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Die Moral des Tötens
Eingestellt am 20. 01. 2001 18:22


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Michael
Blümchendichter
Registriert: Dec 2000

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Leseprobe aus:
GROMEK – Die Moral des Tötens
(2. Kapitel / Seiten 26 – 34)

Binnen Minuten hatten sich die prallen Wolken, die schon den ganzen Tag über Berlin gehangen hatten, über die einst in Ost und West geteilte Metropole ergossen und ihre Bewohner in die Häuser getrieben. Auf der Fahrt durch die nachtschwarze, vom Wolkenbruch gereinigte Stadt, deren Straßen und Gehwege naß glitzerten, während die mit unzähligen Regentropfen übersäten Fenster der Autos kaleidoskopartig funkelten, klingelte das Mobiltelefon. Gromeks Vorahnung hatte sich als richtig erwiesen.
»Gromek.«
»Es liegt eine Nachricht vor.«
Gromek war an den für Aufträge dieser Kategorie typischen Telegrammstil gewöhnt. Er schaltete das Telefon aus und steckte es in die Innentasche seines Sakkos. Immer, wenn es dreckige Arbeit zu erledigen gab, ging es ihm dabei durch den Kopf, wurde er geholt.

Vor dem Sheraton-Hotel am Kurfürstendamm hielt Gromek an. Er öffnete den Kofferraum seines Wagens und holte einen Laptop heraus. Der mit grauem Zylinder und grauer Uniform ausstaffierte Portier, dessen goldene Schulterklappen einem Feldherrn aus dem 17. Jahrhundert alle Ehre gemacht hätten, grüßte ihn freundlich und blickte gleich darauf zum Himmel, um abzuschätzen, ob es in der Nacht noch einmal regnen würde.
Wenige Augenblicke später trat Gromek aus dem Hotelfahrstuhl in einen vornehm stillen Flur. Mit leisem Rumpeln schlossen sich die Fahrstuhltüren hinter ihm. Er hörte, wie der Lift zügig davonschwebte und gleich wieder stoppte. Gromek sah sich um und wandte sich nach kurzer Überlegung der linken Ganghälfte zu. Langsam ging er an den einzelnen Türen vorbei. Einige Meter vor dem Ende des Flurs entschied er sich für eines der Zimmer. Er stellte seinen tragbaren Computer ab. Er zog einen schraubenzieherähnlichen Gegenstand aus seiner Brusttasche. Mit einer einzigen präzisen Bewegung hatte er damit innerhalb von nur einer Sekunde die Zimmertür geöffnet.
Durch einen schmalen Spalt schaute Gromek in den dunklen Raum und mußte feststellen, daß dieser nicht so leer war, wie er erwartet hatte.
»Mist!« preßte er unhörbar zwischen den Zähnen hervor: Aus der unergründlichen Schwärze des Raumes drangen die intimen Geräusche eines Liebespaares. Dabei gab sich der an dem Liebesakt beteiligte Mann anscheinend besondere Mühe, die er in einwandfreier akustischer Qualität dokumentierte. Gromek zog die Tür behutsam wieder ins Schloß, hatte aber keine allzu große Hoffnung, daß ihr Öffnen nicht bemerkt worden war.
Kurzerhand versuchte er sein Glück im Nachbarzimmer.
Wieder öffnete er die Tür so schnell und zuverlässig wie mit einem Hotelschlüssel. Aufmerksam betrat er den menschenleeren Raum. Vor einem der Fenster stand ein heller, hölzerner Sekretär, auf dem eine in dunkles Leder gebundene Bibel lag. Das Zimmermädchen mußte sie übersehen haben. Gromek räumte die Bibel in eine der Schubladen des Möbels und plazierte den Laptop auf der Schreibfläche. Kurz darauf war das Gerät über ein Modem an die Telefonbuchse angeschlossen. Er bevorzugte diese Vorgehensweise, weil sie ihm einen absolut anonymen und nicht rückverfolgbaren Zugriff auf die von ihm benötigten Daten garantierte.
Ehe er sich an die Arbeit machte, schaltete er den 16:9 Breitbild-Fernseher ein, der auf einer Kommode gegenüber dem Bett stand. Per Fernbedienung suchte er einen der Nachrichtensender, in der Hoffnung, weitere Neuigkeiten über den Mordanschlag im EU-Gebäude in Brüssel zu erfahren. Er landete auf n-tv. Aber dort lief nur Werbung.
