungen, aber wir bleiben am Ball. Das war Igor Sephson aus Washington.“
„Vielen Dank, Ige. Das sind ja äußerst interessante Nachrichten. Liebe Zuschauer, wir senden nun ein Portrait zum Aufstieg Tim Ozwells vom begabten, jungen Wissenschaftler zum großen Konzernlenker und einem der reichsten Männer der Welt. Und vielleicht erleben wir auch einen Ausblick auf den möglichen tiefen Fall dieses einflussreichen Industriemagnaten.“


Krisenstab der UNSA in Houston, 7. Sitzung, 25. September 2087, 6:54 a.m.


Peter Michael Hanson: „Guten Morgen, Ladies und Gents. Ich bin gerade aus D.C. zurückgekehrt. Auch der Präsident geht inzwischen davon aus, dass Ozwell wahnsinnig geworden ist. Aber mit dessen Verhaftung ist die Krise noch längst nicht überwunden Auch wenn Sie genauso wie ich heute Nacht nicht geschlafen haben, müssen wir weitermachen. Die Zeit läuft uns davon. Ruth, Sie beginnen.“
Ruth Horngacher: „Eine gute Nachricht gleich am Anfang, Mike: Wir haben die Codes! Einige der Verhafteten konnten gar nicht schnell genug auspacken. Vor allem Joseph Takahashi, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende von ORC, war überaus kooperativ.“
Frank Redding: „Die ersten beiden Codes haben wir inzwischen an Luna 2 übermittelt. Striker scheint geschluckt zu haben, dass das Geld an seinem Zielort angekommen ist. Entschuldigen Sie die Unterbrechung, Ruth, aber das war wirklich wichtig. Bitte fahren Sie fort.“
Ruth Horngacher: „Polizei und Geheimdienst-Kräfte der an der UNSA beteiligten Länder haben wie geplant in einer koordinierten Aktion auf die Sekunde gleichzeitig zugeschlagen. Wir haben weltweit Razzien in allen Gebäuden des Konzerns und den Privathäusern und Wohnungen der Konzernmanager durchgeführt. Wir haben Hunderte festgenommen: Neben der gesamten Geschäftsführung und dem Aufsichtsrat auch alle, die in den Forschungsabteilungen des Konzerns tätig waren. Durch die Notstandsgesetze brauchten wir keinerlei richterliche Genehmigungen, und die Verdächtigen haben nicht das Recht auf einen Anwalt. Deshalb konnten wir starken Druck ausüben. Es dauerte nicht mal drei Stunden, bis der sogenannte Bund ‚Mutter Erde’ weitgehend enttarnt war: Die Drahtzieher sind neben Ozwell drei Aufsichtsratmitglieder, sieben Ingenieure und Wissenschaftler der Forschungsabteilung, sechs Verwaltungsleute der höheren Ebene, einige Führungskräfte der Finanzpartner des Unternehmens – der bekannteste Name ist Abdul ibn Faisal – sowie eine Reihe weiterer Leute in den verschiedensten Positionen. Etwa zwanzig Personen aus der Fertigung, die beim Aufbau der Station mitgearbeitet haben, sind mit hohen Summen bestochen worden, waren aber nicht in den Plan eingeweiht.
Ozwell hat inzwischen zugegeben, dass sein Motiv war, Präsident Kingrcoss in die größte Krise seiner Amtszeit zu stürzen und politisch zu vernichten. Aber warum haben die anderen mitgemacht? Nun, einigen ging es natürlich ums Geld. Eine Milliarde Dollar sind schon ein starkes Motiv. Aber andere mussten einfach mitmachen. Ozwell hatte sie in der Hand. Er weiß zu viel über sie, hätte sie ins Gefängnis bringen oder ruinieren können. Er kennt ihre verborgenen Laster, all ihre Schwächen und die Leichen in ihrem Keller.
Nachdem wir den verhafteten Finanzjongleuren klar gemacht haben, welche drastischen Strafen sie zu erwarten hätten, falls sie nicht kooperierten, haben viele die Reißleine gezogen und die geplanten Wege des Lösegeldes aufgedeckt. Die Ziele der Finanztransaktionen waren natürlich keineswegs Anti-Globalisierungs-, Umweltschutz- und Menschenrechtsorganisationen, sondern Geheimkonten der Bandenmitglieder.“
Peter Michael Hanson: „Na schön. Aber wie haben sie das alles hingekriegt? Wie haben sie herausgefunden, welche Klone sie auf dem Mond brauchten? Das würde mich doch sehr interessieren. Frank hat uns ja erzählt, dass sie die Androiden schon vor anderthalb Jahren hochgeschafft haben müssen. Aber seitdem sind zwei Besatzungsmitglieder ausgetauscht worden. Das konnte doch niemand vorher wissen.“
Ruth Horngacher: “Das hat uns zunächst auch Rätsel aufgegeben, bis wir die technischen Unterlagen der Androiden fanden. Ich zeige Ihnen dazu gleich ein Holo, das wir in einem Entwicklungslabor der ORC entdeckt haben.“ (Sie steckt einen Speicherchip in die Buchse des Wandschirms).
„Die Baupläne der Androiden und die akribisch aufgezeichneten Unterlagen des geplanten Verbrechens zeigen, wie es möglich war, dass die Lunanauten durch die richtigen Doppelgänger ersetzt werden konnten: Die Außenhülle der Androiden besteht aus einem programmierbaren plastischen Material, das durchsetzt ist von Hunderttausenden von Elektroden. Durch Anlegen geringer Spannungen können kleinste Stellen in der Außenhaut ihr Volumen ändern, wodurch man fast jede beliebige Gesichtsform nachbilden kann. Selbst die Haut- und Augenfarbe kann in weiten Grenzen durch elektrochrome Eigenschaften des Materials geändert werden. Nur die Haarlänge stellt sogar die außergewöhnliche Kunststoff-Metalllegierung, aus denen die Androiden bestehen, vor unlösbare Probleme. Verschiedene Frisuren können sie nicht nachahmen. Aber die Haare unserer Astronauten haben ja alle dieselbe kurze Einheitslänge.
