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Die Mutter des Pluto
Eingestellt am 15. 01. 2006 07:18


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Dietmar Preuß
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Die Mutter des Pluto

„Nathan Harker zum Projektorraum 1! Nathan Harker zum Projektorraum 1, Gefahrenstufe Rot!“
Da war er, der Aufruf, der den jungen Mann mit dem schmalen Gesicht und den kurzen, schwarzen Haaren in wenigen Minuten an den Wendepunkt seines Lebens bringen würde. Er erhob sich aus seiner Tranceliege im Bereitschaftsraum, atmete tief durch und machte sich auf den Weg. Er hatte lange auf diese Chance gewartet, und er würde sie nutzen!

Zu Dutzenden strömten Schaulustige zur Aussichtsplattform von Whitby S.P., dem Spaceport im Orbit von Greater Britten. Gefahrenstufe Rot bedeutete zumeist, dass ein Taumler aus dem Wurmloch aufgetaucht war, welches den Planeten mit der Erde verband. Hier hatte die Menschheit Zuflucht vor der unbesiegbaren Seuche gefunden. Hierher war sie der Menschheit bisher nicht gefolgt. Und die Behörden und der Helsing-Orden taten alles, damit das so blieb. Nur versiegelte Schiffe durften an der Station andocken. Waren die Plomben verletzt, wurde das Flüchtlingsschiff abgewiesen. Näherte es sich doch einem der Dockpylonen, wurde es zerblasen.
Die Wissenschaftler hatten keine Erklärung dafür, warum bei etwa jedem zwölften Schiff Besatzung und Reisende den Sprung nicht überlebten oder die Automatik ausfiel. Wenn so ein Taumler aus dem Wurmloch schoss, bestand die Gefahr, dass er mit der Station im Orbit von Greater Britten zusammenprallte. Die Folgen waren nicht auszudenken. Der Bau der Anlage mit den siebzehn Dockpylonen hatte Unsummen verschlungen. Außerdem lebten und arbeiteten über eintausend Seelen auf der Station. Ganz abgesehen von den Hunderten von Flüchtlingen, die den Spaceport täglich passierten. Um den Verlust all dieser Leben zu verhindern gab es die Morituri.

Auf dem Weg zum Projektorraum 1 standen unzählige Menschen vor den Duralium-Wänden Spalier. Mit reglosen, oft mitleidigen Gesichtern sahen sie Nathan Harker an, der mit zielstrebigen Schritten an ihnen vorbei eilte. Die Aufgabe, die ihn erwartete, beanspruchte seine volle Konzentration, keinen anderen Gedanken ließ er durch die Oberfläche seines Bewusstseins dringen. Unter dieser verletzlichen Haut war der junge Mann einsam wie nie zuvor, trotz der vielen Leute, die ihn ansprachen. Ihre Stimmen drangen kaum an ihn heran, sein Blick war in weite Ferne gerichtet. Er erkannte selbst seine ältesten Freunde nicht und nickte ziellos mal nach links, mal nach rechts.

„Nur Mut, Harker!“, rief ihm der Wirt der Tate Hill-Bar zu und reichte ihm traditionsgemäß ein volles Glas Porter. Der junge Mann nahm wie in Trance, aus der er ja gerade erst erwacht war, Haltung an und stürzte den echten, importierten Alkohol in einem Zug herunter. Zum Abschied, der ein Abschied für immer sein konnte, salutierten die umstehenden Mannschaften und auch einige der Zivilisten.
Dann hatte er den Korridor vor dem Projektorraum erreicht. Nathan Harker sah, dass Commander Morris hinter den Wänden aus durchsichtigem Metall stand und sich an den Einstellungen der gigantischen Elektromagnete zu schaffen machte. Sein aristokratisches Gesicht mit dem Menjou-Bärtchen war konzentriert, und Nathan wusste, dass er all seine Kenntnisse aufbot, um den Springer, wie die Morituri offiziell hießen, unversehrt auf die Brücke des heranjagenden Schiffes zu projizieren. Aber er wusste auch, dass die Erfolgsquote bei fünfzig Prozent lag und sich im Laufe der Jahrzehnte nicht verbessert hatte.

Bevor er den Projektorraum betrat, in dem sich noch mehr hochrangige Offiziere befanden, musste er ein weiteres Ritual über sich ergehen lassen. Seine Brüder und Schwestern hatten sich vor der Tür versammelt. Die Männer und Frauen, die sich gleich ihm freiwillig gemeldet hatten und ausgebildet worden waren, die Orbitalstation im Falle eines Falles zu retten.
Ausgebildet! Was heißt schon ausgebildet, fragte er sich.
„Es ist die Mutter des Pluto, Nathan, von der Reederei Stoker & Holland Ltd,“ sagte Swine, den er nie anders als mit einem griesgrämigem Gesicht gesehen hatte. „Ein dicker Brocken, du hast natürlich mal wieder Glück. Der Werftagent sagt, sie ist mindestens 42 Millionen wert. Auf dich wartet ein Bergegeld von 21 Mille.“
Swine hatte bereits einen Sprung gewagt und überlebt. Über sein Glück hatte er sich aber nicht freuen können, denn er hatte auf einen Container springen müssen, einen Einweg-Raumer, der gerade einmal seinen Schrottwert gebracht hatte. Aber auch er legte eine Hand auf Harkers Schulter, als seine Brüder und Schwestern ihn umringten und gemeinsam eine Minute schwiegen.
„Unser Glück sei dein Glück!“, murmelten sie, als die langen Sekunden vergangen waren.
„Ich danke euch“, sagte Nathan Harker. „Betet für mich, dass ich keine Scheiße baue!“
Die Morituri, die auf spätere Einsätze warteten, nickten. Aber alle wussten, dass es nicht viel gab, was der Springer falsch machen konnte. Sobald er auf der Brücke des führerlosen Schiffes war, musste er lediglich den Richtstrahl einrasten lassen und den Anweisungen des Dockoffiziers Folge leisten. Nein, alles was schief gehen konnte, war der Sprung selbst! Und der lag nun einmal nicht in seiner Hand. Genau genommen lag der in niemandes Hand.
„Wer war eigentlich die Mutter des Pluto?“, hörte er Swine noch fragen, als er weiterging.

