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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Montage
Eingestellt am 26. 08. 2001 20:45


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Intonia
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jun 2001

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Die Montage

Der Mann stellte seinen Werkzeugkasten auf den Fussboden und sah sich um. Das Zimmer war mindestens genauso hoch wie breit. Gegen├╝ber der T├╝r befanden sich zwei schmale Fenster, die mindestens zwei Meter in der H├Âhe massen. Jedenfalls wirkten sie schmal, in Wirklichkeit hatten sie die f├╝r einen Altbau normale Breite von 100 cm. Der Mann h├Ątte es mit einem Blick festgestellt, wenn er es nicht schon gewusst h├Ątte. Die Fenster waren wie ├╝blich aussenb├╝ndig eingesetzt und die verbreiterte Fensterbank bot Platz f├╝r Zimmerpflanzen, die vorsorglich aus dem Arbeitsbereich des Handwerkers ger├Ąumt waren. Der Mann legte die zwei Springrollos, die er unter dem linken Arm trug, neben den Werkzeugkasten und sagte zur Wohnungsinhaberin: "Sch├Ân haben sie es". Der Mann war mittelgross, von sehniger Gestalt mit dunklen, etwas lockigen Haaren und einem B├Ąrtchen unter der etwas zu gross geratenen Nase. Sein Alter war um die 30 Jahre. Die Frau, die ihn mit einem Redeschwall in das Zimmer gef├╝hrt hatte, stand jetzt neben ihm. Sie war mindestens doppelt so alt, von schlanker Statur mit faltigem Gesicht, wobei die herablaufenden Furchen an den Mundwinkeln besonders auff├Ąllig waren. Das gab ihr ein verbittertes Aussehen.

"Ja, sch├Ân ist es. Ich wohne schon fast 40 Jahre in diesem Haus, seit meiner Heirat. Mein Mann war Kassierer bei der Sparkasse, jetzt ist er ja pensioniert. Ich war immer zuhause, wir hatten ja Kinder und mein Mann verdiente auch so gut und er h├Ątte es nie erlaubt, dass ich arbeiten gegangen w├Ąre. Dabei habe ich einen sch├Ânen Beruf gelernt. Floristin, damals sagte man Blumenbinderin. Ich habe in einer grossen G├Ąrtnerei gelernt, bei Wiedmann, die hatten verschiedene Gesch├Ąfte in der Stadt und Gew├Ąchsh├Ąuser wie Pal├Ąste. Sie sind ja noch so jung, sie werden sich vielleicht nicht mehr daran erinnern, der alte Wiedmann ist ja schon lange tot und weil er keine Erben hatte, ging alles ein. Mein Mann wollte, dass ich zuhause blieb und dann kam ja auch bald unser ├ältester, Georg. Er ist nach Hannover gezogen, wegen der Arbeit, wissen Sie! Seine Firma zog n├Ąmlich um. Die ist auf Messebau spezialisiert und da ist ja Hannover eine Goldgrube. Deshalb sehe ich meine Enkelkinder auch so selten. Die zweit├Ąlteste, Karin, wohnt aber nicht weit weg. Die hat zwei Jungen, die sind schon in der Realschule, aber wissen Sie, sowas von unerzogen, das halten meine Nerven nicht aus und ich bin immer heilfroh, wenn sie wieder weg sind. Sie glauben gar nicht, was ich da schon f├╝r Auseinandersetzungen mit meiner Tochter hatte und jetzt hat sie sich schon zwei Wochen nicht mehr blicken lassen......."

"Entschuldigung, sie sagten, dass ich keine Leiter mitbringen muss....."

