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Leselupe.de > Horror und Psycho
Die Parade
Eingestellt am 01. 05. 2006 11:02


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nemo
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Registriert: Aug 2001

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Die Parade

Der Herbst hatte bereits seine Spuren in der kleinen Ortschaft Boxdorf hinterlassen. Die saftig grĂŒnen Farbtöne waren trotz Altweibersommer gewichen und hatten dem braunen Gewand der vorwinterlichen Jahreszeit Platz gemacht. Auf der OberflĂ€che des Boxdorfer Weihers, wo sich sonst WasserlĂ€ufer, Libellen und Enten tummelten, trieben gemĂ€chlich Teppiche kupferfarbener BuchenblĂ€tter, und eine sanfte Brise lies das Laubwerk leise rascheln.
Unweit der TĂŒmpels lag ein Bauernhof, der aus mehreren weißen FachwerkgebĂ€uden bestand, eine helle Insel inmitten gepflĂŒgter Felder. Auf dem weitrĂ€umigen Innenhof des Gutes hockte ein Junge vor einem alten, schwarzen Fahrrad und drehte an einer der Pedalen. Das Einrasten der Fahrradkette in den ZahnrĂ€dern, die Übertragung der Kraft auf das Hinterrad, das sich nun zu drehen begann, all das entzĂŒckte den elfjĂ€hrigen Hugo und zauberten ein stolzes LĂ€cheln auf sein ölverschmiertes Gesicht. Er hatte es ganz alleine geschafft das Zweirad zu reparieren, ohne die Hilfe seines Vaters, oder die seines Onkels Adalbert, der ihm das alte Opel Fahrrad ĂŒberlassen hatte. Jetzt war der große Augenblick gekommen auf den er die ganze Zeit hingearbeitet hatte. Er drehte das Fahrrad, das auf dem Lenkrad und dem Sattel stand, um und machte sich bedĂ€chtig – und auch ein wenig ehrfurchtsvoll – daran das GefĂ€hrt zu besteigen. Er war bereits schon einmal Fahrrad gefahren und er hatte dafĂŒr ein gewisses Talent bewiesen. Es war ihm sogar ganz leicht gefallen das Gleichgewicht zu halten und auch die Koordination der Tret- und der Lenkbewegung war fĂŒr ihn kein großes Problem gewesen. Allerdings hatte es sich damals auch um ein Damenrad gehandelt, das ein wenig kleiner war, als dieses Herrenmodell auf das er nun aufstieg. Sein Vater kam gerade aus der Scheune und sah, wie Hugo einige Meter weit, auf den Pedalen des Fahrrads stehend, fuhr und dabei hin und her schwankte und dabei den Anschein machte jeden Augenblick zu stĂŒrzen. Der Bauer lĂ€chelte erst belustigt, dann aber erschien ein erstaunter Ausdruck auf sein wettergegerbtes Gesicht, als er merkte, dass sein Sohn das Fahrrad langsam zu beherrschen begann, wie ein Reiter, der einen widerspenstigen Gaul einreitet und dessen Willen bricht.
„Schau her Vater!“, rief Hugo stolz, der seinen Vater jetzt bemerkt hatte.
Konrad Wenkmann klatschte anerkennend in die HĂ€nde und auch Hugos Mutter, Anna, schaute nun aus dem KĂŒchenfenster und feuerte den Jungen lachend an.
Obwohl Hugos Beine noch zu kurz waren und nicht ganz bis an die Pedalen reichten wenn er auf dem ledernen Sattel saß, kam er erstaunlich gut mit dem GefĂ€hrt zurecht. Im Stehen trat er wie ein Irrwisch auf die Pedalen und zischte vorbei am HĂŒhnerstall und den bellenden Hunden, die beim Anblick dieses ungewohnten Spektakels wahnsinnig zu werden schienen.
Erst als Hugo unzĂ€hlige Male den Innenhof durch- und umfahren hatte, stieg er von seinem Fahrrad ab. Alles drehte sich ein wenig, wobei der Junge nicht sage konnte, ob es an der rasenden Fahrt oder dem GlĂŒcksgefĂŒhl lag, das ihn ein wenig berauschte.