Als Harker den Kontrollraum betrat, bekam er mit, wie sich Commander Morris und Chief Swales böse anfunkelten. Die anderen Männer und Frauen sahen ihn dagegen an, als habe er sie bei einer Schandtat erwischt. Unter ihnen war auch der Stationsarzt Dr. Elliot. Einer seiner Vorfahren hatte die Seuche als erster im Blut der Befallenen nachgewiesen. Der Doc würde die Einhaltung der Quarantäne-Bestimmungen überwachen, damit der Fluch, die Seuche, vor der die Menschheit geflohen war, ihnen nicht von der Erde aus nachfolgte.
„... nicht machen! Der Name der Reederei ist schon böses Omen genug!“, hörte Nathan den Chief sagen. „Stoker & Holland Ltd!“ Dann erstarb der offensichtliche Streit und Swales riss sich zusammen.
„Morgen Harker, sind sie ausgeruht?“ Die Stimme des Commanders klang ruhig und beherrscht. Aber innerlich musste er angespannt sein, erkannte Nathan, denn er trommelte mit den Fingern unablässig auf die Konsole mit den Bedienelementen.
„Ja, Sir, fünf Stunden suggestive Trance. Ich bin voll auf meine Aufgabe konzentriert.“ Auch Nathan versuchte, seiner Stimme einen gefassten Klang zu geben.
„Wird ein schwieriger Job heute!“, sagte Morris. Die anderen Offiziere in den königsblauen Uniformen des Spaceports sahen sich bedeutungsvoll an.
„Warum?“
„Nun, etwas ist anders heute, Nathan.“
Dass der Commander ihn mit Vornamen anredete, erschreckte den jungen Mann mehr, als es die Ankündigung einer schlimmen Katastrophe vermocht hätte.
„Die Plomben sind alle intakt, das Schiff ist versiegelt, daher können wir kein Bergungsboot schicken. Sie wissen, nur auf diese Weise gehen wir sicher, dass die Seuche sich nicht an Bord verbirgt. Aber die Scanner erhalten kein Signal, dass die Automatik der Mutter des Pluto überhaupt eingeschaltet ist.“
„Wie kann das sein?“
„Nathan, seit über einhundert Jahren wissen wir, wie ein Wurmloch in der Theorie funktioniert. Die Ingenieure haben es sogar nutzbar gemacht. Aber niemand weiß, warum es immer wieder zum Tod der Besatzungen oder zum Ausfall der Automatiken kommt. Heute kommt zum ersten Mal ein Schiff aus dem Loch, auf dem Mensch und Technik gleichzeitig ausgefallen sind.“
„Sehen Sie sich den Monitor an, Nathan“, forderte ihn der alte Swales auf, mit dem er so manches Glas geleert hatte. Der Chief trat einen Schritt beiseite und er konnte das Symbol der Mutter des Pluto in der Sphäre sehen. Es bewegte sich zunächst unauffällig, machte plötzlich einen Schwenk nach Backbord, sofort danach änderte sich der Steigwinkel, es hielt ein paar Sekunden Kurs, der Steigwinkel wurde unvermittelt etwas flacher, gleichzeitig machte das Schiff einen Schwenk nach Steuerbord. Ein Alptraum! Der junge Springer wurde noch blasser, Chief Swales nickte und presste die Lippen aufeinander.

„Nathan, es wird schwierig werden. Wir wissen nicht, was an Bord der Mutter des Pluto los ist, ich weiß nur, dass wir einen Springer auf die Brücke des Schiffs projizieren müssen“, sagte Commander Morris, „sonst knallt das verdammte Ding in die Station. Sie wissen, was das heißt, dafür gibt es schließlich die Mo..., die Springer.“
Nathan Harker nickte.
„Ich habe mich entschlossen, die hunderjährige Tradition zu brechen, Nathan“, fuhr er fort und warf einen Seitenblick auf Chief Swales, dessen Gesicht weiß vor Wut war.
„Ich werde einen zweiten Springer herbeibitten. Für den Fall...“
„Das war noch nie nötig, Commander!“, stieß Swales hervor, der sich nicht mehr beherrschen konnte. „Das bringt Unglück. Bisher hat die Zeit immer gereicht, den nächsten Springer aus der Trance zu wecken. Das wäre ein schlechtes Omen.“
Dem jungen Morituri war es im Grunde egal, ob der nächste Kandidat für einen Sprung auf seiner Tranceliege wartete oder hier im Projektorraum. Seine Chance auf einen Erfolg und damit aufs Überleben lag statistisch bei etwa fünfzig Prozent. Er glaubte nicht an Tradionen oder Omen. Die Anwesenheit eines Ersatzspringers würde diese Chancen nicht verringern. Nathan sah Commander Morris an und zuckte mit den Schultern.
„Von mir aus“, sagte er.
Der Commander nickte einem Sergeanten zu.
„John Seward zum Projektorraum 1! John Seward zum Projektorraum 1! Es gilt weiterhin Alarmstufe Rot!“, erscholl es kurz darauf aus den Lautsprechern in den metallenen Wänden der Station. Nathan sah, wie Chief Swale den Kopf schüttelte.
Seward würde es also sein, der sich mit dem Bergegeld sein Medizinstudium und ein Forschungslabor finanzieren wollte, wie er bei jeder Gelegenheit gesagt hatte.