Wie haben diese Leute die Androiden geformt? Ganz einfach: Die ORC lieferte ja die Raumanzüge. Zu deren Anpassung sind alle Lunanauten – auch die Ersatzleute – von ORC-Spezialisten mit einem Hololaser gescannt worden. Der Scan lieferte ein genaues 3-D-Abbild von Körper und Gesicht. Zusammen mit Unmengen von Standbildern besaßen die findigen Ingenieure der Bande eine Blaupause jedes infrage kommenden Besatzungsmitglieds.
Die zunächst gesichtslosen Einheits-Androiden lagen versteckt in den Geheimfächern unter den Liegen der Astronauten. Es fiel gar nicht auf, dass im Terabyte großen Datenstrom, der täglich vom Kontrollzentrum zur Mondstation hinaufgeschickt wurde, ein getarnter Aktivierungscode versteckt war. Bei der Aktivierung veränderten sich die Androiden dann.“
(Sie drückt auf den Startknopf der Fernbedienung. Man sieht einen nackten, bleichen, menschenähnlichen Körper mittlerer Größe auf einer Liege. Die Gesichtszüge sind nur angedeutet.)
„Ihr Stützskelett besteht aus pneumatisch in der Länge veränderbaren Elementen. Sie sehen in diesem Holo des Android-Entwicklungsteams, wie versuchsweise der Klon Karen Ereksdottirs nachgebildet wird.“
(Man sieht, wie die Beine des Androiden pneumatisch länger, die Fesseln schlanker, die Hüften breiter werden. Ihm wächst ein Busen. Die larvenartige Maske des Gesichts verwandelte sich in ein perfektes Ebenbild des Antlitz’ der Isländerin. Die Haare werden etwas dicker und lockiger, dann sickert durch Nanokanäle ein Farbstoff ein. Die schöne Frau auf dem Tisch wird silberblond. Ihre Haut tönt sich punktuell und vermittelt die Illusion von Sommersprossen. Die farblose Iris ihrer ins Leere blickenden Augen färbt sich eisblau.)
„Auf diese Weise sind auf der Raumstation nach Aktivierung perfekte Abbilder ihrer menschlichen Antipoden entstanden. Und dann erwachten sie zum Leben und brachten den Tod für ihre Zwillinge. Nur eine kleine Laborratte konnte einen von ihnen besiegen.“
(Der Holo-Wandschirm schaltet sich ein. Ein angespanntes Gesicht erscheint darauf.)
„Mr. Redding, eine dringende Nachricht von Luna 2. Commander Striker möchte Sie sprechen.“
Frank Redding: „Schalten Sie ihn auf.“
(Strikers Gesicht ist ausdruckslos. Er sitzt in der Kommandozentrale der Raumstation. Neben sich Hu Chen. Sonst ist niemand im Raum zu sehen.)
Striker: „Sie haben uns betrogen, und dafür werden wir Sie bestrafen. Ich setze Sie davon in Kenntnis, dass der Nuklearschlag auf die USA nunmehr unabwendbar ist. Wir beginnen jetzt mit den Vorbereitungen. Over.“
(Lähmende Stille. Die Mitglieder des Krisenstabs blicken fassungslos auf den flimmernden, leeren Holoschirm.)
Peter Michael Hanson: „Verdammt, was ist da schief gegangen? Sie haben Striker die Transfer-Codes übermittelt, Frank, und er hat es doch angeblich geschluckt.“
Frank Redding: „Wie soll ich wissen, ob er es geschluckt hat, Mike? Meine Menschenkenntnis hilft mir da wohl nicht weiter.“
Peter Michael Hanson: „Entschuldigen Sie, ich bin ungerecht. Natürlich kann kein Mensch in diese Robotgehirne hineinsehen. Andererseits: Warum sollte Striker es nicht geschluckt haben? Seine Forderungen sind doch bis jetzt erfüllt worden. Er hat die Codes erhalten. Warum sollte er also misstrauisch geworden sein? Vielleicht… Ja, das muss es sein: Jemand hat ihm gesagt, dass ORC aufgeflogen ist! Das heißt, Ruth und Frederico, Ihren Leuten ist einer der Drahtzieher oder Mitwisser bei ORC entgangen.“
Frederico Ramirez: „Das glaube ich nicht, Mike. Wir haben übereinstimmende Aussagen derjenigen, die vollständig ausgepackt haben. Aber Sie haben natürlich Recht: Jemand hat Striker informiert, aber jemand außerhalb von ORC, jemand, von dem die geständigen Verhafteten nichts wussten, jemand, den nur Ozwell kennt. Und der schweigt weiterhin eisern. Nur sein Motiv hat er zugegeben. Der Hass auf Präsident Kingrcoss ist einfach zu stark, als dass er ihn hätte verschweigen können. Aber sonst mauert er. Dennoch haben wir natürlich von Anfang an einen Verdacht gehabt, wer noch verwickelt sein könnte, nämlich jemand von der UNSA.“
Frank Redding: „Was? Unmöglich! Für meine Leute lege ich die Hand ins Feuer.“
Ruth Horngacher: „Überlegen Sie doch mal, Frank: Wer hat die Androiden erweckt? Wer war in der Lage, ein codiertes Funksignal an die Station zu senden? Wer hatte die Kontrolle über die Station, bis Striker sie übernahm? Das war Mission Control. Jemand von Ihren Leuten ist der gesuchte Mr. X.“
Peter Michael Hanson: „Und warum, verdammt noch mal, haben Sie ihn bisher nicht ausfindig gemacht?“
Frederico Ramirez: „Das ist leider sehr schwierig, ohne Aufsehen zu erregen, Mike. Sehen Sie, wir können nicht die gesamte UNSA hochnehmen, wie wir es mit ORC getan haben. Wir können nicht alle Mitarbeiter von Mission Control festnehmen, ohne dass Luna 2 außer Kontrolle gerät. Wir müssen da sehr viel diskreter vorgehen. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Wir werden ihn erwischen.“
Peter Michael Hanson: „Und was machen wir, wenn wir ihn haben?“
Midori Watanabe: „Dann werden wir ihn umdrehen. Ich bin zwar kein Experte für Roboterhirne, aber eines weiß ich mit Sicherheit: Sie entscheiden nicht selbständig. Sie reagieren nur auf Befehle und Programme, die in ihrem Code enthalten sind. Sie sind nicht imstande, eigenständig und flexibel auf veränderte Bedingungen zu reagieren. Nein, ich denke, das Programm zur atomaren Vernichtung der USA wurde von unserem geheimnisvollen Mr. X aktiviert. Dann wird er es auch wieder abschalten können. Und er ist ein Mensch. Mit Menschen kenne ich mich aus. Glauben Sie mir. Wir werden ihn dazu bringen.“


