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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Nachricht
Eingestellt am 04. 06. 2001 17:59


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smilla
Hobbydichter
Registriert: May 2001

Werke: 2
Kommentare: 7
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Das Überbringen von schlechten Nachrichten! So hieß ein Kapitel im Lehrgang Telefontraining. Jenny ging tĂ€glich damit um, wenn Kunden sich beschwerten, oder etwas nicht wie erwartet ablief.
Doch ihr Ole hatte die Sache grĂŒndlich vermasselt, ach was, er hatte keine Chance.
Als das Telefon klingelte, lag Jenny in ihrem blauem warmen Bett, eingehĂŒllt in kuschliger BiberbettwĂ€sche. Die köstliche Stunde Schlaf zwischen Nacht und Morgen, mit der sie liebĂ€ugelte, wĂŒrde es nicht geben. Gerade wurde es draußen hell. Sie hasste es, wenn frĂŒh das Telefon klingelte. Wer sollte sie schon anrufen, wer, wenn nicht Ole, mit irgend einem Gedanken, den er gestern abend nicht los wurde.
Vielleicht hört es ja auf! Jenny zog die Bettdecke ĂŒber ihren Kopf, ihre GefĂŒhle pendelten zwischen Neugier und Wut, wĂ€hrend das Telefon unerbittlich bimmelte. Es kann auch was ernstes sein! Wenn Ole nun einen Unfall hat. Jenny richtete sich plötzlich auf, sprang aus dem Bett und rannte barfuss ans Telefon.
„Was gibt’s?“ Fragte sie gereizt.
„WĂŒrde ich dich wecken, wenn es nicht wichtig wĂ€re!“ Reagierte Ole auf ihren Tonfall.
Kein Unfall, Ole lebte und Jenny standen die Haare zu Berge. Sie roch die schlechte Nachricht wie ihren morgendlichen Mundgeruch, und schielte immer noch zur Schlafstube, wo ihr warmes Bett wartete.

Ole war mit seinem alten Mitsubishi ĂŒber die holprigen Landstraßen nach Groß RĂ€schen gebrettert. Er raste auf den Hof seines Chefs, dass die Katzen nach allen Seiten sprangen und hielt nur wenige Zentimeter neben der riesigen PfĂŒtze. Hanni stand vor dem Eingang der Werkstatt und rauchte, hob die Hand zum Gruß, als er Ole aussteigen sah. Ole brĂŒllte sein guten Morgen hinĂŒber und seine hektischen Bewegungen deuteten an, dass er mit seinen Gedanken wieder einmal weit weg war.
Das blecherne GerĂ€usch, wenn AutotĂŒren zuklappen - die TĂŒr vom Mitsubishi war zu.
Hanni machte eine Handbewegung, die soviel hieß wie... merkst du nichts?
„Das Licht!“ Rief er endlich.
„Ach ja, das Licht!“
Ole fluchte und fasste in seine Taschen. Wo war er der verdammte SchlĂŒssel? Immer, wenn es eilig war. Ole kramte in seiner Jackentasche, doch außer Kaugummipapier und der Tankquittung, nichts das sich wie ein AutoschlĂŒssel anfĂŒhlte. Nein hier war er nicht. Den aufsteigenden Verdacht kĂ€mpfte Ole nieder. Vielleicht war der SchlĂŒssel aus seiner Hand geglitten und lag auf der schlammigen Erde! Ole strengte seine Augen an, im dĂ€mmrigen Licht des Morgengrauen, auf der dunklen Erde nach einem Blinken zu suchen. Eine Welle heißer Luft, dampfte unter seiner Jacke, als sein Verdacht sich nicht mehr verdrĂ€ngen ließ. Es war eine alte Gewohnheit, Sicherheitsknopf drĂŒcken und TĂŒr ran. Nun blieb Ole nichts weiter ĂŒbrig, als durch das Seitenfenster des Mitsubishi zu spĂ€hen. Er beugte sich herab, dort steckte er im ZĂŒndschloss. Auf dieser Welt ging nichts verloren. Ole lief um das Auto und rĂŒttelte an allen TĂŒren. In einer Stunde brauchte ihn sein Chef. Sie hatten einen Termin beim Kunden. Die Jungs aus der Werkstatt lachten und standen um das Fahrzeug.
„Unser zerstreuter Planer!“
Ole spĂŒrte die Wut, die in ihm aufstieg und zu kochen begann. Das Licht, wenn wenigstens das Licht nicht brennen wĂŒrde.
Sein Gehirn suchte krampfhaft nach einer Lösung und verlangte jetzt nach einer Zigarette. FĂŒr einen unruhigen Menschen wie ihn, konnte ein StĂ€bchen in Momenten wie diesen, alles sein. Vor einem Monat war Ole in das Lager der Nichtraucher gewechselt und Hanni wartete auf den Tag wo Ole seine angebotene Zigarette nicht ausschlug.