"Ach ja, die Leiter, dort im Flur hinter dem Vorhang. Warten sie, ich mache ihnen Licht. Haben sie schon gefr├╝hst├╝ckt? Wissen Sie, mein Mann ist ein Fr├╝haufsteher. Er geht jeden Tag um sieben aus dem Haus, egal ob es regnet oder schneit. So fr├╝h stehe ich nicht auf. Ich leide n├Ąmlich an Migr├Ąne und liege jede Nacht stundenlang wach, meistens schlafe ich erst gegen Morgen ein. Sind sie gesund? Das muss man ja nicht fragen, bei ihrem Aussehen. Ein gesunder Mensch kann sich gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn man krank ist. Mein Mann hat auch kein Verst├Ąndnis. Er will von meinen Sorgen nichts wissen, so geht das bestimmt schon 10 Jahre, seit seiner Pensionierung, morgens um sieben geht er los und abends um sieben kommt er nach Hause. Spazieren, sagt er, zum Fr├╝hschoppen, dann in irgend einem Kaufhaus Mittag essen, durch Gesch├Ąfte bummeln oder auch irgend ein Museum besuchen. Fr├╝her bin ich ihm n├Ąmlich nachgegangen, wissen Sie? Das kennt man ja, wenn es M├Ąnner zu Hause nicht mehr aushalten, dann steckt meist ein Weibsbild dahinter. Aber nein, bei ihm ist das nicht so. Das h├Ątte ich mir auch gleich denken k├Ânnen, denn in dieser Richtung war noch nie viel los mit ihm. Ich habe gerade Kaffee gekocht, sie tun mir einen Gefallen, wenn sie mit mir fr├╝hst├╝cken."

"Nein danke, es ist wirklich sehr nett, aber ich habe ausgiebig gefr├╝hst├╝ckt. Sie wollten ja die Rollos b├╝ndig mit der Fensterscheibe montiert haben. Die alten waren ja ausserhalb der Nische, aber dazu sind die neuen zu schmal."

"Ja, das ist richtig. Wissen sie, wenn ich die Rollos runterziehe sind die Blumen immer im Wege, ausserdem ist das die S├╝dseite und das Zimmer wird einfach zu warm ohne Rollos. Wenn die Rollos an der Scheibe runterlaufen, st├Âren sie nicht mehr und die Blumen leiden auch nicht so unter der Hitze. Mein Mann mag ja keine Blumen. Wissen sie, ich habe ja fast niemand mehr um den ich mich k├╝mmern kann, meine Blumen sind wie meine Kinder, sie bekommen meine ganze Liebe, Hege und Pflege. Daf├╝r sind sie mir so dankbar und verw├Âhnen mich mit ihrem Duft und ihren Farben. Menschen sind so undankbar, wissen Sie? Besonders die heutige Jugend. Andreas, mein Enkel, der ├Ąlteste von Karin, meiner Tochter, sie wissen ja..., keine Erziehung, da kann man sagen was man will. Zu Weihnachten habe ich ihm ein Buch geschenkt, irgendwas mit phantastischen Geschichten. Der hat ein langes Gesicht gemacht, sag ich ihnen. Irgendwas von C-Tee-Rom hat er gemault. Heute trinken ja die 15 j├Ąhrigen schon oder noch schlimmer, nehmen irgendwelche Drogen. So weit kommt es noch, dass ich meinen Enkeln Alkohol schenke. Geld wollen sie ja immer, mir geht es ja nicht schlecht, wenigstens knausert Erich nicht mit dem Geld, wenn er auch sonst komisch ist. Erich, so heisst mein Mann, m├╝ssen sie wissen. Aber die Bengels sind ja so frech, ich sehe nicht ein, dass ich sie