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„Guten Tag, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger. Heute ist der 25. September 2087. Es ist 10:22 a.m. Eastern Standard Zeit. Wir sind Erica Bellings und…“
„John Major Roggencamp.“
„Wir unterbrechen die laufende Sendung, da es etwas Neues in der aktuellen Mondkrise zu geben scheint. Soeben wurde Timothy Burdon, der stellvertretende Missionsleiter der Luna 2 Mission, in seinem Haus in Galveston von seiner Haushälterin tot aufgefunden.“
(Holo von einem weißen Haus im Kolonialstil. Schnitt. Zwei in grüne Overalls gekleidete Männer tragen eine sargähnliche Metallbox aus dem Haus. Schnitt. Eine dickliche Afroamerikanerin in den Fünfzigern mit einem Mikrophon vor dem Gesicht blickt schluchzend und tränenüberströmt in die Kamera. Sie sagt: „Es war furchtbar. Alles voller Blut. Sein Kopf muss explodiert sein. Ich habe ihn nur an seinem Muttermal erkannt. Der arme Mann. Dass seine Kinder das jetzt auch durchmachen müssen, nachdem seine Frau erst vor zwei Jahren gestorben ist. Sie tun mir so leid“.)
Sheriff Watson teilte den Medien mit, dass sich Mr. Burdon eine Schrotflinte in den Mund gesteckt und abgedrückt habe. Die Polizei habe auch einen Abschiedsbrief gefunden. Aber darüber dürfe er nicht reden, der Inhalt sei streng geheim. Auf die Frage, ob denn Burdons Tod etwas mit der Mondkrise zu tun habe, antwortete der Sheriff nicht. Aber John, ist das nicht offensichtlich?“
„Zweifellos, Erica, zweifellos. Es war ja zu erwarten, dass neben den Besatzungsmitgliedern weitere UNSA-Mitarbeiter in die Verschwörung verstrickt sind. Es dürfte uns nicht überraschen, wenn noch mehr Leute Dreck am Stecken hätten.“
„Und die Astronauten? Wieso glauben Sie, haben sie mitgemacht?“
„Da gibt es ganz unterschiedliche Theorien. Die meisten Experten gehen jedenfalls davon aus, dass sie keine Wahl hatten. Vielleicht hat man ihnen gedroht, ihre Familienangehörigen zu ermorden, vielleicht hat man sie hypnotisiert.“
„Aber was geschieht jetzt? Was werden die Behörden unternehmen?“
„Die Drahtzieher sind wahrscheinlich alle enttarnt. Es dürfte nicht allzu schwer sein, unseren Jungs – äh und Mädels – auf dem Mond klarzumachen, dass ihre schlimme Zwangslage beendet ist. Sie werden sie hoffentlich bald nach Hause holen. Jedenfalls glauben viele Fachleute, dass die Krise überstanden ist. Unsere Zuschauer haben nichts mehr zu befürchten, Erica. Und das ist eine wirklich gute Nachricht.“
(Schnitt. Werbespot.)


Krisenstab der UNSA in Houston, 8. Sitzung, 25. September 2087, 11:50 a.m.


