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Die Money-Diktatur
Eingestellt am 12. 01. 2018 10:42


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Harry Popow
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Ernst Wolff: „FINANZ TSUNAMI. Wie das globale Finanzsystem uns alle bedroht“

DIE MONEY-DIKTATUR

Buchtipp von Harry Popow

Es ist wie es einmal war und heute noch ist: Ein Ausspruch von Henry Ford, des GrĂŒnders der Ford Motor Company vor ĂŒber hundert Jahren, hat auch im Jahre 2018 nichts von seiner AktualitĂ€t eingebĂŒĂŸt hat:

Es ist gut, dass die Menschen der Nation unser Banken- und Geldsystem nicht verstehen, denn sonst hĂ€tten wir vermutlich noch vor morgen frĂŒh eine Revolution.

Wie sonst kĂ€men Politiker unseres Landes wĂ€hrend ihrer Ansprachen zum Jahresausklang 2017 dazu, mit salbungsvollen Beruhigungspillen den Zusammenhalt zwischen allen BĂŒrgern zu beschwören und RĂŒstung und Kriegsgefahr im Interesse der KapitalmĂ€chte sowie die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich total auszublenden? Mehr noch, den enormen Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und der privaten Aneignung und somit den fortwĂ€hrenden Klassenkampf bewusst zu ignorieren? Die Verdummung des Volkes hat Hochkonjunktur. Noch...

Ernst Wolff, geboren 1950, Journalist und Spiegel-Bestseller-Autor, gab im online-Magazin scharf-links eine punktgenaue Antwort: Die Lage zum Jahresende 2017 scheint extrem widersprĂŒchlich: Die Wirtschaft wĂ€chst, die AktienmĂ€rkte verzeichnen RekordstĂ€nde, die Arbeitslosenzahlen sinken und die Industrie zeigt ein seit langem nicht gesehenes Maß an Optimismus. Zugleich erstickt die Welt unter der höchsten Schuldenlast ihrer Geschichte, krankt an der grĂ¶ĂŸten sozialen Ungleichheit und wird von höheren Risiken als vor der Krise von 2007/2008 bedroht. Und dann heißt es: Das globale Wirtschafts- und Finanzsystem ist seit 2008 klinisch tot. Es funktioniert nur noch, weil es wie ein Patient auf der Intensivstation kĂŒnstlich am Leben erhalten wird, und zwar durch die Zentralbanken.

Es geht um den Aufstieg des Finanzkapitals, aus dem die heutigen FinanzmĂ€rkte mit Beginn des 19. Jahrhundert hervorgegangen sind, sagt Ernst Wolff an anderer Stelle. Nun liegt seit September 2017 zu diesem Thema ein hochgradig politisches und mit Akribie geschriebenes Sachbuch vor: „Finanz Tsunami. Wie das globale Finanzsystem uns alle bedroht“.

Auf 192 Seiten in 23 Kapiteln hellt er in sehr allgemeinverstĂ€ndlicher Sprache sozusagen fĂŒr Jedermann die nach wie vor im Dunkeln operierenden Machenschaften der Finanzelite auf. Er weist nach, dass das Bankensystem auf dem NĂ€hrboden des Widerspruchs zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung entstanden ist und sich durch Kreditgabe an die Industrie zu einem gefĂ€hrlichen Monster fĂŒr die weitere Existenz der Menschheit und des Planeten teilweise gewalttĂ€tig aber auch mit BesĂ€nftigungsphrasen im Interesse des Maximalprofits emporgeschwungen hat.

Supermacht US-Dollar

Die eigentliche Geburtsstunde des globalen Finanzsystems, so der Autor auf Seite 20, sei 1944 durch die Konferenz von Bretton Woods ins Leben gerufen worden. Es wurde beschlossen, „den US-Dollar zum Preis von 35 Dollar pro Feinunze an Gold zu binden“, was zur Folge hatte, dass alle anderen WĂ€hrungen (außer SU und spĂ€ter Ostblockstaaten) zu festen Wechselkursen an den Dollar gebunden wurden. Damit wurde der Dollar zur LeitwĂ€hrung und damit zur mĂ€chtigsten WĂ€hrung der Welt. Im August 1971 jedoch wurde die Gold-Dollar-Bindung wegen steigender Goldnachfrage vom damaligen US-PrĂ€sidenten Nixon aufgehoben. Von nun an, so Ernst Wolff, basierte das WĂ€hrungsgefĂŒge nur noch auf Vertrauen in die StĂ€rke des US-Dollar. Daraus folgte wiederum die Wertminderung des Dollar und das Geldsystem geriet ins Wanken. Den Ausweg fand man nunmehr gemeinsam mit Saudi-Arabien innerhalb der OPEC in der Bindung des Dollar an das Erdöl, genannt Petro(Erdöl)dollar. (S. 21) Der Autor verweist sodann auf den Nachkriegs-Boom in Deutschland, auf das Wirtschaftswunder und auf die in der zweiten HĂ€lfte der siebziger Jahre einsetzende Deregulierung des Finanzsektors, was Investoren veranlasste, „immer mehr Geld in die Finanzspekulation und im VerhĂ€ltnis dazu immer weniger Geld in die Realwirtschaft“ zu stecken. (S. 22) In Stichworten auf den Seiten 26 bis 28: Die Realwirtschaf siecht dahin, wĂ€hrend die Verschuldung zunimmt, Anfallende Zinszahlungen aber sind auf „ununterbrochenes Wachstum angewiesen“, aber der Finanzsektor schafft keine Werte. Der Zwang der Geldschöpfung aus dem Nichts, gepaart mit Zinssenkungen fĂŒhren letztendlich „zum Untergang zinsabhĂ€ngiger Einrichtungen wie Renten- und Pensionslassen und zur Zerstörung vorsorglicher Altersabsicherung“.