daf├╝r auch noch belohnen soll. Meine Tochter meint, ich solle was dazugeben, weil sich die Kinder irgendwelche Inlein-K├Âter kaufen wollen. M├╝ssen sie bohren? Warten sie, ich stelle den Staubsauger an, sonst fliegt der ganze Staub durch die Wohnung. Haben sie Kinder? Sie sind ja noch jung, grosse Kinder k├Ânnen sie ja noch nicht haben. Ja, die kleinen sind noch niedlich, aber das eine sage ich ihnen, seien sie auf der Hut. Meine Tochter hat auch viel falsch gemacht bei der Erziehung. An ihrem Mann, Alfred, was mein Schwiegersohn ist, also an dem hat sie auch keine Unterst├╝tzung. Der tut so, als ob ihm das alles nichts angeht. So, hier ist der Staubsauger. Ich halte das Saugrohr direkt neben den Bohrer, dann gibt es keinen Dreck. Ach ja, mein Schwiege'Kkkkrrrrrrrrrrrrrr rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr'essel und dann das Fernsehen an. Dabei eine Flasche Bier nach der'Krrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr'kein Wunder, wenn aus den Jungs nichts wird. Die sitzen nur vorm Computer oder h├Ąngen in Diskotheken rum. Und Schamgef├╝hl kennen die ├╝berhaupt nicht mehr. Mit 15 treiben sie es heute schon. Das sind doch noch Kinder. Ach, heute geht das alles so fix, sogar zum Schrauben gibt es elektrische Schraubenzieher. Was es alles gibt. Wissen sie, ich halte ja nichts von den neumodischen Sachen, solche Mikrobenwellen l├Âsen ja Krebs aus. Sind sie schon fertig? Ach so, die Leiter an die andere Seite. Wissen sie, mein Mann macht ja ├╝berhaupt nichts im Haushalt und handwerkliche F├Ąhigkeiten hat er auch nicht. Wenn er nach Hause kommt, geht er gleich in sein Zimmer. Er hat auch einen eigenen Fe'Krrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr Krrrrrrrrrrr krrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr krrr rrrr'dass wir zusammen ferngesehen haben. Ich habe mich daran gew├Âhnt, dass ich einsam bin, mit meinem Mann kann man ja sowieso nicht reden, kein Wort kriegt man aus ihm heraus, also sowas von maulfaul m├╝ssen sie wissen. M├Ąnner sind ja sowieso nicht so gespr├Ąchig, wissen sie, aber er ist stumm wie ein Fisch. Fr├╝her ging es 'KrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrKrrrrrrrrrrrrrrrrrrr rrrr' viel unternommen, als die Kinder noch klein waren. Da waren die Zeiten auch anders als heute. Ich gehe ja kaum noch weg, wo soll ich auch hin, h├Âchstens mal eine Kaffeefahrt von der Gemeinde oder ein Ausflug mit der Rentnerbetreuung. Aber das ist mir auch zuviel. Dieses Gequatsche, m├╝ssen sie wissen, geht mir auf die Nerven, man kommt ja selbst kaum zu Wort. Alle erz├Ąhlen nur von ihren Krankheiten, alles kleine Wehwehchen, wissen sie, die machen sich nur wichtig. Wenn die w├╝ssten, was ich mit meiner Migr├Ąne mitmache, das kann sich ja keiner vorstellen. Mein Mann sagt auch, ich soll mich nicht so haben, da h├Ârt man kein freundliches Wort, wenn er ├╝berhaupt mal was sagt....."

