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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Narbe des Propheten
Eingestellt am 27. 12. 2007 22:51


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moehrle
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Die Narbe des Propheten

I.
Alle hatten sie ├╝ber ihn gelacht, nun lachte niemand mehr. Die Menschen knieten vor ihm auf dem regennassen Boden. Er war nun ihr Messias. Der Prophet schwieg, lange genug hatte er ihnen gepredigt. Nun w├╝rde Gott f├╝r ihn sprechen, w├Ąhrend er selbst still auf jener Mauer stand, auf der er immer gestanden hatte.
Der Prophet hielt die Arme ausgebreitet und die Augen geschlossen, wissend, dass die Menschenmasse vor ihm von nun an jedes Wort, das aus seinem Mund tropfte, begierig aufsaugen w├╝rde, wie Verdurstende. Er genoss jede Sekunde. Oft, zu oft hatten sie ihn beleidigt, sogar mit Steinen beworfen, weil sie nicht an ihn geglaubt hatten. Weil er, ihrer Meinung nach, das Falsche gesprochen hatte.
Vor der Mauer auf der er stand, hatten seine J├╝nger ihm Gaben dargereicht. Dinge von denen er fr├╝her nur hatte tr├Ąumen k├Ânnen. Sie interessierten ihn einen Dreck. Es waren nur nutzlose Gegenst├Ąnde, nichts im Vergleich zu dem Gef├╝hl, das die Menschen ihm entgegenbrachten. Diese Menschen in ihren Gesch├Ąftsanz├╝gen, ihrer Markenkleidung, mit ihren Handys und I-Phones. Ihren Armani-Uhren und D&G-Umh├Ąnget├Ąschchen. Alle waren sie zu ihm gegekommen, zu dem Mann, der alles vorhergesagt hatte.
Der Prophet wusste, dass es in der Natur des Menschen lag Antworten zu suchen. L├Âsungen. Er gab ihnen nichts dergleichen. Vielleicht h├Ątte er ihnen eine Antwort auf ihre unausgesprochene Frage geben k├Ânnen, Antworten gab es schlie├člich immer, aber solange er schwieg, konnte er sich in der Aufmerksamkeit dieser Leute suhlen. Wie ein Schwein in seinem Kot. Doch die Zeit rann. Sie tropfte in dicken, aschehaltigen Regentropfen vom Nachthimmel.

II.
Er hatte es in seinen Tr├Ąumen vorhergesehen. Jede Nacht hatte er Feuer vom Himmel fallen sehen. Jede Nacht, seit undenkbarer Zeit. Dieses Feuer hatte seine kalten, dunklen N├Ąchte auf der Stra├če gew├Ąrmt und erhellt. Dieses Feuer war sein Alkohol, sein Crack, sein Heroin gewesen. Sehet ! Sehet ! Alle hatten sie ├╝ber ihn gelacht.
In seinem Kopf hallte noch immer das Zischen des Steines nach, den man nach ihm geworfen hatte. Mitten auf seiner Stirn, zwischen den Augen, konnte man jetzt noch die Narbe sehen. Sein Kainsmal.
Der Prophet wusste: Dieser Stein Gottes, der oben im Himmel lauerte, war seine Rache. Gott hatte ihn pers├Ânlich ger├Ącht. Ursache und Wirkung. Auch dieser Stein w├╝rde eine Narbe hinterlassen. Nicht viele w├╝rden dann noch da sein, um sie zu bestaunen. Nur die Rechtschaffenden, die wirklich und wahrhaftig glaubten.
Der Prophet ├Âffnete seine Augen und blickte hinab zu den ver├Ąngstigten, durchn├Ąssten Gestalten, die vor ihm kauerten und zu ihm aufblickten. Er war ihr Messias, das Auge Gottes. Er war Moses, er war Cassandra, er war Elias. Das Sehende und das Wissende. Niemand w├╝rde es mehr wagen einen Stein gegen ihn zu schleudern, oder ihn auch nur schief anzusehen. Die Leute wussten, er war ein Kind Gottes. Seine Rache mussten sie f├╝rchten. Auge um Auge. Stein um Stein. Sehet ! Sehet !
Alle sahen sie gebannt zu ihm auf. Wie Drohnen schienen sie auf Anweisung zu warten. Der Prophet befeuchtete seine Lippen, als wolle er anfangen zu sprechen und die Augen seiner Sch├Ąfchen weiteten sich vor Erregung. Er blieb stumm und bef├╝hlte mit seiner schmutzigen Hand die Narbe auf seiner Stirn. Sie schien f├Ârmlich zu gl├╝hen. Ihm war als w├╝rden Lichtstrahlen aus ihr herausleuchten. Als w├Ąre sie das Tor zu dem Fegefeuer, das in ihm loderte. Sehet ! Sehet !
F├╝r Reue war es nun zu sp├Ąt, und trotzdem wollte der Prophet, dass es alle sehen. Die Rechtschaffenden und die Verdammten. Alle sollten sie Gottes Rache sehen.

III.
Der Prophet hob den Kopf und blickte nach oben. Seine J├╝nger taten es ihm gleich. Der r├Âtliche Fleck am Himmel war gr├Â├čer geworden und um ihn herum war der Nachthimmel violett erhellt, wie bei einem herbstlichen Sonnenaufgang. Der Stein der Rache kam n├Ąher.
Der Prophet breitete seine Arme wieder aus, senkte seinen Blick und l├Ąchelte. L├Ąchelte so zuversichtlich, dass sich die Gesichter der Wartenden sofort erhellten. Hoffnung keimte in ihnen auf. Wie ein Weizensamen auf trockener Erde. Irrationale, dem Menschen angeborene Hoffnung. Aberglaube. Das verzweifelte Festhalten am letzten Strohhalm.
Dies alles in den Gesichtern dieser Leute zu sehen, genoss der Prophet mit jeder verstreichenden Sekunde mehr. Er stellte sich vor, ihnen diesen letzten Strohhalm wegzunehmen und ihnen damit diese Hoffnung aus den Gesichtern zu saugen.
Das L├Ącheln in seinem zerfurchten, vernarbten Gesicht schien den Menschen zu sagen: Alles wird gut. Es ist nur eine Warnung, eine Illusion vielleicht. Morgen fr├╝h wird f├╝r uns alle die Sonne wieder aufgehen, und dann gibt es Croissants und Cappuccino.
Je l├Ąnger der Prophet sein immer ehrlicher werdendes Grinsen hielt, desto zuversichtlicher wurden die Gesichtsausdr├╝cke seines Publikums. Diese Zuversicht schmeckte wie Nektar im Geiste des Propheten. Sollten sie doch genauso ahnungslos ├╝berrascht werden vom Einschlag wie er damals. Auge um Auge. Stein um Stein.
Seine Narbe gl├╝hte wie der Himmel ├╝ber ihm.
"Bereuet nichts !!" rief der Prophet. Der Himmel ├╝ber ihm strahlte immer heller und der Ascheregen f├╝hrte immer h├Ąufiger gl├╝hende Gesteinsbrocken mit sich.
Ein lauwarmer Wind kam auf. Die Menschen sahen nach oben, nur wenige von ihnen l├Ąchelten nicht. Die Teile ihrer Gehirne, die noch nicht vollst├Ąndig abgeschaltet waren, schienen voller Zuversicht. Auch der Prophet l├Ąchelte noch.
"Sehet ! Sehet ! Dies ist der Stein Gottes. Meine Rache an euch !"

ENDE

__________________
moehrle

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