Die Leute in den Gängen der Orbitalstation und die Schaulustigen auf der Aussichtsplattform sahen einander an. Gerüchte überschlugen sich, das Getuschel steigerte sich zu einem stationsweiten Rauschen, als sei Whitby S.P. von einem unsichtbaren Ozean geflutet worden. Ein zweiter Springer? Hatte Nathan Harkers Sprung schon stattgefunden? Dann musste er tot sein, der arme Junge! Hoffentlich hatte der nächste Kandidat mehr Glück!
Die Gesichter der Brüder und Schwestern im Korridor vor dem Projektorraum waren versteinert, wortlos sahen sie einander an. Ein Bruch der uralten Tradition, das war unerhört. Ein Versorgungstechniker sah um die Ecke eines Schotts.
„Ist er tot? Wisst ihr was?“
„Verpiss dich!“, war die Antwort der hübschen, blondhaarigen Springerin, die ihm am nächsten stand. Der Techniker zog schleunigst den Kopf zurück.

„Mein Junge, es wird ernst“, sagte der Commander nun und deutet mit einem Kopfnicken auf die mit Magnetit ausgekleidete Kammer, die kaum mehr Platz bot, als ein normal gewachsener Mann zum Atmen brauchte. Nathan stieg in die Eiserne Jungfrau, wie sie unter den Springern genannt wurde, und versuchte ruhig zu atmen. Gleich würden riesige Elektromagneten unter Spannung gesetzt werden. Der Fluss der Magnetfelder würde sich verdichten, bis ein künstliches Wurmloch entstanden war, dass genau eine Nanosekunde aufrecht erhalten werden konnte. In diesem Moment würde der unsichtbare Trichter ihn erfassen und fast im selben Moment am berechneten Zielpunkt ausspucken.
Und genau das war das Problem: Der Zielpunkt konnte nur statisch, nicht aber dynamisch berechnet werden. Und er konnte nur geändert werden, solange die Ladund der Thyristoren und Magnete noch nicht die 66er-Marke erreicht hatten. Änderte das Zielobjekt im letzen Moment den Kurs, wurde der Springer in die tödliche Kälte des Alls gespuckt werden, in den Brennpunkt des Ionen-Kollektoren-Antriebs, oder sein Leib würde links und rechts eines geschlossenen Schotts materialisieren. Und die Mutter des Pluto dort draußen änderte unablässig und völlig unvorhersehbar den Kurs.
Heute hat der Morituri unter Berücksichtigung aller Tatsachen weniger als 50 Prozent Chancen, dachte Nathan.
Sein Körper versteifte sich, als Chief Swales den Ladestand der Thyristoren ansagte: „40 Prozent, 50 Prozent, ...“
Der junge Springer sah durch das kleine Sichtfenster der Jungfrau, dass Commander Morris die Sphäre nicht aus den Augen ließ. Plötzlich begann er wie gehetzt Daten einzutippen. Offenbar hatte die Mutter des Pluto den Kurs wieder einmal geändert.
„60 Prozent, 70 Prozent, ...“
Gleich bin ich tot oder reich, dachte Nathan Harker, und bemühte sich, das Atmen nicht zu vergessen. Da er schlank war, berührte er die metallene Wandung der Jungfrau kaum, aber dennoch lastete die Enge auf seiner Brust.
„80 Prozent, 90 Prozent, ...“
Die Gesichter aller Offiziere im Bereitschaftraum drückten nun höchste Spannung aus. Der Priester in seinem schwarzen Habit murmelte unablässig Gebete. Dann schloss auch er den Mund, seine Lippen wurden weiß, seine Wangenknochen traten hervor.
„Zu 95 geladen, zu 98 geladen, ...“
Gleich habe ich Gewißheit. Nathan Harker wurde es unerwartet leicht ums Herz, alle Last schien nun von ihm zu weichen. Der Tod war ihm nicht gleichgültig, aber er war bereit, ihn zu akzeptieren. Gelang der Sprung, wäre die Belohnung riesig. Wie länge würde sein Gehirn im kalten Vakuum funktionieren? Oder im anderen Fall: Wie lange brauchte er, bis er begriff, dass er lebte, ein reicher Mann war und mit dem Bergegeld bis an sein Lebensende wie ein König würde leben können?
„Zu 99 geladen, zu ...“

Oh, wie lang kann eine Nanosekunde sein! Wie lang kann die Körperlosigkeit erscheinen, wie schmerzhaft das Wegreißen von einem Ort, wie köstlich der Aufprall auf harten Duraliumplatten. Wie schön war der Schmerz, der seinen ganzen Körper durchzuckte, nur um der Erkenntnis zu weichen. Die Erkenntnis war schrecklich, allzu schrecklich. Sie steckte in einer Flasche, irgendwo hatte er so etwas schon einmal gelesen. Aber er würde sie für sich behalten, sonst würde er die nächsten Jahre in Quarantäne verbringen. Auch sein Bergegeld konnte ihm dann nicht mehr helfen. Wenn man die Mutter des Pluto überhaupt andocken ließ und sie nicht gleich abschoss.