General John Wood: “Das einzig Gute ist, dass die Medien nicht wissen, dass die Astronauten in Wirklichkeit seelenlose Roboter sind, die sich nicht werden überreden lassen aufzugeben. Sie dürfen nie erfahren, dass Striker vorhat, auf den Knopf zu drücken und uns nur noch rund 36 Stunden bleiben, das zu verhindern. Aber unsere Galgenfrist ist eigentlich noch viel kürzer: In spätestens zehn Stunden müssen wir beginnen, die Zielstädte zu evakuieren. Dann wird eine Massenpanik ausbrechen.“
Peter Michael Hanson: „Was zum Teufel ist schief gelaufen? Warum hat Timothy Burdon das getan?“
Frank Redding: „Was getan? Entschuldigen Sie, Mike, aber ich komme gerade aus Mission Control. Ich habe nur die Nachrichten gesehen und keine Ahnung, was wirklich vorgefallen ist. Dass Tim zu der Bande gehört haben soll – ich bin entsetzt! Wir sind… wir waren befreundet. Sein Tod ist furchtbar, aber der Gedanke, dass er mich und meine Mitarbeiter, die so hart für das Projekt gearbeitet haben, hintergangen hat, ist beinahe ebenso schlimm.“
Midori Watanabe: „Hat er sich denn in letzter Zeit verändert, Frank?“
Frank Redding: „Nicht in letzter Zeit, aber vor zwei Jahren, als seine Frau gestorben ist. Seitdem war er nicht mehr der Alte. Er hat sich einen Panzer um seine Seele geschmiedet. Ich kam nicht mehr an ihn ran. Wir sind uns fremd geworden. Wieso hat er das getan?“
Frederico Ramirez: „Spielschulden. Er hat fast sein ganzes Geld verzockt, nachdem seine Frau gestorben ist. Sein Haus war mit hohen Hypotheken belastet. Ich nehme an, Tim Ozwell hat ihn aus seiner Notlage befreit, wodurch sich Burdon in seine Hand begab. Das überprüfen wir noch.“
Ruth Horngacher: „Wissen Sie, warum er Selbstmord begangen hat, Frank? Weil er meinte, er trage die Schuld an der schlimmsten Katastrophe der Menschheitsgeschichte, die jetzt unabwendbar scheint. Er hat die ganze Zeit geglaubt, den Schlüssel zu besitzen, sie zu verhindern. Er besaß nämlich einen vermeintlichen Code zur Abschaltung der Androiden und war von Anfang an entschlossen, ihn auch zu verwenden, wenn die Situation eskalierte. Ein Techniker von ORC, der angeblich ein schlechtes Gewissen hatte, hat ihm diesen Code gegeben. Doch Ozwell hat ihn hinters Licht geführt. Es war eine Falle: Der Techniker war auf Burdon angesetzt, um ihn den Code unterzuschieben. Ozwell hat damit gerechnet, dass Burdon im letzten Moment versuchen würde, die Katastrophe zu verhindern. Aber der Code war überhaupt kein Abschaltcode – im Gegenteil: er aktivierte den Befehl an Striker, den Atomangriff durchzuführen.“
Frank Redding: „Dieses Schwein!“
Peter Michael Hanson: „Welche Optionen haben wir denn überhaupt noch? Gibt es denn irgendjemand, der wirklich einen Abschaltcode kennt?“
Frederico Ramirez: „Ich glaube nicht. Wir haben den maximal möglichen Druck auf die Verhafteten ausgeübt. Wenn sie etwas wüssten, hätten sie ausgepackt. Es bleiben aber immer noch zwei Optionen. Die eine ist Hassan al Rashid. Er hat sich kurz nach Strikers Ankündigung, die USA in die Luft zu jagen, von der provisorisch in Betrieb genommenen Funkstation in Luna 1 gemeldet. Dank seines Chiffre-Codes konnten wir mit ihm kommunizieren, ohne dass Striker und seine Leute mithören können. Al Rashid ist ziemlich fertig. Er hat große Angst, sie könnten entdecken, dass er ein Mensch ist. Er weiß, er würde das keine Minute überleben. Aber trotz seiner Furcht ist er recht besonnen. Er hat uns informiert, dass Striker mit den Vorbereitungen, uns zu vernichten, begonnen hat. Er will alles tun, um ihn aufzuhalten. Und es gibt eine, wenn auch sehr kleine Chance.“
Peter Michael Hanson: „So gering sie auch ist: wir müssen nach jedem Strohhalm greifen. Was kann er tun?“
Ruth Horngacher: „Er könnte versuchen, die Androiden manuell abzuschalten. Sechs Zentimeter tief in ihrem rechten Gehörgang befindet sich ein Schalter. Hassan muss nur draufdrücken.“
Peter Michael Hanson: „Nur draufdrücken? Ich nehme an, diese Roboter sind ihm an Körperkraft und Reaktionsgeschwindigkeit weit überlegen. Das ist weit weniger als ein Strohhalm, Ruth! Frederico, Sie erwähnten noch eine zweite Option.“
(Ramirez blickt zu General Wood hinĂĽber. Der antwortet an seiner Stelle.)
General John Wood: „Wir haben ein Raumfahrzeug mit mehreren nuklearen Gefechtsköpfen unterschiedlicher Spezialisierung in die Mondumlaufbahn gebracht. Wir können flexibel reagieren, im Worst-Case-Szenario mit der Vernichtung der Station. Allerdings…“
Frank Redding: „…könnte das auch die Vernichtung allen Lebens auf unserem Planeten bedeuten, wenn die Kaverne explodiert und wie ein kilometergroßer Mörser ihren Inhalt in den Weltraum ballert, wenn hundert Millionen Tonnen Gestein und Eis in das Gravitationsfeld der Erde geraten.“
Peter Michael Hanson: „Dann wollen wir besser hoffen, dass es al Rashid gelingt, sechs ihm körperlich haushoch überlegene und gefährliche Roboter außer Gefecht zu setzen. Gnade uns Gott!“


