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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Nagelprobe
Eingestellt am 20. 05. 2015 09:29


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nananuk
Schriftsteller-Lehrling
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Wieder und wieder versuchte sie, endlich einen Nagel in die Wand zu bekommen, damit sie das Bild hinh├Ąngen konnte. Doch die Wand war unter dem d├╝nnen Putz sehr hart, und jedes mal, wenn ein Nagel auf den harten Stein traf, verbog er sich. Gerade so, als ob die N├Ągel Angst vor der Wand h├Ątten. Bald hatte sie die Geduld verloren und gestand sich ein, wohl einfach zu ungeschickt f├╝r diese Arbeit zu sein. Genervt legte sie sich auf ihr Sofa.

Pl├Âtzlich klopfte es an ihrer T├╝r. Als sie nachschaute, stand dort eine ├Ąltere Dame, etwas dicklich und mit einem gelben Dreispitz auf dem Kopf. Anne schaffte es nur mit M├╝he, sich das Lachen zu verbei├čen. Die seltsame Dame sprach zu ihr: "Guten Tag, Anne, bitte guck nicht so verwundert. Ich bin nur hergekommen, um dir bei deinem Problem mit dem Nagel zu helfen." Anne verlor jetzt ihre Fassung: "Ja, aber, woher wollen Sie den wissen, was ich f├╝r Probleme habe?" Die Dame aber sprach: "Das ist leicht f├╝r mich, ich bin n├Ąmlich der liebe Gott, und ich wei├č alles. Wenn du dich wunderst, warum ich dieses Aussehen habe: Das habe ich gew├Ąhlt, weil ich mich an deinem ├╝berraschten Gesichtsausdruck am├╝sieren wollte, und auch, damit du keine Angst vor einem so m├Ąchtigen Wesen wie mir hast." Anne war so verbl├╝fft, dass sie nur ein "Ja, okay." ├╝ber ihre Lippen brachte. Die Dame sprach: "Nun also, ich will nicht lange hier rumstehen und hau dir mal schnell nen Nagel in deine Wand." Und schon ging sie schnellen Schrittes in die Wohnung hinein, zur Wand im Wohnzimmer, ergriff den Hammer und einen Nagel und schlug mit einem einzigen Hieb den Nagel passend auf L├Ąnge in die Wand. Anne hatte sich in der kurzen Zeit wieder einigerma├čen gefasst, war sich aber nicht sicher, was das alles zu bedeuten hatte. Was hier passierte, war allzu schr├Ąg. Das passte einfach nicht in ihre Welt. Sie glaubte auch nicht, dass es so etwas wie einen Allm├Ąchtigen ├╝berhaupt geben k├Ânnte, denn sie kannte einen Gegenbeweis, der auf einem Widerspruch beruhte. Wie war der noch gleich? Da fiel er ihr pl├Âtzlich wieder ein. Sie fragte verlegen: "Stimmt es wirklich, dass Gott allm├Ąchtig ist? Das w├Ąren Sie doch dann, wenn Sie wirklich Gott w├Ąren." "Jaja, ist schon richtig so." antwortete die Dame. "Und jetzt willst du bestimmt den Beweis mit dem Nagel, stimmts?" "Woher wissen Sie das?" fragte Anne ├╝berrumpelt. Doch sie f├╝gte schnell hinzu: "Ah so, schon gut. Wenn Sie Gott sind, hat sich meine Frage er├╝brigt." Die Dame aber reichte ihr ein langes Brecheisen, mit einem sogenannten Kuhfu├č am Ende. Wei├č der Geier, wo sie es so pl├Âtzlich her hatte. Mit so einem Werkzeug k├Ânnen die gr├Â├čten Zimmermannsn├Ągel m├╝helos herausgezogen werden, wegen der gro├čen Hebelwirkung. Eigentlich war es v├Âllig ├╝berzogen, mit so einem gro├čen Werkzeug den kleinen Nagel aus der Wand zu ziehen. Wie mit einer Kanone auf einen Spatz schie├čen. Anne kam sich veralbert vor, konnte aber dennoch nicht widerstehen. Sie setzte den Kuhfu├č an den Nagel und zog daran. Aber so sehr sie sich abm├╝hte - sie hing f├Ârmlich mit ihrem ganzen K├Ârper an der Stange - der Nagel bewegte sich keinen Deut aus der Wand. "Ich geb's auf!" schnaufte Anne und setzte sich hin. "Das ist ja echt ├╝berirdisch, wie fest der da drin steckt. Aber trotzdem k├Ânnen Sie nicht allm├Ąchtig sein. Denn wenn Sie den Nagel selbst nicht mehr herausbekommen, haben Sie keine Allmacht mehr, und wenn Sie ihn doch herausbekommen, dann h├Ątten Sie nie die sogenannte Allmacht besessen, ihn unendlich fest hineinzuschlagen." Die Dame sprach: "Da hast du recht. Wenn ich allm├Ąchtig w├Ąr, k├Ânnte ich den Nagel nicht herausziehen und m├╝sste ihn trotzdem herausziehen k├Ânnen." "Wusste ichs doch!" sprach Anne. "Sie haben also gelogen, nichts ist mit Ihrer Allmacht, auch wenn Sie Gott sind. Alles k├Ânnen Sie bestimmt nicht." Die Dame sprach: "Abwarten. Vielleicht kann ich beides gleichzeitig. Also es ist mir unm├Âglich, den Nagel herauszuziehen, und gleichzeitig ziehe ich ihn trotzdem heraus." "Aber das ist v├Âllig widersinnig!" protestierte Anne. Die Dame sprach: "Naja, manche Leute meinen dazu, dass die menschliche Logik nicht auf eine h├Âhere Macht ├╝bertragbar ist. Gott kann alles und die menschliche Vorstellungskraft ist nicht gro├č genug um seine allumfassende Macht zu verstehen. Jedenfalls dieses Problem mit dem Nagel und der Allmacht ist eine Kleinigkeit f├╝r mich." "Das glaube ich nicht!" sprach Anne. "Dann m├╝ssten Sie sich ja ├╝ber die mathematischen Gesetze der Logik hinwegsetzen. Das ist unm├Âglich! Das w├Ąre ja so, als wenn 1+1 gleichzeitig 2 und 3 w├Ąren." "Pah!" sprach die Dame. Dir mangelt es einfach an Fantasie. Streng dich ein wenig mehr an. Ich kann die Aufgabe jedenfalls so vollbringen, dass die Gesetze der Logik gewahrt bleiben. Du wirst schon sehen, warte mal ab." Anne gr├╝belte und gr├╝belte. Aber ihr fiel kein Weg ein, wie das Problem so gel├Âst werden konnte, dass die Gesetze der Logik trotzdem ihre G├╝ltigkeit behielten.