„Whitby, hier Harker!“
„Glückwunsch, Harker!“, hörte er die Stimme des Commanders aus einem verborgenen Lautsprecher. „Wie ist die Lage?“
„Richtstrahl eingerastet. Die Besatzung und alle Reisenden sind tot, Sir. Die Schlafkammern sind implodiert, bis auf eine, in der ein großer Hund liegt. Der Käptn scheint, ..., schien ein Exzentriker zu sein. Er hat sich das antike Steuerrad eines Segelschiffes auf die Brücke stellen und die empathischen Elemente einbauen lassen. Er hat ...“
„Was hat er, Harker? Berichten sie!“
„Er hat seine rechte Hand mit einer Perlenschnur, einem Rosenkranz, an die Sprossen gebunden. So steht er leblos am Steuerrad, anscheinend mit gebrochenem Genick. Der Kopf pendelt bei jedem Kurswechsel hin und her. In seiner linken hält er eine Flasche, eine leere Flasche.“
Morris und die Offiziere im Projektorraum waren ratlos. Die Freude über den glücklichen Sprung Harkers und die Beseitigung der Gefahr für die Orbitalstation überwog zwar, aber bei den Worten des Springers sahen sie einander an. Was hatte das zu bedeuten?

Dr. Elliot wartete bereits im Quarantäneraum hinter der Luftschleuse von Pylon 1 und nahm Harker in Empfang. Der ließ die Untersuchungen ruhig über sich ergehen und musste auch nicht lange warten. Die Seuche im Blut festzustellen, war nicht schwer und nach drei Minuten erledigt. Schon der Namensvetter des Docs hatte vor dreihundert Jahren unter einem einfachen, optischen Mikroskop sehen können, wie im verseuchten Blut die weißen Blutkörperchen die roten angriffen, vernichteten, ja absorbierten.
Nathan Harker war sich sicher, dass die vampyrische Krankheit nicht in seinen Körper gelangt war. Viel mehr Sorgen hätte ihm die Nachricht bereiten sollen, die er in der Flasche in der verkrümmten Hand des Kapitäns gefunden hatte. Aber er wollte nur noch auf die Oberfläche des Planeten, sein Bergegeld kassieren und in jedem erdenklichen Luxus leben, solange das jetzt noch ging. Doktor Elliot hob nach einem kurzen Blick durch das Okular den Kopf und zeigte einen erleichterten Gesichtsausdruck.
„Nichts, Harker, aber irgend etwas gefällt mir dennoch nicht an ihnen.“
Arzt und Proband zuckten zusammen, als eine schwer bewaffnete Helsing-Crew an ihnen vorbeistürmte. Drei Dutzend Männer mit UV-Strahlern und Headcuttern. Auch wenn die Mutter des Pluto mit unverletzten Siegeln angekommen war, die Geschichte mit dem leblosen Kapitän, der mit einem Rosenkranz ans Steuerrad gebunden war, schien Commander Morris wohl nicht geheuer zu sein.
„Geht es ihnen gut, Harker? Sie machen einen nervösen Eindruck.“ Der Arzt sah den Morituri mit einem prüfenden Ausdruck an.
„Nein, nein, alles in Ordnung. Ich kann es nur noch nicht fassen, Doc. 21 Mille, die ich nun auf Greater Britten ausgeben kann, so viel Geld!“
Der junge Mann war blaß wie vor seinem Sprung, vielleicht noch blasser, und spielte in seiner Hosentasche mit einem kleinen Stück Papier aus einer Flasche. Was darauf stand, würde er niemals verraten. Er hatte sein Leben gewagt, war auf einen führerlosen Taumler gesprungen und hatte überlebt. Er wollte nun seine Belohnung genießen. Wenn man ihn nur bald von der Orbitalstation ließe! Was danach passierte, wann die Unsterblichen auch ihn erwischten, war ihm egal. Hauptsache, er hatte ein paar schöne Monate als Entschädigung für die Jahre, in denen er auf den Tod gewartet hatte.

Gruß

Dietmar


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dan
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hallo!

die geschichte gefällt mir - stilistisch gut erzählt und spannend ebenso.

aber was stand denn nun auf dem zettel? dass es im wurmloch unsterbliche gibt, die die letzten menschen ausrotten wollen? das kam leider nicht so gut rüber.
evtl. solltest du das nochmal überarbeiten.


gruß dan

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ein gutes buch genügt

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Dietmar Preuß
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Die Mutter des Pluto

Hier nun eine überarbeitete Fassung, mit noch mehr Zitaten und Anspielungen. Ich hoffe, die Story funktioniert jetzt.

Die Mutter des Pluto – Reederei Br. Stoker & T.Holland Ltd.

„Nathan Harker zum Projektorraum 1! Nathan Harker zum Projektorraum 1, Gefahrenstufe Rot!“
Da war er, der Aufruf, der den jungen Mann mit dem schmalen Gesicht und den kurzen, schwarzen Haaren in wenigen Minuten an den Wendepunkt seines Lebens bringen würde. Er erhob sich aus seiner Tranceliege im Bereitschaftsraum, atmete tief durch und machte sich auf den Weg. Er hatte lange auf diese Chance gewartet, und er würde sie nutzen! M’Ina sollte stolz auf ihn sein.