Hassan wird von seiner Angst fast aufgefressen. Die UNSA-Leute laden also alle Last auf seine Schultern. Er soll die unmenschlichen Gegner allein besiegen! Er denkt an seine Eltern, seine zwei Schwestern und drei Brüder, an die schöne Alisha, die ihm versprochen ist. Sie ist mit 15 noch zu jung, aber in drei Jahren wird er sie heiraten. Alle Menschen, die er liebt, sind mit ihm nach Amerika gekommen, voller Stolz, dass er zu denen gehört, die ein neues Kapitel der Raumfahrt aufschlagen sollten. Und seine Lieben werden wahrscheinlich sterben, wenn er Striker und seine mechanischen Monster nicht aufhält.
Seit einer Weile laden vier der Androiden die Atombomben in die Landefähre, die unter der noch geschlossenen Kuppel des Startplatzes steht. Im Bunker nehmen sie die schweren Sprengsätze mit 160 kg Masse einfach unter den Arm als wären es Schuhkartons, klettern die Leiter hinauf, gehen hinüber zur Schleuse, schließen sie, lassen die Luft ab und tragen die Sprengköpfe einen nach dem anderen zum außerhalb der Station liegenden Startplatz, wo das unförmige Raumschiff steht. Sie haben eine Platte an der Landefähre abgeschraubt und einen Sauerstofftank dahinter entfernt, den sie, die nicht atmen müssen, nicht benötigen. In der entstandenen Öffnung ist genügend Platz für die tödliche Fracht. Hassan ist froh, dass die Luftschleuse der Station automatisch funktioniert, sodass sie sie nicht offen stehen lassen können. Sonst wäre die Mondstation schon längst dem tödlichen Vakuum ausgesetzt. Sie brauchen für die Strecke vom Bunker zum Startplatz und das Verladen eines Sprengkopfs etwa zwanzig Minuten, und um sich nicht gegenseitig zu behindern, haben sie sich so organisiert, dass alle fünf Minuten einer von ihnen im Bunker eintrifft, um sich die nächste Bombe zu holen. Ihre Bilder erscheinen auf einer Reihe von Monitoren. Hassan sieht ihnen vom Kontrollraum aus zu, wo er sich zusammen mit Striker und Hu Chen, der Geologin und stellvertretenden Kommandantin, aufhält. Weder der Klon des Kommandanten noch der Hu Chens nehmen Notiz von ihm. Striker ist an einer Eingabekonsole mit der Programmierung der Startsequenz beschäftigt. Der Zwilling der Chinesin überwacht die Betankung der Landefähre mit Wasser- und Sauerstoff. Gelegentlich wirft Striker mal einen Blick auf die Überwachungsmonitore, die bis auf die Schlafkabinen alle Räume der Station zeigen. Hassans Mund ist trocken. Verstohlen blickt er immer wieder hinüber zu den Androiden, bis er sicher ist, dass sie ihm keinerlei Beachtung schenken. Schließlich wagt er es in einem unbeobachteten Moment, die Videoaufzeichnung der Überwachungskamera des Bunkers einzuschalten.
Eine knappe halbe Stunde später schaltet er auf Wiedergabe, nachdem er sich vergewissert hat, dass Striker und Chen gerade nicht hinschauen. Das Bild und sein Herz machen einen Sprung. Doch niemand außer ihm bemerkt etwas. Wenn Striker auf den Schirm schaut, wird er dasselbe sehen wie eine halbe Stunde zuvor. Hoffentlich fällt ihm nicht auf, dass die Anzahl der Sprengköpfe in dem kleinen Lagerraum wieder zugenommen hat.
Der schmächtige Araber schlendert unauffällig aus der Kommandozentrale. Die beiden Androiden blicken ihm nicht nach.