"So, die Halter sitzen, wenn sie mir mal eines von den Rollos reichen, muss ich nicht von der Leiter."

"Ja, nat├╝rlich, ist es egal, welches von den beiden? Die Fenster sind ja gleich gross, dann ist es wohl egal."

"Da ist doch ein kleiner Unterschied, zuerst das mit dem roten Klebestreifen auf der Verpackung........ Danke!"

Sie sind ein netter, junger Mann, mit ihnen kann man wenigsten reden. Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, mein Mann, m├╝ssen sie wissen, kein freundliches Wort hat er f├╝r mich ├╝brig. Zusammen weggegangen sind wir schon seit Jahren nicht mehr. Gestern ist er f├╝r zwei Tage zur Beerdigung seiner Schwester gefahren, nat├╝rlich alleine, er will mich ja nirgendwo mithaben. Es st├Ârt mich schon lange nicht mehr, wissen sie, ich f├╝hle mich ganz wohl so. Wenn nur diese Migr├Ąne nicht w├Ąre, die macht mich nochmal verr├╝ckt. Wer gesund ist, kann sich ja gar nicht vorstellen, wie es ist, krank zu sein. Ach, das sieht aber gut aus und passt genau. Jetzt sind die Blumen auch nicht mehr so in der prallen Sonne. Heute scheint sie ja nicht, sie k├Ânnen das Rollo ruhig oben lassen. Das ging ja fix, sie verstehen ihr Handwerk. Und jetzt das andere Fenster. Sch├Ân, dass es so schnell geht, ich muss n├Ąmlich noch zum Arzt. Ich habe einen guten Arzt, m├╝ssen sie wissen. Der sagt immer, 'Frau Breithaupt, nehmen sie sich nicht alles so zu Herzen, machen sie sich das Leben angenehm, dazu braucht man keinen Mann, und in ihrem Alter schon gar nicht.' Er meint es ja so gut, aber er ist eben auch ein Mann, was versteht er letzten Endes davon, wie eine Frau leidet. Ich glaube, M├Ąnner k├Ânnen gar nicht leiden. Ich muss nur an Erich 'Krrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr' schaltet einfach ab, wenn er was nicht h├Âren will und nimmt auch sonst keine R├╝cksicht. Da hat mein Arzt schon recht, ich nehme mir alles so zu Herzen. Als Frau sorgt man sich eben viel mehr um seine Lieben, na ja, mein Mann z├Ąhlt sich ja wohl 'Krrrrrrrrrr krrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr' aber als Frau nimmt man seine Verpflichtungen eben ernster, auch wenn der Mann noch so komisch ist. Der einzige, der zu mir h├Ąlt ist mein J├╝ngster, Hans-J├╝rgen, er sagt immer 'Mutti, lass dich nicht unterkriegen, wir werden das schon schaffen, du wirst sehen, die Sonne scheint immer wieder, auch nach dem gr├Âssten Wolkenbruch.' Er ist ein so guter Junge, m├╝ssen sie wissen. Und ich passe auch auf, dass er nicht unter die R├Ąder kommt. Neulich hat er mir seine Braut vorgestellt, er ist ja noch nicht verheiratet, ist erst Anfang 30, also so ein Weibsbild mit langen roten Fingern├Ągeln, aufgetakelt wie 'Krrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr' r├╝hrte keinen Finger, als ich beim Abwaschen war, sie fragte, ob ich keinen Geschirrsp├╝ler habe. Ich habe sp├Ąter zu meinem Sohn gesagt 'Hansi,' habe ich gesagt, 'diese Frau bringt Dir kein Gl├╝ck, lass die Finger 'Krrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr'
Er ist ja so vern├╝nftig, m├╝ssen sie wissen, er hat wirklich was Besseres verdient. Er h├Ârt auch sonst auf mich und hilft mir viel, ich bin ja nicht mehr die J├╝ngste, da braucht man ab und zu schon mal jemand, der einem was abnimmt. Mein Mann k├╝mmert sich ja um nichts, ist den lieben langen Tag unterwegs und abends schliesst er sich in sein Zimmer ein. Was soll man dazu sagen...."

"W├╝rden sie mir bitte das andere Rollo zureichen? Danke!"

"Sind sie jetzt fertig? Das ist ja wunderbar, dann komme ich ja noch rechtzeitig zum Arzt, ich muss mir n├Ąmlich neue Medikamente verschreiben lassen. Ich habe auch einen nerv├Âsen Magen, wissen sie, kein Wunder bei der vielen Aufregung. Ich sollte mir wirklich nicht alles so zu Herzen nehmen, aber niemand kann ja ├╝ber seinen eigenen Schatten springen. Was macht das zusammen? Ich bezahle lieber gleich, dann m├╝ssen sie keine Rechnung schicken."

"Es ist alles schon bezahlt."

"Ja...... aber....... das verstehe ich nicht! Wer hat denn bezahlt?"

"Ihr Mann kam gestern morgen im Gesch├Ąft vorbei und hat bezahlt." "Mein Mann? Ja, wie kommt er denn dazu ................merkw├╝rdig"

"Also, auf Wiedersehen dann." Der Handwerker nahm seinen Werkzeugkasten und schien es pl├Âtzlich sehr eilig zu haben. Die Wohnungsinhaberin blieb sprachlos und verwundert zur├╝ck. Schliesslich begann sie kopfsch├╝ttelnd die Blumen zur├╝ck auf die Fensterb├Ąnke zu r├Ąumen. Unterdessen hatten sich die Wolken verzogen und die Sonne strahlte mit ganze Kraft vom blauen Firmament. Die Frau zog die Rollos herunter. Als sie das zweite hinuntergezogen hatte, glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen. Auf dem hellen Stoff war mit dickem schwarzen Filzschreiber die Inschrift geschrieben: Endlich Ruhe! Viele Gr├╝sse aus Argentinien - Erich.








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"Liebe kostet nichts und ist doch das Teuerste auf der Welt."

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