Zu Dutzenden strömten Schaulustige zur Aussichtsplattform von Whitby S.P., dem Spaceport im Orbit von Greater Britten. Gefahrenstufe Rot bedeutete zumeist, dass ein Taumler aus dem Wurmloch aufgetaucht war, welches den Planeten mit der Erde verband. Hier hatte die Menschheit Zuflucht vor den Unsterblichen gefunden. Hierhin waren die Blutgierigen, die die heimlichen Herrscher der Erde geworden waren, der Menschheit bisher nicht gefolgt. Und die Behörden und der Helsing-Orden taten alles, damit das so blieb. Nur versiegelte Schiffe durften an der Station andocken. Waren die Plomben verletzt, wurde das Flüchtlingsschiff abgewiesen. Näherte es sich doch einem der Dockpylonen, wurde es zerblasen.
Die Wissenschaftler hatten keine Erklärung dafür, warum bei etwa jedem zwölften Schiff Besatzung und Reisende den Sprung nicht überlebten oder die Automatik ausfiel. Wenn so ein Taumler aus dem Wurmloch schoss, bestand die Gefahr, dass er mit der Station im Orbit von Greater Britten zusammenprallte. Die Folgen waren nicht auszudenken. Der Bau der Anlage mit den siebzehn Dockpylonen hatte Unsummen verschlungen. Außerdem lebten und arbeiteten über eintausend Seelen auf der Station. Ganz abgesehen von den Hunderten von Flüchtlingen, die den Spaceport täglich passierten. Um den Verlust all dieser Leben zu verhindern gab es die Morituri, von den Nathan Harker einer war.

Auf dem Weg zum Projektorraum 1 standen unzählige Menschen vor den DuraliumWänden Spalier. Mit reglosen, oft mitleidigen Gesichtern sahen sie Nathan Harker an, der mit zielstrebigen Schritten an ihnen vorbei eilte. Die Aufgabe, die ihn erwartete, beanspruchte seine volle Konzentration, keinen anderen Gedanken ließ er durch die Oberfläche seines Bewusstseins dringen. Unter dieser verletzlichen Haut war der junge Mann einsam wie nie zuvor, trotz der vielen Leute, die ihn ansprachen. Ihre Stimmen drangen kaum an ihn heran, sein Blick war in weite Ferne gerichtet. Er erkannte selbst seine ältesten Freunde nicht und nickte ziellos mal nach links, mal nach rechts.
„Nur Mut, Harker!“, rief ihm der Wirt der Tate Hill-Bar zu und reichte ihm traditionsgemäß ein volles Glas Porter. Der junge Mann nahm wie in Trance, aus der er ja gerade erst erwacht war, Haltung an und stürzte den echten, importierten Alkohol in einem Zug herunter. Zum Abschied, der ein Abschied für immer sein konnte, salutierten die umstehenden Mannschaften und auch einige der Zivilisten.
Dann hatte er den Korridor vor dem Projektorraum erreicht. Nathan Harker sah, dass Commander Morris hinter den Wänden aus durchsichtigem Metall stand und sich an den Einstellungen der gigantischen Elektromagnete zu schaffen machte. Sein aristokratisches Gesicht mit dem Menjou-Bärtchen war konzentriert, und Nathan wusste, dass er all seine Kenntnisse aufbot, um den Springer, wie die Morituri offiziell hießen, unversehrt auf die Brücke des heranjagenden Schiffes zu projizieren. Aber er wusste auch, dass die Erfolgsquote seit Jahrzehnten bei nur fünfzig Prozent lag und sich im Laufe der Jahrzehnte nicht verbessert hatte.

Bevor er den Projektorraum betrat, in dem sich noch mehr hochrangige Offiziere befanden, musste er ein weiteres Ritual über sich ergehen lassen. Seine Brüder und Schwestern hatten sich vor der Tür versammelt. Die Männer und Frauen, die sich gleich ihm freiwillig gemeldet hatten und ausgebildet worden waren, die Orbitalstation im Falle eines Falles zu retten.
Ausgebildet! Was heißt schon ausgebildet, fragte er sich.
„Es ist die Mutter des Pluto, Nathan, von der Reederei Br.Stoker & T.Holland Ltd“, sagte Swine, den er nie anders als mit einem griesgrämigem Gesicht gesehen hatte. „Ein dicker Brocken, du hast natürlich mal wieder Glück. Der Werftagent sagt, sie ist mindestens 42 Millionen wert. Auf dich wartet ein Bergegeld von 21 Mille.“
Swine hatte bereits einen Sprung gewagt und überlebt. Über sein Glück hatte er sich aber nicht freuen können, denn er hatte auf einen Container springen müssen, einen Einweg-Raumer, der gerade einmal seinen Schrottwert gebracht hatte. Aber auch er legte eine Hand auf Harkers Schulter, als seine Brüder und Schwestern ihn umringten und gemeinsam eine Minute schwiegen.
„Unser Glück sei dein Glück!“, murmelten sie, als die langen Sekunden vergangen waren.
„Ich danke euch“, sagte Nathan Harker und berührte das Kruzifix, dass die abergläubischen Morituri für den Fall um den Hals trugen, dass die Seuche an Bord des Taumlers war, auf den sie springen mussten.
„Betet für mich, dass ich keine Scheiße baue!“, sagte er.
Die Morituri, die auf spätere Einsätze warteten, nickten. Aber alle wussten, dass es nicht viel gab, was er falsch machen konnte. Sobald Nathan auf der Brücke des führerlosen Schiffes war, musste er lediglich den Richtstrahl einrasten lassen und den Anweisungen des Dockoffiziers Folge leisten. Nein, alles was schief gehen konnte, war der Sprung selbst! Und der lag nun einmal nicht in seiner Hand. Genau genommen lag der in niemandes Hand.
Seine Brüder und Schwestern sahen ihm hinterher.
„Wer ist eigentlich die Mutter des Pluto?“, fragte jemand in die Stille hinein.
„Demeter, glaube ich“, murmelte Swine.