Hassan ist von der Kommandozentrale der Station den langen Weg zum Bunker gelaufen, durch schmale, kaum beleuchtete Gänge, über Treppen und Stiegen, hat Zwischenschotts geöffnet und hinter sich geschlossen. Er ist sich bewusst, dass Striker und Chen in jederzeit und überall auf den Monitoren haben. Werden sie Verdacht schöpfen? Doch die kritischste Phase kommt erst noch: Er wird in den Bunker hinabsteigen, in dem die Sprengknöpfe lagern. Striker wird ihn durch die Öffnung verschwinden sehen können, wenn er die Leiter hinunter klettert, aber Hassan wird nicht im Blickfeld der Bunkerkamera auftauchen, denn der Bunkermonitor zeigt eine Aufzeichnungsschleife. Wird der Android aufmerksam sein? Wird er merken, dass etwas nicht stimmt?
Hassan erreicht den Boden des Bunkers. Noch sechs Sprengköpfe liegen auf dem rauen Beton. Er wartet, am Rande der Hysterie. Sein Puls pocht in seinen Ohren. Er spürt seine Zunge wie eine dicke, vertrocknete Nacktschnecke in seinem Mund. In der Hand hält er einen Schraubenzieher, seine einzige Waffe.
Die Minuten vergehen. Kein Alarmton schrillt los. Striker scheint nichts gemerkt zu haben. Oder kommt er leise, schleicht sich an wie eine Schlange an die paralysierte Maus?
Aber statt seiner kommt Karen Ereksdottir die Stiege hinuntergeklettert. Sie ignoriert Hassans Anwesenheit einfach. Er steht zitternd und schweißgebadet da, das Werkzeug mit weißen Knöcheln umklammert, sein Herz scheint vor Panik zu zerspringen, und sein Atem geht keuchend. Als sie sich bückt, um den hutschachtelgroßen Kasten, eine Atombombe, aufzuheben, sticht er zu. Das Werkzeug stößt, sechs Zentimeter in den Gehörgang eingedrungen, auf Widerstand. Es klickt. Die blonde Frau erstarrt in gebückter Haltung.

Er hätte nie gedacht, dass es so leicht sein könnte: Jonas Blake ist fünf Minuten darauf erschienen, ohne Ereksdottir zu beachten, die wie Loths Frau zur Statue geworden scheint. Hassan hat den Klon des Neuseeländers ebenso schnell deaktiviert wie den der Isländerin zuvor. Bei Phoolendu Chakraborti ist ihm allerdings ein gravierender Fehler unterlaufen: er hat ihm den Schraubenzieher ins linke statt ins rechte Ohr gestoßen! Der mechanisch-elektronische Zwilling des kleinen Inders hat sich ihm mit ausdrucksloser Miene zugewandt. Seine Hand ist hochgefahren, auf Hassans Gesicht zu. Der ist furchtbar erschrocken beiseite gesprungen. Doch dann hat ihn Phoolendu wieder ignoriert, sich die Bombe auf die Schulter geladen und begonnen die Leiter hochzuklettern. Dabei hat er Hassan die rechte Seite zugewandt. Klick.

Jetzt fehlt nur noch einer. Dummerweise ist Chakraborti mitten auf der Leiter in Todesstarre verfallen und bildet ein Hindernis. Hassan glaubt zwar nicht, dass dieser Umstand das Double des Argentiniers Luis Helmschmidt, den letzten der mit der Verladung beauftragten Androiden, von seiner Aufgabe abhalten wĂĽrde, dennoch klettert er vorsichtig ĂĽber Phoolendu hinweg. Oben angekommen geht er den Gang entlang, als Helmschmidt um die Ecke biegt. Hassans Angst ist verschwunden und hat dem HochgefĂĽhl eines Siegers Platz gemacht. Er hat bereits drei Androiden abgeschaltet, und dieser dort dĂĽrfte auch kein Problem sein.
In diesem Augenblick gellt der Alarm los. Rote Lichter huschen wie fliegende Teufel ĂĽber die Lichtpanelen an der Gangdecke. Ăśber die Lautsprecher schallt Strikers ausdruckslose Stimme:
„Gravierende Fehlfunktion al Rashid. Befehl an Helmschmidt: Sofort eliminieren.“
Der Kommandantenandroid muss entdeckt haben, dass er einer Aufzeichnung der Bunker-Ăśberwachungskamera auf den Leim gegangen ist!
Helmschmidt stürzt sich ohne jedes Zögern mit keinerlei Emotionen zeigendem Gesichtsausdruck auf ihn. Packt ihn an der Kehle und schnürt ihm die Luftzufuhr ab. Hassan sticht mit seiner unzureichenden Waffe wie ein Verrückter auf den Arm des Roboters ein, dessen Finger ihn zangenartig vom Leben abschneiden. Die andere Hand des Androids hebt sich. Der Zeigefinger stößt in Hassans rechtes Ohr. Der Schmerz fährt wie ein Blitz durch ihn hindurch und scheint ihm die Haut abzusprengen. Hassan will schreien, aber er kann keinen Laut durch seine zugequetschte Kehle würgen. Dann begreift er, dass er nur deshalb noch lebt, weil sein Gegner ihn für Seinesgleichen hält und deaktivieren will. Er stößt Helmschmidt den Schraubenzieher ins Ohr. Klick.
Zu seinem Glück erstarrt sein Feind nicht so sehr, dass sich seine Finger nicht von seiner Kehle lösen ließen. Hassan sinkt vor der unbeweglichen Gestalt auf die Knie. Röchelnd zieht er Luft ein. Sein Ohr scheint völlig taub zu sein. Etwas Blut sickert aus dem Gehörhang. Er spürt es am Hals hinablaufen.
Auf einmal fällt ihm die Kamera am Ende des Ganges ein. Striker muss alles beobachtet haben und ist jetzt sicher auf dem Weg zu ihm! Voller Entsetzen wendet er sich um und rennt den Gang entlang.
Er hat nur eine Chance, wird im klar: die Luftschleuse. In der Station, so groß sie auch ist, kann er sich nirgends verstecken, denn sie wird fast lückenlos durch Kameras überwacht, und die wenigen Räume ohne Video-Überwachung hätten Striker und Hu Chen schnell durchsucht. Er muss hinaus auf die Mondoberfläche. Er rennt so schnell er kann. Zum Glück ist die Station riesig. Zwischen ihm und dem Kontrollraum, wo sich die beiden noch aktiven Androiden befinden, liegen ein paar hundert Meter enge Gänge und einige Treppen. Aber er weiß, dass die Roboter viel schneller laufen können als er. Einer wird wohl in der Kommandozentrale bleiben und die Monitore überwachen, um dem anderen, der ihn verfolgt – Hassan ist sicher, dass es Striker ist – mitzuteilen, welchen Fluchtweg das Opfer nimmt.