Während er eine Reihe von Befehlen in den Laptop eingab, hörte Gromek, wie das Bett des Nachbarzimmers rhythmisch gegen die Wand stieß und den Bilderrahmen über dem Bett in seinem Zimmer zum Wackeln brachte. »Fast zweimal pro Sekunde«, überlegte er, »nicht schlecht.« Anerkennend zog er eine Augenbraue in die Höhe, dann konzentrierte er sich wieder auf seine Arbeit.
Trotz seiner jahrzehntelangen Erfahrung und der ausgeprägten Routine interessierte es ihn jedesmal aufs Neue, zu erfahren, welche Art von Aufgabe man ihm anvertrauen wollte.
Unmittelbar nachdem die Startseite der BodenGrund verschwunden war, erschien auf dem Bildschirm das runde Logo des BSD, der Bundesadler auf weißem Grund. Gromek gab das verlangte Paßwort ein und klickte mit dem Cursor insgesamt dreimal in verschiedene Bestätigungsfelder. Einen Augenblick später erhielt er den Hinweis, daß die folgenden Dateien nur für sechzig Sekunden zur Verfügung stünden. Die digitale Uhr in der Befehlszeile begann rückwärts zu zählen: sechzig, neunundfünfzig, achtundfünfzig ...
In zügiger Folge wurden die Portraits von drei Männern und einer Frau gezeigt, darunter jeweils eine Reihe persönlicher Daten. Einer der Männer kam Gromek bekannt vor, obwohl ihm nicht sofort einfiel, wo er ihm schon begegnet war. Mit professionellem Blick überflog er die Datei.
Alexander Holz, las er unter dessen Portrait, und ihm wurde klar, warum er ihn im ersten Moment nicht wiedererkannt hatte: Der Holz, den er kannte, war Bartträger. Der Mann auf dem Portrait war glattrasiert.
»Alexander Holz!? Das muß zehn Jahre her sein. Alex, alter Junge, wo bist du da nur hineingeraten?«
Verwundert schüttelte Gromek den Kopf. Um ein Haar hätte er vergessen, eine Diskette in den Laptop zu schieben, um die Informationen für seinen weiteren Gebrauch abzuspeichern. Kaum war er damit fertig, verschwanden die Daten vom Bildschirm, als hätte es sie nie gegeben. Sein Handy klingelte.
»Gromek.«
Am anderen Ende meldete sich dieselbe emotionslose Stimme wie vorher.
»Die Liquidation der Zielpersonen hat in der genannten Reihenfolge und so bald wie möglich zu erfolgen! So bald wie möglich! Limit zwei Wochen.«
Die Leitung klickte. Gromek steckte das Telefon weg. »So bald wie möglich!« murmelte er verärgert. »Gründliche Arbeit braucht nun mal ihre Zeit! Das werden die wohl nie begreifen. Zwei Wochen für Vorbereitung und Ausführung sind ein Witz.«
Genervt klappte er den tragbaren Computer zusammen. Doch dann besann er sich und stellte den Laptop wieder auf. Sorgfältig studierte er die Daten jeder einzelnen der vier Personen.
Wolfgang Bubeck, Klarname Ernst-August Seidemann, war der erste auf der Liste. Er war neunundvierzig Jahre alt, Ingenieur für Maschinenbau und bis vor der Wende Offizier im Rang eines Majors bei der Hauptabteilung I des früheren Ministeriums für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik gewesen. Seit 1982 hatte Bubeck in der Unterabteilung XXIII gearbeitet, deren über tausend Angehörige ausschließlich für Spezialaufgaben zuständig waren. Ihre vordringlichsten Missionen: Sabotage, Geiselnahme, Entführung und Mord. Ihr Haupteinsatzgebiet: Westdeutschland. Bubeck hatte also schon vor seinem offiziellen Übertritt zum BSD, der Ende 1989, Anfang 1990 stattgefunden hatte, professionell Menschen getötet. Und er war Doppelagent gewesen. Einer der wenigen, die die westdeutschen Nachrichtendienste in den Jahren des Kalten Krieges gewinnen konnten. Daß Wolfgang Bubeck dieses Doppelspiel überlebt hatte, sprach für ihn und seine Fähigkeiten. Gromek würde auf einen echten Profi treffen.
