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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Natur des Menschen
Eingestellt am 06. 09. 2016 20:44


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Lioncat
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Die Natur des Menschen

„Dieser Planet ist eine Schande für die ganze Galaxie!“, rief der Verwalter von Pegasus Drei. Die Männer an der Tafel wurden ungehalten und schrien durcheinander. Der Vorsitzende, eine gebrechlich wirkende Gestalt, stand auf und übertönte das hitzige Wortgefecht mit scharfer Stimme: „Ich darf Sie daran erinnern, dass wir diese Diskussion schon bei der letzten Sitzung hatten. Und in der Sitzung davor“. Keiner der anwesenden gut zwanzig Verwalter machte einen Mucks. Nur wenige sahen den Vorsitzenden an – die meisten starrten mit gesenktem Blick vor sich auf den Tisch. „Ich würde gern zu einer Lösung in dieser Sache kommen“, fuhr der Alte fort. Er erhob seine knochige Hand. Es war so still, dass nur das Surren des Belüftungssystem der Halle zu hören war. „Ich rufe den Verwalter auf, in dessen Zuständigkeitsbereich sich Terra befindet“. Ein Mann mit blasser, lederner Haut erhob sich schweigend und schob dabei seine Kapuze von seinem fast kahlen Schädel. Gefasst wartete er auf die Aufforderung des Vorsitzenden. „Verwalter Kwan - Wofür plädieren Sie..?“, schallte die Stimme von der Stirnseite des Tisches her durch den riesigen Raum. Verwalter Kwan räusperte sich und die ersten Worte, die seinen dichten, grauen Bart durchdrangen, klangen dumpf und spröde: „Mir ist sehr wohl bewusst, das Terra von vielen hier Anwesenden argwöhnisch betrachtet wird. Als Stiefkind der Galaxie, das in seiner Entwicklung gescheitert ist“. Kwan sah den Vorsitzenden direkt in seine funkelnden Augen, die tief in schwarzen Höhlen saßen. „Ich gebe zu, dass Terra im Vergleich mit anderen Planeten...“. Kwan stockte einen winzigen Moment und wider ergriff der Verwalter von Pegasus Drei das Wort: „Wie lange soll das noch so gehen, Kwan..? – die Zerstörung des Planeten durch diese humanoide Rasse hat bedenkliche Ausmaße angenommen“.
Der Vorsitzende hob den Arm und richtete seinen wütenden Blick auf den, der ohne seine Aufforderung gesprochen hatte. Alle anderen an der Tafel sahen ihn mit angehaltenem Atem an. Schließlich setzte er sich wieder und schwieg.
„Fahre fort!“, wies der alte Mann am Vorsitz Kwan an. „Seit seinem Bestehen hat sich auf dem Planeten Terra eine vielgestaltige Flora und Fauna entwickeln. Eine großartige Zivilisation konnte eine Hochkultur hervorbringen ...“.
Der Verwalter von Pegasus Drei – sein Name war Belos - schlug auf den Tisch, stand auf und erhob abermals seine Stimme: „Bei allem Respekt, aber das ist doch keine Hochkultur..! – Hass, Neid und Gier haben schon lange jede Vernunft aus den Köpfen dieser Humanoiden verdrängt. Und als ob das nicht schon genug wäre, dass sie sich gegenseitig bekriegen, zerstören sie die natürliche Umwelt des Planeten. Nirgendwo sonst diesseits des Kosmos herrscht so viel Zwietracht und Unfrieden wie auf Terra“. Belos sah sich um. Einige der anderen Verwalter nickten zustimmend, doch keiner von ihnen wagte etwas zu sagen. „Mit knapp fünf Milliarden Jahren ist Terra einer der jüngsten Planeten, auf dem sich ein intaktes Ökosystem entwickelt hat“, sagte Kwan ruhig. Doch Belos konterte: „Wenn die Humanoiden seit Anbeginn dieser Zeitspanne existiert hätten, hätten sie sich längst selbst ausgelöscht. Und das weißt du“. Belos hielt inne und sah zum Ältesten. Dieser hatte sich auf seinen mächtigen Stuhl gesetzt und verfolgte die Diskussion. Sein faltenzerfurchtes Gesicht zeigte keine Regung.
Kwan sah sein Gegenüber lächelnd an. Er strich durch seinen vollen Bart und sagte. „Was schlägst du also vor, Belos?“.
„Da die Wurzel des Problems die menschliche Rasse ist, muss man auch hier ansetzen. Der Planet wird sich regenerieren, wenn diese erst getilgt ist“.
Der Alte zeigte immer noch kein Anzeichen von Aufmerksamkeit. Stattdessen schien er immer weiter in seinen Sessel zu sinken. „Das kann ich nicht“, sagte Kwan. „Würdest du eine ganze Spezies in Pegasus Drei auslöschen, Belos?“.
„Wenn ich damit das Gleichgewicht wiederherstellen könnte, ja“.
„Warst du jemals in einer solchen Lage?“, fragte Kwan.
„Niemand bestreitet, dass es einfach ist“.