Er erreicht schwer atmend die offene Luftschleuse und zieht hastig den Raumanzug an. Er schließt den Helm und drückt auf den Knopf, der die Schleusenautomatik in Gang setzt. Die Tür beginnt sich gerade zu schließen, als Striker um die Ecke des langen Gangs vor der Schleuse biegt. Der Android nähert sich in großen Sätzen, unheimlich schnell. Als die Tür einschnappt und der Druckabfall einsetzt, ist er nur noch ein paar Meter entfernt. Hassan hört ihn mit einem dumpf-dröhnenden „Klong“ gegen die Schleuse prallen.
Der Marokkaner nimmt sich eine Ersatz-Sauerstoffflasche und wartet, bis die Luft in der engen Kammer zischend entwichen ist und die Außenluke aufgeht. Er weiß, dass er Zeit gewonnen hat. Wenn er die äußere Schleusentür blockiert, kann die innere nicht geöffnet werden. Er springt hinaus. Sofort beginnt sich die Luke zu schließen. Er bückt sich, hebt einen Stein auf und legt ihn in den enger werdenden Spalt. Jetzt muss Striker die zweite Schleuse am anderen Ende der Station benutzen, wenn er Hassan kriegen will. Aber muss er das wirklich? Er braucht doch bloß abzuwarten, bis dem Menschen der Sauerstoff ausgeht. Hassan fragt sich, ob der Android intelligent genug ist, das zu erkennen.
Natürlich gibt es auch Kameras im Außenbereich, aber diese überwachen nur einen kleinen Teil der Mondstadt, und Hassan weiß, wo sie stehen. Er meidet ihren Aufnahmebereich und schleicht zwischen den Gebäuden hindurch. Sein Ziel ist die alte, still gelegte Station. Bald darauf hat er die Richtfunkantenne mit dem Hochfrequenzsender erreicht. Und er sendet zum dritten Mal seit Beginn der Krise an Mission Control in Houston. In raschen Worten berichtet er, dass er alle bis auf zwei Androiden außer Gefecht gesetzt hat, die beiden aber mittlerweile gewarnt seien. Er habe nur noch für rund anderthalb Stunden Luft zum Atmen. In die Station könne er nicht mehr hinein. Was zum Teufel solle er also tun?
Sie sagen es ihm.

Es ist komisch, aber seit sie begonnen haben, ihn hier drauĂźen zu jagen, ist seine Angst verschwunden. Er ist ganz ruhig, fast fatalistisch. Es liegt nicht mehr in seiner Hand.
Sie sind jetzt seit einer halben Stunde hinter ihm her. Er hat das Mondauto genommen, als sie herauskamen. Mit dem war er sogar etwas schneller als sie. Auf der staubigen Ebene des Kraterbodens hat er rasch Vorsprung gewonnen. Aber er weiß natürlich, dass ihm das nichts nützt. In einer halben Stunde wird er ersticken, wenn er bis dahin nicht zurück in die Mondstation gelangt ist. Doch sie sind hinter ihm, schneiden ihm den Weg ab, treiben ihn vor sich her. Um sie weiträumig zu umfahren, fehlt ihm die Zeit. Also wird er tun, was die Bodenstation ihm befohlen hat: auf seine Verfolger warten. In der Nähe des zentralen Gipfels, der sich wie ein Zuckerhut aus der Kraterfläche emporhebt.
Er hat das Mondgefährt in der Nähe abgestellt und gewartet. Jetzt sieht er Striker und Hu Chen auf sich zu kommen. Sie haben offenbar keine Eile, denn sie scheinen sicher zu sein, dass er ihnen nicht entkommen kann. Er blickt auf das Zeitdisplay, das auf die Scheibe seines Helms gespiegelt wird: Noch 37 Sekunden. Die Androiden erhöhen ihr Tempo und nähern sich rasch. Er weiß nicht, was in – jetzt noch 32 Sekunden – passieren wird. Nur, dass er sich vor Ablauf dieser Zeit in den langen schwarzen Schlagschatten des kleinen Berges stellen soll, aber auch nicht zu früh, damit ihn die Androiden, die sich von der gleißend hellen Sonnenseite nähern, nicht aus den Augen verlieren. Er ist der Lockvogel für eine Falle, deren Funktion man ihm nicht verraten hat. Hassan fragt sich warum. Weil er sonst nicht zugestimmt hätte? Noch 5 Sekunden. Striker und Hu Chen sind nur noch rund 100 m entfernt, und sie rennen. Das Herz stottert in Hassan wie ein tuckernder, vorsintflutlicher Benzinmotor. Er macht einen Satz in den Schatten des Berges.
Ein Blitz taucht ringsherum alles in gleiĂźende Helligkeit. Nur der lange Schlagschatten, in dem er steht, bleibt tintenschwarz. Das Visier seines Helms reagiert in Sekundenbruchteilen und wird dunkel. Dennoch ist er fĂĽr mehrere Augenblicke geblendet. Als er wieder sehen kann, ist alles so wie vorher. Wo sind Striker und Hu Chen? Er lugt um die Ecke. Beide liegen im Staub und rĂĽhren sich nicht.