Bedri Rugova, der zweite im Bunde, war Albaner. Sein Klarname lautete Ismail Bey. Gromek nahm an, daß er wie Bubeck Doppelagent war. Außer einer Adresse im Stadtteil Potsdam-Babelsberg, die ihm gänzlich unbekannt war, gab es keine nennenswerten Informationen über ihn. Das bedeutete in aller Regel einen unkomplizierten Auftrag, der in kürzester Zeit, mit geringem Risiko und ohne Aufsehen erledigt werden konnte. Mit einem Tastendruck, als ob er eine lästige Fliege verscheuchen wollte, ließ er Rugova vom Bildschirm verschwinden.
Als drittes rief Gromek die Daten der einzigen Frau auf - Lisa-Marie Delius. Trotz des offensichtlich nicht mehr aktuellen Fotos fiel ihm ihre attraktive Erscheinung sofort ins Auge. Bei ihr verhielt es sich wie bei Bedri Rugova, es waren ebenfalls nur spärliche Informationen vorhanden. Gromek las laut: »Lisa-Marie Delius, vierunddreißig Jahre, verheiratet mit einem Arzt, einem Chirurgen. Klarname Lisa Rosenberg.« Es gab zwei schulpflichtige Kinder, die auf die Namen Daniel und Julia hörten.
Töte einen Menschen, der hundert andere töten will, und du hast neunundneunzig Leben gerettet. - Gromek kannte diese Doktrin, die einen der Grundpfeiler des BSD darstellte, schon seit ewigen Zeiten. Er nahm an, daß sie sinngemäß auch auf diesen Fall zutraf, und deshalb würde er sie anwenden, selbst wenn es ihm grundsätzlich mißfiel, Kindern die Mutter zu nehmen - was im übrigen nicht oft vorkam. Trotzdem fragte er sich, was genau den Tod dieser Frau rechtfertigen mochte.
Alexander Holz, Klarname Karl Schmidt-Weinhäuser, war der letzte auf der Liste. Die wenigen Angaben zu seiner Person enthielten für Gromek kaum Neues. Alexander Holz war zweiundfünfzig Jahre alt, unverheiratet und seit neun Jahren Angehöriger des BSD. Den Rest las er nicht mehr. Es fiel ihm schwer zu glauben, daß ausgerechnet Alexander Holz zu seinen Zielpersonen gehören sollte. Trotzdem wollte er sich nicht länger als unbedingt nötig in dem Hotelzimmer aufhalten.
Die Nachrichten begannen. Gromek wandte den Kopf in Richtung Fernsehgerät und stellte die Lautstärke höher. Die Top-Meldung des Abends war der Mordanschlag auf Stephan Zelder in Brüssel. Doch die Einspielung eines Berichts ergab keine Neuigkeiten, und eine Live-Schaltung zu dem Korrespondenten vor Ort scheiterte aus technischen Gründen. Die zweite Meldung betraf ein Zugunglück in der Nähe von Dortmund, die dritte einen Vorgänger von Hubertus Brock, den früheren Bundesinnenminister Oswald Kanthauser.
Gromek blieb aufmerksam. Er hatte Kanthauser persönlich gekannt, doch seine Erinnerungen an den ehemaligen Vorgesetzten wurden durch den Schatten eines einzigen Tages verdunkelt.
»... Die internationale Menschenrechtsorganisation ›Wider den Staatsterrorismus‹ hatte mit ihrer Klage vor dem Bundesgerichtshof Bundesinnenminister a. D. Oswald Kanthauser in Bedrängnis gebracht, dessen Amtszeit von 1985 bis 1988 währte. Ihm wird vorgeworfen, er habe Akten seines Ministeriums beseitigen lassen. Diese sollen belegen, daß die Bundesregierung nicht nur Kenntnis von einem nicht aufgeklärten Busunglück in der Nähe der polnischen Stadt Skwierzyna hatte, sondern mit einer Geheimdienstoperation direkt beteiligt war. Der betreffende Reisebus war im Sommer 1988 aus ungeklärten Gründen von der Straße abgekommen. Er hatte sich mehrmals überschlagen und brannte völlig aus. Von den fünfundvierzig Insassen, alle Pensionäre aus Österreich und der Schweiz, hatten nur zwei den Unfall überlebt ...«
Nach der Einblendung von Archivmaterial, das einen umgestürzten und ausgebrannten Reisebus zeigte, wurde ein von Kamerateams umringter Oswald Kanthauser gezeigt, der sein konturloses Gesicht in die Linsen der Aufnahmegeräte reckte und sich empört über »die maßlose Hetzkampagne« beschwerte, welche die Journalisten in »ihrer blinden Jagd nach Sensationen« gegen ihn betrieben. Seine Haltung drückte nur allzu deutlich aus, daß er sich voll und ganz im Recht fühlte.