Da hob der Alte seine Hand und richtete sich etwas auf. Kwan und Belos sahen gespannt zu ihm hin. „Es steht außer Frage, dass eine Entscheidung gefällt werden muss“, sagte er und stand auf. „Verwalter Kwan. Sie haben die Gewalt über Terra und somit auch die Verantwortung in dieser Angelegenheit. Die Forderung von Verwalter Belos ist nicht unbegründet. Es ist nun an Ihnen, einen Lösungsvorschlag zu machen“. Als der Alte verstummt war, ließ er sich nieder und schlug die Hände ineinander. Viele Blicke richteten sich auf Kwan. „Ich gebe zu, dass die Entwicklung dieser Zivilisation auf Terra nicht ohne Fehler verlaufen ist“, sagte er. „Fehler, die teilweise schwerwiegende Auswirkungen auf das Ökosystem auf Terra hatten. Doch ich glaube weiterhin ganz fest an das Gute in dieser Spezies. Die Zeit ist noch nicht reif für eine solche Maßnahme“. Kwan hielt für einige Augenblicke inne. Er sah sich um. Die Anwesenden hingen an seinen Lippen. Dann fuhr er fort: „Ich mache dir einen Vorschlag, Belos. Besuche Terra selbst und vergewissere dich ob der Zustände dort. Ich mache das Schicksal der Menschen von deinem Urteil abhängig. Denn ich halte dich für einen gerechten, scharfsinnigen Mann, der die Dinge in ihrer Gesamtheit und Wahrheit erkennen kann. Wenn auf Terra – wie du sagst – nur Elend, Wut und Gier vorherrschen, dann folge ich deinem Rat und tilge die Rasse vollständig und für alle Zeiten von diesem Planeten. Ich vertraue auf dein weises Urteil und die Tugend der menschlichen Rasse“.


Blitze zuckten über den schwarzen Nachthimmel und wiesen der in Lumpen gehüllten Gestalt den Weg ins Tal. Am Fuße der Hügel lag eine Stadt. Dunkle Wolken drängten über das Gebirge, das die Stadt umgab. Der Wind bließ immer stärker und ließ schwere Fässer und Karren durch die Straßen poltern. Der Bettler stemmte sich gegen den Wind und versuchte sich mühsam auf den Beinen zu halten. Er wusste nicht, wohin er gehen sollte, denn die Straßen waren menschenleer und auch die letzte Laterne war ausgegangen. Und auch aus den Häusern drang kein Licht. Er hielt sich einen Fetzen vors Gesicht und stapfte weiter vorwärts. Schließlich erreichte er ein großes Haus, in dem er Licht sah. Mit letzter Kraft riss er die Tür auf und fiel hinein. Er fand sich wieder in einem großen, prächtig ausgestatteten Raum, der in gedämpftes Licht gehüllt war. An den Wänden hingen Jagdtrophäen, antike Waffen wie goldene Säbel und alte Vorderlader, vergilbte Landkarten und in prunkvoll verzierte Rahmen gefasste Gemälde. „Wer ist da..?!“, rief ein Mann, der an dem Kaminfeuer auf der anderen Seites des Zimmers saß. Ein korpulenter Mann mit penibel gestutztem Schnurbart kam herbei. Der Bettler richtete sich auf und nahm die Lumpen vom Gesicht. „Ja ist es denn zu fassen?“, sagte der Hausherr. „Diener!! Diener!!!“, schrie er. Ein hagerer Mann stürzte aus einem Nebenraum. „Kannst du mir sagen, wie dieser Bettler in mein Haus kommt..?“, herrschte der Hausherr seinen Diener an. „Es tut mir Leid, Herr Raffzahn“, sagte der Diener und sah beschämt zu Boden. „Dürfte ich mich kurz aufwärmen?“, fragte der in Lumpen gehüllte Mann. „Sobald der Sturm nachlässt, ziehe ich weiter“.
„Nein, hier kannst du nicht bleiben, auf keinen Fall. Du bringst mir ja die Flöhe ins Haus“. Er hielt sich ein besticktes Taschentuch vor die Nase. „Ein Stück die Straße runter befindet sich ein Gasthaus. Versuch es dort“, sagte der Hausherr, drehte sich um und schritt eilig davon.
Und so musste sich der Bettler wieder hinaus in das Unwetter wagen. Wenig später kam er zu besagtem Gasthaus. „Brutus‘ Schenke“ stand auf einem Schild, das über der Tür prangte. Der Regen wurde immer stärker und der Bettler hoffte, hier mehr Glück zu haben. Er trat ein. In der Gaststube waren nur zwei Leute: der Wirt und ein einziger Gast. Ersterer stand hinter einem Tresen, der andere saß an einem der Tische, die halb im Dunkeln lagen. Die beiden Männer hatten gerade eine lautstarke Unterredung. „Du musst ihnen zeigen, wer der Herr ist..!“, polterte der Wirt, ein stämmiger, rotgesichtiger Mann mit gelben Zähnen. Sein Gast stopfte sich einen riesigen Brocken Fleisch in den Mund und seine ohnehin schon dicken Backen weiteten sich. Dann griff er nach einem Krug Bier, der vor ihm stand. Sein dicker Wanst presste sich dabei an die Tischkante „Wenn du einmal nachsichtig bist, nutzen sie das schamlos aus; das kannst du mir glauben“, sagte der Wirt. Der Bettler, der unbemerkt an der Tür im Dunkeln stand, meldete sich zu Wort: „Guten Abend!“. Und er trat näher. Die beiden Männer wandten sich dem Ankömmling neugierig zu.