Eine halbe Stunde später ist er in der Station zurück. Gerade noch rechtzeitig, ehe sein Sauerstoff zu Ende geht. Bevor er Kontakt mit der Bodenstation aufnimmt, ahnt er schon, was geschehen ist:
Sie haben eine EMP-Bombe in die Mond-Umlaufbahn gebracht und gezündet. Eine thermonukleare Bombe schwacher Sprengkraft, die einen extrem starken elektromagnetischen Puls erzeugt hat. Ein solcher Puls zerstört jedwede Elektronik, die nicht durch spezielle Schilde dagegen isoliert ist. Die Mondstation ist gegen EMP geschützt. Also hat er die beiden Androiden herauslocken müssen, dorthin, wo sie von der Bombe zerstört werden konnten, dorthin, wo auch er der tödlichen Strahlung ausgesetzt sein würde. Hätte sie ihn getroffen, so wäre er in seinem Anzug gekocht worden. Blut, Schweiß, Tränen und andere Körperflüssigkeiten wären verdampft und hätten ihm in einer Explosion den Kopf abgerissen. Es ist ein Wettlauf gewesen zu dem einzigen Punkt, der ihm Schutz bieten konnte: dem Zentralberg des Kraters. Sie haben es ihm nicht gesagt, damit er nicht in Panik geriet.
Er betritt den Kommandostand. Auf dem Bildschirm sieht er die jubelnde Menge von Mission Control. Alle sind sie aufgesprungen, klatschen und rufen seinen Namen. Wie rĂĽcksichtsvoll von ihnen.
Erschaltet das Mikrophon ein:
„Wann holt ihr mich ab, Leute?“

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jon
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Ich weiß, man soll das nicht, aber ich tu's trotzdem: Ich hab die Geschichte nicht gelesen. Ich habe es versucht, aber schon im ersten Kapitel "rutschte" ich ab, weil es langweilig war. Mal zugespitzt war der Effekt der: "Kenn ich alles, weiß ich alles und wenn nicht: Wofür ist das wichtig?!" Zum Glück sah ich an diesem Punkt, dass das erste Kapitel nur noch ein paar Sätze hat, da kam dann was, was so klang, als würde es spannend werden (ich sage absichtlich nicht "was spannend klang"). Dann kamen die Nachrichten – kenn ich, weiß ich, wofür ist das in Sachen Ratte/Mond/Loch wichtig? – die ich noch tapfer durchstand. Aber als dann die Liveschaltung begann und es schon wieder mit "Gelaber" (das du vermutlich als Kulisse, als Info, als (Zusatz)Botschaft oder was weiß ich gemeint hast) weiterging, scrollte ich gnadenlos vor. Manchmal wird man dann wieder "eingefangen" – passierte hier aber nicht. Auch beim zweiten und dritten Scrollen nicht …

Ich blättere nun doch mal und lese quer …

Es fehlt der "Effekt" – als Striker zum Beispiel seinen Text runtergerasselt hat, ist der Absatz einfach zu Ende. In einem Film hätte man das betropste Gesicht des Reporters gesehen oder enstetzte (ode gelangweilte) Leute an den Bildschirmen. Irgendwas, was über die nackte Information hinausgeht eben. Hier gibt's das überhaupt nicht. Schlimm: Nach diesem "Strikers Info vor den Leser-Latz geknallt" geht es schon wieder mit "Gelaber" weiter – irgendwer wird irgendwem gründlichst vorgestellt, keiner "fühlt" was, alle reden nur (und zwar sehr nüchtern). Noch schlimmer eigentlich – und das verletzt die Faustregel "Sage nicht, zeige!" massiv –: Es wird berichtet, statt "erlebt". Und das ausgiebig. Das würde nicht mal als Film richtig gut funktionieren (wobei das Ganze als Drehbuch-Vorlage vielleicht noch am ehesten funktioniert). Und so geht es weiter bis zu "Einsatz Hassan", aber so richtig spannend kommt der dann auch nicht rüber …


Fazit: "Handlung ist spannend, nicht Kulisse oder Weltverbesserungsbotschaften oder wie Personennamen und –Karrieren" & "Sagen (statt zeigen) wird nicht lebendiger/spannende, wenn die Figuren es sagen …"
Also: Konzentriere dich von Anfang an auf die Geschichte! Streiche so viele Personen und Infos wie möglich, ohne dass die Handlung (!) unverständlich wird! Und such lieber einen "persönlicheren" Weg des Erzählens statt nur Nachrichten und Gespräche abzuhören (bei denen noch nicht mal die Sprecher Emotionen zu haben scheinen, zumindest sind keine zu sehen oder zu hören). Film ist ja schon mal gut, aber du musst den Film zeigen, nicht das Drehbuch vorlesen …


Zum Schluss noch das Gute: Sprachlich ist es "in Ordnung", da wäre höchstens (!) mit feinem Schleifpapier noch was zu glätten.
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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