Seine Mutter zupfte noch einmal den Kragen des Hemdes zurecht, das Hugo widerwillig angezogen hatte. Er mochte sein Sonntagshemd nicht besonders, denn es kratzte am Hals und hinterließ immer schmerzhafte rote Stellen, wenn er es zu lange trug.
Doch der Gedanke an die bevorstehende Fahrt mit dem Fahrrad in das nahegelegene NĂŒrnberg und vor allem an die Parade, die heute dort stattfinden wĂŒrde, ließen ihn alle Bedenken vergessen. Mutter Wenkmann ging einige Schritte zurĂŒck, um sich ihren herausgeputzten Sohn einmal in der Gesamtheit anzuschauen. Seine dunkelbraune Haarpracht war nun mit reichlich Pomade zu einem adretten Seitenscheitel frisiert worden, und seine schwarzen Schuhe glĂ€nzten, als hĂ€tte man sie gerade erst gekauft.
Anna Wenkmann konnte sich ein stolzes LĂ€cheln nicht verkneifen und sie streichelte Hugo grinsend ĂŒber die Wange. Der Junge verzog darauf hin das Gesicht, was seine Mutter zum Lachen brachte. „Pass auf dich auf mein Sohn. Fahr vorsichtig und das du mir vor Nachteinbruch wieder zu Hause bist!“, sagte sie mahnend. Hugo zog die Augenbrauen hoch und sagte: „Ja, Mama“, in einem Ton, der seiner Mutter suggerieren sollte, es sei doch jetzt ein großer Junge.
Wieder lĂ€chelte sie gĂŒtig und auch Hugo schenkte ihr ein LĂ€cheln, das – so hoffte er zumindest – reife Zuversicht ausstrahlte.
Mutter Wenkemann begleitete ihren Sohn hinaus, wo die frĂŒhe Nachmittagssonne wie eine riesiger gelber Wandteller auf der Himmelswand hing. Sogar der leichte Wind, der am Mittag noch ĂŒber den Hof geweht war, hatte sich verzogen.
Als Hugo auf seinem neuen Fahrrad vom Hof fuhr, schaute ihm Anna Wenkmann noch eine Weile hinterher und dachte: „Sie werden so schnell groß.“

FĂŒr die fĂŒnf Kilometer nach NĂŒrnberg hatte Hugo gerade mal eine Viertelstunde gebraucht. Er war geradelt, als hinge ihm der Teufel auf den Fersen und hatte dabei den Fahrtwind genossen, der um seine Ohren pfiff. WĂ€hrend er durch das Knoblauchsland sauste - so der Name dieses GemĂŒseanbaugebiets im StĂ€dtedreieck NĂŒrnberg-FĂŒrth-Erlangen -, hatte er ein kribbelndes GefĂŒhl der Freiheit gespĂŒrt, ein GefĂŒhl, das er bisher so noch nie gekannt hatte.
Ein wenig spĂ€ter dann, traf er sich an der Lorenzkirche mit Alois, einem Schulfreund, der in NĂŒrnberg wohnte. Von dort aus machten sie sich zu Fuß auf zum Hauptmarkt, von wo sie hofften die vorbeiziehende Parade zu Gesicht zu bekommen. Sie waren beide aufgeregt, was daran lag, dass die Parade in den letzten Tagen immer mehr zum GesprĂ€chsthema geworden war, natĂŒrlich auch in der Schule, wo ihre Lehrerin - Frau Grundel, eine engagierte AnhĂ€ngerin der Partei - darauf gepocht hatte, dass ihre SchĂŒler zur Parade kamen. Aber Hugo und Alois hatten eigentlich nicht ĂŒberredet werden mĂŒssen, denn wann bot sich schon die Möglichkeit den Reichskanzler in Fleisch und Blut zu sehen?

