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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Partei, die Einöde und die Schafe
Eingestellt am 18. 11. 2008 22:38


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moehrle
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Die Partei, die Einöde und die Schafe

I.
Es war ihm vollkommen egal, gegen welche Länder oder Ideologien die Partei gerade in den Kreuzzug zog. Es war ihm ebenfalls egal welche neuen Verbote sie sich ausdachten und was für neue Ungeheuerlichkeiten ihre Propagandamaschinen ausspuckten um die Schafe dumm und gefügig zu halten. Das alles begleitete sein Leben wie vorbeiziehende Wolkengebilde am Horizont. Nichts davon hatte einen direkten Einfluss auf ihn. Er stand außerhalb des Systems, das die Partei innerhalb eines Jahrzehntes erschaffen hatte und dieses System würde mit der Zeit an ihm vorbeiziehen, ebenso wie eine Anhäufung dunkler, regenschwangerer Wolken.
Kurz nachdem die Partei die Macht ergriffen hatte, hatte Ben ein paar wenige Habseligkeiten gepackt und war hinausgezogen, dorthin wo die knochigen, flinken Finger der Partei nicht hinreichten. In eine Einöde, die der Leere in den Köpfen derer glich, die den Nährboden der Parteiideologie darstellten. Er hatte ein abgelegenes Höhlensystem entdeckt, das alle seine Anforderungen erfüllte und dort hatte er sich einquartiert. In völliger Isolation hatte er so die Jahre hinter sich gebracht, wartend auf ein Zeichen, dass der Sturm vorübergezogen war. Er wartete noch immer.
Anfangs war es ihm fast unmöglich gewesen dieses Leben zu leben. Da er in den Augen der Partei ein Abtrünniger war, konnte er sich unmöglich in der Nähe menschlicher Ansiedlungen aufhalten. Selbst der Aufenthalt im freien Feld seiner Einöde war nicht ganz ungefährlich. Stets bestand die Gefahr von den fliegenden Augen der Partei entdeckt zu werden. Was dann passieren würde, wollte Ben sich nicht einmal vorstellen. Er war gezwungen, alles was er zum Überleben brauchte aus seiner unmittelbaren Umgebung zu beziehen. Zuerst hatte er mit seinem alten Gewehr nach Hasen und anderen Kleintieren gejagt, doch als ihm die Munition ausgegangen war, war er gezwungen gewesen sich mit primitiveren Mitteln Nahrung zu beschaffen. Mit der Zeit war er darin ganz geschickt geworden.
Manchmal kam ihm seine geographische Eingeschränktheit vor wie ein Gefängnis, das er jedoch immer noch dem Gefängnis vorzog, welches die Partei für ihre Untertanen errichtet hatte. Einem düsteren Gefängnis für den menschlichen Verstand.
Zuerst hatten sie ihren Bürgern Reisen ins Ausland verboten. Dann hatten sie die Grenzen dichtgemacht und in Kauf genommen, dass das Innere inzüchtig zugrunde gehen würde. Die Partei hatte alles und jeden unter ihre Kontrolle gebracht und ein System errichtet, das absolut sicher zu sein schien und ihnen die totale Gewalt garantierte. Nachdem die Partei Kontrolle über die Körper hatte und sie für sich arbeiten ließ, machte sie sich daran auch das Innere der Menschen nach ihren Vorstellungen umzuformen.
Die Propaganda stellte alles zuvor Gewesene in einen schweren schwarzen Schatten und es dauerte nicht lange bis ihre Bemühungen erste Früchte trugen. Das war die Zeit gewesen, in der Ben dem System den Rücken gekehrt und sich entschieden hatte, ein Leben als Eremit zu bestreiten. Wenn er daran zurückdachte, so freute er sich einen Sieg über die Partei errungen zu haben. Er freute sich noch bei Sinnen zu sein, darüber, dass die Phrasen der Partei ihn nicht mehr erreichen konnten. Auch wenn er schmutzig und ausgemergelt war und oft dem Hungertod nahe, so empfand er Stolz bei diesem Gedanken.