Als der junge Mann den Kontrollraum betrat, bekam er mit, wie sich Commander Morris und Chief Swales böse anfunkelten. Die anderen Männer und Frauen sahen ihn dagegen an, als habe er sie bei einer Schandtat erwischt. Unter ihnen war auch der Stationsarzt Dr. Elliot. Einer seiner Vorfahren hatte die Seuche als erster im Blut der Befallenen nachgewiesen. Der Doc würde die Einhaltung der Quarantäne-Bestimmungen überwachen, damit der Fluch der Unsterblichen, vor dem die Menschheit geflohen war, ihnen nicht von der Erde aus nachfolgte.
„... nicht machen! Der Name der Reederei ist schon böses Omen genug!“, hörte Nathan den Chief sagen. „Br.Stoker & T.Holland Ltd!“
„Was soll an diesem Namen sein?“, fragte Morris und sah den Chief verwundert an.
„Ja, was ist mit dem Namen?“, fragte auch der Priester, der sich im Hintergrund hielt.
Dann erstarb der Streit und Swales riss sich zusammen.
„Morgen Harker, sind sie ausgeruht?“ Die Stimme des Commanders klang ruhig und beherrscht. Aber innerlich musste er angespannt sein, erkannte Nathan, denn er trommelte mit den Fingern unablässig auf die Konsole mit den Bedienelementen.
„Ja, Sir, fünf Stunden suggestive Trance. Ich bin voll auf meine Aufgabe konzentriert.“ Auch Nathan versuchte, seiner Stimme einen gefassten Klang zu geben.
„Wird ein schwieriger Job heute!“, sagte Morris. Die anderen Offiziere in den königsblauen Uniformen des Spaceports sahen sich bedeutungsvoll an.
„Warum?“
„Nun, etwas ist anders heute, Nathan.“
Dass der Commander ihn mit Vornamen anredete, erschreckte den jungen Mann mehr, als es die Ankündigung einer Katastrophe vermocht hätte.
„Die Plomben sind alle intakt, das Schiff ist versiegelt, daher können wir kein Bergungsboot schicken. Sie wissen, nur auf diese Weise gehen wir sicher, dass kein Unsterblicher an Bord ist. Aber die Scanner erhalten kein Signal, dass die Automatik der Mutter des Pluto überhaupt eingeschaltet ist.“
„Wie kann das sein?“
„Nathan, seit über einhundert Jahren wissen wir in der Theorie, wie ein Wurmloch funktioniert. Die Ingenieure haben es sogar nutzbar gemacht. Aber niemand weiß, warum es immer wieder zum Tod der Besatzungen oder zum Ausfall der Automatiken kommt. Heute kommt zum ersten Mal ein Schiff aus dem Loch, auf dem Mensch und Technik gleichzeitig ausgefallen sind.“
„Sehen Sie sich den Monitor an, Nathan“, forderte ihn der alte Swales auf, mit dem er so manches Glas geleert hatte. Der Chief trat einen Schritt beiseite und er konnte das Symbol der Mutter des Pluto in der Sphäre sehen. Es bewegte sich zunächst unauffällig, machte plötzlich einen Schwenk nach Backbord, sofort danach änderte sich der Steigwinkel, es hielt ein paar Sekunden Kurs, der Steigwinkel wurde unvermittelt etwas flacher, gleichzeitig machte das Schiff einen Schwenk nach Steuerbord. Ein Alptraum! Der junge Springer wurde noch blasser, Chief Swales presste die Lippen aufeinander.

„Nathan, es wird schwierig werden. Wir wissen nicht, was an Bord der Mutter des Pluto los ist, ich weiß nur, dass wir einen Springer auf die Brücke des Schiffs projizieren müssen“, sagte Commander Morris, „sonst knallt das verdammte Ding in die Station. Sie wissen, was das heißt, dafür gibt es schließlich die Mo..., die Springer.“
Nathan Harker nickte.
„Ich habe mich entschlossen, die hundertjährige Tradition zu brechen, Nathan“, fuhr er fort und warf einen Seitenblick auf Chief Swales, dessen Gesicht weiß vor Wut war.
„Ich werde einen zweiten Springer herbei bitten. Für den Fall ...“
„Das war noch nie nötig, Commander!“, stieß Swales hervor, der sich nicht mehr beherrschen konnte. „Das bringt Unglück. Bisher hat die Zeit immer gereicht, den nächsten Springer aus der Trance zu wecken. Das wäre ein schlechtes Omen.“
Dem jungen Morituri war es im Grunde egal, ob der nächste Kandidat für einen Sprung auf seiner Tranceliege wartete oder hier im Projektorraum. Seine Chance auf einen Erfolg und damit aufs Überleben lag statistisch bei etwa fünfzig Prozent. Er glaubte nicht an Traditionen oder Omen, und die Anwesenheit eines Ersatzspringers würde diese Chancen nicht verringern. Nathan sah Commander Morris an und zuckte mit den Schultern.
„Von mir aus“, sagte er.
Der Commander nickte einem Sergeanten zu.
„John Seward zum Projektorraum 1! John Seward zum Projektorraum 1! Es gilt weiterhin Alarmstufe Rot!“, erscholl es kurz darauf aus den Lautsprechern in den metallenen Wänden der Station. Nathan sah, wie Chief Swale den Kopf schüttelte.
Seward würde es also sein, der mit dem Bergegeld sein Medizinstudium und eine Klinik für psychisch Kranke finanzieren wollte.