Der NĂŒrnberger Hauptmarkt war unter einem bunten Menschenmeer versunken, in dem die Polizei, wie einst Mose im Schilfmeer, eine Schneise geschaffen hatte. Die mehrstöckigen SteingebĂ€ude, die den Hauptmarkt umgaben, warfen lange Schatten auf den Platz, die aussahen wie unter der MeeresoberflĂ€che treibende Wale. Mitten in den wogenden Massen der wartendenden Menschen schlugen sich Hugo und Alois vorbei an Beine, HĂŒften und Hinterteile. Auch sie wurden von der Euphorie und der elektrisierende AtmosphĂ€re des Moments angesteckt, und konnten es kaum noch erwarten, bis an den Absperrungen zu gelangen, um die nahende Parade, den nahenden Reichskanzler zu sehen.
Hugo nahm den blonden Alois an der Hand und zog ihn hinter sich her. Sein Herz schlug so fest, dass er das Pochen an seinem Hals fĂŒhlen konnte. Kaum waren sie endlich an der Absperrung angekommen, wo ein dicker Polizist in seiner hellgrĂŒnen Ausgehuniform stand, ging ein Raunen durch die Menge. Hugo stellte sich auf die Fußspitzen, um an den massigen Polizisten vorbeischauen zu können. Das erste was er sah, waren die Soldaten der SA, der Sturmabteilung der NSDAP, die in ihren braunen Uniformen, im Gleichschritt marschierend, mit geradem RĂŒcken und nach vorne gerichtetem Blick auf sie zukamen. Obwohl die Menschen jetzt schrieen und klatschten, konnte man immer noch das HĂ€mmern ihrer Stiefel auf den Pflastersteinen hören. Das Metall ihrer GĂŒrtelschnallen blitzte in der Herbstsonne auf und Hugo fĂŒhlte ein unbeschreibliches GefĂŒhl von Stolz, das er aber nicht erklĂ€ren konnte; vielleicht lag es an den jubelnden Menschen um ihn herum, vielleicht war es die Vermutung, dass er gerade an etwas Besonderes teilnahm. Die Stimme der Masse wurde lauter und Hugo spĂŒrte wie Alois sich neben ihn drĂ€ngte. WĂ€hrend die Soldaten an den beiden Jungs vorbeizogen, konnten sie endlich den ersten Blick auf die sich nĂ€hernde schwarze Karosse werfen. Ein Mercedes, mit zwei hoch angebrachten Scheinwerfern, die wie Augen auf die vor dem Wagen marschierenden Soldaten starrte. Hugo legte die Hand ĂŒber die Augen, um das blendende Sonnenlicht davon abzuhalten, sich in seine Retina zu brennen, und endlich sah er den Mann, den Reichskanzler, den FĂŒhrer. Er stand aufrecht in dem Wagen, den rechten Arm von sich gestreckt, die Linke in seinem GĂŒrtel eingehakt und blickte mit ernster Miene auf sein Volk. Hugo bekam eine GĂ€nsehaut und schloss sich der rufenden Menge an: „Heil Hitler! Heil Hitler! Heil Hitler!“
Als Hugos Stimme begann so langsam in ihrer Kraft und LautstĂ€rke nachzulassen, fuhr der Mercedes gerade an ihm vorbei. In diesem Augenblick drehte sich der FĂŒhrer zu ihm um, und Hugo sah ihm fĂŒr den Zehntel einer Sekunde in die Augen. Plötzlich wurde er von einem hellen Licht geblendet, wie von einem Blitz, der genau vor ihm einschlug. Eine Welle von Übelkeit ĂŒberrollte ihn und nahm ihm die Luft zum Atmen. Ein spĂŒrte einen dicken Kloß in seinem Hals und schnappte nach Luft, wie ein Fisch an Land. Dann begannen die Visionen. Er sah ausgemergelte Menschen mit tief eingesunkenen Augenhöhlen und trĂŒbem Blick. Ihre Körper waren so dĂŒnn, dass es einem Wunder gleichkam, dass sie ĂŒberhaupt in der Lage waren zu stehen. Wieder ein Blitz. Wieder skelettöse Körper, diesmal in einer Grube. Weggeworfen, wie menschlicher Abfall, wie MĂŒll. Dann sah er die Bomben, die Flammen des Krieges; einen Soldaten, verwundet, humpelnd, in einer verwĂŒsteten Stadt nach Deckung suchend. Doch eine Kugel traf ihm ins Gesicht, und dort wo soeben noch sein rechtes Auge war, entstand eine Wolke aus Blut und Knochensplitter. Wieder ein Blitz, dann eine Abfolge schneller Bilder. Panzer. Jagdbomber, die ihre tödliche Fracht entluden. Und immer wieder tote Menschen, in den Strassen, in den GrĂ€ben, einfach ĂŒberall. Der FĂŒhrer, eine flammende Rede haltend, wĂ€hrend Tausend Soldaten in Reih und Glied ihm zujubeln. MĂ€nner mit verbundenen Augen, die vor einer Wand erschossen wurden. Immer schneller rasten die Bilder an seinem geistigen Auge vorbei. So schnell, dass ihm schwindelig wurde und er dachte, er mĂŒsse sich ĂŒbergeben. Jedes GlĂŒcksgefĂŒhl war von Hugo gewichen und hinterließ ein dunkles Loch, gefĂŒllt mit Entsetzen. So schlagartig, wie die Visionen erschienen waren, verschwanden sie auch. Übrig blieb nur die Dunkelheit.

Erst hörte er die Stimme seiner Mutter. Irgendwo weit entfernt, als wĂ€re sie in einem anderen Zimmer. „Er kommt wieder zu sich“, sagte sie.
Dann öffnete er vorsichtig die Augen und sah, dass er in seinem Zimmer lag. Seine Mutter saß neben dem Bett und tupfte ihm sanft mit einem Tuch, kaltes Wasser auf die Stirn. Sie lĂ€chelte ihn liebevoll an.
“Der FĂŒhrer scheint dich ja mĂ€chtig beeindruckt zu haben“, schmunzelte sie.
Hugo fing an zu weinen.
Seine Mutter dachte, er weine aus GlĂŒck.


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:nemo

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Gorgonski
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2003

Werke: 2
Kommentare: 97
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Hallo Nemo,

Ich vermute, daß Du Deine Inspiration fĂŒr diese Geschichte von Stephen King's "The Dead Zone- Das Attentat" hast.
Die Geschichte ist gut gelungen und drĂŒckt das Zeitgeschehen aus. Auch das Ende bestĂ€rkt nur das damalige Geschehen und die Faszination, der die Menschen (fĂ€lschlicherweise) erlegen waren.

MfG; Rocco
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dEr Heftchenliterat und Poet aus dem Erzgebirge

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