Kriege - Destabilisierung mit Gewinn

Was oftmals wenig Beachtung findet: Auf Seite 30 lenkt der Autor die Leser auf die USA-Wirtschaft, die 1944 auf Hochtouren lief, durch konkurrenzlose Absatzmöglichkeiten sowie u.a. durch die seit der Jahrhundertwende eingefĂŒhrte Fließbandproduktion. Vorteil brachte den USA durch die Vergabe von Kriegskrediten auch die zwei Weltkriege. So auch an Deutschland und „halfen so mit, einen Krieg in Gang zu halten“. (S. 51) Und auf Seite 83 heißt es, das die USA bis 1941 insgesamt etwa 475 Millionen US-Dollar investiert hatten. So waren in den Jahren 1942 bis 1945 die US-RĂŒstungsindustrie „und die hinter ihr stehenden Geldgeber“ die grĂ¶ĂŸten Gewinner. (S. 92) Verallgemeinernd stellt der Autor fest: „Die Praxis der Geldvergabe an beide Seiten im Kriegsfall – mit dem Ziel der Destabilisierung ganzer Regionen oder möglicher Konkurrenten auf dem Weltmarkt – wurde von folgenden US-Regierungen beibehalten und zĂ€hlt seit mittlerweile ĂŒber einhundert Jahren zum Standard-Repertoire der US-Außen- und MilitĂ€rpolitik.“ (S. 52) Wenn mitunter von der Schuld Deutschlands am verbrecherischen 2. Weltkrieg gesprochen wird, so ist das nicht nur falsch, sondern orientiert nicht auf die Spitzen der deutschen Industrie, die beizeiten nach der MachtĂŒbernahme mit der NSDAP verhandelt haben. So am 20. Februar 1933 wĂ€hrend eines Geheimtreffens zwischen Hitler und 27 Industriellen. Man muss feststellen, das die US-RĂŒstungsindustrie sowohl am Kampf gegen den deutschen Militarismus nach dem 1. Weltkrieg, als auch am Niederringen der Faschisten als auch am Kampf gegen den Kommunismus und schließlich gegen Terror ihren Reibach gemacht hat.

VerfĂŒhrung zum Anpassen

Die ungeheuren Profite ermöglichten es der Finanzelite und den Machthabern, das Volk gefĂŒgig zu machen, es zur Duldung der ausschließlich den globalen Interessen der USA dienenden Politik zu veranlassen. So ließen sich die Westdeutschen vom sogenannten Wirtschaftswunder durch den Marshallplan blenden. Der Autor verweist darauf, dass dieser Plan in den Köpfen der Menschen falsche Vorstellungen weckte. Er war, so Ernst Wolff auf Seite 162, fĂŒr die US-Wirtschaft ein Konjunkturprogramm. Dieses Geld durfte nur nach Absprache mit den US-Vertretern ausgegeben werde, war also ein Eingriff in die SouverĂ€nitĂ€t der EmpfĂ€ngerstaaten. Wörtlich heißt es: „Der Marshallplan war das genaue Gegenteil eines Hilfsprogramms, nĂ€mlich die grĂ¶ĂŸte Vermögensumverteilung von Steuerzahlern zu Großkonzernen und Banken, die die USA bis dahin erlebt hatten.“ (S. 102) Zusammen mit der Truman-Doktrin diente er jedoch dazu, die Sowjetunion in die Schranken zu weisen. „Der kommunistische Einflussbereich sollte von nun an nicht mehr nur eingedĂ€mmt, sondern unter dem Vorwand, dass Befriedigung nur zu weiterer Aggression und schlussfolgernd zum Krieg fĂŒhrt,“ aktiv bekĂ€mpft werden. Das bedeutete grĂŒnes Licht fĂŒr die US-RĂŒstungsindustrie, fĂŒr das WettrĂŒsten. (S. 104) Ernst Wolff stellt auf Seite 106 die Frage, warum die Menschen dieses Spiel, das mit ihnen getrieben wurde, nicht durchschauten und erinnert daran, dass die Menschen in den Nachkriegsjahren zu mĂŒde und erschöpft waren und sie durch den Wirtschaftsaufschwung in dem Glauben bestĂ€rkt wurden, beeinflusst durch einschlĂ€fernde Propaganda der bĂŒrgerlichen Medien, „dass ein neues, besseres Zeitalter angebrochen sei. So unbemerkt sei die neue Finanzordnung geschaffen worden, die den Keim fĂŒr den eigenen Untergang aber bereits in sich trug. (S. 106)