„Dürfte ich fragen, ob Sie eine Unterkunft für einen müden Wanderer haben..?“. Angewidert sah der Wirt den in Lumpen gehüllten Mann an.
„Du siehst nicht wie ein Wanderer aus - eher wie ein Landstreicher, ein Bettler. Hast du denn Geld?“.
„Ich brauche kein Zimmer – ein überdachter Schlafplatz würde mir genügen“.
Da explodierte der Mann hinter dem Tresen förmlich: „Sehe ich aus wie die Wohlfahrt..?!“. Er wandte sich an seinen Gast: „ Ist das zu glauben, Ignaz..? – Wie dreist dieses Gesindel heutzutage ist?!“. Der Dicke nahm einen großen Schluck Bier und wischte sich das Fett vom Essen von seinen dicken Fingern. „Scher dich zum Teufel!“, lallte er und lachte niederträchtig. „Taugenichtse wie dich brauchen wir hier nicht!“. Der dicke Ignaz lehrte seinen Krug zur Hälfte und knallte ihn auf den Tisch. Erwartungsvoll sah er zum Wirt hin und dieser nickte. Der Bettler wollte sich schon aufmachen, da sagte der Wirt: „Wer hat gesagt, dass du hierher kommen sollst, Landstreicher!?“.
„Ich glaube, der Mann heißt Raffzahn“, sagte der Bettler und die beiden Männer brüllten los vor Lachen. „Warum hast du das nicht gleich gesagt!? – dass unser Bürgermeister dich hergeschickt hat“, rief der dicke Gast und stellte einen weiteren Stuhl an seinen Tisch. „Setz dich und trink mit mir!“.
„Danke – aber ich trinke nicht“, sagte der Bettler. „Ein Landstreicher, der nicht trinkt..?!“, brüllte der Betrunkene. Der Wirt stellte zwei Glässchen mit Schnaps auf den Tresen. „Trink..!“, sagte er und nahm sein Gewehr von der Wand hinter ihm. „Oder willst du den guten Ignaz beleidigen..?“. Der Bettler trank. Augenblicklich fuhr der Geist des Alkohols in ihn. Er verlor die Kontrolle über seine Glieder und stürzte auf den Boden. Der Wirt und sein Gast konnten sich kaum halten vor Lachen. Sie stellten den Betrunkenen wieder auf die Beine. Dann führten sie ihn hinaus in den Regen. Von Stallungen neben dem Wirtshaus holte Ignaz einen Ochsen herbei und Brutus hievte den Bettler, der völlig besinningslos war, auf den Rücken des Tieres.
Sie knoteten einen Strick um den Huf des Ochsen – das andere Ende banden sie um den Fuß des Bettlers. Der Betrunkene wurde immer schwächer und schloss die Augen. „Hör mir zu, Bettler!“ sagte der Wirt und tätschelte grob sein Gesicht. „Nicht einschlafen! – du willst doch nicht gleich hinunterfallen..?“. Ignaz nahm einen kräftigen Zug von einer Weinflasche. Dann hieb er mit einem Stock auf das Hinterteil des Ochsen ein. Der war außer sich und lief davon. Ignaz jagte ihn ein Stück die Straße runter, schrie und jauchzte dabei. Der Bettler bemühte sich verzweifelt, sich auf dem wild tobenden Tier zu halten – doch der Alkohol vernebelte seine Sinne und schwächte ihn. Er wurde vom Rücken des wild gewordenen Viehs geschleudert und schlug auf dem vom Regen matschigen Boden auf. Der Strick um seinen Fuß schnitt sich tief in sein Bein und riss ihn mit wie eine Puppe aus Stroh. Das Letzte, was der Bettler hörte, waren die ausgelassenen Schreie der beiden Männer, die sich schließlich im Tosen des Sturms verloren. Der Ochse schleifte den Ohnmächtigen quer durch die Stadt. Irgendwann riss der Strick und er blieb regungslos im Schlamm liegen.


Am nächsten Morgen wachte der Bettler in einem Rinnsal auf. Der wolkenlose Himmel zeigte kein Anzeichen des nächtlichen Unwetters. Mit behäbigen Bewegungen kroch er aus dem Dreck des Grabens, in dem er lag. Er war über und über mit Schlamm bedeckt und seine Lumpen hingen ihm in dreckigen, nassen Fetzen vom Leib. Und der Bettler schaute sich um. Er stand an einem Schotterweg und auf beiden Seiten lagen Felder und Äcker. Die Stadt trohnte – in einiger Entfernung – auf einem Hügel. Sie war umgeben von Land; Felder, Acker und Wiesen. Während die Stadt mit schönen Pflastersteinen ausgelegt war, gab es hier keine richtigen Straßen. Nur holprige Feldwege, die voll von Schlaglöchern waren. Hier arbeiteten hunderte von Bauern auf den Feldern. Es schien gerade Erntezeit zu sein – denn die Bauern luden große Mengen von Rüben, Kartoffeln und sonstigen Feldfrüchten auf klapprige Schubkarren. Die Sonne brannte vom Himmel und die Arbeiter schwitzten und ächzten unter der Hitze. Auch Kinder waren unter den Arbeitenden. Als der Bettler so den Weg entlang ging, sah er Bauern vor Anstrengung zusammenbrechen. Viele lagen erschöpft am Boden und wischten sich den Schweiß aus den Augen. Obwohl sie reiche Ernte einfuhren, waren sie erschreckend dürr. Ihre Arme waren so dünn wie Zweige; ihre Rippen und Schlüsselbeine ragten heraus, als würden sie ihre wettergegerbte Haut jeden Moment durchstoßen. Der Bettler wollte fragen, wo er sich waschen könne. Doch die Bauern verhielten sich merkwürdig. Wenn er sich ihnen näherte, suchten sie hastig das Weite. Einer der Bauern stand mit einem schwer beladenen Holzkarren auf der Straße. Eines der Räder steckte in einem tiefen Schlagloch fest. Als der Bettler heraneilte, um zu helfen, wies der Mann ihn ab: „Verschwinde!“, rief er und scheuchte den Bettler weg. Dieser ging unverdrossen weiter.
Schließlich kam er an einen Fluss. Im seichten Gewässer einer Furt wusch er sich und setzte sich zum Trocknen auf einen Stein. Da sah er am anderen Ufer einen Ochsen. Er bemerkte das abgerissene Stück Seil am Huf des Tieres und griff auf die blutige Stelle, die das Seil an seinem Fuß hinterlassen hatte. Als der Bettler seinen Blick über die friedliche Flusslandschaft schweifen ließ, bemerkte er eine kleine Gestalt hinter einem großen Felsblock, der am Wasser lag. Es war ein kleines Mädchen, dass ihn mit großen, dunklen Augen anstarrte. Neugierig lugte es immer wieder hinter dem Felsen hervor. Der Bettler winkte die Kleine herbei. Sie schlich sich langsam hinter Felsen, Büschen und hohen Gräsern vorbei, als hätte er sie noch nicht gesehen. „Hab keine Angst“, sagte der Bettler. Das Mädchen setzte sich neben den Bettler ins Gras. „Woher kommst du..?“, fragte es plötzlich. „Von weit weg“.
Die Kleine grinste verschmizt. Sie hatte wild abstehende, schwarze Haare und braune Haut. Ihr Leinengewand war hier und da geflickt und hatte viele Flecken. Das Mädchen sah zu dem Ochsen, der noch immer am anderen Flussufer graste. „Du warst gestern in der Stadt, nicht wahr..?“, sagte sie.
„Ich war im Haus des Bürgermeisters“.
„Bürgermeister Raffzahn ist der reichste Mann hier“, sagte das Mädchen. „Die Bauern zahlen Steuern an ihn. Viele sagen, er ist ein Gierschlund, der nie genug bekommen kann“.
„Der Bürgermeister schickte mich weg zum Wirt“.
„Brutus. Ein immer zorniger, feindseliger Mann, mit dem man sich besser nicht anlegt. Seine Schenke gehört dem Bürgermeister. Brutus treibt für ihn die Steuern ein. Er geht dabei äußerst brutal vor und kennt keine Nachsicht“.
„In seiner Schenke war nur ein einziger Gast. Ein sehr dicker Mann, der betrunken war von Bier und Wein“.
„Ignaz, der Gutsherr“, sagte das Mädchen. Ihm gehört alles Land, das du hier siehst. Die Bauern bestellen es – jedoch müssen sie einen Großteil der Ernte an Ignaz abgeben“.
„Die Menschen auf den Feldern scheinen sich zu Tode zu schuften“, sagte der Bettler.
Das Mädchen nickte. „Sie haben Angst vor den drei Tyrannen in der Stadt. Wird die Ernte nicht zeitgerecht abgeliefert, werden die Bauern bestraft. Vor allem vor Brutus und seiner Peitsche haben die Bauern schreckliche Angst“.
„Sie scheinen sich auch vor mir zu fürchten“, sagte der Bettler.
„Sie haben gesehen, was sie mit dir gemacht haben. Nun haben sie Angst vor dem, was ihnen wiederfährt, wenn sie mit dir sprechen“. Als er sprach, hatte das Mädchen ein mildes Lächeln auf den Lippen. Nach einer Pause sagte der Bettler: „Sie banden mich an einen Ochsen, der mich bis hier raus schleifte“.
Das Mädchen musterte den Bettler von oben bis unten. „Wenn dich das Vieh aus der Stadt den weiten Weg hier heraus zu den Feldern zerrte...“, sagte es – „....wie kommt es dann, dass du keinen Kratzer hast..?“.
„Meine Lumpen hängen mir doch in Fetzen vom Leib...“.
„Aber deine Haut ist unversehrt. Keine Schürfwunden wie bei den anderen...“.
„Bei den anderen? – kommt sowas öfter vor..?“.
„Manchmal, wenn die Bauern zu wenig Ernte abliefern“.
Das Mädchen betrachtete das glitzernde Wassers des leise plätschernden Baches. „Herrlich hier“, sagte es. „So schön friedlich“.
„Warum kommen die Bauern nicht hierher und kühlen sich ab?“, fragte der Bettler, obwohl er die Antwort ahnte. „Weil sie keine Zeit haben. Die Felder müssen bis morgen Abend abgeerntet sein. Sie haben bereits einen Tag verloren. Durch das Unwetter gestern“.
„Was passiert, wenn sie bis Morgen nicht fertig sind?“.
„Der Gutsbesitzer wird furchtbar wütend und die Bauern werden bestraft. Viele müssen dann ins Gefängnis in der Stadt. Dort geht es einem noch schlimmer als hier. Denn man bekommt nichts zu essen und wird ausgepeitscht“. Zum ersten Mal huschte ein Anflug von Traurigkeit über das Gesicht des Mädchens. „Sie haben Angst“.
„Du scheinst keine Angst zu haben. Musst du nicht auf dem Feld arbeiten? “, fragte der Bettler und das Lächeln kehrte wieder auf ihr kleines Gesicht zurück. „Ich gehöre nicht zu den Bauern. Ich bin ein Waisenkind und lebe auf der Straße. Somit habe ich keinen Besitz und keine Verpflichtungen. In Zeiten der Not helfe ich ihnen“. Das Mädchen lächelte vergnügt. „Ich arbeite gern auf dem Feld“.
„Werden die Bauern als Sklaven hier festgehalten?“, fragte der Bettler und die Kleine schüttelte den Kopf. „Es sind freie Menschen. Sie können gehen, wohin sie wollen“.
„Warum bleiben sie dann hier und lassen sich ausbeuten?“.
„Der Bürgermeister sagt, die harte Arbeit werde sie schlussendlich zu Reichtum und Wohlstand führen. Doch die einzigen, die in Saus und Braus leben, sind die drei Tyrannen in der Stadt“.
Und Belos fühlte sich bestätigt. „Hört sich an, als ob die Menschen ungeheuer dumm sind“. Der Blick des Mädchens strahlte Güte und tiefes Verständnis aus. „Die Herrschaft der Drei Tyrannen trübt ihren Blick auf die Dinge, wie sie sind. Im Grunde sind es gute, anständige Leute. Sie geben mir zu essen und Unterkunft, wenn es stürmt oder kalt ist. Ich bin gerne bei ihnen. Sie sind meine Freunde und ich will ihnen helfen, sich aus ihrer Knechtschaft zu befreien“.
Plötzlich war sich näherndes Pferdegetrampel zu hören. „Die Drei Tyrannen reiten aus der Stadt“, sagte das Mädchen. Sie fand sich auf einem der Felder ein und Belos folgte ihr. Tatsächlich kamen der Bürgermeister – Raffzahn - , der Wirt - Brutus und der Gutsherr – Ignaz - auf prächtigen Rössern heran. Als sie inmitten der Bauern angehalten hatten und der Staub sich gelegt hatte, fiel ihr Blick sofort auf den Vagabunden aus der Fremde. „Reudiger Bettler!“, rief Brutus. „Bist immer noch da!?“. Er hob den Arm, ließ seine Peitsche durch die Luft schnellen und streckte den in Lumpen Gehüllten mit einem knallenden Hieb nieder. Der Gutsherr ritt zum Fluss und holte seinen Ochsen, während Brutus von seinem Pferd stieg und zu dem Bettler hinlief. Er zerrte ihn auf eines der Felder. Es war harter Ackerboden, überwuchert von Disteln und Unkraut. „Wenn du hier bleiben willst, musst du auch arbeiten“. Der Hüne warf den schmächtigen Mann auf die Erde. „Dieses Feld wirst du umgraben und vom Unkraut befreien. Und zwar mit deinen bloßen Händen. Bei Sonnenuntergang komme ich wieder. Sollte ich auch nur ein winziges Pflänzchen auf dem Acker finden, wirst du meine Peitsche in aller Härte zu spüren kriegen!“. Der Bürgermeister sagte während der ganzen Zeit kein Wort. Er blickte sich um und begutachtete den Forschritt der Ernte scheinbar gleichgültig. Brutus schwang sich wieder auf sein Pferd. „Sollte ihm einer von euch helfen, werdet ihr alle bestraft!“, brüllte er auf die umliegenden Felder hinaus und die drei Reiter jagten davon.
Und die Bauern gingen wieder an die Arbeit. Sie betrachteten den Bettler misstrauisch. Wie es ihm aufgetragen wurden, machte er sich an die Arbeit. Mit bloßen Händen durchfurchte er die schwere Erde unter der sengenden Sonne und der Schweiß lief in Strömen sein Antlitz hinunter. Unentwegt riss er mit spitzen Dornen übersäte Ranken aus dem Boden.
Zur Mittagszeit legten die Bauern die Arbeit nieder. Sie labten sich am Fluss. Während die meisten von ihnen erschöpft auf dem Boden ruhten, sprühte das Waisen-Mädchen vor Energie. Sie scherzte und lachte, sprach den Bauern Lob und Anerkennung zu – und dem ein oder anderen müden Arbeiter entlockte sie damit ein Lächeln. Das Mädchen brachte Wasserkrüge heran und half tatkräftig beim Zubereiten des Essens. Und die Menschen reichten auch dem Bettler den Wasserkrug und teilten ihr weniges Essen mit ihm. Ihre bewundernden Blicke fielen auf die dreckigen Fetzen, die der Fremde um die Hände gewickelt trug.
All die Anstrengung der mühsamen Arbeit schien wie weggeblasen. Stattdessen lachten die Bauern miteinander . Die Starken kümmerten sich um die Geschwächten und die Menschen sprachen sich gegenseitig Mut zu. Und zum ersten Mal erkannte Belos, dass in den Menschen nicht nur Gier und Hass waren. Die aufopferungsvolle Hingabe, mit der sie füreinander sorgen, beindruckte ihn tief.
Mit neuem Mut und Tatkraft gingen die Bauern zurück auf ihre Felder und sie ernteten, bis der Abend dämmerte. Als die Bauern bereits am Bach rasteten und ihre müden Glieder vom kalten Wasser umspülen ließen, kniete der Bettler immer noch auf seinem Feld und grub die Erde um. Denn hier und da fand er noch ein Ränkchen, dass ihm bisher entgangen war.
Schließlich war die Sonne fast hinter den Hügeln verschwunden. Mit den letzten Sonnenstrahlen kam Brutus angeritten, hinter ihm eine dichte Staubwolke, die die Sicht zur Stadt verhüllte. Der Mann auf dem Acker senkte demütig den Blick, als Brutus sein Pferd zum Stehen brachte und auf den staubigen Boden sprang. Er schritt das Feld mehrmals ab, eine Hand hielt dabei den Griff seiner Peitsche fest umklammert. Als Brutus den Acker, der nicht die Spur von Unkraut oder sonstiger Pflanzen aufwies, abging und genauestens untersuchte, lugten die Bauern vom Flussufer herauf. Immer wieder bückte sich Brutus, um einen genaueren Blick auf den Boden zu bekommen. Ein paar Mal scharrte er mit seinen festen Stiefeln in der lockeren Erde. Dann kam er zu dem Bettler und baute sich vor ihm auf. Und er sagte: „Bettler! Du hast das Feld von allem Unkraut befreit, wie ich es dir aufgetragen habe“. Der Mann zu seinen Füßen hob langsam den Blick, bis er Brutus in seine gefährlich funkelnden Augen sah. „Doch hatte ich dir nicht gesagt, du sollst das Feld mit deinen bloßen Händen umgraben?“.
„Das habe ich“, sagte der Bettler. Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, da traf ihn einer von Brutus‘ Stiefeln ins Gesicht. „Hältst du mich für blöd!?“, schrie er. „Zeig mir deine Hände!“. Ehe der Bettler auf die Knie kam, stürmte Brutus zu ihm hin. Er packte seine Hände. „Nicht ein einziger Kratzer. Wie ist das möglich, war doch der ganze Acker voller Disteln..?!“.
Brutus‘ Gesicht färbte sich rot und die furchtbarsten Flüche entfuhren ihm. Er schlug und trat so lange auf den Bettler ein, bis dieser reglos am Boden lag. Brutus stieg auf sein Pferd. Er schwang seine Peitsche und ein gellender Knall schoss durch die warme Abendluft. Die Bauern hielten sich am Flussufer versteckt, doch Brutus wusste, dass sie da waren. „Ich weiß nicht wie, doch ihr habt ihm in irgendeiner Form geholfen. Darum werdet ihr die Ernte nicht bis morgen Abend abliefern, sondern bis morgen Früh – bei Sonnenaufgang komme ich wieder!“, brüllte er und ließ seine Peitsche noch einige Male durch die Luft zischen. Er gab seinem Ross die Sporen und preschte davon.
Das Mädchen war zuerst bei dem Bettler. Sie half ihm hoch, doch er brauchte ihre Hilfe nicht. Als sie in sein Gesicht sah, konnte sie ihren Blick nicht abwenden. Brutus‘ Fäuste hätten Nasen und Wangen zertrümmern sollen; seine Lippen müssten zerplatzt, seine Augen zugeschwollen sein. Stattdessen sah das Gesicht des Bettlers aus wie immer. Etwas staubig und verschwitzt, aber keine Blessuren. Langsam kamen nun auch die Bauern und umkreisten ihn. Sie hatten Fackeln angezündet, denn es wurde dunkel. „Was hast du uns eingebrockt, Bettler?!“, sagte einer von ihnen. „Beruhigt euch. Wir schaffen auch das!“, rief das Mädchen, doch ihre zarte Stimme wurde übertönt von den Bauern, die lautstark durcheinander riefen: „Hängt den Bastard auf!“ – „Werft ihn ins Feuer!“ – „Ersäuft ihn!“.
Die Meute kam immer näher; der Kreis zog sich langsam zu. Das Mädchen stand an des Bettler‘s Seite. Sie nahm seine Hände, sah sie an. „Ich habe gesehen, wie du Dornenbüsche ausgerissen hast – wie kann das sein..?“.
„Geh aus dem Weg, Kleines!“, rief eine Frau mit faltigem Gesicht und Tränen der Verzweiflung und des Zornes in den Augen. „Der Fremde muss bezahlen!“ – „Er hat uns alle ins Unglück gestürtzt!“.
Und Belos stieß einen Schrei aus, der die Meute einhalten ließ. Stille trat ein. „Ich war den ganzen Tag unter euch“, sagte er mit starker Stimme. „Ich habe am Feld gearbeitet und es nur zu Mittag verlassen. Woher also hätte ich ein Werkzeug bekommen können – wer oder was hätte mir helfen können..?“.
„Legt ihn in Ketten und ersäuft ihn!“, unterbrach einer aus der Menge die Stille und die Bauern begannen wieder wild durcheinander zu reden.
Plötzlich kam aus der Finsternis ein Schlange. Die Meute stob erschrocken auseinander. Das Tier schlängelte sich auf den Bettler zu. Vor ihm hob die Schlange den Kopf und baute sich mannshoch auf. Ihre pechschwarze Lederhaut glänzte im Schein der Fackeln. Belos stand ruhig da; das Mädchen wich hinter ihn zurück. Die Schlange stieß ungeheure Zischlaute aus, dass sogar die Grillen verstummten. Sie riss das Maul auf, das voll spitzer Zähne war. Ihr Körper bewegte sich tänzelnd hin und her, ehe der Kopf wie der Blitz nach vor schnellte. Die Hauer der Tieres stießen in Belos‘ Hals und spritzten Gift in seinen Körper. Daraufhin wurden seine Augen weiß; jegliche Spannung wich aus seinem Körper, der schlaff zu Boden fiel.
Daraufhin stürzte das Mädchen zu ihm. Die Schlange wandte sich ab und drehte sich zu der weichenden Meute. Mit geschmeidigen Bewegungen kam das schwarze Reptil auf die Bauern zu. Die Schlange erhob sich abermals, diesmal sogar noch höher. Sie überragte die Menge bei weitem. Dann riss sie ihren Schlund auf; ihr Kopf blieb starr und ihre winzigen, rotbraunen Augen blitzten gefährlich auf. Die Bauern waren starr vor Angst. Mit offenen Mündern starrten sie das Biest an. Mit einem durchdringenden Pfauchen verabschiedete sich das Ungeheuer und verschwand wieder im finsteren Gebüsch.
Keiner der Bauern hatte jemals eine solche Schlange in der Gegend gesehen. Und die meisten lebten bereits ihr ganzes Leben dort. Die Meute blieb still – niemand sagte ein Wort. Jeder musste erst für sich realisieren, was gerade geschehen war. Langsam kamen die Menschen näher und versammelten sich um das Mädchen, das bei dem reglosen Körper des Fremden kauerte. „Atmung und Herzschlag haben ausgesetzt“, sagte es. „Er ist tot“.
Die Bauern gingen auf ihre Felder zurück. Sie brachten ein paar Wagenladungen trockenes Holz herbei und entzündeten in ihrer Mitte ein Feuer. Einige machten sich für die Arbeit bereit, doch generell machte sich großer Unmut breit. „Wir schaffen niemals die ganze Ernte bis morgen Früh“, herrschte der allgemeine Tenor. Die Bauern fragten das Mädchen um Rat, nachdem der tote Körper des Bettlers auf einem Holzstoß aufgebahrt war. „Was sollen wir tun?“, fragten sie. „Die Nacht durcharbeiten und dabei vor Erschöpfung umfallen? – oder die Flucht wagen und bei unser Ergreifung zu Tode gepeitscht werden“. Das Mädchen setzte sich auf die Erde und legte die Hände ineinander. Die Augen halb geschlossen, schien sie die Menschen vor ihr auszublenden. Lange sagte sie gar nichts. Die Anspannung unter den Bauern war groß. Schließlich sagte sie: „Was ist mit der Möglichkeit, dass die Flucht erfolgreich verläuft? – Wir sollten es wagen und von hier weggehen. Ihr seit starke, ausdauernde Arbeiter; versteht viel von der Landwirtschaft und vom Handwerk. Damit schafft ihr es überall“.
Schließlich fassten sich die Bauern ein Herz und folgten dem Rat des Mädchens. Sie warfen soviel Holz ins Feuer, wie sie finden konnten und die Flammen loderten hoch in den Himmel. Es sollte die ganze Nacht brennen, um bei den Tyrannen in der Stadt den Anschein zu erwecken, dass auf den Feldern gearbeitet wird. Stattdessen packten die Bauern ihre wenigen Habseligkeiten und brachen auf. Als das Mädchen mit ein paar Männern den Leichnam des Fremden aufsuchen wollten, um ihn zu bestatten, war er verschwunden. In der Hektik des Aufbruchs dachten die Bauern nicht weiter darüber nach. Sie vermuteten, dass ihn ein wildes Tier geholt hatte.
Und so machte sich die ganze Bauern-Sippe auf in die Ferne. Die leuchtenden Sterne am Himmel wiesen dem Mädchen, das die Schar anführte, den Weg. Sie wanderten durch die Ebene, ehe sie an den Rand des Gebirges kamen, das das Tal umschloss. Durch stark bewaldetes Gebiet begannen sie ihren Aufstieg auf die umliegenden Hänge. Das Geäst wurde dabei immer dichter und das Schwarz der Dunkelheit ungab sie.
Und das Mädchen verlor die Orientierung. Trotz der Fackeln konnte sie den Pfad nicht finden. Als sie auf eine Lichtung kamen und Rast machten, schlich sie sich fort, um den Weg zu suchen. Denn sie wollte die Bauern nicht beunruhigen, indem sie zugab, dass sie sich verirrt hatte. Sie marschierte gegen das ansteigende Gelände an. Die Bäume standen immer enger und das Gestrüpp wurde bald undurchdringbar. Der klare Sternenhimmel, anhand dessen das Mädchen navigiert hatte, war auf einmal mit düsteren Wolkenfetzen verhangen. Ein plötzlicher Windstoß bließ ihre Fackel aus und sie saß da in der Finsternis, umgeben von Bäumen, die schwarz in den Himmel ragten.
Aller Mut verließ das Mädchen und es begann bitterlich zu weinen. Sie hatte versagt. Und noch schlimmer, hatte sie eine ganze Sippe unschuldiger Bauern in ihr Verderben geführt. Sie verlor sich in furchterregenden Visionen: die drei Tyrannen werden die Flüchtigen hier im Wald finden und sie bestrafen. Die Alten und Schwachen werden weggesperrt, dass sie nie wieder das Tageslicht sehen. Die Starken werden auf den Feldern arbeiten, bis sie umfallen oder Brutus sie mit seiner Peitsche totschlägt. Jede Zuversicht des Mädchens wurde verdrängt von immer schrecklicheren Fantasien und ihr kleiner Körper bebte vor Schluchzen. Erst ein scharfes Heulen, das der Kleinen durch Mark und Bein ging, riss sie aus ihren finsteren Gedanken und beförderte sie ins Hier und Jetzt. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und blickte auf. Zwischen den Bäumen sah sie in der Ferne einen Wolf. Er stand auf einer felsigen Anhöhe. Das graue Fell des ungemein großen Wolfes schimmerte im Mondlicht. Er hechelte und stieß abermals ein gellendes Heulen aus. Als das Echo verklungen war, setzte er sich auf seine Hinterläufe und war ganz ruhig.
Und das Mächen kannte von nun an den Weg. Sie ging zurück zu den Bauern und sie machten sich erneut auf. Als das Mädchen die Bauern nach dem lauten Heulen des Wolfes fragte, sahen sie diese nur ahnungslos an. Keiner hatte etwas Derartiges gehört.
Das Mädchen wunderte sich darüber und führte ihre Gefolgschaft weiter durch den Wald. Das grelle Mondlicht war wieder verschwunden, Wolken verschlangen die Gestirne. Manchmal velor das Mädchen noch die Orientierung – dann blitzte für einen Moment Licht durch ein Loch in der Wolkendecke und die Strahlen wießen ihr den Weg. Als sie allein vorraus ging und die Bauern kurz außer Sicht waren, tauchte abermals der Wolf vor ihr auf. Er saß stets still da und beobachtete das kleine Mädchen mit ruhendem Blick. Als ein paar Bauern hinzu kamen, war das Tier plötzlich wieder verschwunden.
Der Morgen graute, als die erste Vorhut den Pass erreichte. Von der höchten Stelle am Berg sahen die Männer und Frauen ein letztes Mal auf das Tal hinab. Die Stadt lag winzig zu ihren Füßen. Auf der anderen Seite des Grates bot sich ein atemberaubender Anblick: dort lag ein Tal mit hügeligen Wäldern, durch die sich ein verzweigtes Labyrinth von Flüssen wandte. Als sie auch die Letzten ihrer Gefährten ins Tal hinab wandern sah, empfand das Mädchen tiefes Glück. Sie war stolz auf die Bauern und ihren Mut. Als die Morgensonne am Horizont aufstieg und das Mädchen sich noch einmal umdrehte, stand da – im Schleier des Nebels – eine menschliche Gestalt. Erst dachte sie, einer der Bauern war noch zurückgeblieben. Doch dann erkannte sie den in Lumpen gehüllten Mann. Es war der Bettler, der ihr zuwinkte, ehe er im Nebel verschwand. Und das Mädchen ging nochmal zurück. Doch alles, was sie an der Stelle, an der der der Bettler verschwunden war, fand, waren seine Lumpen, die dort am Boden lagen. Ein weiteres Stück den Hügel hinauf saß der Wolf, der sie still ansah.

Als Belos den Verwalter von Terra, Kwan, aufsuchte, erzählte er ihm, was er auf der Erde erlebt hatte. „Ich habe die Gier und den Hass gesehen, die dort herrschen. Und ich habe den falschen Glauben gesehen, der die Menschen unterjocht und wie Vieh im Zaum hält. Durch Mutlosigkeit, Angst und Zweifel lassen sich die Menschen ihrer Freiheit berauben“.
„Du wurdest also in deiner Annahme bestätigt, dass die Menschheit vom Planeten getilgt werden sollte...“, sagte Kwan. Doch Belos schüttelte milde den Kopf. „Nein“, sagte er. „Denn was ich auch gesehen habe, mit welcher Güte sich die Menschen umeinander kümmern. Mit welcher Konzentration und Freude sie nach Freiheit streben“. Kwan’s Blick ruhte auf Belos, der sagte: „Du hattest Recht. Und ich habe mich geirrt und eine vorschnelle Entscheidung getroffen. Solange noch ein Funken Gutmütigkeit und aufrichtiger Wille in den Menschen herrschen, ist sie noch nicht verloren“.

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Georg Sonnleitner

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Du hast eine spannende Geschichte mit einem zeitlosen Thema geschrieben. Das Einzige, was mir missfällt, ist die Sprache des Mädchens. Sie wirkt sehr altlkug und wenig kindgerecht. Vielleicht kannst Du da noch etwas nachbessern.

Viele Grüße von DocSchneider

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