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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Musterung oder Coming-out 1969
Eingestellt am 29. 12. 2011 21:13


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Arno Abendschön
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In O. sollten damals Kasernen gebaut werden und der Staat kaufte dafĂŒr Land. Die Erdarbeiten begannen, wir konnten es von unserem Hof aus sehen. Mein Vater glaubte, ich könnte meinen Wehrdienst spĂ€ter dort ableisten und abends nach Hause kommen. Er war nicht auf der Höhe der Zeit, das wusste ich schon. Rekruten dienten doch gewöhnlich fern der Heimat.

Ich sagte zu ihm: "Mich kriegen sie sowieso nicht." Er lĂ€chelte ĂŒberlegen: "Das hĂ€ngt nicht von deinem Willen ab." Ein Sohn sagt in diesem Fall: "Du wirst schon sehen ..." Sein LĂ€cheln wurde breiter.

Als die Musterung nahte, wohnte ich schon in M.. Mit mir war K. dorthin gezogen, um Psychologie zu studieren. Wir waren Klassenkameraden gewesen, der superkluge K. und ich. Sein Banknachbar hatte ihn oft vor uns anderen "Homo" tituliert und ihn dabei gerne gepiesackt. K. empfahl mir ein Buch ĂŒber das Thema. Sonst berĂŒhrten wir es nie. K. war neuerdings Sozialist.

An einem kalten Wintertag bummelten wir durch Heidelberg. Wir gingen ins Postamt, um uns aufzuwĂ€rmen. Da fragte ich ihn, ob er meinen Plan gutheiße. Ich sei ja homosexuell und hĂ€tte vor, es bei der Musterung anzugeben. Es kam mir leicht ĂŒber die Lippen und war doch das erste Mal. K. schien mir peinlich berĂŒhrt. Er sagte: "Ich wĂŒrde das nicht tun ... Wenn es spĂ€ter bekannt wird, kann man in der Politik keine Rolle mehr spielen." Ich dachte: Na danke, wenn das dein Sozialismus ist ...

Auf dem Kreiswehrersatzamt ... Im Warteraum saßen noch mehr junge MĂ€nner. Einer las in James Baldwins "Giovannis Zimmer". Dann mein Coming-Out, Teil II. Ich gab es ihnen schriftlich auf dem Fragebogen, der vor der Untersuchung ausgefĂŒllt werden musste. Der Arzt empfing mich sehr kĂŒhl, wenn auch mit SchĂ€rfe im Ton. Er halte meine Angabe fĂŒr eine Schutzbehauptung, man werde mir schon das Gegenteil nachweisen. War das ein Kompliment? Er ließ in der Praxis eines Psychiaters anrufen: "Wir haben da wieder einen ..."

Beim Irrenarzt ... Es verlief denkbar harmlos. Dieser Arzt gab sich vĂ€terlich, begĂŒtigend. Er wollte wissen, ob ich Verkehr mit wechselnden oder immer denselben Personen hĂ€tte. Die Frage war mir unangenehm - ich war noch so jungfrĂ€ulich wie möglich. Das verheimlichte ich ihm lieber und log ihm was vor: "Immer mit denselben." Zum Schluss sagte er: "Ich werde mein Gutachten erstatten. Seien Sie unbesorgt, der Paragraph fĂ€llt ja demnĂ€chst." Dann sollte ich noch eine Urinprobe abgeben. Ihr Sinn blieb mir unklar. Heute frage ich mich: War sie vielleicht fĂŒr die Hormonforschung bestimmt?

Monate spĂ€ter kam der Bescheid: Dauernd untauglich ... wird ausgemustert ... unterliegt nicht der WehrĂŒberwachung ... Mein Leiden: Leistungsfunktionsstörung. Hurra! Mein Vater fragte nie, wie ich es erreicht hatte, um den Wehrdienst herumzukommen. Er wollte es wirklich nicht wissen. Die Kasernen in O. wurden ĂŒbrigens nie gebaut. Sie fielen einem Sparprogramm zum Opfer.

Und K.? Er gab mir spĂ€ter einmal in Berlin zu verstehen, er habe neulich bei einer Demo auf dem Kudamm ein eindeutiges Angebot erhalten. (Nur Gebrauch hatte er davon nicht gemacht.) Auch er lĂ€chelte jetzt ĂŒberlegen.

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