„Schon am frĂŒhen Morgen Probleme ĂŒber Probleme!“ Hanni grinste schadenfroh und zog die Worte arrogant in die LĂ€nge. In Oles Fingerknöcheln zuckte es. Er sagte nichts, drehte sich um, ließ die Elektriker einfach stehen und stapfte in sein BĂŒro.
Wo lag der ErsatzschlĂŒssel? Lag er oben auf dem Regal, neben den Ersatzteilen fĂŒr den PC, oder in der unteren Schublade seines Werkzeugkastens? Seit er mit Jenny in einer Wohnung lebte, hatte Oles Ordnung, die ihm sonst wichtig war, Risse bekommen.
Jennys SpĂ€tschicht war seine Rettung. Sie wĂŒrde etwas Ă€rgerlich sein, wenn er sie aus dem Bett klingelte, aber sie wĂŒrde ihm helfen. Jenny wird ihn schon finden den verdammten ErsatzschlĂŒssel, beeilen muss sie sich, es sind dreißig Kilometer bis Groß RĂ€schen.
Ole ließ es lange lĂ€uten. Je lĂ€nger das Telefon bimmelte, um so schwerer wog die schlechte Nachricht, die er fĂŒr Jenny parat hielt. Sein Herz klopfte schneller, als sie endlich abnahm und ihr verschlafenes gereiztes
„Ja - was gibt’s! “ durch den Hörer drang.
„Hier auch ja!“ Ole versuchte seiner Stimme einen witzigen Klang zu geben, um Jennys Ärger zu mildern. Er sprach gleich weiter, als sie nicht antwortete.
„He wĂŒrde ich dich wecken, wenn es nicht wichtig wĂ€re?“
„Ich dachte schon es ist was passiert!“
„Ist es auch, die TĂŒr habe ich wie immer zugemacht und
das Licht es brennt und mein SchlĂŒssel steckt. Der Ersatz-
schlĂŒssel mĂŒsste...!“
Jenny wurde heiß vor Wut.
„Hast du wieder alles mit halben Arsch gemacht! Und was
soll ich jetzt tun? Ich soll doch nicht etwa... jetzt?
Ne, das kannst du nicht verlangen. Ihr habt eine
Werkstatt mit Handwerkern. FĂŒnf Minuten und die TĂŒr ist
auf! Glaub mir ich hab mal zugeschaut wies geht!“
Das blaue noch warme Bett mit der kuschligen BettwĂ€sche lockte von nebenan und der Berg BĂŒgelwĂ€sche lag seit Tagen im Wohnzimmer.
„Ich will jetzt nicht nach Groß RĂ€schen!“ War das letzte was Jenny vom Stapel ließ, ehe sie das Klicken und den Dauerton in der Leitung hörte. Ole hatte aufgelegt.
Jenny knallte den Hörer auf und rannte in ihr Bett. Sie zog das Bettdeck zu und spĂŒrte wie ihr Herz rasen. Es war sieben Uhr morgens und die Tauben turtelten auf dem Dach gegenĂŒber.
„Du hast ihn im Stich gelassen!“ HĂ€mmerte es in Jennys Kopf. Sie zog die Bettdecke enger und hoffte jeden Gedanken an Ole aus dem Schlafzimmer zu verbannen. Doch an schlafen war nicht mehr zu denken.
„Du hast ihn im Stich gelassen! Meldete sich das schlechte Gewissen.
Ach was, es ist ein Leichtes hier um sieben anzurufen, Jenny hilf! Was, wenn ich lĂ€ngst auf dem weiten Weg zur Arbeit wĂ€re? Ein riesiger Berg WĂ€sche ist zu bĂŒgeln und glatt in unseren SchrĂ€nken zu verstauen! Bin ich hier fĂŒr alles zustĂ€ndig?
Wenn du an seiner Stelle wĂ€rst! Jenny sprang auf und ging zum Fenster, es hatte geregnet und bis Groß RĂ€schen brauchte sie eine Stunde. Als Elektroingenieur kann er seine Batterie abklemmen, damit sie noch Saft hat, wenn er heute abend heim fĂ€hrt. Jenny zog die Stirn kraus, stemmte ihre HĂ€nde in die HĂŒften, dann stieg sie auf einen Stuhl und wĂŒhlte zwischen Oles Elektroschrott, auf dem oberen Regal. Seine Ersatzteile waren ihm heilig. Jennys Hoffnungen hier etwas zu finden gleich null.
„SchĂ€me dich, du hast deinen Mann im Stich gelassen!“
Der Morgen war versaut, so oder so, das stand fest. Im brauen Zwiebeltopf neben Sicherungen und Schrauben, fand Jenny SchlĂŒssel, die zu AutotĂŒren passten. Sie rannte zu ihrem Handy.
„Habe ErsatzschlĂŒssel gefunden – fahre jetzt los!“ Nachricht gesendet - zeigte das GerĂ€t und Jenny ging es viel besser.
Eine SMS musste reichen. Es blieb nicht viel Zeit und Jenny war eine vorsichtige Autofahrerin. Sie musste sich beeilen. Mit der ZahnbĂŒrste im Mund, rannte sie durch die Wohnung, schĂŒttete eine handvoll Wasser ins Gesicht. Die Haare, was sollte sie mit ihren widerspenstigen, kurzen, blonden Haaren anfangen? Mit Gel in kopfform bringen oder nass lufttrocknen? Es sieht alles daneben aus. Egal der AutoschlĂŒssel ist das Wichtigste. Bei dieser Gelegenheit wĂŒrden sie Jenny kennen lernen - Olafs Chef und seine Kollegen.

