Die Leselupe wechselt auf ein neues Forensystem. Deshalb sind bis zum 13.11. keine Schreibzugriffe möglich.
Das gilt für alle Änderungen an der Datenbank (Texte, Kommentare, Bewertungen, Profil, Online-Messages usw.)
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5685
Themen:   98491
Momentan online:
114 Gäste und 2 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Feste Formen
Die Nacht eines Dichters (Sonett)
Eingestellt am 19. 10. 2019 18:30


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Zirkon
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2019

Werke: 6
Kommentare: 90
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Zirkon eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Die Nacht eines Dichters (Sonett)

Es treiben ihn die flüsternden Gedanken,
die wie ein Sommerregen tränend tropfen,
des nachts an seine Fensterläden klopfen,
an Simsen, Wänden klammern und sich ranken,

bis er sie fasst, sie trägt wie Pflastersteine,
und sie sich endlich wort-ergeben zeilen.
Aus Unbewusstem fliehen, ihm enteilen
auf das Papier, als wären es nicht seine.

Er liest sie laut und lauscht. Sich fremd, gebannt,
als wär er zwei, als wär er der vom Rand.
Dem andren lässt er ungern freien Lauf,

und doch hat der die Verse ihm gewoben.
Der Krypta seines Wesen, sich enthoben,
schaut er enttarnt zu blinden Sternen auf.


Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Tula
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2016

Werke: 178
Kommentare: 2079
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Tula eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Zirkon

Der Schlüssel zum Gedicht liegt wohl in S3, der eigentlich-nicht-Dichter und sein im Unterbewusstsein wandelndes zweites Ich. So in etwa habe ich es verstanden. Hat etwas Freud'sches, womit der Leser in seiner Analyse einverstanden sein mag oder nicht. Als Gegenstück steht das von mir sehr gern zitierte Gedicht der Autopsychography von Fernando Pessoa Hier klicken, wo der Dichter zwar als Täuscher steht, aber dann doch den erfundenen Schmerz selbst miterlebt.

Sprachlich würde ich versuchen, in jeder Strophe weibliche und männliche Kadenzen zu verwenden, und es insgesamt etwas "moderner" erklingen zu lassen. Da denke ich vor allem an S4.

Wie dem auch sei, gern gelesen.

LG
Tula

PS: ich schreibe nachts !!

Bearbeiten/Löschen    


DOSchreiber
???
Registriert: Mar 2019

Werke: 54
Kommentare: 464
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um DOSchreiber eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Guten Morgen Zirkon,

dein Sonett hat sicherlich einige, wenn auch kleine Fehler, an denen man nach einer gewissen Distanz noch arbeiten kann. Die Kadenzfrage sprach ja Tula schon an.

quote:
tränend tropfen
- wirkt wg. der Anlaute dramatisch, verdickt sich aber sehr schnell; sollte entspannter formuliert sein

quote:
des nachts an seine Fensterläden klopfen,
an Simsen, Wänden klammern und sich ranken,
- stark

quote:
Aus Unbewusstem fliehen, ihm enteilen
auf das Papier, als wären es nicht seine.
- Rilkes Enjambement (wie ich immer behaupte); ich mag sowas

quote:
Krypta seines Wesen
- leider ein Fehlgriff; will nicht recht in das ansonsten eher poetische Sprachbild passen; der Genitiv sollte ausgeschrieben sein

Also - alles gar nicht so schlimm. Das nächtliche Schreiben bevorzugen ganz viele Autoren, aus einem einfachen Grund: Das Sinneserleben ist um ein Vielfaches feiner als am Tag!

Empfehle dir, in der Lupe zu bleiben und die Löschorgie zu stoppen. Poeten deiner Art braucht dieses Forum!

Schöne Grüße
von
Dyrk



__________________
Rieche das Wasser ohne aufzutauchen!
(Dyrk-O. Schreiber)

Bearbeiten/Löschen    


Kaetzchen
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Feb 2019

Werke: 31
Kommentare: 124
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Kaetzchen eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Zirkon
Bitte lass dich nicht entmutigen. Du siehst ja, es gibt hier auch Leute, die sich ernsthaft mit deinem Text auseinandersetzen. Es wäre wirklich schade wenn du aufhörst. Ansonsten stimme ich deiner Kritik zu.
Mir gefällt dein Gedicht. Man kann es nachvollziehen. Die Tränen würde ich auch rauslassen, vielleicht: stetig tropfen?
Liebe Grüße
Kaetzchen