Gromeks Kiefermuskeln spannten sich. Er hatte Kanthausers sonoren Baß noch im Ohr: »Wir hatten eine Fehlinformation erhalten.« Er griff nach der Fernbedienung und schaltete wahllos auf ein anderes Programm um. »Ein unschönes Mißgeschick. Das wird selbstverständlich Konsequenzen haben. Ich werde persönlich dafür sorgen.«
»Waren das jetzt deine Konsequenzen, Kanthauser?« fragte Gromek bitter in den Raum hinein. Noch immer konnte er die Flammen lodern hören, den Geruch nach einer Mischung aus verkohltem Fleisch, Textilien und Blech in seiner Erinnerung abrufen, der ihn damals noch monatelang verfolgt hatte.
Auf dem Privatsender, auf den er gewechselt hatte, lief die Wiederholung einer Talkshow vom vorigen Nachmittag. »Guten Tag, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer!« Sechs Frauen und Männer verschiedener Altersklassen saßen um die Moderatorin herum. »Unser Thema des Tages: Ich habe heimlich Aktfotos von mir machen lassen. Bin ich jetzt pervers?! Frau Schulze - wie war das denn bei Ihnen?« »Ja, also ...«
»Brot und Spiele«, murmelte Gromek in einem Ton, der irgendwo zwischen Verachtung und Bedauern lag. Er schaltete erst den Fernseher aus, dann den tragbaren Computer, zog das Kabel aus der Steckdose und klappte den Laptop zusammen. Die Verschlüsse schnappten geräuschvoll ein, und das Schicksal seiner vier ›Rendezvous‹-Aufträge schien besiegelt.
Als er mit dem Laptop unter dem Arm das Hotelzimmer verließ, rutschte ihm der Knauf aus der Hand, und die Tür fiel satt ins Schloß.
Die Nachbartür, hinter der sich das Liebespaar befand, öffnete sich zaghaft einen Spalt weit.
Gromek drehte sich um und erblickte einen schmalschultrigen Endvierziger, halb im Schatten, der nur mit einem zu kurzen Handtuch und Socken bekleidet war und ihn mit von der Helligkeit des Ganges geblendeten Augen anspähte. Eine glockenhelle Frauenstimme flötete aus dem Dunkel:
»Ich habe nichts gehört, Liebling. Komm doch wieder ins Bett!«
Gromek, in Gedanken bei seinem Auftrag, konnte sich trotzdem einen Kommentar nicht verkneifen. Aufmunternd nickte er dem Casanova zu:
»Na, wie steht die Sache? Kann ich behilflich sein?«
Zur Antwort flog die Tür ins Schloß, und ein Schlüssel wurde zweimal barsch herumgedreht.

Als Gromek aus dem Sheraton trat, schaute der Portier gerade auf seine Armbanduhr. Der Kollege für die nächste Schicht war überfällig.
Michael Gromek stieg in seinen Wagen, startete und reihte sich in den lebhaften Verkehr ein, der sich zu mitternächtlicher Zeit über den Berliner Kurfürstendamm wälzte.
Alexander Holz ging ihm nicht aus dem Kopf.
Gromek kannte ihn schon seit ewigen Zeiten. Er erinnerte sich, als ob es gestern gewesen wäre:
Es war in München gewesen, im September 1972, bei den XX. Olympischen Sommerspielen, als sich der damalige Polizei-Scharfschütze Karl Schmidt-Weinhäuser - dieser Name klang inzwischen fremd für Gromek - und der mit der Ausbildung zum Polizeiwachtmeister gerade fertig gewordene Michael Gromek, der in wenigen Tagen seinen Eid auf die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland leisten sollte, das erste Mal über den Weg liefen.
Später sprach man nur noch vom ›Schwarzen September‹. Eine Gruppe von acht jungen, arabischen Terroristen hatte am frühen Morgen im Olympiadorf neun israelische Sportler in ihrem Quartier als Geiseln genommen und zwei weitere Israelis mit Maschinenpistolen erschossen. Die Freischärler forderten die Entlassung von zweihundert in Israel inhaftierten arabischen Gefangenen.