Ole holte sein Handy aus der Jackentasche und las die SMS. Sein Gesicht hellte sich auf und er ließ sich erleichtert in seinen BĂŒrosessel fallen. Wusste ich es doch, ich kann auf Jenny zĂ€hlen. Er öffnete seine BrotbĂŒchse und biss in die Salamistulle, die Jenny ihm gestern abend geschmiert hatte. Ole schraubte die Thermoskanne mit dem grĂŒnen Tee auf und goss sich einen heißen Becher voll. Sein Blick ging auf die Uhr. Jenny mĂŒsste in einer halben Stunde hier sein, na sagen wir sie wird wohl vierzig Minuten brauchen bis sie ihren Mazda auf den Hof lenkt, wenn sie nicht trödelt. Hoffentlich isst sie nicht erst FrĂŒhstĂŒck. Habe ich ihr eigentlich gesagt, dass ich in einer Stunde los muss? Ole sah Jenny durch die Wohnung hetzten. Ob sie sich noch ZĂ€hne putzt oder unter die Dusche springt? Hoffentlich kĂ€mmt sie wenigstens ihre Haare, morgens stehen sie immer in alle Himmelsrichtungen.
Ole dachte an das hÀmische Grinsen von Hanni. Seit Wochen wollten sie sie sehen, seine neue Freundin. Das köstliche Geheimnis hatte Ole lange hinter Schloss und Riegel verwahrt und nun werden sie fragen.
„Ist sie das, deine Neue?“
FĂŒr einen Augenblick lag Oles Hand wieder auf dem Telefonhörer. Wenigsten die Haare könnte sie kĂ€mmen, ihre ungeputzten ZĂ€hne wĂŒrde nur er bemerken, beim Kuss den er ihr zur BegrĂŒĂŸung und als Dank, auf den Mund drĂŒckte. Sie wird sich doch wenigstens die Zeit nehmen eine knackige Hose aus dem Schrank zu suchen und eine reizende Bluse. Meistens rennt sie mit abgewetzten Jeans! Bei diesem Gedanken und seinem dritten Bissen, erschien der Chef in der TĂŒr.
„Herr Schuster sie haben wieder ihr Licht im Auto brennen
lassen! Nehmen sie bloß ihre Gedanken zusammen, wir
fahren gleich auf die Baustelle. Ich kann mir dort keine
Pannen leisten!“
Ole nickte und wusste jetzt was er zu tun hatte. Er hasste diesen Typen, der jeden Morgen seine gute Laune zerstörte. Er war der Chef, er durfte das. In der Werkstatt spottete Hanni mit den Kollegen ĂŒber ihn. Ole blieb der letzte Bissen im Halse stecken. Seine Jenny sollten sie nicht zu sehen bekommen, jedenfalls nicht ungekĂ€mmt und ungewaschen in abgerissenen Jeans und ausgeleiertem Pulli.
Er griff nach dem Telefonhörer und wĂ€hlte unruhig die Nummer von zu Hause. Der Ruf ging raus, es lĂ€utete. Irgendwie werde ich die verdammte AutotĂŒr auch alleine knacken, wenigstens das Licht abklemmen, dachte Ole.
Geh ran Jenny, geh bitte ran, ich hab jetzt eine gute Nachricht. Komm mach schon, kannst gleich weiter schlafen!“

Jenny band ihren letzten Schuh zu, als das Telefon zu lÀuteten begann.
„Nur Ärger- am frĂŒhen Morgen!“ Sie rannte die Treppe hinunter, in der Hand Ole ErsatzschlĂŒssel.


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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
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Profil
re

die nachricht - echt aus dem leben gegriffen. man möchte direkt wissen, wie lange es ole und jenny es miteinander aushalten. gibt es eine fortsetzung? ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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