Anne schlug die Augen auf und fand sich auf ihrem Sofa liegend. Also war sie wohl eingenickt. Sie schaute auf die Wand, es war kein Nagel darin zu sehen. Offenbar hatte sie alles nur getr├Ąumt. Dann aber erschrak sie, als sie zum Boden blickte. Dort lag doch tats├Ąchlich noch der Kuhfu├č herum - also war die Dame anscheinend doch in der Wohnung gewesen. Aber allem Anschein nach hatte sie Anne belogen, jedenfalls was ihre Allmacht betraf. Wenn das Ganze ein Traum gewesen w├Ąre, h├Ątte die Dame tats├Ąchlich das Kunstst├╝ck mit dem Nagel vollbringen k├Ânnen. Aber da der Nagel in der selben Realit├Ąt herausgezogen war, in der Anne sich selbst befand, konnte sich der Nagel nicht unendlich fest in der Wand befunden haben. Sie ├╝berlegte und fand es au├čerdem seltsam, dass Gott ausgerechnet bei ihr vorbeigeschaut hatte, da er sich ihrer Meinung nach sonst nur bei Geisteskranken und Leuten im Drogenrausch offenbarte. Sie war doch nicht etwa selbst nervenkrank? Da kam ihr pl├Âtzlich ein erhellender Gedanke: Sie war sich nun ziemlich sicher, dass sie noch immer tr├Ąumen musste. Dabei erwachte sie. Aber sie war sich ihres Erwachens nicht sicher und zweifelte, ob sie nun auch wirklich wach war. Ja sie bezweifelte sogar, ob es ├╝berhaupt m├Âglich w├Ąre, sich sicher zu sein, nicht zu tr├Ąumen.
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Version vom 20. 05. 2015 09:29
Version vom 26. 05. 2015 21:30
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DocSchneider
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nananuk
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nochmal ├╝berarbeitet

Danke Doc. Ich habe die Geschichte jetzt nochmal ├╝berarbeitet.
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