Da die israelische Regierung eine Freilassung der Gefangenen ablehnte und die Terroristen bei ihrer Forderung blieben, noch nicht einmal eine Lösegeldsumme haben und sich lediglich mit einem Flug nach Ägypten einverstanden erklären wollten, standen die Zeichen früh auf Konfrontation.
Am Abend wurden die Terroristen und die neun Geiseln schließlich mit zwei Hubschraubern zu dem nahegelegenen Militärflughafen Fürstenfeldbruck ausgeflogen, wo eine Lufthansa-Boeing 727 wartete, die lediglich mit Treibstoff für vierhundert Kilometer betankt worden war.
Die Katastrophe nahm ihren Lauf, als Schmidt-Weinhäuser mit nur vier Scharfschützen-Kollegen und ohne Nachtsichtgeräte das Feuer auf vier Terroristen eröffnete, die sich auf dem Rollfeld befanden. Es gelang ihnen in dem Feuergefecht nicht, alle acht Terroristen gleichzeitig zu liquidieren. Zudem verloren Schmidt-Weinhäuser und die anderen Scharfschützen zeitweilig den Funkkontakt zur Einsatzzentrale im Tower des Flughafens.
Über eine Stunde später stieg einer von den noch lebenden Terroristen aus einem der zwei Hubschrauber aus, zündete ohne Rücksicht auf das eigene Leben eine Handgranate und warf sie zurück in die Kanzel des Helikopters, wo sie nur Sekunden später explodierte. Der zweite Hubschrauber fing daraufhin Feuer und brannte vollständig aus. Die Hubschrauber wurden zu Gräbern, in denen die gefesselten israelischen Geiseln verbrannten, sofern sie nicht schon durch die Explosion der Handgranate getötet worden waren.
Die Bilanz des Massakers waren elf tote Israelis, ein erschossener deutscher Polizist und sechs getötete Araber.
Eine Woche später sollte Manfred Schreiber, der für den Einsatz der deutschen Beamten verantwortliche Polizeipräsident von München, in einem Spiegel-Interview verkünden, daß die Befreiungsaktion von Fürstenfeldbruck von vornherein aussichtslos gewesen sei. Im selben Atemzug erklärte er eine Eliteeinheit für derartige Vorkommnisse mangels Häufigkeit für nicht notwendig.
An dem Tag nach dem Massaker hatte Gromek nicht nur die Freude an den Olympischen Spielen verloren und sich darüber geärgert, daß viele seiner Kollegen dem Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen Ungarn entgegenfieberten, als hätte sich das Attentat nie ereignet. Er hatte auch den Entschluß gefaßt, in seinem Beruf etwas Außergewöhnliches zu leisten, das unbedingt über den normalen Dienstalltag hinausgehen sollte.
Was Michael Gromek seinerzeit noch nicht ahnen konnte: Der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher, der vom Tower aus Augenzeuge des Olympia-Massakers von Fürstenfeldbruck gewesen war, beauftragte einen Kommandeur des Bundesgrenzschutzes, eine Anti-Terror-Einheit aufzubauen. Dabei sollte sich Ulrich K. Wegener an dem Vorbild bereits existierender Spezialeinheiten wie dem britischen ›Special Air Service‹, den amerikanischen ›Special Forces‹ oder den israelischen ›Sayeret‹-Kommandos orientieren.
Daß Gromek fünf Jahre später im nordostafrikanischen Mogadischu als Angehöriger der bis dahin nahezu unbekannten Bundesgrenzschutztruppe GSG 9 bei der Feuertaufe der Einheit dabei sein sollte, stand damals noch in den Sternen. Bei der Erstürmung der Lufthansa-Boeing ›Landshut‹ erschoß er ein Mitglied des palästinensischen Terror-Kommandos, das die Maschine mit deutschen Touristen entführt hatte.
Der erste Mensch, den er getötet hatte, erfuhr Gromek bald darauf von seinem Einsatzleiter, war genauso alt gewesen wie er selbst.

Michael Lutz
GROMEK – Die Moral des Tötens
240 S. / DM 29,95 (Euro 15,31)
ISBN: 3-9801721-1-2
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Michael Lutz

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