Bearbeiten/Löschen    


Zirkon
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2019

Werke: 6
Kommentare: 90
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Zirkon eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Lieber Dyrk,

ich danke dir für deinen Kommi, der mich sehr freut. Gerne will ich auf deine Punkte eingehen. Die Kadenzen erklärte ich schon. Es ist mein persönlicher Stil, auch, wenn es der alten Form nicht zu Hundert Prozent gefällt. Ich mag es so-

das tränende Tropfen, richtig von dir als Anapher erkannt, sollte eben auch als solches Stilmittel sein, denn gerade ein Sonett ist ja auch ein KLANGGEDICHT: Das wird hier in den Besprechungen von Sonetten total vergessen.
Hierzu weise ich darauf hin, dass ich wegen der Klangfülle, im "Findungsprozess des Dichters" viele dunkle Vokale eingebaut habe. Korrespondierend dazu dann Rand, gebannt und dies dann verhärtend in der Synthese.
Ansonsten geht es nach der Findung mit lockereren ei, und hellen Vokalen weiter.

Zum tränend tropfen bemerke ich: tränend nicht als traurig, sondern als fließend. Wenn ein Auge tränt, dann muss der Besitzer auch nicht zwingend traurig sein.

Ja, danke für die Konnotation an Rilke. Es ehrt mich. Man sagte mir das schon anderswo mal.

Da du dir solche Mühe gemacht hast, mich zu ermutigen und wirklich sorgsam zu lesen, verrate ich noch eines, obwohl ich eigentlich meine Gedichte normalerweise nicht erkläre:

Es geht nicht nur um nachtsschreibende Dichter.Ich schreibe nie nachts...
Die eigentliche Aussage ist ( der vom Rand, enttarnt, blinde Sterne), dass Dichtende oft behaupten und es auch selber oftmals glauben wollen,, sie würden von sich wegschreiben. Im Grunde aber kommt alles, was wir zu Papier bringen aus unserem tiefsten Inneren, sind WIR als Dichtende.

Ich hoffe, dass du nun verstehst, warum ich meine Löschaktion startete. Meine Werke haben was zu sagen und ich muss sie mir hier nicht mies reden lassen.
Lieben Dank für deine Ermunterung.

Ich überleg es mir.
Liebe Grüße von Zirkon




Bearbeiten/Löschen    


Vera-Lena
Routinierter Autor
Registriert: Oct 2002

Werke: 706
Kommentare: 10749
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Vera-Lena eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Lieber Zirkon,

quote:
der Krypta seines Wesens sich enthoben

(ich fange mit Deinem Text jetzt mal vom Schluss her an)

das bedeutet für mich, dass der Schreibende so tief, wie das überhaupt möglich ist, in sein Unterbewusstsein hinabgestiegen ist. Und von dort hat er so viel Licht mitgebracht, dass im Vergleich dazu selbst die Sterne erblassen bzw. hier erblinden.

Du beschreibst in diesem Text für mich überzeugend, wie es überhaupt möglich ist, dass jemand ein Gedicht zu Papier bringt.

Er muss sich selbst zu Papier bringen. Kunst bedeutet nach meiner Erfahrung immer, sein Selbst vor Leser, Zuschauer usw. hin zu stellen. Geschieht das nicht, wirkt alles langweilig.

In den ersten zwei Strophen hofft er noch, dass die Welt um ihn herum so ist wie immer, es regnet und damit könnte alles gut sein, aber dann überfällt ihn diese Bedrängnis, nach dem Papier greifen zu müssen.

Auch ich pflege meine Gedichte nicht zu "basteln", sondern sie kommen zu mir und egal womit ich gerade beschäftigt bin, ich muss sie aufschreiben.

Ich finde das faszinierend, wie Du das hingekriegt hast, zu beschreiben: In solchen Momenten bin ich gar nicht mehr eine Person, sondern ich bin zwei.

Ach bitte, lass Dich nicht entmutigen von Schreibern, die kein Verständnis für Deinen Text aufbringen können. Ich bitte Dich zusammen mit den anderen. Bleibe uns erhalten!

Liebe Grüße
Vera-Lena




__________________
Der Mensch ist sich selbst das größte Geheimnis, ein unverzichtbarer Blutstropfen im Universum, ein Spiegel allen Seins.

Bearbeiten/Löschen    


7 ausgeblendete Kommentare sind nur für Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zurück zu:  Feste Formen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung