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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Niemandin
Eingestellt am 19. 01. 2001 14:28


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Tanshee
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jan 2001

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Morgens steht sie eine Stunde vor ihrem Mann auf, um sich zurechtzumachen. Das, glaubt sie, ist sie sich und ihm schuldig. Ja: schuldig. Gefr├╝hst├╝ckt haben sie beide noch nie, gemeinsames Fr├╝hst├╝cken ist keine Besch├Ąftigung f├╝r zwei Morgenmuffel. Da├č sie sich im Gegensatz zu vielen seiner Kollgenfrauen weigert, ihm ein Vesper zum Mitnehmen zu machen, findet sie stillschweigend relativ emanzipiert von sich, zu mehr aber reicht ihr Mut nicht. Sie wohnen au├čerhalb der Stadt, das bedeutet jeden Morgen eine Stunde Autofahrt. Unterwegs schweigt man sich an, ab und zu mu├č sie ihm eine angez├╝ndete Zigarette reichen. Vor der Firma setzt er sie ab, mit den Fingern ungeduldig auf dem Lenkrad trommelnd, wenn sie wieder eine ganze Weile braucht um ihre Sachen zu sammeln: Handtasche, Handy, Zeitung. Auf dem Handy hat er bestanden, damit sie erreichbar ist. Die Zeitung bringt sie immer der Kollegin mit, die hat selber keine, das ist zu teuer.
Im Betrieb ist sie der Niemand, der versucht es allen recht zu machen ÔÇô hinter ihrem R├╝cken wird mit mildem Spott ├╝ber sie gel├Ąstert. Allgemein ist man der Meinung sie sei ein bi├čchen umst├Ąndlich, ein bi├čchen sehr bem├╝ht und ÔÇô irgendwie ÔÇô arm dran. Warum, k├Ânnte keiner n├Ąher erkl├Ąren, sie macht einfach den Eindruck eines Menschen, der in seinem Leben vom Schicksal einige Male heftig gebeutelt wurde und dabei etliche bleibende Schrammen davongetragen hat. Narben w├Ąre schon zu viel, zu dramatisch. Trag├Âdie pa├čt nicht zu ihr, daf├╝r ist sie zu, tja: banal.
Sich in die t├Ągliche Routine in ihrem B├╝ro einklinken zu k├Ânnen beruhigt sie jeden Morgen aufs Neue. In die vorgegebenen Abl├Ąufe schl├╝pft sie wie in ein Paar warme Pantoffeln. Was sie tut ist nicht sonderlich aufregend. Haupts├Ąchlich sind es Sortierarbeiten, die sie f├╝r die anderen Mitarbeiter erledigt, denen das nicht kreativ genug, zu zeitaufwendig oder schlicht l├Ąstig ist. Als ihr die Chefin angeboten hat, einen Fortbildungskurs zu machen, hat sie sich mit H├Ąnden und F├╝├čen gewehrt. Das Unbekannte, die Herausforderung macht ihr Angst. Manchmal f├Ąngt sie w├Ąhrend der Arbeit an zu tr├Ąumen. ├ťber einen Ordner gebeugt, die Bl├Ątter mit der abzuheftenden Korrespondenz in der Hand, driftet sie davon. Ihre Schultern sind dabei abwehrbereit nach vorne gezogen, falls jemand kommt. Tief in ihrem Inneren wohnen ein paar wilde Tr├Ąume von Freiheit und Abenteuer. Aber die Kammer ihrer Seele hat sie gut verschlossen. Einmal ein Adler sein? Mit ausgebreiteten Schwingen durch die Luft zu segeln, majest├Ątisch... Sie? Ihr Mann nennt sie in z├Ąrtlichen Momenten Sp├Ątzchen ÔÇô absurd, sie als Adler.
Vor Jahren war sie mal heftig in einen Kollgen verschossen. Er hat davon nichts gemerkt, sie war wie immer: von verhuschter Freundlichkeit, wie allen anderen gegen├╝ber auch. Hat unauff├Ąllig, f├╝r ihn noch mehr als f├╝r andere, Zusatzarbeiten erledigt, und einem freundlichen Nicken und einem Dankesch├Ân von ihm entgegengefiebert. Wenn er versetzt worden w├Ąre, h├Ątte sie ein paar heimliche Tr├Ąnen vergossen, so hat sie sich nur eines Tages die unerwiderte Liebe in sich gemordet und ist noch stiller geworden. Hat sich irgendwann gewundert, da├č das Gef├╝hl nicht mehr da war.
In der Mittagspause erledigt sie die Eink├Ąufe, das ist so eine plausible Erkl├Ąrung daf├╝r, nicht mit den anderen in die Kantine zu gehen. P├╝nktlich nach einer Stunde sitzt sie wieder am Schreibtisch. Macht brav die angeforderten Memos fertig. Manchmal ├╝berkommt es sie, dann tippt sie mitten im Text ein paar trotzige Zeilen, die besagen, wie sehr ihr beengtes Leben sie anwidert. Die l├Âscht sie erst vor dem Abspeichern wieder raus, und immer ist dann die Panik da, so einen Ausbruch ├╝bersehen zu haben.
Fr├╝her hat sie sich nichts daraus gemacht l├Ąnger dazubleiben und Liegengebliebnes noch zu erledigen. Aber ihr Mann holt sie p├╝nktlich ab, er sch├Ątzt die gemeinsame R├╝ckfahrt, da kann er sich ├╝ber seinen Tag ausjammern, daf├╝r braucht er sie, als Zuh├Ârerin. Er wei├č nicht, da├č sie nur automatisch best├Ątigende Ger├Ąusche von sich gibt und in Gedanken ganz woanders ist. Wo?
Sobald sich das Auto in die Karawane der Pendler eingereiht hat, badet sie in dem tr├Âstlichen Gef├╝hl Teil eines Ganzen zu sein. Ihr Auto steht in der gleichen Schlange wie die Fahrzeuge davor und dahinter; die Schlange windet sich aufs flache Land hinaus, wo sie wohnen. Sie ist Teil dieser Prozession, sie geh├Ârt dazu und bleibt doch anonym. In dieser Stunde im Auto, in der sie sich der Gemeinschaft zugeh├Ârig f├╝hlt, sich f├╝hlt wie in einem Kokon, nur in genau dieser Stunde br├Ąchte sie den Mut auf, einfach fortzugehen und ein Einzelwesen zu sein. Sie kann sich doch nicht einfach aus dem fahrenden Wagen werfen. Und sobald sie daheim aus dem Auto steigt ist alles wie immer.


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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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Hallo Tanshee, hallo Elke,
ich glaube, das Problem in diesem - ├╝brigens sehr sch├Ânen - Text besteht darin, da├č die Schere zwischen Emanzipationswillen und bravem Hausm├╝tterchen zu weit sperrt.
Wenn sie allen Ernstes eine Stunde fr├╝her aufsteht, um sich zurechtzumachen - da mu├č f├╝r sie ja die Fassade alles sein. Das ist einfach unrealistisch. Was um Himmels willen tut sie denn da eine Stunde lang?
Wer sich so lange bepinselt, um gut auszusehen - f├╝r sich und "f├╝r ihn" - der bzw. die schmiert dann auch noch das Fr├╝hst├╝cksbrot f├╝r den Herrn. Sonst pa├čt es einfach nicht zusammen.

Die Gedanken bei der Arbeit andererseits sind unglaublich typisch. In der Passage

Manchmal ├╝berkommt es sie, dann tippt sie mitten im Text ein paar trotzige Zeilen, die besagen, wie sehr ihr beengtes Leben sie anwidert. Die l├Âscht sie erst vor dem Abspeichern wieder raus, und immer ist dann die Panik da, so einen Ausbruch ├╝bersehen zu haben.

habe ich mich selbst in gewisser Weise wiedererkannt, und so geht es sicher vielen. Das hat auch nicht unbedingt mit Emanzipation zu tun, das ist einfach entfremdete Arbeit. Insoweit w├╝rde die Identifikation mit der Figur noch leichter fallen, wen sie sich sonst stimmiger verhalten w├╝rde.
Alles Liebe,
Zefira

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Tanshee
Schriftsteller-Lehrling
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Hallo, Zefira!

Danke f├╝r das ausf├╝hrliche feedback!
Mir ging es eigentlich nicht um den vorhandenen oder nicht vorhandenen Emanzipationswillen, sondern um diese totale Selbstentfremdung, die einen manchmal am Wickel hat -
Stimmt, in der ersten Passage kommt das nicht so raus. Gedacht war es mehr so: sie macht sich nicht "f├╝r ihn" oder "f├╝r sich" sch├Ân, sondern f├╝r "die anderen", die sie mehr bestimmen, als sie sich selber
(eine Stunde ist, zugegeben, wohl wirklich seeehr lang ) .
Wo hakt es Deiner Meinung nach noch mit der Stimmigkeit?

Liebe Gr├╝├če!
Tanshee

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Tanshee
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Hallo, Elke!

Leider habe ich Deine Antwort nirgendwo gefunden -
m├Âchtest Du Dich nochmal dazu ├Ąu├čern? Ich w├╝rde mich freuen!

Gr├╝├čle,
Tanshee

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loona
Wird mal Schriftsteller
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Sehr genau beobachtet... Und das mit der einen Stunde ist eben so ein "Recherchefehler", weil es das ist, was wir nicht sehen und messen, wenn wir "Solchen" begegnen... Ich denke, wenn sie eine Stunde vorher aufsteht, dann macht sie sich zurecht und r├Ąumt auch nochmal die Wohnung auf - auch wenn eigentlich kein Mensch zu Besuch kommt und wenn, dann nur mit 2 Wochen Voranmeldung...

Einen Gru├č

loona

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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Hallo Tanshee,

Du hast recht, ich habe den Text nochmal genau angesehen - Fremdbestimmtheit durch den Mann ist nicht das Thema, sondern Fremdbestimmtheit durch die Macht der anonymen Routine.
Ich habe mich irref├╝hren lassen durch den ersten Satz. Sie steht eine Stunde fr├╝her auf als ihr Mann - das ist (f├╝r mich) so ziemlich das denkbar gr├Â├čte Opfer. Und schwupps, war der Mann f├╝r den Rest des Textes der B├Âse. So hab ich das gesehen.
Vielleicht sehen andere Leser das anders, aber ich pers├Ânlich w├╝rde den Mann aus diesem Kontext ganz herausnehmen. Sie steht eine Stunde fr├╝her auf (fr├╝her als wer? - was ergibt sich dann sowieso), um sich und das Haus perfekt herzurichten. So in der Art.

Alles Liebe,
Zefira

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Tanshee
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jan 2001

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Hallo, Zefira!

Du hast recht: schmei├čen wir den Mann aus der Geschichte.
Wenigstens aus dem Anfang, er wird ja sp├Ąter noch gebraucht...
Werde mir da noch was ├╝berlegen!

Liebe Gr├╝├če,
Tanshee

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