II.
Er saß mit einem Becher Regenwasser auf einem Stein vor seinem Höhleneingang und beobachtete die aufgehende Sonne, die hinter dicken Wolken hindurchstrahlte. Er stellte sich vor ein Bier in der einen Hand zu halten und eine Zigarette in der anderen. Solche kleinen Dinge waren es, die er nach fast zwanzig Jahren der Entbehrung oft noch immer vermisste. Seine Mitmenschen vermisste er schon lange nicht mehr. Menschen die in solch einer Umgebung, wie die Partei sie geschaffen hatte, lebten ohne dagegen aufzubegehren, verdienten es seiner Meinung nach nicht mit solch ehrenwerten Gefühlen bedacht zu werden. Vielleicht keimte in einigen von ihnen die Idee zu revoltieren, doch weitgehend unbeachtet würde dieser Gedanke in der hintersten Ecke ihres Verstandes verrotten. Währendessen würden sie warten, bis alles auf die eine oder andere Art sein Ende finden würde und sich währenddessen solange und oft scheren lassen, wie es den Parteiführern in den Sinn kam.
Das Wasser schmeckte bitter und er hätte es am Liebsten wieder ausgespuckt. Doch wie alles andere, war auch Wasser für ihn selten und kostbar, also trank er es. Er griff nach seinem Fernglas und suchte die Einöde, nach einem möglichen Beutetier ab. Es war mehr als eine Woche her, dass er das letzte Mal Fleisch gegessen hatte. Nichts, nicht mal eine Maus, war zu sehen.
Plötzlich veränderte sich Bens Gesichtsausdruck zu einer steinernen Maske. Sie. Sie waren gekommen um ihn zu holen. Noch weit entfernt, aber bald würden sie bei ihm sein. Die knochigen Finger der Partei hatten ihn gefunden.

III.
Zwei Motorroller näherten sich vom Horizont her dem Plateau, in dem Bens Höhle lag. Mit dem bloßen Auge noch kaum zu erkennen. Noch völlig lautlos. Er ließ sein Fernglas fallen und war sich sicher, dass es nun aus war. Das Spiel hatte ein Ende. Er hatte es verloren.
Alles was er vor der Höhle liegen hatte, raffte er nun zusammen und verkroch sich damit in das Innere seiner Behausung. Wenn sie ihn noch nicht gesehen hatten, war dies vielleicht seine letzte Chance. Aber Ben war sich absolut sicher, dass sie bereits wussten, dass er hier war. Dass er der Grund für ihr Kommen war. Irgendwie hatten sie ihn aufgespürt.
Er kauerte sich in die hinterste Ecke seiner Wohnhöhle und umklammerte seinen selbstgebauten Bogen. Wenn er schon Matt gesetzt werden sollte, so wollte er wenigstens dem Gegner noch ein paar Bauern abringen. Langsam hörte er ihre Maschinen näherkommen. Ein Geräusch, wie von heranfliegenden Hornissen, bereit zum Angriff.
Die Maschinen waren nun sehr nah und verstummten plötzlich. Diese eintretende Stille gab ihm endgültige Gewissheit. Er spannte seinen Bogen und starrte zitternd auf den Höhleneingang, fest davon überzeugt jeden Moment die platten, ausdruckslosen Gesichter zweier Parteisoldaten vor sich auftauchen zu sehen. In seinen Gedanken sah er sie bereits vor sich: Jeder mit einem Knopf im Ohr und einer gezückten Waffe in der Hand, bereit das Spiel zugunsten der Partei zu entscheiden. Sie würden ihn nur erschießen, wenn es sich nicht vermeiden lassen würde. Ihr eigentliches Ziel konnte nur darin bestehen ihn lebendig zu schnappen und ihn öffentlich zur Schau zu stellen. Ihn, den Verräter, der es gewagt hatte der Partei und somit dem ganzen Volk in den Rücken zu fallen.
Er konnte schon ihre Stimmen hören, gedämpft, als würden sie in ihre versteckten Mikrofone sprechen. Bereit Verstärkung zu rufen, sollte es erforderlich werden. Die Stimmen kamen näher. Er richtete den Bogen auf den Höhleneingang, gespannt, bis kurz vorm Zerreißen.
Dann sah er sie.
Im ersten Moment wollte er direkt seinen selbstgeschnitzten Pfeil losjagen, hielt dann jedoch inne. Die zwei Gestalten die in sein Sichtfeld traten, waren soweit von seiner Vorstellung entfernt, dass er ihren Anblick nicht mit sich selbst vereinbaren konnte. Sie trugen keine Parteiuniformen, aber das konnte nur ein Trick sein. Ihre Kleidung war äußerst geschmacklos, dachte Ben, typisch für Parteimitglieder in zivil. Dabei vergaß er ganz, dass er selbst lediglich eine in Fetzen aufgelöste Cordhose trug.
Einer der Beiden hatte einen Fotoapparat umhängen. Sie waren beide etwa Ende zwanzig. Definitiv im Militäralter. Mit geöffneten Mündern starrten sie Ben an, der noch immer den Bogen auf sie richtete und am ganzen Körper zitterte.
"Was machen Sie hier?" fragte einer der Beiden schließlich, mit brüchiger und unsicherer Stimme.
Ben wollte nicht antworten, alles was er nun sagen würde, konnte die Partei gegen ihn verwenden. Er kannte ihre Tricks.
"Wir wollen Ihnen nichts tun, könnten Sie bitte dieses... Ding runter nehmen?" sagte der andere, kleinere der Beiden und zeigte dabei auf Bens Bogen.
Ben zögerte.
"Sagt euren Vorgesetzten, dass sie mich schon töten müssen", stammelte er. Seine Stimmbänder hatten das Sprechen schon fast verlernt.
"Wovon reden Sie?“
Ben wurde wütend.
"Lasst diese Einschüchterungsspiele! Ihr werdet damit nichts erreichen."
Die beiden Männer sahen einander verwirrt an.
"Ich habe die Partei schon vor Jahren durchschaut."
"Welche Partei?"
Ben ließ seinen Bogen fallen und sprang erzürnt auf. „Lasst das! Zieht einfach eure Waffen und erschießt mich, wenn es so sein soll. Macht dem Spiel ein Ende. Ich bin des Spielens müde.“ Er packte einen der Beiden am Kragen. Blankes Entsetzen stand in dessen Gesicht. Plötzlich zuckte so etwas wie Erkenntnis durch ihn.
"Sie meinen doch wohl nicht etwa DIE Partei?" fragte er Ben.
Ben stieß ihn von sich und versuchte sich an einem zynischen Lächeln. "Gibt es etwa noch eine andere Partei?"
Die beiden Männer sahen ihn fassungslos an.
"Das DIE Partei an der Macht war, ist fast zehn Jahre her. Sie sind lange gestürzt... waren Sie etwa ein Verfolgter?"
Ben überlegte, verarbeitete die Worte misstrauisch. Konzentriert sah er die Beiden an, wartete auf ein Zeichen das sie verraten würde, das sie als Mitglieder der Partei enttarnte.