ResĂŒmĂ©

Auf Seite 155 resĂŒmiert der Autor: Das eigentlich fĂŒr NotfĂ€lle gedachte Gelddrucken ist zur Routine geworden, die ZinssĂ€tze bereits im Negativbereich, die Manipulation ist fester Bestandteil des Systems geworden, das FinanzgebĂ€ude zerbrechlich. Und schließlich dieser Satz: „Je kritischer die wirtschaftliche und finanzielle Lage der USA wird, umso wahrscheinlicher ist es, dass sich die Regierung in Washington fĂŒr die Option eines Krieges entscheidet. Das Schicksal der USA bis zum völligen Zusammenbruch wĂŒrde nur noch von zwei KrĂ€ften entschieden – der Wall Street und dem MilitĂ€r. (S. 166) Es sei also nicht mit Reformen getan, etwas zu Ă€ndern, sondern so der Autor, mit grundlegenden wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen UmwĂ€lzungen, um das globale Finanzcasino abzuschaffen. Wahrheiten und Erkenntnisse zu verbreiten, diese Chance sei einmalig.

Klassenkampf passé?

Herzlichen Dank an den Autor, dessen argumentative Vielfalt und Tiefe gerade auf dem Gebiet der Finanzen und der daraus folgenden MachtfĂŒlle jedem wahrhaft politisch Interessierten das geistige RĂŒstzeug im Sinne einer friedvollen Welt ohne Kapitalismus in die Hand gibt.

Jedoch: Beim grĂŒndlichen Lesen dieses hoch informativen Buches hatte der Rezensent mitunter den Eindruck, dass das Finanzsystem von seinen Grundlagen, dem Privateigentum an Produktionsmitteln und somit auch vom Klassenkampf abgekoppelt betrachtet worden ist.

Einerseits fĂŒhrt der Autor auf Seite 73 gerade die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln in der Sowjetunion und auf der Seite 96 die Kollektivierung der Landwirtschaft, die Elektrifizierung des gesamten Landes und den Aufbau einer Schwerindustrie als Erfolge an, das wĂ€re „im Rahmen einer parlamentarischen Demokratie innerhalb eines Zeitraumes von weniger als zwanzig Jahren“ nicht durchzusetzen gewesen.

Diese und weitere Maßnahmen „versetzten die UdSSR letztendlich auch in die Lage, Deutschland 1945 militĂ€risch zu besiegen“. (S. 97) Die tiefe Liebe des Volkes zu seinem Vaterland, der aufopferungsvolle Kampf gegen die Faschisten, die hohe Moral der Soldaten und Offiziere der Roten Armee, diese typischen Merkmale einer dem Frieden verpflichteten Armee, blendet Ernst Wolff einfach aus. Auch reduziert der Autor die Macht der Sowjetunion lediglich auf die FunktionĂ€rsclique sowie auf Gewalt und Zwang gegenĂŒber der Bevölkerung. Richtig die Bemerkung, dass die UdSSR vor allem „ein Dorn im Auge der Wall Street (war), weil sie auslĂ€ndisches Kapital wegen ihrer Planwirtschaft und ihres Außenhandelsmonopols noch immer weitgehend verschlossen“ hielt. (S. 98)

Das soll doch nicht etwa heißen, nach 1945, nach der Bildung der sozialistischen Staatengemeinschaft wĂ€re es besser gewesen, im „Interesse des Friedens“, dem Kapital Tor und TĂŒr zu öffnen und die Grundlagen der StĂ€rke auf ökonomischem, politischem und moralischem Gebiet aufzugeben, auf Klassenharmonie zu setzen und den Frieden gegenĂŒber dem weltweit agierenden Finanzkapital aufÂŽs Spiel zu setzen, wenigstens bis 1989?

Der Leser möge bei allen klugen Erkenntnissen und der Mahnung des Autors, „Wahrheiten und Erkenntnisse so schnell wie nie zu verbreiten“ sich selbst ein Urteil bilden und dem Money-Diktat endlich Paroli bieten.

Ernst Wolff: „FINANZ TSUNAMI. Wie das globale Finanzsystem uns alle bedroht“, Taschenbuch:192 Seiten, Verlag: edition e. wolff; Auflage: 1 (11. September 2017), Sprache: Deutsch, ISBN-10: 3000575332, ISBN-13: 978-3000575334, GrĂ¶ĂŸe und/oder Gewicht:14,4 x 2 x 20,3 cm, Preis: 19 Euro



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Harry Popow

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