Die Leute in den Gängen der Orbitalstation und die Schaulustigen auf der Aussichtsplattform sahen einander an. Gerüchte überschlugen sich, das Getuschel steigerte sich zu einem stationsweiten Rauschen, als sei Whitby S.P. von einem unsichtbaren Ozean geflutet worden. Ein zweiter Springer? Hatte Nathan Harkers Sprung schon stattgefunden? Dann musste er tot sein, der arme Junge! Hoffentlich hatte der nächste Kandidat mehr Glück!
Die Gesichter der Brüder und Schwestern im Korridor vor dem Projektorraum waren versteinert, wortlos sahen sie einander an. Ein Bruch der uralten Tradition, das war unerhört. Ein Versorgungstechniker sah um die Ecke eines Schotts.
„Ist er tot? Wisst ihr was?“
„Verpiss dich!“, fauchte Lucy, die hübschen, rotlockige Springerin, die ihm am nächsten stand. Der Techniker zog schleunigst den Kopf zurück.

„Mein Junge, es wird ernst“, sagte der Commander nun und deutet mit einem Kopfnicken auf die mit Magnetit ausgekleidete Kammer, die kaum mehr Platz bot, als ein normal gewachsener Mann zum Atmen brauchte. Nathan stieg in die Eiserne Jungfrau, wie sie unter den Springern genannt wurde, und versuchte ruhig zu atmen. Gleich würden riesige Elektromagneten unter Spannung gesetzt werden. Der Fluss der Magnetfelder würde sich verdichten, bis ein künstliches Wurmloch entstanden war, dass genau eine Nanosekunde aufrecht erhalten werden konnte. In diesem Moment würde der unsichtbare Trichter ihn erfassen und fast im selben Moment am berechneten Zielpunkt ausspucken.
Und genau das war das Problem: Der Zielpunkt konnte nur statisch, nicht aber dynamisch berechnet werden. Und er konnte nur geändert werden, solange die Ladung der Thyristoren und Magnete noch nicht die 66er-Marke erreicht hatten. Änderte das Zielobjekt im letzen Moment den Kurs, wurde der Springer in die tödliche Kälte des Alls gespuckt werden, in den Brennpunkt des Ionen-Kollektoren-Antriebs, oder sein Leib würde links und rechts eines geschlossenen Schotts materialisieren. Und die Mutter des Pluto dort draußen änderte unablässig und völlig unvorhersehbar den Kurs!
Heute hat der Morituri unter Berücksichtigung aller Tatsachen weniger als 50 Prozent Chancen, dachte Nathan.
Sein Körper versteifte sich, als Chief Swales den Ladestand der Thyristoren ansagte: „40 Prozent, 50 Prozent, ...“
Der junge Springer sah durch das kleine Sichtfenster der Jungfrau, dass Commander Morris die Sphäre nicht aus den Augen ließ. Plötzlich begann er wie gehetzt Daten einzutippen. Offenbar hatte die Mutter des Pluto den Kurs wieder einmal geändert.
„60 Prozent, 70 Prozent, ...“
Gleich bin ich tot oder reich, dachte Nathan Harker, und bemühte sich, das Atmen nicht zu vergessen. Da er schlank war, berührte er die metallene Wandung der Jungfrau kaum, dennoch lastete die Enge auf seiner Brust.
„80 Prozent, 90 Prozent, ...“
Die Gesichter aller Offiziere im Bereitschaftraum drückten nun höchste Spannung aus. Der Priester in seinem schwarzen Habit murmelte unablässig Gebete. Dann schloss auch er den Mund, seine Lippen wurden weiß, seine Wangenknochen traten hervor.
„Zu 95 geladen, zu 98 geladen, ...“
Gleich habe ich Gewissheit. Nathan Harker wurde es unerwartet leicht ums Herz, alle Last schien nun von ihm zu weichen. Der Tod war ihm nicht gleichgültig, aber er war bereit, ihn zu akzeptieren. Gelang der Sprung, wäre die Belohnung riesig. Wie lange würde sein Gehirn im kalten Vakuum funktionieren? Oder im anderen Fall: Wie lange brauchte er, bis er begriff, dass er lebte, ein reicher Mann war und mit dem Bergegeld bis an sein Lebensende wie ein König leben konnte?
„Zu 99 geladen, zu ...“

Oh, wie lang kann eine Nanosekunde sein! Wie lang kann die Körperlosigkeit erscheinen, wie schmerzhaft das Wegreißen von einem Ort, wie köstlich der Aufprall auf harten Duraliumplatten. Wie schön war der Schmerz, der seinen ganzen Körper durchzuckte, nur um der Erkenntnis zu weichen. Die Erkenntnis war schrecklich, allzu schrecklich. Sie war auf einen Zettel geschrieben und steckte in einer Flasche, irgendwo hatte er so etwas schon einmal gelesen. Aber er würde sie für sich behalten, sonst würde er die nächsten Jahre in Quarantäne verbringen müssen. Auch sein Bergegeld konnte ihm dann nicht mehr helfen. Wenn man die Mutter des Pluto überhaupt andocken ließ und sie nicht gleich abschoss.