IV.
Die beiden jungen Männer starrten zurück, mit einer Art fassungsloser Belustigung in den Augen. Immer wieder warfen sie einander kurze Blicke zu. Ben war innerlich hin und her gerissen und wollte es ihnen wirklich glauben, dass die Partei nicht mehr existierte, dass die Schafe letztendlich aufbegehrt hatten gegen ihre Schäfer. Aber er konnte es nicht. Es musste ein Trick sein, dachte er, sie wollten ihn in Sicherheit wiegen und seine Reaktion abschätzen.
"Waren Sie ein Verfolgter?", wiederholte der Mann mit dem Fotoapparat seine Frage zögernd. Ben wollte gerade antworten, als etwas laut piepte. Die Höhle erzeugte ein gewaltiges Echo, die Luft im Inneren schien zu erzittern.
Schockiert bemerkte Ben, dass dieser schrille Ton aus der Hosentasche des Mannes kam. Das war das Zeichen, auf das er gewartet hatte. Er schnappte sich den nächstbesten, größeren Stein, holte aus und schlug zu. Der Schlag traf den Mann völlig unvorbereitet. Er fasste sich noch einmal kurz an das klaffende, blutende Loch auf seiner Stirn, bevor er bewusstlos zu Boden ging. Sein Partner starrte ihm erschrocken hinterher, wie er wie ein nasser Sack nach unten glitt. Als er wieder nach oben sah, holte Ben bereits zum nächsten Schlag aus, traf aber nur die Schulter des Mannes. Taumelnd stürzte der nach draußen und ließ seinen bewusstlosen Kumpel zurück. Ben unternahm den Versuch ihn einzuholen, blieb dann aber am Höhleneingang stehen und sah dem Mann hinterher, wie er auf seine Maschine stieg und ohne sich noch einmal umzusehen davon rauschte.
Er blickte ihm nach, bis er fast am Horizont verschwunden war und war sich sicher, dass er schon bald mit Verstärkung zurückkehren würde. Mit Hubschraubern, schweren Militärjeeps und bis an die Zähne bewaffnet. Sie hatten ihn Schach gesetzt, aber noch nicht Matt. Einen Bauern hatte er schon aus dem Spiel genommen und er war überzeugt, dies auch noch einmal schaffen zu können. Hinter ihm, im Inneren seiner Höhle lag eben dieser Bauer in seinem eigenen Blut und Ben glaubte nicht, dass er noch einmal aufstehen würde. Heute würde es endlich wieder etwas Fleischiges geben.
Die Sonne strahlte ihm jetzt ins Gesicht, während er seinen Blick über den Horizont streifen ließ und auf seine Schäfer wartete. Er würde noch Jahre warten, wenn es sein müsste.

ENDE

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