„Whitby, hier Harker!“
„Glückwunsch, Harker!“, hörte er die Stimme des Commanders aus einem verborgenen Lautsprecher. „Wie ist die Lage?“
„Richtstrahl eingerastet. Die Besatzung und alle Reisenden sind tot, Sir. Die Schlafkammern sind implodiert, bis auf eine, in der ein großer Hund liegt. Der Käpt’n scheint, ..., schien ein Exzentriker zu sein. Er hat sich das antike Steuerrad eines Segelschiffes auf die Brücke stellen und die empathischen Elemente einbauen lassen. Er hat ...“
Nathan schauderte, als er in das blutleere Gesicht des Kapitäns sah.
„Was hat er, Harker? Berichten sie!“
„Er hat seine rechte Hand mit einer Perlenschnur, einem Rosenkranz, glaube ich, an die Sprossen gebunden. So steht er leblos am Steuerrad, anscheinend mit gebrochenem Genick. Der Kopf pendelt bei jedem Kurswechsel hin und her. In seiner linken hält er eine Flasche, eine leere Flasche.“
Morris und die Offiziere im Projektorraum waren ratlos. Die Freude über den glücklichen Sprung Harkers und die Beseitigung der Gefahr für die Orbitalstation überwog zwar, aber bei den Worten des Springers sahen sie einander an. Was hatte das zu bedeuten?

Dr. Elliot wartete bereits im Quarantäneraum hinter der Luftschleuse von Pylon 1 und nahm Harker in Empfang. Der ließ die Untersuchungen ruhig über sich ergehen und musste auch nicht lange warten. Den Fluch der Unsterblichen im Blut festzustellen, war nicht schwierig und nach drei Minuten erledigt. Schon der Namensvetter des Docs hatte vor dreihundert Jahren unter einem einfachen, optischen Mikroskop sehen können, wie im verseuchten Blut die weißen Blutkörperchen die roten angriffen, vernichteten, ja absorbierten.
Nathan Harker war sich sicher, dass die vampyrische Krankheit nicht in seinen Körper gelangt war, denn das einzige lebende, vielleicht auch untote, Wesen an Bord schlief. Schlimm war die Nachricht aus der Flasche, die er in der verkrümmten Hand des Kapitäns gefunden hatte. Aber er wollte nur noch auf die Oberfläche des Planeten, sein Bergegeld kassieren und in jedem erdenklichen Luxus leben, solange das jetzt noch ging. Doktor Elliot hob nach einem kurzen Blick durch das Okular den Kopf und zeigte einen erleichterten Gesichtsausdruck.
„Kein Befund, Harker, aber irgend etwas gefällt mir dennoch nicht an ihnen.“
Arzt und Proband zuckten zusammen, als eine schwer bewaffnete Helsing-Crew an ihnen vorbei stürmte. Drei Dutzend Männer mit UV-Strahlern und Headcuttern. Auch wenn die Mutter des Pluto mit unverletzten Siegeln angekommen war, die Geschichte mit dem leblosen Kapitän, der mit einem Rosenkranz ans Steuerrad gebunden war, schien Commander Morris wohl nicht geheuer zu sein.
„Geht es ihnen gut, Harker? Sie machen einen nervösen Eindruck.“ Der Arzt sah den immer noch Todgeweihten mit einem prüfenden Ausdruck an.
„Nein, nein, alles in Ordnung. Ich kann es nur noch nicht fassen, Doc. 21 Mille, die ich nun auf Greater Britten ausgeben kann, so viel Geld!“
Der junge Mann war blass wie vor seinem Sprung, vielleicht noch blasser, und spielte in seiner Hosentasche mit dem Stück Papier aus der Flasche. Was darauf stand, was die Menschheit nun auch am Ende ihrer Flucht erwartete, würde er niemals verraten. Er hatte sein Leben gewagt, war auf einen führerlosen Taumler gesprungen und hatte überlebt. Er würde nun seine Belohnung genießen, wenn man ihn nur endlich von der Orbitalstation ließe. Was danach passierte, wann die Unsterblichen Greater Britten eroberten und auch ihn erwischten, war ihm egal.


Gruß

Dietmar
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jon
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Mit gefällt die erste Fassung besser. Weil ich vom Ende überrascht wurde. Obwohl vorn schon auf die Pointe zugesteuert wurde – ich hatte diese Hinweise bei der Spannung, die mich erfasste, schlichtweg vergrängt. Dann – am Ende – stellte sich dafür dann da Gefühl ein, eben eine sorgfältig komponierte Storie gelesen zu haben.

Bei der zweiten Fassung empfand ich die „deutlicheren Hinweise“ eher wie „platte Anspielungen“, die das Ende 100%ig vorhersehbar machten (, was nie gut ist).


Was ich – an der ersten Fassung – jedoch auch besser fände, wäre die Info, was denn nun auf dem Zettel stand. Es muss ja nicht lang sein – irgendwas wie "… und spielte in seiner Hosentasche mit einem kleinen Stück Papier aus einer Flasche. Drei Worte nur standen darauf "Es ist hier“ – Worte, von denen er nie jemandem erzählen würde. …"

PS: Gbt es bei Stoker so einen Zettel (, ich erinner mich nicht)? Wenn ja: Zitier ihn!
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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